Im deutschsprachigen Raum herrscht eine gewisse energiefreie Ratlosigkeit, wenn man zum Thema Priesterausbildung weiter nachdenkt. Zuletzt ließ ein Brief aufhorchen, in dem die zuständige Kongregation die französischen Bischöfe darauf hinwies, dass Seminare unter 17 Seminaristen nicht wirklich sinnvoll wären – also Seminare zu schließen seien, wenn sie zu klein wären. Nun ist das keine Qualitätsoffensive, sondern eine Quantitätsangabe. Naja. Seit Jahren denken auch bischöfliche Kommissionen in Deutschland über dieses Thema nach, versucht man, die Sinnhaftigkeit von Seminare an ihrer Größe festzumachen – und kommt dann dazu, dass man eigentlich Seminare schließen müsste, es aber nicht tut. Grandiose Taktiken sind da zu beobachten.

Gleichzeitig ist es ja nicht so, dass die Ergebnisse der Ausbildung so blendend und überzeugend wären. Und das, obwohl die betroffenen Regenten und Ausbilder sehr wohl mit viel Kompetenz und Engagement zu Werke gehen.

Dennoch: offensichtlich gilt ja die theologische Seminarausbildung in einem geschlossenen Seminar als gesetzt und normal? Warum muss das so sein? Kann man Seminar nicht anders denken? Es geht um mehr Freiheit und Selbstverantwortung.

Und nein, hier ist keiner Beliebigkeit das Wort geredet. Es geht auch nicht darum, dass Theologen und Theologinnen frei studieren, und erst am Ende ihrer Ausbildung sich dann bei Bistümern (oder Landeskirchen) melden. Nein, es geht nicht um größere Unverbindlichkeit, sondern ganz im Gegenteil: um Verbindlichkeit und Freiheit.

Deswegen ein Blick in die postmoderne anglikanische Szene. Es ist nur ein erster Blick, eine erste Erfahrung, die ich jetzt im Mellitus College in London machen durfte. Schon im Frühjahr konnte ich die Jonny Baker erleben, bei der W@nderkonferenz in Hannover, der mit seinem Team am CMS in Oxford eine Pionierausbildung für anglikanische Gemeindegründer konzipiert hat und durchführt.

Die Idee hinter St. Mellitus

Herzlich werde ich von Russel Winfield – einem der Verantwortlichen empfangen. Ich betrete, ja, eine alte Kirche, und nein: denn sie ist aufwendig modernisiert worden. „Sie war eine leere Kirche, und wir haben sie – ohne Geld der anglikanischen Kirche, allein durch Spenden – neu ausgestaltet. Und das macht schon was, wenn eine alte gotische Kirche sowohl Gottesdienstraum wie auch Universität ist…“ Das glaube ich auch – der Bau ist schon Ausdruck für den tiefen Wandel und zugleich die tiefe Identität. Vor 10 Jahren ist das Kolleg entstanden, auf Initiative der Bischöfe von London und Chelmsfort, mit 7 Kandidaten – und heute sind es über 200.

Nun steht dieses College im Dienst von über 30 Diözesen in England. Aber wie kommen die Kandidaten an Land? Das hat mit dem ausführlichen Assessment zu tun, das in den Diözesen und zwischen den Diözesen stattfindet. Am Ende eines zweijährigen Prozesses der Unterscheidung der Berufung findet die Aufnahme als Kandidat statt. Dieses Assessment besser kennenzulernen, wäre vielleicht auch heute für unseren Kontext wichtig. Mein Eindruck ist, dass hier ein entscheidender erster Unterschied liegt. Nicht in wenigen Gesprächen mit Ausbildern, aber auch nicht erst im Seminar, sondern im Vorfeld gilt es, den möglichen Kandidaten einen Weg und ein Setting zu offerieren, an denen ihre kirchliche Berufung reifen kann und beurteilt werden kann. Das ist ein erster Unterschied, der wichtig ist. Diese Mühe am Anfang lohnt sich. Sie prägt auch das gemeinsame Lernen, das gemeinsame Wachsen.

