Irgendwie ein schräger Gedanke. Mir ist schon klar, was gemeint sein könnte. Natürlich weiß ich auch, dass es mannigfach Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft gibt: Kirchenmitgliedschaftsstudien der evangelischen Kirche korrespondieren mit den reichen Ergebnissen und Fortschreibungen der Milieustudien. Sie alle bieten Erkenntnisse, die wichtig sind – aber nicht auf die Frage antworten, wie und wann Katholiken ihre Kirche brauchen.

Und es irritiert mich durchaus, was ich da lese. Denn die erste Frage, die mindestens grundlegend zu beantworten ist, wäre doch: gibt es gewissermaßen isolierte katholische Konsumenten, die dann ab und zu eine Kirche brauchen? Aus welchen Gründen immer? Wie muss man Kirche denken, damit ein solches Gedankengefüge funktioniert, frage ich mich. Dann ist Kirche also eine Institution mit Angeboten? Oder noch schärfer: ist Kirche eine Versorgungsinstitution, die sich dann in Kirchengemeinden als Filialen darstellt?

Ich gebe gerne zu: man kann das so sehen, aber man kommt dann leider nicht über eine Neuauflage klassischer Angebot-Nutzer-Beziehungen (früher: Klerus/Profis-Laien/Konsumenten) kaum hinaus.

Ich gebe aber auch gerne zu bedenken: es ist alles andere als voraussetzungslos und unschuldig, mit so einem Paradigma zu denken. Mir graut davor, wenn ich das durchdenke. Der lange Schatten des Vorvatikanums feiert neue Urstände.

Ein paar weitere Beispiele aus dem Interview: Die Frage nach dem religiösen Bezug von Taufe und Sakramenten setzt ein interessantes Verständnis von „Religiösität“ voraus. Völlig ungeklärt in diesem Kontext, was das hier meint! Zu bemerken ist also, dass hier mit ungeklärten oder doch nur vermeintlich klaren Grundbegriffen das Thema Kirchenaustritt und Relevanz beschrieben wird – und im letzten Kirchlichkeit reduziert wird auf Vereinsmitgliedschaft und Engagement in klassischen Gemeindesettings. Mit anderen und scharfen Worten: wer mit diesen Voraussetzungen arbeitet, kommt zu keinem Paradigmenwechsel. Es bleibt bei der Modellreihe, die weiter entwickelt und optimiert wird: Vom Iphone 6 zu Iphone 7. Das ist aber zu wenig.

Der Wandel ist tiefer. Es braucht eine Umkehr des Hinschauens. Es ist doch nicht so, dass Kirche etwas „vorgegebenes“, zu dem dann Menschen kommen sollten und sich bedienen oder versorgen. Es ist doch vielmehr, dass sich soziologisch so einfach nicht entdecken lässt, wenn man Kirche und Glauben als Teilsegmente des Lebens betrachten will (was man soziologisch mit bestimmter Theoriebildung ja kann). Ich fände es riskant, wenn wir uns pastoral unbesehen mit diesen Voraussetzungen arrangieren.

Ach ja. Das fehlte ja noch. Die Untersuchung der Gottesdienstbesucher. Unser ewiges Thema. Dass wir in einem tiefen Wandel stehen, ist bekannt. Wieso also ist verwunderlich, dass immer weniger Menschen die Eucharistie mitfeiern, wenn sie nie einen Zugang gefunden haben? Aber umgekehrt gilt ja auch: wer je adressatenorientierte und kontextsensible Liturgie gefeiert hat, wer je Segensgottesdienste gefeiert hat, der weiß: die Sensibilität und Suche nach Segen ist ungeheuer groß, und die Schätze unserer eigenen Tradition sind noch lange nicht ausgepackt.

Wie lese ich diese Situation? Meine Erfahrung mit „Kasualien“ ist eine andere. Natürlich treffe ich nicht auf ausgefeilte spirituelle Konzepte und klassische Religiosität, von der ich ohnehin mit Bonhoeffer glaube, dass sie nicht normativ für das Christentum sind. Aber ich treffe auf Menschen, die sich sehr genau überlegen, warum sie eine christliche Feier ihres Anlasses suchen. Und wer nur einmal genau zuhört, entdeckt eine tiefe oft unsprachliche Erfahrung, die enthüllbar ist in einer christlichen Mystagogie. Das postmoderne Paar, das ich neulich trauen durfte, die Beerdigung des sardischen gelataio hat mich immer staunend entdecken lassen, wie tief der Gott der Liebe diese Leben berührt und sie deswegen nach einer liturgischen Form suchen, in der dies ausdrückbar ist.

Und dann – die oberflächliche und fast blinde Rede von der Kirche als Dienstleister. Ich verstehe nicht, welche Richtung hier gemeint ist. Denn: wenn ich das Engagement in Kindertagesstätten, in den Einrichtungen der Caritas, der Familienbildungsstätten, Schulen und anderen Einrichtungen sehe – und die ungeheure Resonanz, die dies auf Menschen hat, dann frage ich mich, wie man ernsthaft auf den Gedanken kommen kann, Kirche sei an dieser Stelle nicht relevant. Im Gegenteil: gerade hier begegnet das Evangelium der heutigen Kultur, den Menschen in Freude und Leid – und gerade hier wird die Sendung der Kirche lebendig – und hier wächst sie.

