„Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4, 23)

Er ist da. Er ist voller Liebe da. Er geht voller Liebe jeden Weg und Irrweg meines Lebens mit. Er ist mit mir in meinen Nächten der Verzweiflung und Ausweglosigkeiten – er ist da in den Momenten großen Glücks und tiefer Freude, in der Stille und auch mitten unter den Menschen, in Kunst und Musik. Und er ist auch da, wenn ich die Ahnung habe, dass er weg ist. Das ist die Voraussetzung meines Betens. Wie sollte ich sonst beten?

Er ist da. Eines Tages begann ich, den zu entdecken, den ich vorher irgendwie gesucht, vielleicht schon empfunden, aber immer ersehnt hatte. Oder war es eigentlich umgekehrt? Ja, genau, es war umgekehrt: er kam ins Spiel, er „meldete“ sich in meinem Leben – und ich wußte instinktiv, dass Er es war, denn nur Er konnte so tief mein Herz berühren, tiefer in mir sein, als ich selbst in mir sein konnte. Und damit wollte ich ihn antworten – ich sehnte mich nach Gebet. Und suchte nach Wegen des Gebetes.

Natürlich habe ich als kleines Kind beten gelernt. Und ja, ich glaube auch, dass kleine Kinder sehr stark erspüren, dass es ein Geheimnis gibt, das sie umgibt, trägt, im Leben hält – und dass das „die ganze Welt in seiner Hand hält“. Nur: es fehlt natürlich eine Art und Weise, mit diesem Geheimnis umzugehen. Und das hat mich damals meine Mutter gelehrt. Noch heute kann ich Gebete sprechen, die wir damals jeden Tag gebetet haben. Das war normal, und das war schön. Ich bin in die Schule des Betens meiner Eltern gegangen. Und ich glaube, das ist eine erste wichtige Erkenntnis: Beten lerne ich von Betern, von Erfahrenen, denen ich glaube und mit denen ich glaube. Ohne diese erste Erfahrung – wie hätte ich gelernt, dem Geheimnis einen Namen zu geben und so hineinzuwachsen in handhabbare Formen und Rituale, in Feiern des Gebetes und der Liturgie.

Meine Gebetserfahrungen sind von Anfang an katholisch, also relativ. Denn es gibt unendlich viele Formen – aber sie sind alle Versuche, einen Raum zu gestalten für jene Wirklichkeit einer unglaublichen Begegnung in mir, einer Liebe, einer Kraft, einer Stimme, eines Lichtes. Diese Erfahrung, die jedem Leben geschenkt ist, kann auch verstummen, wenn ich keine Möglichkeit finde, auf sie zu antworten – wenn mir niemand hilft, mit der überwältigenden Liebe und Nähe umzugehen, die dieser Gott ist.

Ich bin also katholisch konfiguriert, habe Gebete gelernt. Aber das war erst der Anfang. Denn auch das, was ich gelernt habe, trägt mich zwar auch durch die Zeit, aber irgendwann in meiner Jugend begann etwas Neues. Immer wieder beginnt etwas Neues. Er kommt neu ins Spiel, er entzieht sich schmerzhaft – und ich streife vielleicht bestimmte Formen ab, entdecke immer mal wieder neue Formen und Gestalten des Gebetes, die diese tiefe Begegnung schützen und eröffnen. Ich lerne – und werde weiter lernen. Von erfahrenen Christen, von Gemeinschaften in Klöstern, von den Brüdern von Taizé, von evangelischen Geschwistern. Und manches, was ich erlebe, bleibt mir fremd – anderes ist genau richtig für mich. Aber ich weiß – wir sind verbunden nicht in den Formen des Gebetes, sondern in dem Raum, den die verschiedenen Weisen des Gebets eröffnen und schenken. Und dort begegnen wir ihm…

Wie können wir denn beten? Ich habe in den letzten Jahren vor allem drei Weisen des Gebetes tiefer entdecken dürfen.

Mein Infinitiv

Lesen, Schweigen und Hören: Vielleicht sind das die tiefsten Momente der vergangenen Jahre, ja Jahrzehnte. Schon als Jugendlicher habe ich mich morgens hingesetzt, um in der Schrift zu lesen – aber nicht nur zu lesen, sondern beim Lesen auch zu hören, mich anrühren zu lassen durch sein Wort. Für mich ist das eine Grundform geworden, die mich durch alle Jahre trägt – eine Art Gebetsinfinitiv: still werden – ein wenig in der Schrift lesen, bis mich etwas anrührt – warten auf sein Licht. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Es braucht einen Rahmen, eine halbe Stunde. Und es kann ganz schön anstrengend sein, wenn diese Stille leer zu bleiben scheint. Und es ist ein Weg der Treue, weil Ablenkungen innerlich und äußerlich mich dazu treiben, nicht mehr zu warten. Denn es geht beim Beten ums wachsame Warten, um die Begegnung in der Tiefe meines Seins: Gott ist mir näher als ich mir selbst – und ihn in mir sprechen zu hören, in lauten und leisen Zeichen, ist die Sehnsucht meines Lebens. Insofern besteht dieses Beten eben gerade darin, ganz „da“ zu sein. Mein geistlicher Guru erschloss es mir so. Im suchenden Gespräch mit der Samariterin fragt die Samariterin, wo denn der richtige Ort des Gebetes sei. Und wenn Jesus von der Anbetung „im Geist und in der Wahrheit“ spricht, dann meint er diese Wirklichkeit absoluter Präsenz im Präsens: in diesem Augenblick geschieht ewige Begegnung. Das ist es, worauf ich warte…

Mein Infinitiv im Plural

Beten hat für mich viel mit Gemeinschaft im Wort Gottes zu tun. Für mich ist das „Gospelsharing“ zu einer gemeinsamen Grundform des Betens geworden. Es war Oswald Hirmer, späterer Bischof von Umtata in Südafrika, der diese einfache und doch so tiefe Weise des gemeinsamen Hörens auf die Schrift entfaltet hat. Es ist deswegen viel zu wenig, von den sieben Schritten des Bibelteilens zu sprechen. Denn es geht um viel mehr.

Alles beginnt hier mit dem Gebet. Und dieses freie und einfache Beten in Worten, die jeder und jede in die Gemeinschaft der Teilenden sagen kann, hat nicht umsonst das Ziel, Ihn – den Herrn – in unserer Mitte zu begrüßen. Denn Er ist ja schon da – Er hat uns schon zusammengerufen, und nun können wir uns an Ihn wenden. Ich habe ergreifende Erfahrungen gemacht, in diesen Momenten der einfachen Gebete und Begrüßungen – und sie bedeuten doch einen radikalen Ortswechsel, einen Standortwechsel: denn jetzt sind wir nicht mehr eine Gruppe von Menschen, sondern gesammelt von ihm, wir hören seinem Wort zu, wir schweigen und lauschen und wir werden – wie die Emmausjünger – erleuchtet und entzündet, und tauschen uns aus darüber, was wir verstanden haben. Das schenkt mir so oft eine ungeheure Fülle, macht so reich – an Erkenntnis und an Energie. Und es schenkt die Erfahrung des Kirchewerdens.

Die Bischöfe Ostafrikas haben deswegen auch formuliert, dass diese Erfahrung in „small christian communities“ eine veritable Kirchenerfahrung ist: „the most local incarnation of the one holy catholic and apostolic church“ – und diese Kirchenerfahrung, die mir so kostbar ist, ist auch und gerade eine Gebetsschule, eine Schule des Hörens Seines Wortes, eines Schule der Gemeinschaft in seiner Gegenwart, eine Schule der Sendung. Und das alles ist einfach, grundlegend… – für meine alltägliche Praxis des Kircheseins.

Mein Futur zwei

Die mich am meisten überraschende Erfahrung der letzten Jahre war Taizé. Hier zeigt sich für mich die Fülle des Gebetes als gemeinschaftliche Lebensform und als Weg. In der Tat ist die Mitte von Taizé das Gebet, das gemeinschaftliche Gebet. Zuerst und vor allem ist es ein Mitbeten und Mitsingen mit den Brüdern von Taizé. Sie führen Woche für Woche immer wieder Menschen ein in ihr Beten, in einer einfachen Weise und Form des Hörens, des Singens, der Stille, die mich und viele berührt und erfüllt. Woran liegt das? Es wirkt alles so einfach – und alle können mitwirken, wie sie mögen: wir singen miteinander und preisen Gott in allen Sprachen, wir hören miteinander auf Gottes Wort, wir schweigen miteinander und hören, was er sagen will. Ich habe wirklich den Eindruck, dass die drei Gebetszeiten es immer mehr möglich machen, auch eine eigene Form des Betens zu finden.

Aber dieses Gebet setzt sich im Leben fort. Für mich – und für viele andere – prägt es auch die Stunden der Stille in den verschiedenen Kirchen. Für mich und andere prägt es die Begegnungen, aber auch die Arbeit. Gebet hat hier natürlich eine einfache liturgische Form in den Gottesdiensten, aber es wird zur Grundhaltung den ganzen Tag über. Und so wird deutlich, dass Gebet mehr als irgendeine Gebetsform: es beschreibt eben jene Existenz im Geist und in der Wahrheit – gemeint ist ein Leben in Seiner Gegenwart, die dann alles lebendig macht: sogar das Putzen der Klos, aber eben auch die Begegnungen in Gemeinschaft, das Essen, das Arbeiten – und die Zeit des Betens, bei denen ich den ganzen Tag mitten unter 3000 Menschen schweige und gut schweigen kann. Denn mir begegnet in diesem Alleinsein und in diesem Schweigen, aber auch in der Gemeinschaft immer… Er.´

Keine Frage. Das ist mein „Futur zwei“ – meine vollendete Zukunft, natürlich nur als Vorgeschmack und Anfang jener Wirklichkeit, von der der Seher in der Offenbarung spricht: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott heraus aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein…“ (Offb 21, 2f).

Dann also ist Beten nicht ein speziell religiöser Akt. Es ist nicht das Suchen nach einer Verbindung mit einem fernen Gott – sondern umgekehrt: da dieser Gott da ist, als Licht, das alles erleuchtet, als Liebe, die alles zum Leben bringt, gehen und leben wir in Seiner Gegenwart: beim Bügeln, beim Kochen, beim Essen, bei den Hausaufgaben – immer stehen wir in Seiner Gegenwart.

Kein Wunder ist es dann, wenn am Ende der Bibel ein Gebetsruf steht: „Amen, Komm, Herr Jesus“ (Offb 22,20). Es macht deutlich, dass dieser Ruf nur eines will: dass wir in dieser Gegenwart existieren und dass sich das Leben aller entfalten kann – und so „Gebet“ ist: Stehen und Leben in der Gewissheit Seiner Nähe.

Und kein Wunder ist es dann, wenn Paulus im 1. Brief an die Thessalonicher am Ende sagen kann: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thess 5,17). Klar, denn das macht unser Leben „echt“: Geist wird spürbar, Wahrheit und Echtheit erlebbar, wenn Er da ist.

 

 

Ich bin aufgewachsen in meiner katholischen Tradition. Und ich bin aufgewachsen in ökumenischer Gemeinschaft. Immer waren wir wenige Katholiken unter vielen evangelischen Geschwistern. In meiner Klasse am Gymnasium waren wir vielleicht zwei oder drei.

Und dann habe ich angefangen, Theologie zu studieren. Schon damals war ich existenziell gepackt von zwei Grunderfahrungen: dass Er, Christus, uns zur Gemeinschaft ruft, zu einer Liebe zueinander, deren innerste und erfahrbare Mitte Er selbst ist – und Er selbst Einheit stiftet – und dass Er, gerade auch durch sein Kreuz, diesen Weg eröffnet. Das hat mich innerlich bewegt.

Und siehe da: die Theologen, auf die ich stieß, waren allesamt evangelisch: Kazoh Kitamori, Jürgen Moltmann und Eberhard Jüngel wurden die, mit denen ich meine Grunderfahrung ins Wort bringen konnte, denken lernte und immer mehr begeistert war. Und dann stieß ich auf Dietrich Bonhoeffer – und der begeisterte mich vollends: ich kann wirklich sagen, dass er mein Kirchenvater wurde.