Und dann dürfen – in der Regel – die Studenten ihren Ausbildungsweg frei wählen, denn es gibt ja zwischen Oxford und Cambridge, Durham und Middlesex viele Möglichkeiten der Ausbildung. Und eben auch St.Mellitus in London. Aber: nur einen Tag in der Woche sind sie hier. Am Montag. Hinzukommen intensive Studienwochen (jährlich) und Wochenenden (halbjährlich) und die intensive Begleitung in Tutorien.

Und die restliche Zeit? Da sind sie am Ort, in Pfarreien, und wirken dort mit – unter der Begleitung eines Pfarrers vor Ort. Gedacht ist auch daran, dass sie zwei Tage im Selbststudium verbringen. Der Vorteil: Es gibt eine enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis, eine hohe Freiheit und Selbstverantwortung und gleichzeitig eine sehr reflexive Begleitung in Gruppen und durch Ausbildungsbegleiter.

Diese akademisch-praktische Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, denen sich dann praktische Ausbildungsgänge nach der Diakonen- und Priesterweihe anschließen. Siehe im Einzelnen www.stmellitus.ac.uk  (info@stmellitus.ac.uk).

Was Russel Winfield mir erzählt, kommt mir bekannt vor. Weltkirchlich gibt es das auch in den Philippinen in ähnlicher Praxis-Theorie-Verknüpfung etwa im Kolleg der Vinzentiner in Manila und – sehr ähnlich – etwa in der Diözese Ciudad Guzman in Mexiko (vgl. dazu meinen Beitrag in C. Hennecke, Kirche steht Kopf. Unterwegs zur nächsten Reformation, Münster 2016).

Mögliche Folgerungen…

Also zunächst: die hilflose Diskussion um die Zahl von Seminaristen im Seminar muss beendet werden. Viel fundamentaler muss gefragt, wozu und wie die Idee des Seminars, menschliche, christliche und theologische Reife von Kandidaten zu befördern und somit zu einer echten Berufungsentscheidung zu kommen, in postmodernen Zeiten gelingen kann. Dazu ist mehr Mut erforderlich, mehr Geist und mehr Energie, als in den augenblicklichen Diskussionen deutlich wird.

  1. Eine neue Klarheit muss über das Thema der kirchlichen Berufung geschaffen werden. Natürlich können Menschen „sich berufen fühlen“. Der Prozess des Assessment ist aber intensiver zu gestalten, in einem Setting, das die Einschätzungen von Fachleuten, von Priestern und Ausbildern, aber vor allem von Christen aus Glaubensgemeinschaften, Gemeinden und Verbänden berücksichtigt.
  2. Der Ausbildungsweg bedarf größerer Freiheit und größerer Verbindlichkeit. Die theologischen Ausbildungsstätten können frei gewählt werden, und zugleich braucht es eine gänzlich andere Studienordnung, die viel intensiver Theorie und Praxis miteinander vernetzt. Die Einbindung in kirchliche Kontexte und also die Möglichkeit einer Praxistauglichkeit der Person und ihrer Theologie ist zu verstärken.
  3. Jeder Kandidat und jede Kandidatin (selbstverständlich studieren alle, die in der Kirche einen Dienst übernehmen wollen, zusammen) wählt frei eine gemeinsame Studiengruppe und einen Begleiter, der ihn über die Studienzeit begleitet. Gruppe wie Begleiter dienen dem Wachstum der Entscheidung und der Verifikation des Weges.
  4. Die Studieninhalte werden auf drei Jahre begrenzt und deutlich praxisorientiert: die Frage einer evangelisierenden Pastoral, der Leitungsfähigkeit, der zukünftigen ekklesiogenetischen Perspektive, der Frage einer mixed economy, der Teamfähigkeit sind sowohl theologisch wie praktisch zu studieren.

Ach ja, mir fallen natürlich auch alle Widerstände des bisherigen Gefüges ein. Und na klar: uns wird es gelingen, auch dann noch über Zahlen zu diskutieren, wenn es nur noch zwei Seminare in Deutschland gibt. Bis wir verstanden haben werden, dass es nie um diese Frage gehen konnte. Aber auch hier gilt: die hintergründigen Bilder hindern an neuen Aufbrüchen. Wie wäre es denn, man würde etwas mehr wagen? Zumal es schon Erfahrungen gibt, die zeigen, wie hoch die Resonanz sein kann.

 

 

 

 

 

 

 

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