Ich möchte erinnern, dass die Rede von der Dienstleistung im ekklesiologischen Kontext einen guten Ruf hat. Aber – auch Lumen Gentium 4 darf man ganz lesen. Denn da steht nicht, dass die Kirche „Communio und ministratio“, Gemeinschaft und Dienstleistung sei, sondern: „Der Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der Gläubigen wie in einem Tempel (vgl. 1 Kor3,16; 6,19), in ihnen betet er und bezeugt ihre Annahme an Sohnes Statt (vgl. Gal 4,6; Röm 8,15-16.26). Er führt die Kirche in alle Wahrheit ein (vgl. Joh 16,13), eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung, bereitet und lenkt sie durch die verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben und schmückt sie mit seinen Früchten (vgl. Eph 4,11-12; 1 Kor 12,4; Gal 5,22).“ Grandios, wie das verkürzt wird. Hier ist eine charismatische Perspektive der Kirche benannt – das Handeln des Geistes, der immer Kirche aufbaut, gerade durch die tiefe Gottesberührung und den Dienst am anderen. Meine Erfahrung mit sozialdiakonischen Engagement ist genau diese. Es ist keineswegs so, dass hier viele Getaufte und Ungetaufte nur Angebote abfragen – ich erlebe unglaublich tiefes Engagement im freitätigen Bereich. Und ich frage mich, ob die soziologische Rede von soziokultureller Qualität, nach der verlangt wird, nicht das Wesen des christlichen Glaubens und der Kirchlichkeit beschreibt? War es nicht so, dass Gott Mensch geworden ist, Beziehung erlöst hat, und mitten unter den Menschen ist? Wäre es nicht denkbar, dass gerade die Sozialiät eine christliche Mystik der Gemeinschaft widerspiegelt. Wieviel mehr aber auch wie anders als die blasse Rede von Religiosität ist das?

Ganz zweifellos sind Gemeinde in ihrer klassischen Konfiguration nur ein Akzent der reichen Kirchlichkeit in unserer Kultur. Und zweifellos wird ihre Bedeutung in den nächsten Jahrzehnten abnehmen – weil eine bestimmte Kultur des Christseins stirbt zugunsten neuer Wege. Aber – so einfach ist das auch nicht. Auch in vielen Gemeinden zeigt sich ein bemerkenswerter Transformationsprozess. Das hohe Engagement in vielen Initiativen macht deutlich, dass wir es mit einem ganz normalen Phänomen zu tun – dem Phänomen von Sterben und Auferstehen. Und umgekehrt erlebe ich beglückend, wie dieser Geist immer mehr Menschen zu Ekklesiopreneuren macht.

Das Problem dabei: man braucht ein neues Mindset. Genau das fehlt mir hier. Denn Katholiken sind Kirche – und sie wird sich neu konfigurieren aus der Energie der vielen, die sich engagieren, nach innen und außen. Und wenn Kirche dann ganz anders würde? Unbekannt und kreativ, fremd und neu Heimat gewährend? Ich erlebe sie schon so an vielen Orten. Kein Mangel – nirgends.

Für eineinhalb Stunden hat sich der Papst mit dem neuen General der Jesuiten und seinen alten und neuen jesuitischen Mitbrüdern in der Kurie getroffen. Nach einer kleinen Rede kam es zu einem einfachen, freien und herzlichen Gespräch geführt. Mit unvorbereiteten Antworten auf Fragen der Mitbrüder. Leider gibt es dieses Gespräch erst am 10. Dezember in der italienischen Herder-Korrespondenz – „La civiltà cattolica“. Auch hier ist es Antonio Spadaro, der dokumentiert. Und so weit ich hoffen kann, wird dieses Interview auch ins deutsche übertragen werden. Es wäre wichtig.

Prophetisch sein

Einen wichtigen Akzent setzt der Papst ganz am Anfang des Gesprächs. Die Frage lautet: „Sie sind ein lebendiges Beispiel prophetischer Kühnheit. Wie schaffen sie das, sie so wirksam ins Leben zu bringen? Und wie können wir das auch tun?“ Der Papst: „Der Mut besteht nicht nur darin, Lärm zu machen, sondern auch darin, dass man weiß, wie man es macht. Und vorher vor allem muss man gut unterscheiden, ob man  Lärm machen soll oder eben nicht. Mut gehört ja wesentlich zu jeder apostolischen Sendung. Und heute – mehr als je – ist es notwendig, Mut zu haben und prophetische Kühnheit. Es braucht eine Freiheit und Authentizität der Rede, die ganz im Heute ist. – die prophetische Kühnheit hat keine Angst…“ Der Papst unterstreicht dabei, dass immer gut unterschieden werden muss, was „dran “ ist. Und eine der wichtigsten Herausforderungen sieht er in der Inkulturation: „Also muss heute unsere prophetische Kühnheit, unser Bewußtsein, sich ausrichten auf die Inkulturation. Und unser Bild und unsere Vorstellung ist ja nicht die Kugel, sondern der Polyeder (eine dreidimensionale Form mit vielen verschiedenen Flächen). Mir gefällt die geometrische Figur des Polyeders, denn er hat verschiedene Flächen und Anscihten. Genau so ist es nämlich: die Einheit gelingt, indem man die Identität der Völker und Personen bewahrt. Und genau das ist der Reichtum, den wir dem Prozess der Globalisierung geben müssen, der sonst uniformierend und zerstörerisch wird.

Inkulturation

Die Hermeneutik der Inkulturation war – so der Papst – in der Kolonialzeit geprägt durch das Ziel, „die Bekehrung der Völker zu suchen, die Kirche zu erweitern – und damit wurden die indigenen Eigenheiten vernichtet. Das war eine zentralistische Hermeneutik, wo das herrschende Reich in gewisser Weise  seinen Glauben und seine Kultur auferlegte. Es ist verständlich, dass man dieser dieser Epoche so dachte, aber heute ist eine grundsätzlich andere Hermeneutil absolut notwendig. Wir müssen die Dinge in einer anderen Weise interpretieren: jedes Volk würden, sein Kultur, seine Sprache“. Der Papst erzählt auch von den Versuchen der Jesuiten der Vergangenheit, die gebremst wurden von einem römischen Hegemonismus und Zentralismus, der diese Erfahrungen stoppte.

Und das gilt ja genauso für Europa. Wenn wir also heute evangelisieren, dass geht es um Inkulturation, die ein ganz neues Bild auch der Kirche und der Liturgie hervorbringen könnte.