Und weil das, was mich zuinnerst bewegt, begeistert und führt, gar nicht konfessionell ist, sondern ursprünglich und präkonfessionell, habe ich immer darauf gehört, hingespürt, ob ich die ursprünglich einende Grundwirklichkeit in den Begegnungen, Aktionen, Veranstaltungen erfahren kann. Immer dort, wo es so war, wo die Geistkraft der Liebe verbindet, wo wir hingerissen werden von der Leidenschaft für die Menschen, wo sich diese Mystik des Zwischen ereignet, der heilige Raum der Begegnung von seinem Licht erhellt wird – da habe ich ursprünglich Kirche erfahren, da gab es keine Trennung mehr.

Das wurde später konkreter. Immer wieder konnte ich die Erfahrung dieser ursprünglichen Verbundenheit machen: bei den Leitungskongressen von Willow Creek, bei den Begegnungen auf evangelischen Kirchentagen – und vor allem ab dem Moment, wo wir gemeinsam entdeckten, dass uns Christen dieselben Fragen bewegen – oder eigentlich nur eine einzige: wie können wir heute das Evangelium verkünden, leben, bezeugen? Denn da wurde deutlich, dass die Energie der Tiefe in unserem Zwischen die Leidenschaft für diese Fragen befeuerte.

Das befeuerte unseren Weg hin zu dem wunderbaren Kongress Kirchehoch2 – und wir erfuhren, dass unsere Erfahrung eben nicht nur unsere Erfahrung ist – sondern eigentlich die Erfahrung und Sehnsucht vieler, die aufbrechen wollen in eine weitere Zukunft. Dieser Weg geht immer weiter, auch in neuen Formen

Amt? Eucharistie? Kirche?

Ich erinnere mich noch wie heute, als wir im Kloster Wülfinghausen diesen Kongress reflektierten. Wir spürten, dass wir am Anfang eines Weges stehen, und wir spürten auch, dass dieser Kongress uns auch geistvoll zusammengebunden hat. Fast spürten so etwas wie einen Gründungsmoment: sind wir nicht so etwas wie eine neue monastische Gemeinschaft? Dieser Geist durchzog unser Reden, Beten, Teilen und auch die Feier der Liturgie. Als ich erlebte, wie Nora Steen das Abendmahl feierte, wurde mir noch einmal tiefer deutlich, dass wir gewiss unterschiedliche Zugänge zum Abendmahl, zur Eucharistie, zu Amt und Kirche haben – aber eigentlich, in den unterschiedlichen Perspektiven und Gedankengefügen immer auf die gleiche Grunderfahrung zielen: auf den Herrn, der uns beschenkt mit sich selbst, dem wir danken und preisen.

Und ja, es ist Kirche – überall da, wo er unter uns ist, wo wir sein Wort hören. Und in diesen Erfahrungen, die in letzten Jahren immer mehr und immer dichter wurden, wurde mir ein deduktiver theologischer Zugang immer fragwürdiger, der die Defizienz zum eigenen Modell zum Maß der Wahrheit macht. Das kann nicht stimmen – oder besser: es stimmt nur, wenn ich einen einzigen Denkweg für den richtigen halte. Klar, wenn ich die scholastisch denke, dann werden andere Gedanken demgegenüber nicht genau dieselbe Aussagekraft haben – aber: muss ich so denken

Und umgekehrt sagt mir meine Erfahrung: wenn ich in Liturgien meiner evangelischen Geschwister bin, etwa im Wal in Hannover, oder in Laucha an der Unstrut, in Drübeck und anderswo – wie könnte ich ernsthaft auf den Gedanken kommen, dass hier nicht mit großer Tiefe und Ernsthaftigkeit Eucharistie gefeiert wird? Dass hier nicht ein sakramentales Grundverstehen vorliegt – und dass die Ordination eine Theologie des Amtes beinhaltet, die ich stimmig finde und nachvollziehen kann, auch wenn ich zutiefst eingegründet und überzeugt von der Theologie des Amtes meiner Tradition. Ja, und das habe ich genauso auch erlebt mit meinen orthodoxen und freikirchlichen Freunden und Geschwistern.

Wie begeistert ich war, als ich das neue Dokument des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen las, das brauche ich kaum zu sagen: die sorgfältige Theologie, die ich hier lesen kann, eröffnet weite Horizonte. Ich lese: „Jesus Christus hat den Menschen, die in seinem Namen zusammenkommen, seine Gegenwart versprochen (vgl. Mt 18,20). Er ist mitten unter ihnen, wenn auch nur zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln. Er vergegenwärtigt sich ihnen, wenn sie Gottesdienst feiern und sich ihm hörend, singend und betend zuwenden. Er verbindet sich mit ihnen, wenn Menschen die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes empfangen, und macht sie zu Gliedern an seinem Leib. Er schenkt sich ihnen in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut, wenn sie sich unter dem Wort seiner Verheißung das Brot und den Wein in der eucharistischen Feier des Abendmahls reichen lassen. Die Zusage seiner Gegenwart überschreitet und umgreift die konfessionellen Grenzen und Grenzziehungen, die der sichtbaren Einheit der Christenheit im Wege stehen – sie ist in tiefstem Sinn ökumenisch. Sie ist der tragende Grund jedes einzelnen Schrittes der Ökumene. Wo auch immer Katholiken, Orthodoxe, Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, Baptisten, Methodisten in seinem Namen versammelt sind, erfüllt Christus sein Versprechen, mitten unter ihnen zu sein. Sie sind und werden in Christus geeint, lange bevor sie sich über die konkreten Formen ihrer Einheit verständigt haben und zu konkreten Verabredungen ihres Miteinanders gelangt sind.“ (2.1f)

Neu zu denken wagen

Wir leben in neuen Zeiten. Die Coronapandemie wird uns verändern. Auch in diesem Zusammenhang. Klar ist doch, dass sich die Gestalt der Kirche wandelt. Von einer stark amtsorientierten und kleruszentrierten Versorgungskirche mit einer bestimmten Amtstheologie und einem institutionsfixierten Kirchenverständnis entwickelt sich viel in Richtung einer stärker von Partizipation und Taufwürde geprägten Christsein, das ein viel fluideres Kirchenverständnis in den Vordergrund rückt: kommt es doch darauf an, die lebensspendende Erfahrung Seiner Gegenwart heute in Erfahrung zu bringen und zu bezeugen. Amt und Ordination, Eucharistie und Sakrament werden aber gerade nicht überflüssig, ganz im Gegenteil: angesichts der Erfahrungen neuer Aufbrüche, angesichts der Zeichen der Zeit und angesichts der Erfahrungen, die im Volk Gottes in den letzten Jahren hervorgewachsen und gereift sind, könnte die Entwicklungsbeschleunigung, die diese ungeahnte Corona-Katastrophe bewirkt, dazu herausfordern, unsere eigenen wertvollen theologischen Traditionen von der Wurzel neu zu denken: ja, denn Radikalität und Tiefe werden gesucht werden, wenn wir uns weiter auf dem Weg machen, Christsein in die Zukunft zu entwerfen.

Urbi et orbi! Die Bilder waren eindrücklich. Die Bilder vom Petersplatz. Sie spiegelten das Evangelium vom Seesturm wieder – und in all dem spiegelte sich die Herausforderung des Coronasturms, die – ja – die Kirchen tiefgreifend verändern wird. Der Papst auf einem leeren Petersplatz und doch verbunden mit der ganzen Kirche weist mit kraftvollen Worten darauf hin.

Aber wie? Daniel Bogner hat in seinem engagierten Beitrag Szenarien beschrieben. Und wenn ich die Diskussion in den letzten Tagen verstanden habe, gibt es in der Tat mehrere „Ausgänge“, eine Gesellschaft und eine Kirche in den Postcoronazeiten – falls es eine solche Situation überhaupt in absehbarer Zeit gibt – zu denken.

Autoritäre Regression, sich selbstverschließene Tendenzen, trotziges Weitertanzen auf den Vulkanen, das Vergessen der anderen – all das gibt es ja schon – und wird nur in unserem Coronaalltag greller sichtbar… als Horrorszenario einer Zukunft, die in der Tat offen ist. Neue Kleider, aber nichts Neues. Reale Möglichkeit.

Und auch kirchlich könnten wir weitermachen, Worte wiederholen, eine Praxis weiterführen, ein bestimmtes Gefüge weiterverwalten, so gut es eben geht – und uns zögerlich auf neue Horizonte hin entwickeln. Wie schwierig ist es, aufzubrechen, wissen wir. Denn wir sind gefangen in Gefügen des Denkens, der prägenden Erinnerungen – und die sind stark.

Aber die Veränderungsstürme, die uns Angst machen, und uns herausreißen aus einem Gefüge restvolkskirchlicher Praxis, sind stark. Es kann gut sein, dass mit einem solchen Sturm vieles sich verändern kann. Endlich.

Nicht dass uns das nur gefallen wird: die finanziellen Spielräume werden kleiner sein – und das beschleunigt schon in Gang gekommene Auflösungsprozesse einer hochstrukturierten Kirche. Ob sich eine in tiefer Krise befindliche Gemeindehauskirche fortsetzt, das ist mindestens sehr fraglich – schon länger als wir wahrnehmen wollten. Wofür brauchen wir so viele eigene Räume, wenn doch Kirche überall dort hervorwachsen kann, wo die Leidenschaft für das Evangelium sich Raum schafft? An jeder Ecke, in jedem Haus, mitten im Leben? Und das gilt auch für die Feier der Eucharistie – und für die Sakramente, die wir feiern. Es wird kein selbstverständliches Zurück geben, zumal ja schon lange deutlich wird, dass die Feier der Christusgegenwart, seiner Hingabe, seines sich-schenkens und seines Menschensammelns und Sendens nach einer inneren Qualität und Tiefe verlangt, die sich – in allen Konfessionen – nicht einfach dadurch zeigt, dass man es Gottesdienste veranstaltet und streamt.

So wird es wahrscheinlich eine liturgische Scheidung geben zwischen denen, die eigentlich gar nichts vermisst haben, und nun auch konsequent bleiben – und denen die voller Hunger und Sehnsucht warten – warten auf die Feier ihres Glaubens, auf die Erfahrung, neu genährt zu werden in der dreifachen Kommunion von Wort, Leib und Gemeinschaft. Und das fordert heraus, Liturgie so zu feiern, dass das Geheimnis der Begegnung mit Gott erfahrbar wird. So hat Liturgie eine Zukunft. Eine große Zukunft.

Denn genau diese Sehnsucht haben viele: schon vor Corona waren Gottesdienste immer vielfältiger und postkonfessioneller, gab es die unterschiedlichsten Formen von Segenshandlungen, wurde der Kontext immer wichtiger – und die Erfahrung, dass sich das Geschenk der Gemeinschaft und der Berührung mit dem Geheimnis, das wir Gott-Liebe zu nennen wagen, in unterschiedlichster Weise unseren postmodernen Zeitgenossen zuspielt. Das wird sich deutlich zeigen. Und das gilt für alle Lebensvollzüge unseres Menschseins, unseres Christseins, unserer Kirchen. Eigentlich sehnen wir uns alle nach dem Neuen. Aber das Neue, das ist nicht das „Weiter so“, das „Mehr, mehr, mehr“ desselben, sondern tiefe Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Eine neue Kultur

Genau hier setzt der Papst scharfsichtig an. Worauf kommt es eigentlich an, woraus leben wir eigentlich, und wozu sind wir gerufen? „Wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weiter gemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden…. Es ist die Zeit, den Kurs des Leben wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten.“

Darum geht es eigentlich! Es geht um eine echte und gelebte Geschwisterlichkeit, es geht um die Leidenschaft für den Menschen, für den Anderen. Hier und jetzt. Hier und jetzt können wir auch sehen, wie das geht. Papst Franziskus sieht das mächtige Wehen des Geistes in all jenen, die in dieser Krise ihr Leben einsetzen, für die Menschen, die in ihrer Arbeit und in ihren Familien ihren stillen Dienst für andere tun. „Angesicht des Leidens, an die wahre Entwicklung unserer Völker gemessen wird, entdecken und erleben wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu: „Alle sollen eins sein“.

Das ist die durch die Stürme freigelegte Perspektive: eine verletzliche und doch getragene und geschenkte Gemeinschaft aller, die wir spüren wollen, die wir immer wieder selbst verdecken und zerstören, aber die doch voller Leben ist, mitten in der Einfachheit der Sorge füreinander. Unsere Geschwister: in den Supermärkten, auf den griechischen Inseln, in den Kriegsgebieten, in den Krankenhäusern, in unseren Familien, bei den arbeitslos und lohnlos gewordenen Brüdern und Schwestern, bei den alten Menschen, die besonders ausgesetzt sind.

Und deswegen: „Der Herr fordert uns heraus, uds inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben“. Genauso. Denn dort, wo wir diese echte Mitmenschlichkeit leben, überall, wächst jener Raum, in dem auch Gottes Wohnung unter den Menschen ist, wo niemand egal ist, und alle, wirklich alle, geliebt. Das ist die Coronachance: Es geht darum, „der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und Formen der Gastfreundschaft, Geschwisterlichkeit und Solidarität zuzulassen.“ Immer, an jedem Ort – so sagt der Papst, denn genau hier wird das Geheimnis von Ostern freigelegt, das Geheimnis dessen, der durch den Tod uns den Raum zu Leben eröffnete.

Von dorther zu schauen und zu beten, und deswegen genauso zu leben, mit allen Menschen, die diese Sehnsucht spüren, das ist das Neue, das werden will, schon da ist und nicht wieder verdeckt werden darf.

Neugeburt der Kirche?

Aber dann gilt uns die Prophetie Bonhoeffers. Wir würden unfähig für diese Zukunft, wenn wir weiterhin um Selbsterhalt kämpfen. Dann nämlich, so Bonhoeffer, sind wir unfähig, der Welt das Evangelium wirksam zu verkünden. „Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun… Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – , an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu…, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt“ (DBW 8, 435f).

Sie spiegeln sich, der Papst und der evangelische Prophet. Und gemeinsam erwarten wir die Neugeburt. Nach den Stürmen der Veränderung.

 

Im Januar dieses Jahres war ich bei einem Workshop über Kirchenentwicklung. Und mit meinem Team haben wir erneut eine biblisch-liturgische Leiterzählung für diese Tage zugrunde gelegt. Intensiv haben wir über den kirchlichen Wandel nachgedacht und Wege zur Gestaltung dieses Wandels eingeübt.

Die Leiterzählung durch diese Tage war „Der Weg des Moses“. Schon oft haben wir diese Erzählung genutzt zum Innehalten, zur Vertiefung: die Berufung des Moses lenkt den Blick auf unser eigenes Feuer, auf meine Berufung; die Geschichte mit der Sehnsucht nach den ägyptischen Fleischtöpfen verweist auf unseren Umgang mit den eigenen Prägungen und unseren Revisionen. Die Geschichte mit dem goldenen Kalb – fragt sie nicht danach, welchen Ersatzgöttern wir nachgehen? Und schließlich: der Ausblick Moses auf dem Berg Nebu macht deutlich: ja, wir dürfen die Zukunft schon sehen, aber … eintreten werden wir vielleicht nicht.

Genial – der Weg des Mose eröffnet einen differenzierten Horizont, der Schlaglichter auf unsere gegenwärtige kirchliche Umbruchssituationen und ihre Herausforderungen wirft. Und gerade die kleinen Liturgien, die dann einzelne Reflexionsschritte vertiefen, sie sind es, die am meisten die Teilnehmenden berühren.

Mich hat dieses Mal eine Station auf diesem Weg am meisten berührt – und daran muss ich denken, wenn ich in unserer aktuellen Situation der Pandemie frage, wie es weitergehen kann und wird.

Jeder kennt die Geschichte der ägyptischen Plagen. Mose bittet den Pharao um den Auszug in die Wüste, damit das Volk Gott verehren kann. Der Pharao verweigert dies. Und nun kommen die Plagen, viele Plagen. Und immer wieder bleibt der Pharao hart. Und diese Härte, dieses Bleibenmüssen ist wie eine Fessel. Das Volk kommt nicht los…

Als wir dieses Mal diese Station auf dem Weg des Mose durchwanderten und durchbeteten, hatte ich plötzlich einen Gedanken: Wieviele Plagen braucht es eigentlich, bis wir uns aufmachen können und auf neue Wege gehen? Ein erschreckender Gedanke…

Aber ein Gedanke, der nicht unrealistisch ist. Denn wie oft bleiben wir doch lieber da, wo wir waren. Und keine Einsicht, keine Erkenntnis, keine noch so schwierige Situation bringt uns wirklich in Bewegung. In den vielen Situation kirchlicher Bestandswahrung habe ich erlebt, wie oft Wirklichkeit, geschichtliche und soziologische Entwicklungen, Fakten und Zahlen verdrängt werden und immer wieder die Fixierung auf das Vergangene durchscheint.

Wie viele Plagen braucht es eigentlich, um loszuziehen? Diese Frage gewinnt auf einmal eine herausfordernde und auch schrecklich-erschreckende Bedeutung. Die Coronapandemie stellt alles bisher Gewohnte auf den Kopf. Sie ist einschneidend. Und sie fordert uns im Kern heraus, neue Wege zu gehen. Die Fragen gehen an die Substanz unseres Menschseins und unseres Glaubens. Denn dieser Virus fordert ein Paradox: wir können in der gewohnten Weise nicht mehr zusammenkommen, keine Gottesdienste mehr feiern, das ganze klassische Leben in Gemeinschaft nicht mehr weiterführen – und entdecken zugleich neu, wie wichtig Beziehung ist, wie sehr wir gar nicht anders leben können. Als Menschen und als Christen.

Löst uns diese Pandemie von unseren Blockierungen, in denen wir uns leidenschaftlich und leidend eingerichtet haben? Erzwingt sie die Zukunft, weil es eben wirklich nicht mehr geht? Können wir in die Zukunft gehen, weil auf einmal bestimmte Fragestellungen, die sich auf den Erhalt bestehender Gefüge und Sozialgestalten, überflüssig werden? Könnten sich jetzt Erfahrungen durchsetzen, die unsere Gesellschaft und die Kirchen in ihr von innen, aus der Substanz her erneuert. Diese Substanz heißt Liebe, sie heißt Beziehung. Eben Gott.

Das wäre ein einschneidender Wandel. Kaum denkbar. Oder doch? Der Zukunftsforscher Matthias Horx schlägt in seinem Blog „Die Welt nach Corona“ (www.horx.com) einen Perspektivwechsel vor: keine Pro-gnose für die Zukunft, sondern eine „Re-gnose“. Und er mutmaßt, dass gerade durch diese Krise die Kraft und Bedeutung der echten Beziehungen zum Vorschein kommt und in die Mitte rückt. Und wir endlich aus den Schneckenhäusern fixierender Fragestellungen ausgezogen ist. Ich mag es glauben.

Aber dann stehen wir auch kirchlich vor einer einschneidenden Veränderung. In einem nur auf italienisch verfügbaren Artikel (http://www.settimananews.it/chiesa/chiesa-italiana-occasione/) denkt Francesco Cosentino über diese Frage nach. Er spricht davon, dass diese Krise, die für die Kirche eine einzigartige Gelegenheit ist, auch die „Büchse der Pandora“ öffnet: Fragen, die sich schon lange stellen, stehen dringend vor uns: welche Art von Spiritualität, welche Art von Kirche leben wir? Welche Fragen drängen?

Nur die Messe – egal wie?

Ist die Kirche eine Messfabrik, fragt Cosentino, und sollte etwa die Spiritualität sich ganz auf die Messe verengt haben? Dann hieße es jetzt: Messe oder nichts? Cosentino zitiert den deutschen Theologen und Benediktiner Elmar Salmann: „Bis heute haben wir eine Pfarrei oder nichts, einer wird Priester oder hat keine wichtige Rolle, entweder man heiratet in der Kirche oder es gibt nichts. Man wird getauft oder es bleibt nichts“. In der Tat, so kann es nicht weiter gehen: die Sakramentalisierung dominiert die Evangelisierung, wie Franziskus in Evangelii Gaudium richtig diagnostiziert.

Ohne die Tiefe sakramentalen Lebens aus den Blick zu verlieren: Müßte in dieser Zeit nicht eine breite Spiritualität des Wortes in den Mittelpunkt rücken? Und wenn ich richtig sehe: genau das passiert. Wer wie ich den Abend in Taizé mit 4000 Mitbetern verbringt, wer im Netz die fantastischen Initiativen spiritueller Telefonkonferenzen oder Facebook-Events verfolgt, der merkt: hier ist ganz viel im Werden.

Mystik in der Zeit des Netzes

Auch in Evangelii Gaudium hat es der Papst ans Licht gebracht: „Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung!“ (EG 87).

Auch wenn dies in Zeiten von Corona oft nicht physisch geht – ist denn diese Mystik weniger real, wenn sie sich im Netz zeigt? Ich erfahre das nicht – und es wäre auch merkwürdig, wenn wir Kirche nur physisch, in Bauwerken und Vereinen erleben könnten. Im Gegenteil. Wird diese Krise nicht auch hier Neues zeigen: welche Art von Gemeinschaft, welche Formen des Kircheseins, welche Begegnungsweisen mit Gott rücken nach vorne.

Die samaritanische Revolution

Das Evangelium der Samariterin am Jakobsbrunnen führt zu einer Klärung, die dringend ist, für uns heute, mit all den theologischen und soziologischen Scheinnormen: „Glaub mir Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbetet… die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden in Geist und in Wahrheit: denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,24). Gott, so twittert meine Kollegin Maria Herrmann, ist eben auch vor den leeren Regalen im Supermarkt, in zu engen Wohnungen, im Paketlieferwagen und an Europas Grenzen. Er geht mit uns diesen Weg, eben nicht nur in der Krisenzeit. Und Kirche wächst dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind – und das ist eine Kirche, die aus der Kraft der Taufe lebt. Es geht darum, so Franco Cosentino, „in allen Dingen Gott zu suchen und zu finden“ Er spricht von einer Theologie des Alltäglichen, die „das ewige Wunder und das schweigende Geheimnis verbirgt, das wir Gott nennen“ (Karl Rahner).

Die Felder sind reif

Die Geschichte der Samaritanerin geht weiter. Und Jesus konfrontiert die Jünger mit seiner so ganz anderen Weltsicht. Er sieht nämlich schon, gerade bei den so heterodoxen Samaritanern, einen großen Aufbruch: „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte“ (Joh 4,35). Ja, und genau das sehe ich auch. Es könnte ja sein, dass wir – nach den erzwungenden Einschnitten der Coronakrise – endlich loskommen und aufbrechen in eine Kirche, die aus der Kraft der Getauften lebt. Wir stehen vor einem einschneidenden Wandel. Ich hoffe, dass wir nicht noch mehr Plagen brauchen, um endlich loszuziehen.

 

 

Nachdenken über ein gemeinsames Thema zwischen Gericht und Gnade

Wer über das Thema nachdenken will, und wer dies theologisch tun will,  der kommt auf ganz wesentliche Grundfragen: wie steht Gott zur Welt? Und wie steht die Kirche in der Welt – die Kirche, die ja nichts anderes sein darf, als Zeichen und Werkzeug der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, Verleiblichung seiner Leidenschaft der Liebe für jeden.

Aber noch mehr ist wichtig: diese Welt, wie sehen wir die? Und die Kirche, wie sehen wir die? Wir schauen nämlich nicht ganz einfach neutral darauf, sondern haben unsere Muster und Bilder, die sich dann auswirken. Es ist deswegen ein erster Schritt, meine Perspektive kenntlich zu machen:

Mission in der Diaspora – ein gelassener Blick

1943 schrak der damalige Kardinal Suhard in Paris auf. Henri Godin, ein französischer Priester hatte ein Buch geschrieben, das zutiefst erschreckte: France – pays de mission… Suhard war überrascht von den Daten und Analysen. Godin beschrieb ein nachchristliches Frankreich. Und in der Tat – seine Einschätzung war ja richtig. Und sie wurde auch in Deutschland geteilt. 1948 redete Ivo Zeiger SJ auf dem ersten Nachkriegskatholikentag ebenfalls davon.