Priesterausbildung und Priester

Der Papst kehrt immer wieder auf die Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister zurück, gerade auch im Bereich der Moral. Und hier wird der Papst deutlich im Blick auf die Ausbildung der Priester: „Ich stelle das Fehlen der Unterscheidungsprozesse  in der Ausbildung der Priester fest. Wir riskieren uns an ein „schwarz oder weiß“ zu gewöhnen, an das, was legal ist. Wir sind ziemlich verschlossen gegenüber den Prozessen der Unterscheidung. Eine Sache ist doch klar: heute, in einer Reihe von Seminaren, ist eine bestimmte Rigidität zurückgekehrt, die überhaupt nicht einem Prozess der Unterscheidung nahe ist. Das ist gefährlich, den das kann uns in ein Verständnis der Moral führen, das kasuistisch ist… Das macht mir viel Angst.“ Der Papst spricht hier von der „dekadenten Scholastik“, die sich von der großen Scholastik deutlich unterscheidet. „Die Moral, die Anwendung findet in Amoris Laetitia, ist die vom großen Heiligen Thomas…“

Aber der Papst kommt weiter auf die Situation der Priester zu sprechen. Im Kontext einer Frage über die Armut, finden sich weitere starke Worte: „Der Klerikalismus, der einer der schwerwiegendsten Übel in der Kirche ist, setzt sich von der Armut ab. Der Klerikalismus ist reich. Und wenn er nicht reich an Geld ist, dann ist er reich an Stolz. Aber in jedem Fall ist er reich: es gibt eine Anhänglichkeit an den Besitz…“

Berufung neu verstehen

Eine der spannendsten Fragen, die uns in unserem Kontext bewegen, ist die der Berufung. In der Tat, es ist eine Grundfrage, wie Berufung geschieht (siehe hier im Blog den Bericht über St. Petrus in Bonn) – und sie ist eben nicht zuerst die klassische Frage nach dem Priester. Und genau hier setzt auch der Papst plötzlich ein: „Mir ist es in Buenos Aires passiert, als Bischof, mehr als einmal, das man mir sagte: „In der Pfarrei habe ich einen Laien, der Gold wert ist. Und sie beschrieben ihn mir als einen Laien „erster Wahl“. Und dann fragten sie mich: ‚was meinen Sie, sollten wir den zum Diakon machen‘. Und genau hier liegt das Problem: der Laie, der wirklich wertvoll ist, den wollen wir zum Diakon machen, den wollen wir klerikalisieren. In einem Brief, den ich neulich an Kardinal Ouellet gesandt habe, schrieb ich , dass in Lateinamerika das einzige, was vor dem Klerikalismus bewahrt, die Volksfrömmigkeit ist. In der Tat, insoweit die Volksfrömmigkeit eine Sache des Volkes ist, die die Priester nicht glauben konnten, sind die Laien kreativ geworden. Vielleicht muss da manchmal was korrigiert werden, aber die Volksfrömmigkeit  hat sich gerettet, weil die Priester sich da nichts mit zu tun hatten. Der Klerikalismus läßt nicht wachsen, er lässt nicht zu, dass die Kraft der Taufe wächst. Und es ist nämlich die Kraft der Taufe, die die evangelisierende Kraft und die Gnade  der missionarischen Sendung in sich tragen. Und der Klerikalismus geht schlecht mit dieser Gnade um und führt in Abhängigkeiten, die manchmal ganze Völker in der Unreife  belassen. Ich erinnere mich, wieviele Auseinandersetzungen es ab, als ich Theologiestudent und junger Priester war, da kamen die Basisgemeinden auf. Warum? Weil gerade in diesen Gemeinden die Laien begannen eine starke Rolle als Protagonisten, und die ersten, die sich unsicher fühlten, waren einige Priester.“

Diese Hinweise sind spannend. Der Papst, der im selben Interview auch davon spricht, dass er überzeugt ist, dass es vor Ort auch Priesterberufungen gibt, ist auch klar davon überzeugt, dass die geistliche Begleitung eine Sache des ganzen Gottesvolkes ist: „wenn wir die Laien nicht zur Unterscheidung der Berufung rufen, dann ist es klar, dass wir keine Berufungen haben werden“ Aber vor allem hat er im Blick, dass man dringend darauf  achten muss, die Berufungen der Christinnen und Christen vor Ort zu stärken.

Und genaue Beachtung verdient die Rede von der Volksfrömmigkeit: normalerwiese sehen wir diese Volksfrömmigkeit nur als vergangene Formen, die Menschen heute nicht mehr ansprechen. Genau so ist es nicht. Denn hier geht es auch um postmoderne Formen der Spiritualität, des christlichen Lebens, der christlichen Gemeinschaft. Wer also E/motion in Essen, Zeitfenster in Aachen, Formen neuer Spiritualität überall anschaut, der entdeckt diese Dimension: es ist das Volk Gottes, das sich den Weg in das Neue bahnt. Und der Papst hat das neu ins Licht gerückt – und ermutigt wie immer, loszulegen.

 

 

Carlos Maria Galli ist eine der Inspirationsquellen des Kirchenverständnisses von Papst Franziskus – und er sieht das Pontifikat des Lateinamerikaners als Erfüllung jener weltkirchlichen Wende, die sich ja schon seit dem II. Vatikanum abspielte. Die Konzilväter erlebten „Welt-Kirche“, und doch muss man sagen, dass bislang diese weltkirchliche Dimension noch nicht wirklich systembildend war. Deswegen formuliert Galli: „nach einem ersten Jahrtausend, das von den orientalischen Kirchen geprägt war und einem zweiten Jahrtausend, das durch die westlichen Kirchen angeführt wurde, scheint am Horizont ein drittes Jahrtausend auf, das durch die Kirchen des Südens  mit Lebendigkeit erfüllt wird, in einer interkulturellen Katholizität, in der die Kirche von Rom den Vorsitz der Liebe hat und diese Kirche insgesamt von einer polyzentrischen geistlichen und strukturellen Dynamik gekennzeichnet ist“

Was Galli hier so locker hinschreibt, läßt weit blicken. Wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses, der das Angesicht der Kirche verändern wird. Denn wenn die Kirchen des Südens und also die vielen Kulturen zusammenkommen, wird klar, dass es keine Vorrangstellung gewachsener Denkformen mehr gibt, sondern ein dialogisch-synodales Miteinander, eine Kirche der vielen Zentren und also der vielen Gestalten – und genau dies ist ja die Ausfaltung der Perspektive, die – so Galli – in Lateinamerika schon seit mehreren Jahrzehnten eingeübt wird: „Der Regionalismus ist ein sehr eigenständiger Beitrag unserer Kirche, die einziartige, vielfältige Gemeinschaft vder Kirchen auf kontinentaler Eeben, die eine regioanle, gemeinschaftliche, inkulturierte  und kreative Rezeption des Konzils ins Werk setzte.“ In der Tat, die kontinatalen Versammlungen der lateinamerikanischen Kirche von Medellin bis Aparecida haben ein Neuverständnis der Kirche und ihrer Sendung der Verkündigung des Evangeliums hervorgebracht.

Auf diesem Hintergrund ist auch zu bedenken, dass Lateinamerika die am meisten verstädterte Region der Erde ist. 8 von 10 Personen leben in Stadtlandschaften – und das prägt das pastorale Denken des Papstes, der in diesen Stadtlandschaften die Spannung zwischen global und lokal sieht – und die damit verbundenen neuen pastoralen Herausforderungen.

Über die Freude der Evangelisierung

Ich erinnere mich sehr, wie sehr Johannes Paul II das Wort von der Neuevangelisierung in den Mittelpunkt seines Lehrens stellte – und wie dies im mitteleuropäischen Kontext aufgenommen wurde. Ich habe den Eindruck, wir haben damals diese Perspektive nicht verstanden. Um so wichtiger ist es, sich jetzt mit der Rede von der Evangelisierung zu befassen, denn auch Papst Benedikt wie auch Papst Franziskus stellen diese Perspektive in den Mittelpunkt. Wenn er also in Evangelii Gaudium 21 schreibt: „Die Freude des Evangeliums, die das Leben der Gemeinschaft der Jünger erfüllt, ist eine missionarische Freude“, dann muss man diesen Satz, so einfach er ist, erst einmal entschlüsseln und seine Herausforderung sich zu eigen machen: denn dann steht im Zentrum allem Nachdenkens über die Kirche von morgen das, was der Papst „Freude des Evangeliums“ nennt. Damit ist eben nicht ein spiritueller Hallelujaismus gemeint, sondern die erfüllende Ergriffenheit und die daraus wachsende Leidenschaft, die sich in einer Gemeinschaft zeigt. Und daraus wächst eine spezifische Sendung. In der Tat kann man das an vielen Orten unserer Kirche sehen, oft aber schieben sich andere Fragen darüber – und die fesseln. Das gilt auch dann, wenn wir uns über die Strukturfragen verfangen, und es könnte erklären, warum die ganzen Ermöglichungsdiskurse noch nicht gezündet haben. Es ginge ja einfach darum, loszulegen, wie es der Papst formuliert:

Primerear – die Initiative ergreifen“: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite. Wagen wir ein wenig mehr, die Initiative zu ergreifen!“ (EG 24)

Es ist so: Evangelisieren heißt ja, die Barmherzigkeit, die Zartheit, die Liebe Gottes ins Leben zu bringen, allen diesen Raum zu eröffnen, in dem Heilung und Wachstum geschehen kann.

Das heilige gläubige Volk Gottes

Es gibt, so Gallo, eine „argentinische Theologie des Volkes Gottes“, von der Papsr Franziskus: hier geht es um das Volk, das sich in die Kultur eingewurzelt hat und eine Sendung hat, ein Volk, aus dem heraus auch die Ämter und Dienste in der Kirche ihre Kraft bekommen. Das wurde schon in der ersten Begegnung deutlich: der Papst bat das Volk, für ihn zu beten – und das war mehr als eine fromme Überlegung. Es war  Bestandteil einer Theologie des Volkes Gottes, das durch das Gebet zum Heiligen Geist den Dienst des Papstes ermöglicht. Aber wenn das Volk Gottes Subjekt ist, dann spielt auch die Volksfrömmigkeit eine entscheidende Rolle. Denn hier, so Galli, inkulturiert und inkarniert sich das Christentum. Das so zu sagen, ist spannend auch für unseren Kontext: es will nämlich sagen, dass es wesentlich darauf ankommt, wie sich das Evangelium in eine Kultur hineinverwurzelt. Dann ist genau zu schauen, wie dies hier geschieht, in der Postmoderne: die Erfahrungen neuer Formen von Gemeinden und Gottesdienste sind in dieser Linie zu lesen.

Und hier gewinnt dann auch die Rede vom „sensus fidelium“ große Bedeutung: das Volk Gottes „spürt“ den Glauben und bringt ihn – eben auch durch Formen der Volksfrömmigkeit – voran. Dabei geht es weniger darum, einen neuen Ort theologischen Denkens zu beschreiben: die Theologie des Volkes Gottes ist implzit , in der Praxis, und zeigt gewisser im „Wie“ der Frömmigkeit das „Was“ des Glaubens. Das letztlich macht diesen theologischen Ansatz auch für die postmoderne Aufbrüche spannend. Was bedeutet es nämlich, wenn in neuen Formen des Glaubens sich die Tradition neu inkulturiert und neue Wege zeigt.

Synodalität

Und deswegen: es gibt keine Alternative zu einer synodalen Gestalt der Kirche. Denn die Synodalität ist konstitutiv für die Kirche. Die Rede des Papstes zum 50jährigen Bestehen der Synode macht deutlich, wie radikal der Papst diese Theologie des Volkes Gottes nimmt: „Die Synodalität, als konstitutive Dimension der Kirche, ermöglicht einen Rahmen der Interpretation auch für das Verstehen des hierarchischen Dienstamtes. Wenn wir also verstehen, dass – mit Johannes Chrysostomus – Kirche und Synode synonym sind, … dann verstehen wir auch, dass in ihrem Innern nieman erhöht ist über die anderen. Im Gegenteil, es ist notwendig, dass in der Kirche sich jemand erniedrigt, um sich in den Dienst des Volkes Gottes auf dem Weg zu stellen…“

Hier wird noch einmal massiv deutlich, wie sehr diese Perspektive der Synodalität und des Amtes ein neues Denken der Kirche hervorbringt.