Und es gibt einen spannenden Wahrnehmungskonses zweier Propheten derselben Zeit. Auch Alfred Delp SJ und Dietrich Bonhoeffer erahnten unabhängig voneinander einen tiefgreifenden Wandel. Sicher nicht unabhängig von ihrer Situation der Gefangenschaft formulierten sie Gedanken für eine Zukunftsgestalt der Kirche, die radikal waren: er spricht von einen Neubeginn, von der Notwendigkeit, sich vom Glauben neu ergreifen zu lassen, nicht mehr als Kirche um sich selbst zu kreisen. Das „Beten und Tun des Gerechten“ ermöglicht ein radikales Neuwerden, das aber nicht „machbar“ ist: im Gegenteil, es geht um eine Umkehr und Busse, und das Warten auf den Tag eines neuen Anfangs.

Wenn nun Thomas Großbölting („Der verlorene Himmel“) als Historiker analysiert, dass schon 1948 die Verantwortlichen katholischer Jugendpastoral eine grundlegende Veränderung des Glaubenszugangs bemerkten, ahnten und… fürchteten, und deshalb nicht öffentlich damit umgingen, dann wird nur 10 Jahre später auch an Zahlen deutlich, wie irreversibel sich die Situation geändert hat. Christlicher Glaube wird freie Entscheidung, Ausdruck selbst gewählter Überzeugung – und das zeigt sich an den sinkenden Zahlen der kirchlichen Praxis seither, die dann seit 1968 auch in den Austrittszahlen überdeutlich werden.

Wer dann hier vom drohenden Untergang der Kirche redet, der hat ein bestimmtes „Muster“ im Kopf: ist es tatsächlich normativ, dass viele Christen in einem Land leben? Ist tatsächlich die parochiale Gemeindestruktur vom Evangelium her zu begründen? Muss Christentum ein mehrheitliches Phänomen in unserem Land sein? Wie kommt es eigentlich zur theologisch nicht gedeckten These, dass man den „Glauben an die nächste Generation (methodisch intelligent) weitergeben“ könne?

Aber wir wissen alle: die Gesellschaft und die Kirche in ihr haben sich völlig verändert. Das Paradigma einer Volkskirche stimmt nicht mehr. Gar nicht mehr. Und so ist auch Achtsamkeit geboten: Wer einfach so von Neuevangelisierung oder Evangelisation redet, der kann auf dem alten Muster einer Volkskirchlichkeit ja immer noch denken, dass man mit Anstrengungen endlich Europa, Deutschland oder eine Kirche wieder christlich machen könne, und Menschen zurückgewinnt, für was? Für eine Eingliederung in eine vergehende Gestalt christlichen und kirchlichen Lebens? Nein – wir sind an einer anderen Stelle.

Mission vom Ursprung her denken

Klar ist ja: nur derjenige, nur diejenige, die leidenschaftlich ergriffen ist von Christus, nur „missionarische Jünger“ (Papst Franziskus) werden glaubwürdig das Evangelium bezeugen und den Menschen unserer Zeit eindrücklich vom Evangelium erzählen. Aber dabei gilt es genau, diese unsere Zeit zu bedenken. Es ist Christoph Theobald, der französische Jesuit und Theologe, der dies in eindrücklicher Weise tut:

„Müssen wir als Katholiken und Theologen – um zunächst nur von uns zu reden, nicht ein neues Verhältnis zu unserem Kontinent finden? Als Menschen in einem Land, das wir zwar gerne bewohnen, das uns aber nicht als Christen gehört? Ein Missionsland eher, in dem wir – wie die ersten Christen – für unseren Glauben um Gastfreundschaft werben müssen. Geht es doch darum, Herzen zu gewinnen und frei Mitbürger davon zu überzeugen, dass im Glauben an das Evangelium ungeahnte Lebenskraft verborgen ist.“

Es geht Theobald also nicht um eine Mission, die Menschen „wieder“ zurückgewinnt, und Europa „wieder“ christlich macht. Es geht eher um eine Situation, die der Apostelgeschichte ähnelt: Christen sind am Anfang des Weges, hoffen auf Resonanz, aber leben aus einer inneren Sendung und fragen sich, wie das Evangelium den Menschen der Zeit nahekommen kann. Sie vertrauen dabei auf die Verheißung Jesu: „Die Ernte ist groß“ – und deswegen ist die Rede von der Diaspora auch nicht eine Mangelbeschreibung, sondern die Grundwirklichkeit der Christen in der Welt von heute.

Aber wie geht dann Mission? Welchen Ursprung kann man bebildern? Der Ausgangspunkt wird schon im Johannesprolog eindrücklich reflektiert: Am Anfang war das Wort…, so sagt der Autor. Und damit ist ja gemeint, dass die gesamte Wirklichkeit Gottes und der Welt geprägt ist von einer Logik des Lichtes und der Liebe. Dieses Licht, diese Liebe ist das Leben der Menschen. Aber genau hier wird – schon zu Beginn des Evangeliums – der Weg beschrieben, den diese Logik der Liebe geht: das Wort wird Fleisch, lässt sich ein auf die Menschen seiner Zeit – wird Mensch wie sie. Mission ist also eine eigenartige Erfahrung des Hineinspringens in die Welt, aus Liebe, um ganz bei denen zu sein, die die Liebe erfahren könnten. Viel deutlicher wird das dann bei der Taufe Jesu: wenn Jesus die tiefe Liebe des Vaters unfasslich nah erfährt, wird ja auch deutlich: diese Erfahrung gilt allen.  Und Jesus versucht von Anfang an, dies in der Sprache der Menschen auszudrücken, in ihren Bildern und ihren Erfahrungen. Die Rede vom Reich Gottes, die Rede vom Samenkorn macht deutlich: Jesus ist ganz in der Welt der Menschen seiner Zeit, und lehrt die Jünger einen Blick, der das Leben des Reiches Gottes entdeckt mitten unter den Menschen: Ja, die Felder sind reif zur Ernte, die Welt ist gottvoll.

Theologisches Innehalten

Hier beginnt die Herausforderung im Denken über die Mission. Denn ja, eigentlich geht es bei dieser Frage um das Weltverhältnis: Denn es ist die Frage, wie Gott die Welt sieht, und wie deswegen wir als Gesandte den Menschen begegnen. Hier liegen die Kontroversen: ist denn wirklich die Welt gottlos, geistlos? Und sind wir deswegen dazu da, die verlorene Welt für Christus zu gewinnen, weil sonst alle dem Gericht und dem Unheil geweiht sind?

Genau das lässt sich kaum mit dem Evangelium von der Liebe her lesen, es wird der Wirklichkeit der Leidenschaft Christi, seinem Sterben für die Menschen nicht gerecht. Ja, denn weil Gott die Welt so geliebt hat, dass er seinen Sohn hingab, lässt sich – im Blick auf Jesu Sterben und seinem Weg durch die Gottverlassenheit – die Weltwirklichkeit nur verstehen als geliebte und gerettete. Das ist die Gnade, die geschenkt ist – und das Gericht bleibt wichtig, weil hier ja erst die Dramatik und Radikalität der erlösenden Liebe offenbar wird, die den Menschen ausrichtet und ihm doch die Wahl gibt, sich dieser Wirklichkeit zu öffnen.

Hier liegt – sicher – die entscheidende Frage an die Mission. Wenn sie nicht deswegen sein muss, weil der Liebe noch etwas fehlt, dann werden wir dennoch innerlich gedrängt, bei den Menschen zu sein – in der Radikalität der Inkarnation, in der Radikalität der Hingabe,

Genau so beschreibt die anglikanische Missionslogik den Weg der missionarischen Ekklesiogenesis: es geht nur so, dass leidenschaftlich Liebende sich einlassen auf die Menschen ihrer Zeit, um mit ihnen das Evangelium neu zu entdecken. So beschreibt es genial auch der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle im Blick auf die jungen Menschen – aber das gilt für jede Gruppe von Menschen. Er formuliert: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Handeln, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe…“ Damit greift Hemmerle auf, was schon das II. Vatikanum im Blick auf die Sendung sagte. In Gaudium et spes, der Pastoralkonstitution, die das Verhältnis der Kirche zur Welt reflektiert, formuliert das Konzil deutlich, dass es notwendig ist, immer wieder neu die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten, die Sprachen der Zeit zu lernen und zu unterscheiden, was hier vom Geist Gottes kommt. Doch zugleich ist diese Missionsleidenschaft ein großes Lernen: nur so, im Hinhören, im Lernen der Sprachen der Zeit, wird das Evangelium überhaupt auch selbst verstehbar und tiefer zu erkennen. Es strahlt gerade so in seiner Radikalität in jeder Zeit je neu auf.

Hier wird dann noch tiefer verständlich, was die anglikanische Kirche im Begriff der „mission shaped church“ so genial in Worte fassen konnte. Dahinter steckt eine Erfahrung, die deutlich macht, dass gerade dann, wenn wir mit Menschen unserer Zeit das Evangelium neu entdecken, wir auch das Evangelium neu entdecken und Kirche neu werden kann.

Es wird dabei sehr deutlich, das diese kenotische Mission aus dem Ursprung immer geprägt ist von einer tiefen Absichtslosigkeit: es geht um eine Liebe, die ohnmächtig bleibt, aber gerade so einen Raum eröffnet, in dem Gottes Gegenwart Menschen berühren kann.

 

 

Erwägungen zum Umbruch in der Kirche[1]

Wir sind mitten im Wandel, in einem großen Umbruch, in unserer Gesellschaft, in der Welt. Und jeder Wandel, jede größere Veränderung ist auch eine Nacht. Denn die alten Paradigmen versagen, wir haben keine Parameter mehr, um die Situation zu verstehen. Es ist verwirrend und wir bekommen Angst.

Und es ist irgendwie paradox: denn einerseits ersehnen wir diesen Wandel. Wir spüren sehr deutlich, dass unsere Art zu leben an ein Ende gekommen ist. Zuviel Müdigkeit und Hetze, zu viel Depression. Und gleichzeitig wollen wir den Wandel nicht, er ist nicht erwünscht, denn wir müßten uns ja ändern. Insgesamt sind wir also inmitten von ambivalenten Gefühlen, inmitten einer großen Unübersichtlichkeit und Komplexität. Und das merken wir auch daran, dass der Ton der Auseinandersetzung rauh geworden ist. Polarisierung ist ein Stichwort dieser Situation – sie bezeugt den Kampf der Interpretationen um diesen Umbruch. Und so suchen viele nach Orientierung, nach starken Männern, nach populistischer Einfachheit und Lösungsvorschlägen, die simpel zu sein scheinen. Sie alle zielen auf Sicherheit und auf eine Rückkehr zu verheißungsvoll alten Zeiten.

Aber es gibt auch eine andere Suche – eine Suche nach Geist, nach Charisma. Es gibt eine Suche, eine große Suche nach etwas, was mich anrührt und „berührt“, mich mitreißen kann und auf neue Wege führt. Greta Thunberg etwa steht dafür, und ich bin überzeugt, dass auch andere einen große Begeisterung entfachen würden, wenn es diese Menschen gäbe, die glaubwürdig leben und bezeugen. Denn es gibt in den Menschen einen „sensus“ für Authentizität, für Zukunft, für echtes und gutes Leben – wie zu allen Zeiten.

Und die Kirche?

Wir sind als Kirche genau in derselben Situation. Wir leben einen ungeheuren „Klimawandel“, der sich seit mehr als 60 Jahren abzeichnet und in allen Generationen wirksam wird. Glauben wird völlig anders – und so auch Kirche. Glauben, christlich geprägter Glaube liegt nicht mehr einfach vor, ist nicht mehr einfach gegeben. Für niemanden ist Glaube selbstverständlich, für jeden ist Glaube ein Weg, eine Wanderung, eine Spur hin zu einer Begegnung mit dem Geheimnis, das Christus ist. Und wenn Glaube dann wächst aus einer unplanbaren und nicht erziehbaren Begegnung, dann wird auch Kirche ganz anders. Auch sie lässt sich nicht mehr institutionell vorgeben, sie ist kein Rahmen mehr, kein soziologisch vorgegebener Container, in dem „man“ (und „frau“) halt ist und sein muss. Es geht um etwas ganz anderes: um Räume der Erfahrung, um anziehende Gegenwart und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, um Atmosphäre der Freiheit und Freude. Das hat allerdings nichts mehr mit vorgegebenen Sozialformen zu tun, sondern mit flüssigen Erfahrungsräumen….