 

Die Reform und die Reformen in der Kirche. Na klar, es geht um eine theologische Reflexion. In Rom trafen sich Theologen  zu einem Symposion – und die Frucht ist dieses außerordentliche Buch (La riforma e le riforme nella chiesa), das Antonio Spadaro und Carlos Maria Galli herausgegeben haben. Ein erkenntnisreiches Buch, leider nicht auf deutsch. Und aus diesem Grund möchte ich einige Gedanken aus den Artikeln teilen, die dieses Buch prägen.

Und das fängt gleich heftig an. Antonio Spadaro, selber Jesuit und deshalb nah an der ignatianischen Inspiration des Papstes, versucht zu beschreiben, worum es dem Papst in den Spuren des Ignatius geht. Oder besser: worum es eigentlich bei dem Wandel geht, den Franziskus voranbringen will.

Spadaro beginnt mit dem Trienter Konzil. Und interessant. Denn Ignatius sandte seiner Zeit einige Jesuiten zum Konzil. Es ging ihm aber nicht um die Doktrin: es ging ihm um das Zeugnis des Lebens der beiden Jesuiten: „Das verweist auf die Grundidee, wie Ignatius die Reform der Kirche versteht. Für ihn ging es nicht zuerst darum die Sturkturen anzufassen, sondern die Personen von innen zu erneuern“ (Spadaro). Deswegen lag ihm auch daran, dass seine Brüder sich um die Armen sorgten. Nachdem dann während des Konzils ein neuer Papst gewählt wurde, Papst Marcello, wurde deutlich, dass dieser Papst selbst geprägt war von den Exerzitien des Ignatius – und hier ging es um die Erneuerung der ganzen Person. Und so geprägt ist auch Papst Franziskus

„Geleert sein“

Deswegen ist ein erste Stichwort die Kenosis. Als Papst Franziskus im Januar 2014 über die Jesuiten predigt, steht das Wort von der Entleerung im Zentrum seines Nachdenkens. Der Papst deutet das „vierte Gelübde“ des Gehorsams in diesem Sinne: es geht nicht um die Durchsetzung eigener Interessen, sondern um ein leerwerden für den Weg, den die Kirche gehen soll. Nicht die eigenen Überlegungen stehen im Mittelpunkt. Und deswegen: „Die Reform wurzelt in einem Leer-werden von sich selbst. Wenn es nicht so wäre. dann wäre es nur eine Idee, ein ideales Projekt, Frucht der eigenen Sehnsüchte, auch wenn sie gut sind – und es würde die nächste Ideologie des Wandels“.

Wenn also Bergoglio über das Anliegen des Ignatius schreibt, dann schreibt er über sein Anliegen: “ Sein Projekt ist nicht die Planung von Programmen, keine Ansammlung von Möglichkeiten. Es geht ihm vielmehr darum, das ausdrücklich ins Licht zu rücken, was er in seiner inneren Erfahrung erlebt hatte“. Es gibt also kein programm des Papstes. Das macht keinen Sinn. Der Papst, so Spadaro, hat keine programmatischen ideen, sondern geht auf seinem Weg weiter als einem geistliche  Weg des gebetes, den er teilt im Dialog und in der Beratung miteinander. Das nennt man ignatianisch „Unterscheidung“. Es geht immer um einer tiefgehende geistliche Unterscheidung der Zeichen der Zeit. Damit bleibt er verwurzelt in der Wirklichkeit, denn: die Wirklichkeit steht immer über der Idee (Evangelii Gaudium 231-233). Es geht also darum, den lebendigen Gott in der Geschichte zu entdecken, sein Handeln, sein Wirken.

Ein offener Prozess

Und deswegen ist die Zeit dem Raum übergeordnet, wie Evangelii Gaudium sagt (EG 222-225). Denn es braucht langwieirige und nach vorne offene Prozesse der Kirche. Es gibt keine abzuarbeitende Roadmap, sondern ein zu erforschender Weg. Der Papst formuliert das vielfach: man muss seine eigenen Ideen und Modelle loslassen, um die Wirklichkeit Gottes entdecken zu können. Spadaro verwiest – mit recht – auf die Synode der Bischöfe.

Prozesse sind riskant, wenn sie ernst gemeint sind. Und sie bringen Konflikte und Herausforderungen, und sie fordern eine innere Grundhaltung, sich auf die Wirklichkeit der Welt, auf ihre Nacht einzulassen, mit Barmherzigkeit. Spadaro formuliert brillant: „Der Priester muss dem Volk Gottes ausgesetzt sein. Es ist nämlich dieses Volk, das in der Lage ist, ‚die Tiefe des priesterlichen Herzens zu aktivieren'“.

Spannende Herausforderungen

Was Spadaro hier ins Licht rückt, ist die innere Mitte jedes Zukunftsweges: die Wirklichkeit als Gottes Wirklichkeit legt eine innere Haltung nah, die immer versucht, die Wege Gottes wahrzunehmen und mitzugehen. Deswegen ist es auch so spannend und herausfordernd mit dem jetzigen Papst. Mir scheint in der Tat, dass er die Wirklichkeit und die Sehnsucht und das Wirken des Geistes in der Kirche erlauscht… und deswegen auch eine so hohe Resonanz findet: denn was er sagt, hat er verstanden aus dem Wirken des Geistes in seiner Kirche.

Also: unglaublich viel Vertrauen auf den Weg Gottes, den dieser Gott mit den Menschen geht. Und dieses Vertrauen ist berechtigt.

 

 

 

Wieder in Mexiko. Diesmal zum Urlaub. Erstmals hatte mich Alfons Vietmeier in meiner Sabbatzeit nach Mexico-City gelockt. Weihnachten 2014 wird mir immer in Erinnerung bleiben, zumal ich neue Freunde kennenlernen durfte: Benjamin Martinez, Raul Arreortua und Pepe Sanchez eröffneten mit mit ihrer herzlichen Gastfreundschaft den Zugang zur mexikanischen Seele und zu der notwendigen kirchlichen Entwicklung in Mexiko – der „pastoral urbana“ und den Basisgmeindlichen Formen in Land und Stadt (siehe meine Überlegungen in „Kirche steht Kopf).

Was liegt näher, als meine Freunde in den Ferien zu besuchen. Und so bin ich jetzt wieder dort, und erfahre noch tiefer, und mit neuem Blick, was sich hier vor Ort ereignet. Und es setzt sich fort, was ich schon bei der Reise nach Bolivien angedeutet hat. Die Fragen und die Herausforderungen, die uns in Deutschland im Kontext einer lokalen Kirchenentwicklung begegnen, die Ahnung, dass es um viel mehr geht als um eine neue Welle pastoraler Aktivität, sondern um einen Kulturwandel – die verschärfen sich im Kontext der Megalopolis MexicoCity mit ihren 30 Millionen Menschen noch weiter. Und diese Herausforderungen sind uns allen gemeinsam geschenkt – und vielleicht ist es kein Wunder, dass Papst Franziskus sie so unglaublich scharf sichtet und in Evangelii Gaudium und allen seinen Äußerungen ins Wort bringt.

Es läßt sich ganz einfach erzählen, worum es geht, wenn ich von meinen Reiseerfahrungen berichte.

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Am Freitag fahre ich mit P. Benjamin zum Tagungszentrum der mexikanischen Bischofskonferenz. Dort findet ein Treffen der CELAM statt. Die lateinamerikanische Bischofskonferenz veranstaltet ein Treffen der Rektoren lateinamerikanischer Priesterseminare, und bei diesem Treffen wird die „pastoral urbana“ vorgestellt. Worum es genau geht? Angesichts der Veränderungen und der gesellschaftlichen Verflüssigung jeder Tradition wird die Kirche in Zukunft und schon in der Gegenwart nicht als klassische Pfarrgemeinde zeigen, sondern verlangt einen neuen Blick auf die vielfältigen Kulturen der Stadt, versucht Gott in ihr zu entdecken und gemeinsam Wege der Verkündigung des Evangeliums zu gehen, auf dass das Reich Gottes wachsen kann. Subjekt ist das Volk Gottes, das heilige gläubige Volk Gottes – und nicht eine Institution, und nicht nur die Priester, die ja die Aufgabe haben, das Volk Gottes mit allem auszustatten, was es für diese neue Perspektive braucht.

Und die Rektoren hören aufmerksam zu – und fragen viel: denn eines ist auch klar. Eine klassische Priesterausbildung, die auf dem Horizont einer stabilen und priesterzentrierten Versorgungspastoral aufruht, ist keine Antwort auf die sich verflüssigenden Kontexte der Großstädte, wenn man eine Stadt mit 20-30 Millionen Einwohnern überhaupt noch so nennen kann. Viele spüren die Spannung: seit Aparecida (2007) und Evangelii Gaudium wird eine sendungsorientierte Pastoral des Hinausgehens und des „mittendrinseins“ vorgestellt – aber Fakt ist: oft ist Pastoral die Kirche mit ihren Gottesdiensten und ihre kleinen Gruppen. Ähnlichkeiten zu Europa nicht ausgeschlossen.

Man braucht nur durch die Stadt fahren, und trifft schon bald auf eine spannende Herausforderung: den Tempel des Heiligen Todes International. Was ist das? Viele junge Menschen sind hier zu finden, die den Tod verehren, mit Opfern, mit Liturgien. Was beeindruckt: ganz deutlich werden christliche Elemente übernommen, und verknüpft mit religiösen Riten einheimischer Prägung. Und worum gehts? Um Relevanz. Der Tod ist hier allgegenwärtig, die vielen Drogentoten und die heftige Gewalt. Das führt zu Gebeten an den Heiligen Tod: verwandle Dunkelheit in Licht…

Je mehr man sich das anschaut…IMG_0357.jpg

desto deutlicher wird sichtbar, worin genau das Problem für uns Christen besteht: wir haben doch im Zentrum unseres Glaubens und unserer Spiritualität das Geheimnis von Tod und Leben, den Übergang des Pascha – und offensichtlich ist Liturgie und Botschaft dieses Geheimnisses nicht angekommen, obwohl hier sichtbar wird, wie relevant unser Geheimnis ist.

So bedeutet „pastoral urbana“ eben viel mehr als eine neue pastorale Strategie, um Leute wieder zu gewinnen. Es geht um eine Umkehr unsererseits, es geht darum, mit Klaus Hemmerle die Botschaft so neu vom Anderen her zu sagen, dass sie wieder die „Frohe Botschaft“ sein kann: Kirche, die hinausgeht, wird eben verbeult und dreckig sein, und nur so relevant. So schön das klingt, so umstürzend ist es. Denn wie sich dann Gottes Volk sammelt, das wird ganz anders sein, als bisher.

Pater Raul erzählt den Studenten aus dem Seminar Ekatepec im Seminar über „Pastoral urbana“ eine Geschichte. In den vielen Gesprächen mit den Menschen auf der Strasse, die die Studenten durchführen, um wirklich „hinauszugehen“, treffen sie auf eine Frau, die ihnen erzählt, dass sie am Sonntag aus Arbeitsgründen nie zur Kirche kann. Aber sie liest das Tagesevangelium, meditiert es und isst dann eine gekaufte Hostie zum Zeichen der Verbundenheit mit der Kirche…. „Was denkt ihr dazu?“, fragt Raul. Ein interessantes Gespräch beginnt. Vor allem wird deutlich, wie ambivalent und eindrücklich die Spiritualität dieser Frau ist: die tiefe Verbundenheit mit der Schrift und die Übernahme eine Kommunionvorstellung, die nochmal deutlich macht, wie sehr individualistisch wir Messe feiern. Und trotzdem: ein intensives Zeichen der Sehnsucht nach Gemeinschaft.

Fragen über Fragen – vor allem an die Art und Weise, wie wir kontextlos und gültig zwar Messe feiern, aber… das, was Eucharistie ist, durchaus verfehlen. Das Buch von Michael Theobald über die Eucharistie als Quelle sozialen Handelns wäre zu ergänzen: sie will auch Höhepunkt des sozialen Handelns sein. Dass sie es häufig nicht ist, ist ihr Relevanzproblem nicht nur in der Stadt.