Aus diesem Grund stimmen auch die Zahlen nicht mehr. Ja klar, man kann dann von immer kleineren Zahlen der Kirchenbesucher reden, von der Halbierung der Kirchenmitglieder – aber was sagt das genau? Was sagt das anderes als dass wir in der Wandelnacht sind, in einer tiefgehenden Verwandlung, die wir ersehnen und zugleich fürchten. Denn wie könnte man die Zahlen des Kirchgangs etwa aus dem Jahr 1960 mit den heutigen vergleichen, wenn doch die Art und Weise, wie Menschen glauben, sich komplett verändert hat.

Wir stehen – wie alle unsere Zeitgenossen – also in der nächtlichen Unübersichtlichkeit des Wandels, voller Sehnsucht nach Echtheit und Authentizität, nach Glaubwürdigkeit, nach Charisma und Orientierung, nach Identität, nach einem Verstehen in dieser Situation. Wie kommen wir weiter? Wie können wir das deuten?

„Frag hundert Katholiken, was das wichtigste in der Kirche ist – und sie werden sagen: die Messe.
Frag hundert Katholiken, was das wichtigste in der Messe ist – und sie werden sagen: die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, das wichtigste in der Kirche sei die Wandlung – und sie werden sagen: Nein, es soll alles so bleiben wie es ist“.

In dieser Abneigung steckt eine tiefe Wahrheit, eine tiefes Spüren. Denn ja, Wandel ist kein Kinderspiel. Es geht bei diesem Wandel immer auch um ein Sterben, um einen Tod – und eine Auferstehung.

Aber dann heißt das auch, dass wir Christen uns fragen dürfen, ob wir das glauben: Glauben wir, dass Gott mit uns auf dem Weg ist, durch die Nacht, durch Tod und Auferstehung – dass er mit seinem Volk, mit uns, auf dem Weg durch die Wüste der Deutungen geht? „Meine Wege sind nicht eure Wege“, ja, aber er ist mit uns auf solchen Wegen. Und die gilt es zu erkennen.

Und deswegen gilt es – zweitens – zu hören: auf die Zeichen der Zeit, und auf das Evangelium. Denn in diesem Hören kann entdeckt werden, welche Wege er mit uns geht. So formuliert es das II. Vatikanische Konzil: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart und Absicht Gottes sind.“ (GS 11)

Gottes Geist ist in der Welt, die Welt ist voll von Gott. Sie ist nicht gottlos, mitten in ihr, im Engagement, in der Leidenschaft für das gute Leben, für die Liebe, für Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden ist der Geist wirksam. Und ja, es wäre jetzt spannend, sich zu fragen, wie wir das merken. Wir könnten es  – so der Text – in uns merken, in den Menschen der vielen Glaubenswege und Lebenskonzepte, in den aufbrechenden Megatendenzen, in der Resonanz der Klimabewegung. Überall. Nun ist das Konzil nicht naiv. Es braucht einen gemeinsamen, einen synodalen Horizont: gemeinsam will zusammengetragen werden, was an Erfahrungen und Entdeckungen gemacht wird, welche Forderungen und Wünsche es gibt – und dann gilt es zu hören, was das Evangelium dazu sagt, und zu entscheiden. Kein leichter Weg. Aber unvermeidlich.

Denn es geht um mehr als nur um die Absichten Gottes: es geht auch um unser eigenes Glaubensverständnis. So formuliert es Gaudium et spes 44. Hier wird deutlich, dass diese Unterscheidungsarbeit für uns sehr viel bedeutsamer ist. Denn sie verändert uns. Ja noch mehr: das Konzil sagt, dass wir nur so unseren Glauben richtig und neu entdecken können – und auch sagen. Mit anderen Worten: nur wenn wir den Geist entdecken, der in allem und in allen wirkt, entdecken wir unseren Glauben heute. Es geht eben nicht darum, die alten Formeln immer zu wiederholen, nein: es geht um eine Verheutigung, um die Neuheit unseres Glaubens, den wir nur mit dem Anderen entdecken.

Genial formuliert das der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle aus Aachen. Im Blick auf die Jugend und ihre Fremdheit formuliert er genial (und man muss es mehrmals hören): „Lass mich dich lernen, deine Denken und Handeln, dein Spüren und Glauben, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe“. Ja, wir sollen unseren Glauben verkünden – aber wie geht das? Wenn wir lernen! Lernen von den Menschen, mit denen wir leben. Aber eben nicht oberflächlich – ihre Trends und Schwächen. Sondern indem wir ihre Kultur lernen, ihr Fühlen, ihre Sprache, ihr Leben und darin und im Hören auf die Frohe Botschaft neu lernen, was unser Glaube ist, seinen heutigen Reichtum – dann können wir ihn bezeugen und sogar sagen.

Wenn das so ist, dann wird unser Wandeln durch die Nacht natürlicherweise Momente enthalten, in denen wir neue Orientierung suchen – und sie finden wir, wenn wir achtsam die Stimmen der Mitmenschen und des Evangelium hören und verstehen lernen. Wir verstehen dann auch, dass Wandel wesentlich zu diesem Weg gehört, und wir als Christen neu denken lernen, neu sehen lernen.

Das ist nicht neu. Das geschieht in jeder Zeit, in jeder Krise. Und ja, in jeder Krise des Volkes Gottes. Und die sind eher häufig. Wenn man so im Alten Testament und im Neuen liest, dann stellt man fest: es geht um Krisen, immer wieder, von Krise zu Krise geht Gott mit seinem Volk.

Eine dieser Krisen ist das Exil. Das Volk Israel ist verzweifelt, in der Deutungsnacht. Wie soll man den Verlust verstehen, das Verlieren aller Sicherheiten, und eine neue Situation mitten in der Fremde… In dieser Situation spricht Gott durch den Propheten Jesaja: „Schaut nicht mehr auf das, was früher war, auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht mehr schauen. Seht, ich schaffe Neues – schon sprosst es auf! Merkt ihr es nicht?“ (Jes 43, 18).

Ein bemerkenswertes Wort! Vorher hatte Gott durch Jesaja gesagt, dass in der Vergangenheit es immer Gott war, der sein Volk gerettet hatte – und es führte durch die Wüste, und durch alle Probleme hindurch. Und jetzt sagt er: darauf sollt ihr nicht mehr schauen. Und nicht etwa, weil das Vergangene schlecht war – im Gegenteil! Aber es ist nicht heute! Heute will Gott erfahren und gesehen werden – und heute schafft er Neues. Nicht wir müssen neues schaffen, das tut er, mitten vor unseren Augen. Gott fragt deswegen: „Merkt ihr das gar nicht?“ Nun ist es für Gott kein Problem: das Neue wächst durch ihn, auch wenn wir es nicht merken. Aber er möchte es mit uns sehen. Und damit das geschehen kann, können wir uns einlassen auf das, was er uns heute zeigt…

Die Ernte ist groß

Jesus sendet seine Jünger aus. Sie haben eine Wirklichkeit erlebt und im Herzen. Das Reich Gottes, das sie ergriffen hat, werden von Jesus gesandt: sie sind gesandt, diese Wirklichkeit anzukündigen („Das Reich Gottes ist nah“) und Kranke zu heilen. Spannend aber ist dabei der Kontext. Jesus sendet die Jünger „ohne alles“, ohne Mittel. Sie sind ausgesetzt, ausgesetzt den Begegnungen, die sie haben werden. Und Jesus fügt hinzu: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeitet… Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte zu senden…“

Das ist spektakulär. Denn die Sicht Jesu auf die Wirklichkeit sieht in den Menschen schon den Sinn und die Grunderfahrung für das Reich Gottes angelegt. Und damit spricht er von „Ernte“: es ist schon so viel da, und es will gehoben werden.

Das ist auch unsere Situation. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Gefüge und System des Kircheseins wiederherzustellen, zurück in eine Vergangenheit zu gehen, sondern eher entspricht unsere Situation der der frühen Christen und damit der Apostelgeschichte: wir wissen nicht genau, wie „Kirche“ geht, sondern es geht darum, sich vom Geist aus führen zu lassen und zu entdecken, wie der Geist heute wirkt. Und er wirkt.

Ich möchte einige solcher Erfahrungen erzählen…

  • Mich hat vor einiger Zeit eine junge Frau gebeten, eine Gruppe von Christen zu begleiten. Eine spannende Erfahrung: sie gehören alle zu einem christlichen Netzwerk einer großen internationalen Beratungsfirma. Sie sind immer unterwegs, an ganz unterschiedlichen Beratungsorten. Und sie treffen sich monatlich am Telefon, zu einem „biblecall“: am Telefon findet dann für eine halbe Stunde eine Bibelgespräch mit Gebet statt. Und zweimal im Jahr treffen sie sich, um an einem Ort geistliche Tage zu verbringen. Ich war und bin immer noch begeistert: die Sehnsucht nach Tiefe und die Freude, die ich bei diesen meist jungen Menschen erlebt habe, als wir und in Rom für zwei Tage trafen, hat mich berührt. Hier wächst Kirche in einer neuen Form und einer neuen Dynamik – aber ohne dass das für irgendjemanden sichtbar werden würde.
  • Ich denke an meine Erfahrungen in Taizé. Hier begegne ich einem neuen Paradigma von Kirche. Ja, denn hier können alle auf ihrem Weg ein Stück weiterkommen.; hier geschieht Tiefe des Gebets und alltägliches Leben. Hier wächst Gemeinschaft in intensiver Weise – und hier zeigt sich Identität des Christlichen, die offen ist für alle. All dies geschieht in einer Atmosphäre, die Menschen verändert und prägt. Und ja: natürlich ist dies nur eine Woche, und es scheint nur ein Event – aber in Wirklichkeit ist es wirklich eine Schule des Evangeliums, die jeden und jede freilässt undden Raum zum Wachstum schenkt.
  • Ich denke an katholische Kindertagesstätten, die ich kenne: selten so wie dort habe ich erlebt, was Kirche in Zukunft heißen kann: wie Menschen nach einer Atmosphäre für ihre Kinder suchen, die sie wachsen lässt – und wie in diesem Kontext Erzieherinnen im Team miteinander und mit Kindern ihren Glauben leben. Denn Kirche ist nicht an einen Ort gebunden, der einen Kirchtumr hat, sondern an Menschen, die im Namen Jesu verbunden sind und aus dieser Kraft leben. Hier zeigt sich, wie lebensraumorientiert Kirche in Zukunft sein will und wie ökumenisch sie ist – aber hier zeigt sich auch, wie – an einem solchen Ort etwas von der Kraft des Evangeliums bezeugt werden kann, dass Menschen berührt und weiterführen kann – auch wenn es manchmal nur wenige Jahre sind.

Solche Erfahrungen gibt es viele. Erfahrungen, die eine „flüssige Kirche“ zeigen, die starke Erfahrungen und eine dichte tiefe Identität bezeugen – aber eben nicht in den bisherigen Gefügen und nicht institutionell, sondern eher ereignisbezogen und immer ausgerichtet auf die Wirklichkeit der Menschen, mit denen zusammen das Evangelium entdeckt wird.

Bonhoeffers Prophetie

Diesen Wandel kann man schon lange sehen, und Dietrich Bonhoeffer hat ihn schon ihn schon 1944 gesehen. In einem beeindruckenden Brief schreibt er an sein eben geborenes Patenkind, bei dessen Taufe er nicht sein konnte:

„Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an dir vollzogen, ohne dass du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert…“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 435).

„Beten und Tun des Gerechten“, das beschreibt den Horizont christlicher Identität, auch heute. Klar wird hier auch, dass wir von dieser sehr existenziellen Perspektive aus neu denken und handeln müssen. Bonhoeffer sieht eine neues Paradigma des Christseins wachsen, das auch die Gestalt der Kirche und das Verstehen des Christseins prägt.

Grundorientierungen der Zukunft

Was Bonhoeffer geahnt hat, das wird heute bedeutsam, wenn wir uns abschließend fragen, welche Charakteristika eine Christsein der Zukunft haben wird.