Das wird mir in Acapulco deutlich. Einen Tag dort verbringen, das ist die lange Reise wert. Ein wunderbarer Ort. Ich lande mit einem Freund meiner Gastgeberpfarrer in Mexico City an dem Strandlokal „Anita“, wo wir den ganzen Tag verbringen. Sehr nette Menschen, gutes Essen, herrliches Meer… und viel Begegnung. Mir wird hier ganz plastisch deutlich, was Papst Franziskus mit der „Mystik des Zusammenseins“ (EG) gemeint hat. Ja, hier ist wirklich Gottes Gegenwart in vielen Momenten erfahrbar, die ganz einfach ein menschliches Miteinander bezeugen.

Und danach: Messe in der Kathedrale. Oder was? Denn diese Messe ist tatsächlich völlig losgelöst von einer Communio der Menschen. Sie wird einfach „gehalten“. Ich finde, genau hier liegen tiefe Herausforderungen für eine Erneueurung. Sie liegen zuerst und vor allem in der Frage, wie Gemeinschaft, Community in den flüssigen und provisorisch fragilen Erfahrungen der (hier turistischen) Postmoderne erfahrbar werden kann – und wie sich dies dann auf die Feiern auswirkt, die doch den Höhepunkt dieser Wirklichkeit verdichten wollen – und es ja auch tun könnten. Mit einem unpastoralen Restverständnis zwischen kurzer Zeit, Gültigkeit und wenig participatio actuosa ist das nicht zu hinzubekommen.

Diese drei kleinen Mosaiksteine machen deutlich, vor welchem Umbruch, vor welcher Reformation wir stehen. Problematisch sind dabei nicht zuerst die Menschen, das heilige, gläubige Volk Gottes – sondern die Frage, ob Pastoral Verantwortliche sich auf die neue fragile Welt einlassen wollen….

Ein freier Tag, der sich plötzlich auftut. Der Plan ist schnell gefaßt. Ob es wohl möglich ist, die Pfarrei St. Petrus zu besuchen – in Bonn. Denn: schon seit Jahren höre ich, wie dort der Versuch unternommen wird, die Erfahrungen mit den Equipen des Bistums Poitiers in eine deutsche Kultur einzupflanzen…. Spannend.

Und so schreibe ich sie alle an: den Pfarrer, eine Bekannte aus dem Diözesanrat, die ich auf der Homepage entdecke. Und bekomme sofort Antwort. Es klappt.

  1. Station: die Geschichte

Pfarrer Blanke hat sich Zeit genommen. Und erzählt mir die Geschichte, wie es zu diesen Equipes gekommen ist. Solche Geschichten sind deswegen so interessant, weil sich in ihnen immer ein bestimmtes Muster zeigt. Vor allem wird deutlich, dass der Weg zur gemeinsamen Verantwortung aller Getauften nicht von heute auf morgen gelingt – er ist immer eingebunden in eine lange Geschichte der Bereitung. In diesem Fall finde ich die Geschichte besonders beeindruckend. In den Zeiten der Pfarrverbände löste etwa 2008 der damalige Kardinal den Pfarrverband Bonn wieder auf. Die vielen Engagierten waren enttäuscht und frustriert. Und dann kam es zu einer letzten Sitzung der gemeinsamen Gremien in Köln. Es war heiß, es war deprimierend. Da erzählte der damalige Pfarrer Adolf von der Erfahrung von Poitiers. Und es war wie ein Pfingstereignis – das „Wunder von Köln“, wie sie es heute noch nennen. Denn plötzlich war Energie im Raum – und sie diskutierten plötzlich alle über dieses Modell. Und es schien klar: das ist die Antwort auf die Herausforderungen…

Begeistert kehren sie nach Bonn zurück. Aber sie fangen nicht sofort mit den Equipen an. Angesagt ist vielmehr ein Prozess der Bewußtseinsbildung auf allen Ebenen der Pfarreien, die kurz darauf vor der Herausforderung stehen, sich auf eine Fusion einlassen zu sollen.

Aber es kommt allen nun darauf an, auf diesem Weg der Zusammenführung auch den die Idee der gemeinsamen Verantwortung und der Equipes mit einzubringen. Ein langer Prozess, fast 3 Jahre, der zutiefst auch geistlich ist und viele Elemente geistlicher Unterscheidung kennt.

Und schließlich kommt es zu einer einstimmigen Entscheidung der Gremien für diesen neuen Weg.

Viel gilt es zu lernen: ohne einen geistlich geprägten Weg mit der ganzen Pfarrei wird es nicht möglich sein, etwas wie die Equipen Gemeinsamer Verantwortung ins Leben zu bringen. Sicher, man kann immer Ortsteams zusammenstellen – aber sie werden dann nicht anders als Ersatz für fehlende Hauptberufliche gesehen… Und hier, in Bonn, finde ich noch einen anderen wichtigen Punkt. Das „Wunder von Köln“ schafft einen Ausgangspunkt gemeinsamer Visionen und Begeisterung – das ist durch nichts zu ersetzen. Und ist hier sogar Frucht einer echten tiefen Nacht der Frustration… Das finde ich bemerkenswert.

2. Station – das Rufen

Hier in Bonn verstehe ich noch tiefer die Praxis des Rufens. Denn das ist, so empfinde ich es hier, einer der stärksten Aspekte des Weges, den die Pfarrei hier geht. Wie geht das? Der Pfarrgemeinderat benennt in einem breitem Verfahren Personen aus der Pfarrei, die gerufen werden könnten für bestimmte Aufgaben in der Equipe. Und dann werden diese besucht und gefragt. „Das sind unglaubliche Erfahrungen“, sagt Pfarrer Blanke, und erzählt mir von einigen seiner Besuche: wie stark betroffen die Personen sind, wie überrascht. Es sind ja nicht immer Leute, die sich sehr stark in der Gemeinde engagieren – aber eben solche, denen der PGR zutraut, einen bestimmten Aufgabenbereich wie etwa „Gebet und Glaubensleben“ oder „Solidarität und Gastfreundschaft“ für drei Jahre zu vertreten. Was dieses Rufen bewirkt, ist unglaublich: denn die Personen geraten in eine tiefe geistliche Auseinandersetzung, sind oft sehr berührt ob des Vertrauens – und sie spüren, dass ein solches Rufen auch eine göttliche Wurzel hat, und sie wirklich aus ihrem Leben „herausruft“. Das beeindruckt mich zutiefst. Wir denken zur Zeit an vielen Orten über Berufungspastoral nach – aber klar ist doch: es geht immer darum, dass Menschen anderen Menschen mit einem konkreten Rufen Vertrauen zusprechen für einen Dienst, ihnen etwas zutrauen. Das geschieht hier exzellent – das ist eine Praxis des Rufens, die wir kaum kennen, die aber entscheidend sein wird für die Zukunft unserer Kirche.