  1. Zunächst und vor allem glaube ich, dass wir einen neuen Blick auf den Kern des Christseins werfen müssen. Und dieser Kern ist mystisch. Denn es geht darum, in uns und zwischen uns die Wirklichkeit Gottes zu entdecken. Mystik meint ja nicht zuerst eine bestimmte spirituelle Praxis oder intime Versenkung, sondern viel grundsätzlicher: es ist eine Einsicht in die Wirklichkeit, ein sich anvertrauen an diese Wirklichkeit, die Christus ist und die zwischen und lebt. Zu entdecken, dass dies die Mitte des Kircheseins ist, ist wesentlich: nicht eine Struktur, sondern eine lebendigmachende Wirklichkeit, die uns und unsere Beziehungen lebendig und erfüllt macht. Natürlich ist damit eine Praxis verbunden, die zugleich mystisch und alltäglich ist, sich überall ereignen kann, wo Menschen in tiefer Solidarität füreinander und miteinander leben. Wenn die Papst Franziskus von einer Mystik der Gemeinschaft spricht, dann meint er das.
  2. Ich denke, dass Glauben und Christsein in Zukunft nur im Werden gedacht werden kann. Glauben zu lernen, Schritte im Glauben zu gehen, das ist in Zukunft keine Sache von Kindern, sondern ist die Grundwirklichkeit aller, die „auf dem Weg sind“. Es sind keine planbaren Wege, wohl aber Schritte und Wege, die wirklich aus der Kraft des Geistes wachsen. Das hat aber Konsequenzen für die Gestalt der Kirche: sie wird weniger fertig sein, als vielmehr eine Kirche im Werden, die in vielfältiger Gestalt immer wieder anders und neu wird.
  3. Ein dritter Akzent: es geht immer um die Sendung, in der wir stehen. Und diese Sendung führt zu den Menschen. Und immer geht es darum, den Menschen nahe zu sein: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrängten jedweder Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“, so schreibt es das Konzil. Dort also, wo wir uns einlassen auf die Menschen und ihre Sehnsüchte und Fragen, wächst die Glaubwürdigkeit der Botschaft Christi, und wachsen auch neue und vielfältige Formen der Kirche – neue Formen des Miteinanders, die an unterschiedlichsten Orten wachsen können.

Das wird viele Konsequenzen haben. Viele Grundfragen des Christentums müssen neu bedacht, neu interpretiert werden – genau wie es Bonhoeffer ahnte. Kirche will neu verstanden werden, Glaube gewinnt eine neue Gestalt.

Das ist ein großes Abenteuer – es ist das Abenteuer des Wandels. Es ist das Abenteuer der Wandelnacht. Gehen wir los!

[1] Vortrag zur „Wandelnacht“ im Kloster Lüne am 30. Oktober 2019.

Eine außergewöhnliche Idee ist es ja eigentlich nicht. Theologische Studientage werden landab landauf mit tollen Referent*innen organisiert. Und dennoch: seit zwei Jahren bin ich Gast bei Theologischen Studientagen in Fribourg, die mich sehr beeindrucken. Und nein, es ist nicht zuerst die Qualität der Referent*innen, obwohl die spitzenmäßig sind. Es ist etwas anderes, was dem Gelingen zugrundeliegt…

Und das hatte mich schon im letzten Jahr sehr berührt. Wie kann eine so gastfreundliche und geistliche Atmosphäre entstehen, so viel Kreativität in den Begegnungen, so viel Freundschaft und Freude. Hier haben wir im letzten Jahr angefangen, über neue Formen theologischer Ausbildung nachzudenken – hier entstanden neue Freundschaften. Das hatte ich noch nicht so oft erlebt. Und das ist ganz bestimmt einer geistlichen Atmosphäre zu verdanken. Ganz bestimmt – denn hier geht es um Beziehungen zwischen Menschen, oder besser: um das Zwischen des Geistes in diesen Beziehungen, die alles so kreativ machen.

Das gute Leben und der Anspruch der Theologie

So auch dieses Jahr. Der Titel sprach mich eigentlich nicht an – The good life – und den Theologen Miroslav Volf kannte ich nur vom Namen. Und damit starteten diese Tage. Mit einem Manifest. Denn es geht darum, dass Theologie eine neue Perspektive bekommt. Volf positioniert sich hier klar: zum einen kann Theologie nur wirklich Theologie sein, wenn sie aus einer gelebten Christusnachfolge wächst. „Fides quaerens intellectum“ – das ist kein theoretischer Lehrsatz, sondern eine erfahrbare und lebbare Grundwirklichkeit. Aber Volf geht noch einen Schritt weiter. Seine Vision vom guten Leben beschreibt ja präzise jenen Glauben, der Erkenntnis sucht. Er verankert sie zwischen dem Garten der Schöpfung, von dem wir zu einer beziehungsreichen Existenz gerufen und gestaltet sind – mitten in den Zerbrechlichkeiten und Wunden der ambivalenten Weltzeiten – und der Vision des himmlischen Jerusalems, der Stadt als der Zukunft der Wohnung Gottes unter den Menschen.

Was Volf in den Vorlesungen beschreibt (und damit sein unlängst erschienenes Buch „Für das Leben der Welt“, Münster 2019 vorstellt), das ist ein Aufruf zum Nachdenken mitten in einer Krise hinein. Aber es ist – im Kontext dieser Tage – auch eine Raumbeschreibung für das Ereignis in Fribourg. Denn was Volf skizziert, das ereignet sich ja gerade in diesen Tagen. Ich mindestens empfinde es so. Ist echte und gute Theologie denn anders denkbar als in einem Raum der Gegenwart Gottes? Als in einem Raum, in dem das Reich Gottes wenigstens anfanghaft das Miteinander gründet? Ist nicht „Kirche“ der Wachstumsraum der Theologie? Denn das sollte ja Kirche sein – ein Raum, in dem Gott vorwegnehmend eine Erfahrung seiner Gegenwart unter den seinen ermöglicht, in allen Bezügen des Lebens, im Feiern, in der Achtsamkeit zueinander, im Feiern und Reden. Genauso erlebe ich es in diesen Tagen.

Die Logik von Mellitus

Und deswegen ist es nicht verwunderlich, wenn ich ganz gebannt Graham Tomlin in seiner kleinen Vorlesung höre. Denn im Januar war ich, waren wir, geflasht von der Theologenausbildung in St. Mellitus (https://christianhenneckehildesheim.wordpress.com/2019/01/20/18-monate/). Und deswegen wollte ich gerne hören, was das „Telos“ der Theolog*innenausbildung ist. Und ja – auch hier wurde schnell deutlich, dass das Ziel dieser Ausbildung ja nichts anderes ist, als daran zu dienen, dass Christen in der Reife ihres Zeugnisses in der Welt Gottes Gegenwart bezeugen. Und das Ziel der Theolog*innenausbildung ist genau diese Reife, diese Grunderfahrung die Theologie und Spiritualität, Gebet und Studium, Inhalt und Leben miteinander verbindet. Also auch hier…: Theologie und ihr Lebensraum, die Gegenwart des Auferstandenen, die alles durchdringt.

Der liebevolle Blick

Es war wirklich einer der Höhepunktw bei den Studientagen 2019 in Fribourg. Wim Wenders kam. Der berühmte deutsche Filmregisseur hielt einen Vortrag. Und es ging um den Film „Der Himmel über Berlin“, denn der hat den Fotografen und Filmemacher nachhaltig verändert. Für diesen Film hatte er von der theologischen Fakultät Fribourg einen Ehrendoktor in Theologie erhalten. Und erst jetzt, Jahrzehnte später, kam er nach Fribourg, um eine Gastvorlesung zu halten.

Ich höre überraschende Dinge. Zunächst und vor allem: es gab kein Drehbuch, sondern der Film hat sich Schritt für Schritt entwickelt. Aber es wird noch intensiver, was Wenders zu erzählen weiß. Im Film geht es um Engel – zwei Engel, die die Menschen begleiten, ihnen zuhören, mit ihnen auf dem Weg sind, aber nicht handeln können. Ja, denn sie sind ja die Augen Gottes auf diese Welt. „Und deshalb“, so sagt er es seinen Schauspielern, „müsst ihr einen liebevollen Blick auf die Menschen richten. Dieser liebevolle Blick, der muss in eurem Spielen erkennbar werden“. Sie waren erschrocken und verdutzt: wie soll denn ein solch liebevoller Blick aussehen, fragten sie sich. Das fragte sich auch der Kameramann von Wenders…: „Denn du musst dann, wenn die Kamera auf die Menschen fällt, die von den Engeln angesehen werden, diesen liebevollen Blick filmen“. Tausend Fragezeichen standen, so Wenders, dem erfahrenen Kameramann im Gesicht. Am Ende hatte er es geschafft: mit Licht und Ausleuchtung wurde auch für den Zuschauer erfahrbar, was gemeint war.

Das war der Anfang für etwas Neues im Wenders Leben: der liebevolle Blick wurde für ihn zum Qualitätsmerkmal seiner Filme. „Ich war nicht zufrieden, wenn ich merkte, dass das nicht so war.“ Wenders ist es dabei wichtig zu unterscheiden: der liebevolle Blick ist etwas anderes als der liebende Blick. Denn während der liebende Blick leidenschaftlich beteiligt ist und sich sehnend ausstreckt nach dem oder der Geliebten, so ist der liebevolle Blick anders: er schaut voller Liebe auf den Menschen, auf die Natur, auf irgendetwas und legt frei, was an Potential, an Möglichkeiten, an Tiefe in dem Anderen, in der Anderen, in der Sache liegt: ihre Geschichte, ihren Wert, ihre Kraft. Und dabei bleibt aber eine Distanz, die freilässt, was sie freilegt.

Wenders erzählt noch weiter, und ich hoffe, dass ich diesen Vortrag noch einmal meditieren kann. Aber schon das Gesagte lädt zum Innehalten ein. Diese Grundhaltung, die Wenders entdecken konnte, ist vielleicht das Wichtigste überhaupt, was uns in der Begegnung mit dem Menschen und der Welt zuwachsen kann. Ein Blick, der voller Liebe den Menschen erhöht, ihn zur Entfaltung und zum Blühen bringt. Ein Blick, der erkennt, welche Möglichkeiten und Geschichten im Gegenüber liegen, mit wieviel Respekt und Achtung jedem und jeder zu begegnen ist, immer im Interesse daran, dass der oder die Andere immer mehr sie oder er selbst wird.

Resonanz als soziale Theologie

Und dann war ich gespannt auf Hartmut Rosa. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Von seine Soziologie der Resonanz. Aber was ich erlebte, berührte mich zutiefst. Eine Soziologie der Resonanz gründet ja in einem zutiefst relationalen Wirklichkeitsverständnis. Es geht um ein „spürbares“, um ein „hörbares“ Phänomen, das Rosa mit großer Leidenschaft beschreibt. Und alles sind Geschichten, einfache Geschichten, zwischenmenschliche Erfahrungen. Die Art, wie Rosa sprach, entspricht total seiner Entdeckung – in lebendiger Zugewandtheit, in kreativer Wahrnehmung des Publikums und des Ortes, sodass diese Vorlesungen wirklich ein resonantes Geschehen waren.

Na klar, was Resonanz in der soziologischen Beschreibung ist, das soll hier nicht beschrieben werden. Das kann man allerorten nachlesen. Aber meine Resonanzerfahrung möchte ich einfach kurz andeuten. Ich war einfach erstaunt. Ich war begeistert und verwundert. Denn was ich hier von Hartmut Rosa hörte, das was eigentlich das, was mich überhaupt erst zum Christsein gebracht hat. Meine Grunderfahrung war doch die der … Resonanz: eine Erfahrung, über die ich mein Leben lang nachdenken muss, die ich aber auch immer wieder anzieht, die wirklich von Gottesnähe geprägt ist. Wenn also die Offenbarung des Johannes das himmlische Jerusalem als einen Ort beschreibt, in der der Herr inmitten der Seinen das Licht ist, das alles erleuchtet, wenn es wahr ist, dass es eine Erfahrung des „Gott mit uns“ gibt, wie sie die Evangelien in den Erfahrungen mit dem Auferstandenen reflektieren, dann lässt sich das soziologisch als Ort und Raum der Resonanz beschreiben. Und diese Erfahrung verwandelt das Selbstverständnis des Menschen und seiner Beziehungen. Sie kommen nicht irgendwie dazu, zu einem Selbststand – sie sind das Wesen. Und während ich Rosa lausche, fallen mir die Denkversuche von Klaus Hemmerle und seiner trinitarischen Ontologie ein, fällt mir die erfahrungsgesättigte Theologie der Kirche ein, die zur Dreifaltigkeitslehre führte und ihrer Rede von der Perichorese. Und ich denke: Rosa, das ist der Soziologe, der mir meine Grunderfahrung der Gegenwart des Auferstandenen von der anderen Seite, von der soziologischen Rückseite erschließt.

Und ich staune. Das sind nun wahrhaft Zeichen der Zeit, die im Licht des Evangeliums tönen: menschliches Leben findet seine Fülle dann, wenn Resonanz ist, wenn es klingt, wenn die Zeit zwischen und erfüllt ist – und das Leben.

Spannend ist auch, dass sich die Grammatik weiten muss, um diese Erfahrung aufzunehmen.

Nein, Resonanz lässt sich nicht herstellen. Sie entstammt nicht einem aktiven aggressiven Zugriff auf die Wirklichkeit, aber sie ist eben auch nicht passives Erleiden und überwältigt werden. „Es ist Medium-Passiv“, meint Rosa, und drückt damit exakt die Erfahrung aus, die man in der Theologie mit einem alten Wort „Gnade“ nennt.

Summa

Und wie das tönt! Diese Tage sind kreativ, sie wecken auf, zu neuer Leidenschaft, zu einer neuen Theologie, zu einem neuen Leben. Und ich spüre Dankbarkeit und Herausforderung. Dankbarkeit dafür, dass die Wege sich öffnen für eine neue Perspektive des Lebens und Denkens. Es wird mir aber auch immer deutlicher, dass im Blick auf die Theologie und das theologisieren neue Wege nötig werden. Die Erfahrung von St. Mellitus, die Erfahrungen theologischer Studientage und andere Erfahrungen des Miteinander Denkens bereiten neue Schritte vor, die sehr herausfordernd sind. Vor allem dann, wenn es darum gehen könnte, Leben und Denken, Existenz und Theologie in ein neues Zueinander zu bringen. Es könnte ja sein, dass sich dann Widerstände regen. Gut begründete, wie immer. Aber eben auch deswegen, weil bewährte Gleichgewichte Auseinanderfallen und Verluste befürchtet werden.

Und ja, es kann nicht sein, dass wir pastoral von einem tiefgreifenden Paradigmenwechsel ausgehen, das aber unser Denken und unsere Orte der Theologie nicht ebenso tiefgreifend verwandeln sollten… Ich bin gespannt darauf.

 

 

Ich bin überrascht. Und ich bin neugierig. Sehr neugierig. Denn was M7, so kürzt sie sich ab, mir erzählt, lässt mich staunen und fasziniert sein. So etwas gibt es? Sie erzählt mir von einem wachsenden Netzwerk. In einem der großen Beratungsunternehmen hat sich ein christliches Netzwerk gebildet. Menschen, viele jüngere, Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Kirchen, verbinden sich, um ihr Christsein in ihrem Unternehmen, bei ihrer Arbeit zu leben. Eine sehr herausfordernde Arbeit, eigentlich fast immer Arbeit.

Und da kommt dieses Netzwerk in den Blick: wie können wir Zugehörigkeit erfahren? Wie können wir unseren Glauben leben, in Gemeinschaft? Wie kann dieser Glaube wachsen?

„Fast jeden Monat machen wir einen Bible-call“, erzählt M7. „Wir treffen uns am Telefon, jemand gibt einen kurzen biblischen Impuls, und dann tauschen wir uns aus… Eine halbe Stunde. Und wer dabei sein kann, logt sich ein in die Telefonkonferenz.“ Bibelteilen am Telefon. „Würden Sie einmal das mit uns machen?“ Na klar. Und schon wenig später darf ich – ich fühle mich sehr geehrt – einmal einen kleinen Impuls geben. Ich bin ein wenig erstaunt, wie still und ruhig diese agilen Beraterinnen und Berater sind. Am Ende beten wir. „Mögen sie uns segnen?“ Und so schließt dieser Call mit einem Segen.

In Rom…

Aber das ist noch nicht alles. „In Abständen treffen wir uns auch für zwei Tage, zu geistlichen Tagen. Würden Sie das einmal mit uns machen?“ Ich bin begeistert. Natürlich, wenn es möglich ist. Und so bin ich jetzt mit 20 Beraterinnen und Beratern in Rom. Ich habe nichts organisiert, aber die Vorbereitungsgruppe hatte mich um Tipps gebeten. In welcher Stadt? „Genf, Rom und London könnte ich mir vorstellen“, hatte ich zurückgegeben. Weil es ja eine ökumenische Gruppe ist, dachte ich an diese Orte. Und siehe da: die Wahl fiel auf Rom.

Und eine Vorbereitungsgruppe überlegte – auch mit mir -, was alles vorzubereiten ist. Beziehungen kamen ins Spiel, Talente und Connections. Und so entstand ein wahnsinnig dichtes Programm. Auch ich konnte mich einbringen. Ich organisierte einen ökumenischen Gottesdienst in St. Peter (was schon der Überzeugungsarbeit bei den Verantwortlichen bedurfte, aber dann problemlos war), und eine theologisch-geistliche Führung durfte ich auch gestalten. Und es kamen andere Orte und Treffen dazu: Begegnung und Gottesdienst mit San Egidio, Gartenarbeit im Projekt der „ecumenical gardens“ und eine Begegnung mit Erzbischof Gänswein, den jemand recht gut kannte.

Und schließlich sollte das Treffen dazu dienen, über die Zukunft des Netzwerkes nachzudenken, dass immer mehr wächst und inzwischen über 100 Personen zählte. Summa summarum: in knapp zwei Tagen ganz große Dichte, voller Erfahrungen, voller Begegnungen und reichen Gesprächen.

Freude

Schon am ersten Abend, ja schon im Vorfeld bei der reichen Mailkorrespondenz, fiel ein Wort immer wieder. Ein typisch christliches Wort, das aber in vielen christlichen Kontexten so oft gar nicht fällt. „Freude“, „Vorfreude“ – und das passte zu den Gesichtern, zur Energie und Kraft, die diese Gemeinschaft verströmte. Und das beeindruckte mich durchgängig in diesen Tagen direkt vor Pfingsten. Ja, der Geist der Freude, der Geist des Aufbruchs, der war hier immer wieder spürbar. Und eine Grundhaltung, die diese Tage als Geschenk entgegennahm. Das Staunen und das Sich-einlassen auf neue Erfahrungen, die Offenheit für ungewohntes, die Lust am Entdecken und Verstehen – eine solche kreative und pfingstliche Atmosphäre machte aus diesen Tagen eine tiefe geistliche Erfahrung.

Anders, als würde man in ein Kloster gehen und schweigen: wenn ich hier als geistlicher Begleiter eingeladen worden war, dann vor allem darum, um als „Mystagoge“ mitzuwirken: auszuleuchten, welches Geheimnis uns umgibt, welche Geschichte der Gegenwart des Auferstandenen uns bewegt, durch alle Zeiten, im Rom des Petersdoms wie in der Erfahrung einer Aufbruchsbewegung wie San Egidio. Aber das war gar nicht schwierig, weil alle Antennen dieser beeindruckenden Christinnen und Christen auf Empfang standen – und empfingen.

Mehr als erwartet: denn so ist es ja immer. Am Mittwoch vorher, auf dem Petersplatz, konnte die Vorhut dem Papst eine „Netzwerkbibel“ zeigen: die Lieblingsstellen aller Netzwerker*innen gemarkert. Und Papa Francesco segnete diese Bibel, und hörte kurz die kleine Geschichte des Netzwerkes. „Go weiter“, kommentierte er. Ich hörte diese Geschichte und dachte: das ist wie eine Gründungsgeschichte, die sich hier zeigt: die Wortes des Papstes als ungeheure Ermutigung zum Weitergehen, und die Bibel als Grund des Weges.

Die Zukunft der Kirche

Und wenn wir am Samstagmorgen uns auf der herrlichen Terrasse von Santa Maria Bambina direkt am Petersdom trafen, um über die Zukunft der Kirche und des Netzwerkes nachzudenken, dann geschah dies in einer Atmosphäre voller Kraft, voller Energie und voller Gebet. Und ja, dann ist es überhaupt nicht mehr schwer, von der Zukunft zu reden. Denn sie ist ja schon Gegenwart. Alle meine Erfahrungen, die ich erzählen sollte, vom Bibelteilen, von den Small Christian Communities bis zu den Fresh expressions of church – sie waren nichts als eine konsonante Erzählung zu allem, was wir schon gemeinsam in diesen Tagen erfahren hatten: das gemeinsame Essen im inklusive Restaurant der Gemeinschaft San Egidio, die Gebete auf der Terasse, die Liturgie in S. Maria in Trastevere, das Gärtnern in einer ökumenischen Initiative.

Und natürlich die Audienz mit Bischof Gänswein, und eine unerwartete Viertelstunde allein in der Sixtina…

Und ich? Ich war im „Wir“. Denn der Geist Gottes ist ja so: wo er wirkt, verbindet er Menschen. Ich war eigentlich nicht mehr Begleiter, ich war einer unter Brüdern und Schwestern. Alles also ganz einfach, und mit pfingstlicher Geistkraft. Und ja, ich genoss diese Gemeinschaft, und sobald ich dann wieder nach Hause flog, vermisste ich diese wunderbaren und feinen Menschen.

Pfingstliche Rosen

Am Pfingstsonntag war ich wieder zu Haus, aber einige waren am Morgen zum Pantheon unterwegs. Ich konnte es über die Whatsapp-Gruppe verfolgen. Im Pantheon regnet es Rosenblüten im Gottesdienst zu Pfingsten. Und ich sah die Christen@Rom, wie sie die Rosenblätter genossen. Und einfach glücklich waren. So ist das Geschenk von Pfingsten, durch das Kirche entsteht. Ganz frisch, ganz einfach, ganz ursprünglich.

Und das ist schon Gegenwart in dieser neuen Form gelebter Kirche, in deren Mitte die Geistkraft ihre Stärke zeigt, Heimat schenkt, ermutigt. So ist Kirche der Zukunft. Schon jetzt. Und eigentlich immer.

 

 

 

Der Beamer wirft seinen Text auf die Bibel: empowering people – so lautet der Text, der sich quer auf der Bibel befindet, die Steve in der Hand hält. Damit ist viel, damit ist fast alles gesagt. Zumindest über die Quelle, aus der hier alles kommt. Denn in der Tat: sie ist der Ur-Sprung.

Wir sind hier in einer leergeräumten Kirche, die aber alles andere als leer ist. Das war vor 10 Jahren noch anders. Da hatte die evangelische Pfarrei in Moabit diese Kaiser-Wilhelm-II-Kirche geräumt und aufgegeben, unter großen Schmerzen und Druck. Vieles drumherum, das Pfarrhaus und das Pfarrzentrum waren baufällig, der Kindergarten geschlossen. Mitten im sozialen Brennpunkt Berlin Moabit. Und als alle Zeichen schon kurz vor Verkauf standen, da stand Steve vor der Tür…

Und sah. Hinter ihm schon ein langer Weg: Ausstieg aus dem Beruf, Einstieg in ein theologisches Studium. Und das alles angetrieben durch eine Vision und eine klare Richtungsentscheidung: eigentlich braucht es eine neue Art des Christseins, des Kircheseins – eine Gemeinschaft, die anders die Sendung Jesu lebt. Nein, es kann nicht einfach in das „normale“ Pfarramt gehen. Und so bildete sich eine kleine Gemeinschaft schon während des Studiums. Sie wollten in Gemeinschaft weitergehen.

Und Steve erzählt spannend von der Ursprungsvision: es geht um die Kraft de Gegenwart Christi, die Menschen verbindet – und um den Geist, der antreibt. Es geht um die Kirche! Es geht ihm die Präsenz des Auferstandenen in seinem Leib.

Wie oft mir das begegnet: in ganz vielen Aufbrüchen. Es geht eben nicht Strukturreformen, es geht um den Ursprung, die gründende Wirklichkeit, den Geist, der spürbar ist, verbindet und sendet. Also um den pfingstlichen Grundimpuls.

Steve und Ellen erzählen, und es ist, als könne man erkennen, wie sehr alles ineinanderfließt: die tiefe Ursprünglichkeit des Osterglaubens und seiner Erfahrung, die Begabung zur weiten Vision und die Erdung am konkreten Ort. Das gehört zusammen. Und das zeigt sich auch: in einer wunderbaren und feinen Willkommenskultur, in der intensiven Verortung im Stadtteil, die dazu geführt hat, dass dieses Projekt weit mehr ist als eine „Kirche“: sie wird zum Ort, an dem Menschen, Initiativen und Bewegungen andocken können; hier entstehen neue Projekte, die dem Stadtteil zu Gute kommen; hier wird ein Kindergarten neu gebaut, der Kindern neue Chancen gibt. Und… es entsteht ein „Konvent“, eine Community, die ein gemeinsames Leben wagt.

Das Wort: empowering People…

Inspiriert… durch das Wort Gottes. Das nämlich nimmt Steve zur Hand, und es ist in der Tat ein Grundzug der Innovation an diesen Ort und an allen Orten, dass immer wieder die Schrift, das gemeinsame Hören, das Unterscheiden der Wege im Licht des Wortes  eine konstitutive Rolle spielt.

Wir sind beeindruckt! Die Referent*innen der Pastoralabteilung meines Bistums sind berührt von diesen Anfängen, und es wird auch klar, dass wir dieses gemeinsame Vergewissern des Ursprungs auch brauchen, dass auch wir ne gemeinsame Sendung haben, dass auch wir teilen wollen. Das wird auch uns verändern.

Merkmale eines Aufbruchs

Aber noch mal zurück. Vor 10 Jahren haben wir in England die freshX Bewegung kennen gelernt und waren fasziniert. „Mind the gap“, sagten wir damals. Man kann es nicht einfach übertragen… und man kann es nicht machen, das war sofort auch klar. Und deutlich war ja auch, dass es hier einen Prozess über lange Jahre gab, auch sehr schmerzhaft, weil nämlich am Anfang keineswegs nur Jubel da war über die verrückten Aufbrüche. Mehr und mehr aber machten sich Bischöfe diese Aufbrüche zu eigen, öffneten Räume und schufen ein Klima, in dem diese Perspektive frischer neuer Kirchenformen sich entwickeln konnte.

Und zu vergessen war auch nicht: dass es neue Formen der Kirche gibt, hängt auch damit zusammen, dass vieles „Klassische“ in der anglikanischen Kirche gestorben war… Schon länger…

Aber 10 Jahre später stehen wir mitten in Berlin. Und ja, man könnte sagen, dass hier inzwischen, wie in vielen anderen Städten, eine Welle von kirchlichen Aufbrüchen zu spüren ist. Und ihre Entstehung ist – immer auch – komplex: ein Kairòs, ein Zusammentreffen vieler „Zu-fälle“, die erst zusammen das Puzzle der Innovation bilden

  • Begeisterte Visionär*innen und Charismatische Menschen, die miteinander einen Traum in die Welt bringen
  • Verwurzelung und Inkulturation in einem bestimmten Kontext – sich gesendet wissen zu den Menschen
  • Der leere Raum, der durch das Sterben klassischer Modelle frei wird
  • Die „richtigen“ Leute, die sich dann um den Kern dazugesellen mit ihren Talenten
  • Das Commitment eines „Bundes“, der Menschen verbindet
  • Und schließlich: andere „Erlaubnisgeber*innen“ und Sympathisant*innen in der größeren Organisation, die durch die kritischen Synodenjungel leiten.
  • Es ist immer die Schrift, die Menschen ermutigt, in Bewegung bringt und verwandelt.

Das ist alles nicht ausrechenbar, aber es geschieht immer wieder. Und es zeigt eines an: Es ist nicht das Geld, das Erneuerung machen kann – aber ohne Geld geht es nicht. Es ist nicht die Institution und Organisation, die es planen kann – aber ohne sie geht es nicht. Man braucht kein Politiker sein – aber ohne Sympathisanten in diesem Bereich geht es nicht.

Und schließlich: es fordert alle Gaben und Kräfte – aber es ist immer ein Geschenk. Das ist das Faszinierende an der Erneuerung, die schon da ist, mitten unter uns. Und wir haben vor allem eine Aufgabe: uns selbst zu fragen, welches unser spezifischer Dienst daran ist (Charismatiker, Erder, Wegöffner, Ermöglicher, Pionier, Geschichtenerzähler, Vernetzer) – und alles dafür zu tun, dass das, was Gott schenken will, auch angenommen wird.

1… 2… 3

Und schließlich spricht Steve davon, dass hier ein dritter Ort des Kircheseins entstanden ist. In der Diskussion in der Berliner Kirche ist das ein geläufiges Reden: Dass neben den 1. Orten (Kirchengemeinden) auch 2. Orte (Einrichtungen) existieren und neue (3.) Orte entstehen können. Das macht deutlich: die vielen unterschiedlichen und nicht aufeinander reduziblen Orte bilden zusammen jenen „Polyeder“, jenen viel-seitigen Diamanten ab, der Kirche ist – und der nur gemeinsam jenen Christus bezeugt, um den es ja geht.

 

 

Immer noch Mellituscollege… Schon bei meinem ersten Besuch fragte ich mich, wie denn die Priester*innenkandidaten in England ausgesucht werden. Und dieses Mal – bei unserem Besuch am College und beim Mitleben mit dieser fantastischen Gruppe motivierter junger Leute, voller Leidenschaft für den Glauben und Lernlust für Theologie – stellte sich mir die Frage noch mal mehr. Woher kommen diese Studierenden – wie findet ihr die?

Ein faszinierender Weg der Berufungsfindung

Natürlich. Wenn neue Formen von Gemeinschaft und Kirche aufbrechen, aber auch wenn in gewachsenen Pfarreistrukturen begeisterte Priesterinnen und Priester, Pastoralworkers oder Engagierte wirken, dann werden auch junge Menschen aufmerksam. Und vor allem dann, wenn der Glaube in Wachstumsprozesse treten kann: wenn „discipleship“ zu einer Kultur des Christwerdens führt, dann werden Menschen aller Altersgruppen sich nach ihrem Weg, nach ihrer Berufung fragen.

Aber wie funktioniert das dann in England bei den Anglikanern? Es ist – so wurde uns im Gespräch mit Graham Tomlin deutlich – ganz anders als bei uns. Und es hat schon überrascht, von ihm zu hören, dass ein Berufungsprozess nach klaren Kriterien verläuft, und die haben es in sich…

Das ist die erste kleine Bombe, die Tomlin bei uns zündete… Und in der Tat. Wer diese Kriterien liest (https://www.churchofengland.org/sites/default/files/2017-10/selection_criteria_for_ordained_ministry.pdf), der kann nur erstaunt und begeistert sein: Detaillierte, aber transparente Kriterien zur Berufungsfrage (1), zum Engagement in der Kirche von England (2), und damit zur Frage der Inkardination in einen spezifischen kirchlichen Kontext, die Frage nach der eigenen Spiritualität (3), nach Persönlichkeit und Charakter (4), nach Beziehungsfähigkeit (5), Selbstwirksamkeit und Leadership, aber eben auch nach einer Teamfähigkeit (6), dem eigenen Glauben und der „generous orthodoxy“ (7), nach einer missionalen Ausrichtung (8) und dem eigenen Mindset und dem Denkvermögen (9), bilden einen Kranz von Wachstumskriterien der Berufung, der allen Kandidat*innen die Ernsthaftigkeit, aber auch die Objektivierbarkeit ihrer Eignung oder Nichteignung vermitteln.

Was für ein Unterschied das macht, ist mir beim Besuch in Mellitus aufgefallen, auch dem Regens, der mit uns war: soviel Freude und Energie und Leidenschaft ist nicht überall zu finden…

Ein längerer Weg… 

Und wie geht das nun konkret? „18 Monate dauert es in der Regel, unser Assessment“, so erzählt Graham Tomlin. Und wie genau, berichtet er uns in kurzen Skizzen.

  • Ein Kandidat, eine Kandidatin meldet sich bei Ihrem Pfarrer/Pfarrerin. Die Begegnung setzt voraus, dass die Kandidat*innen schon in einem kirchlichen Zusammenhang mitleben, denn die Frage nach der Berufung ist auch immer eine Frage, ob die jeweilige community die Berufung entdecken kann. Fragen wie diese: „Ist eine echte Lebensveränderung mit der Berufung einhergegangen?“, machen deutlich, dass hier auch vorausgesetzt ist, dass jemand eine gewisse Reife im Glauben und in seinem kirchlichen Leben hat, und auch andere ihn und seinen Charakter erkennen können. Das Gespräch mit dem Pfarrer kann zu einer Empfehlung führen, den Assessmentweg weiter zu gehen.
  • Auf diözesaner Ebene gibt es einen Verantwortlichen, der im Namen des Bischofs das Gespräch mit dem möglichen Kandidat*innen führt. Die Kriterien sind immer dieselben, aber es gibt eine intensivere Begleitung der Kandidat*innen auf ihrem Weg. Erfolgt hier ein „go“, empfiehlt der Bischof den Kandidaten der anglikanischen Kirche als ganzer.
  • Der dritte Schritt ist deswegen ein Assessment auf nationaler Ebene. Ein dreitägiger Prozess mit Kandidat*innen aus den verschiedenen Diözesen der Kirche von England findet mehrmals im Jahr statt. Ausgebildete Begleiter*innen gestalten diesen Kurs, bei dem auch die Teamfähigkeit eine wichtige Rolle spielt. Dieses Ausbildungsteam meldet dann an den Bischof zurück, ob es eine Empfehlung oder Ablehnung, oder eine eingeschränkte Empfehlung gibt…

Natürlich ist der Bischof frei, auch abgelehnte Kandidat*innen studieren zu lassen, klug wäre es in keinem Fall. Die Kandidat*innen haben in den meisten Fällen die Freiheit, Ihren Studienweg frei zu wählen – es gibt sehr unterschiedlich profilierte Colleges in der Kirche von England, von sehr akademischen hin zu sehr pastoralen, von evangelikalen über liberale hin zu katholisch geprägten. Oder eben zu Mellitus…

Wenn von 700 Student*innen fast 300 Mellitus wählen – was sagt das dann aus. Sehr beeindruckend ist diese Resonanz, und sie zeigt die Attraktivität eines Studienwegs, der schon längst nicht mehr in den Anfängen ist… Und was bedeutet das für uns?

Und wir?

Die Frage nach der Berufung und der Eignung der Kandidatinnen ist die Kernfrage. Und bislang erlebe ich hier eine theologische Unsicherheit, die es in Zukunft so nicht geben darf. Von daher inspiriert mich das Beispiel aus England – und eigentlich ist es nicht so schwer, hier einen neuen Weg zu bahnen, der allerding emotionale Muster sprengt.

Und ich erlebe, dass die Suche nach neuen Wegen der Ausbildung auch verknüpft ist mit weiteren grundlegenderen Fragen: sind wir als Kirche weiterhin im Bestandssicherungsmodus, oder darf man nach vorne träumen zu einer mixed economy verschiedenster Formen der Kircheseins, nach neuen Rollen für Pfarrerinnen und pastoralen Mitarbeitern, nach mehr Gemeinschaft und mehr Individualität in Ausbildungswegen, nach mehr Vertrauen in den Geist der Lernlust.

In England hat sich unsere ökumenische Gruppe anstecken lassen. Aber – es geht nicht nur um Ausbildung, es geht um eine andere kirchliche Kultur, andere Haltungen, andere Perspektiven. Es geht um Mut, und um geduldiges und zugleich kraftvolles Weitergehen.

Ich hoffe, dass angesichts kollektiver Ratlosigkeit und auch einer bestimmten Zurückhaltung zur Veränderung, neue Schritte möglich werden…