3. Station – die Equipe

Eine solche Equipe besteht aus 5-6 Personen, aber es gibt noch einen Dienst der Koordination – und der wird von der Gemeinde gewählt. Der Person wird zugetraut, diese doch sehr heterogene Gruppe zusammenzuführen und über die drei Jahre zu begleiten, die sie nun in dieser Aufgabe ist.Auch das finde ich klar und konsequent: der oder die, die diesen Zusammenhalt garantieren soll, wird von der Gemeinde dazu gesandt.

Aber an diesem Nachmittag in St. Petrus darf ich auch an einer Sitzung der „Equipe Stift“ teilnehmen. Und ich höre, was die einzelnen Gerufenen „tun“. Und das ist mehr als spannend. Ihnen wird hier in Bonn nur die Vorgabe des Bereiches gemacht, für den sie gerufen sind. Dann aber ist ihre Kreativität gefragt. Und das bedeutet: geistliche Kreativität und Lebensraum, Gabe und Kontext kommen zusammen. Und es entstehen Projekte aufgrund konkreter Herausforderungen der Gemeinde vor Ort.

In den letzten Jahren haben wir immer wieder über die Frage nachgedacht, wie Gemeinden und Verantwortliche vor Ort sozialraumorientiert Kirche gestalten können…. und hier ist es so einfach: „sehen – urteilen – handeln“, in einer Natürlichkeit und Radikalität, die mich sehr berührt. Drei Jahre wachsen nun diese Projekte – so lange ist die Equipe im Dienst. Was mich beeindruckt: im Kontext der Equipen entfaltet sich hier die Kraft der Taufe, der Charismen und Gaben wirklich im Dienst am Werden der Kirche vor Ort und bringt neue Gestalten hervor.

Die Sitzung der Equipe ist gut vorbereitet. Auch der geistliche Impuls. Ich bin beeindruckt, wieder einmal, von der Tiefe der Meditation, von der Selbstverständlichkeit des Umgangs mit der Schrift.Einfach klasse. Und wirklich, hier kann ich etwas von der Zukunft einer Kirche erfahren, die weniger von der Struktur lebt als von der Energie des Volkes Gottes, das sich entfaltet.

4. Station – Nachspiel und Sendung

Natürlich habe ich noch viel mehr erlebt: die große Gastfreundschaft in Bonn, die geistliche Weggemeinschaft junger Menschen, die vielen Fragen, die sich ergeben. Die Weisheit der Verantwortlichen und das Wissen um den Prozess. Über Jahre ist nun dieser Weg gewachsen – und ganz in der Logik einer Lokalen Kirchenentwicklung ist es eben nicht so, dass in allen drei Gemeinden der Pfarrei diese Equipen existieren. Die unterschiedliche Geschichte der Ex-Pfarreien führt zu Ungleichzeitigkeiten – aber das ist mehr als stimmig, dass jede Gemeinde ihre Entwicklungsgeschwindigkeit hat. Und: über Jahre wuchs diese Erfahrung eher im Verborgenen. Vielleicht besser so.

Hier habe ich nur beschrieben, was mich zutiefst beeindruckt hat. Ich denke, diese Erfahrung gemeinsamer Verantwortung wird sich an vielen Orten immer etwas anders entwickeln, aber die grundlegenden Kulturmerkmale sind wesentlich. Und klar, natürlich ist auch diese Erfahrung noch am Anfang und im Werden. Auch das wird immer so sein.

Pfarrer Blanke hatte mir schon am Anfang von der Sendungsfeier erzählt, mit der die Equipen „auf Sendung“ gehen. „Ich hatte Tränen in den Augen“ – ich glaube das gerne, als ich seiner Erzählung höre. Vor der ganzen Gemeinde werden die Kandidaten gerufen und erzählen, warum sie sich senden lassen wollen. Der ganze Pfarrgemeinderat steht im Hintergrund und ruft mit. Die ganze Gemeinde segnet und sendet. Grandios.

Rückenwind und Klärungen für einen Weg, den wir hier im Norden Deutschlands überall gehen wollen.

Eric Flügge hat ein bemerkenswertes Buch geschrieben über den Jargon der Betroffenheit. An dem die Kirche verreckt, wie er formuliert. Hübsch scharf formuliert wächst das Buch dann in eine andere Richtung: es wird zu einem weiter reichenden Reformprogramm. Aber ich finde – nicht weit genug. Und das liegt daran, dass er selbst in Bildern verhaftet bleibt, die mir merkwürdig gestrig erscheinen. Ganz im Gegensatz zu seiner postmodernen Emanzipationsrhetorik ist sein Bild von Kirche alles andere als up to date.

Da ist der Pfarrer offensichtlich der einzige, der Seelsorge macht, der Predigt und Verkündigung durchführt und Seelsorgebeziehungen pflegt.

Da bleibt Kirche eine Institution, eine merkwürdige Entität, die wie ein statischer Block wirkt. Man denkt an eine hierarchische Bürokratie. Eben eine Organisation, die eigentlich handeln, sich verändern müßte für ihre Mitglieder… Im Hintergrund steht das klassische Bild einer hierarchischen Versorgungskirche.

Liturgien bleiben steife Veranstaltungen, und sind fast mit der Hochkultur der Eucharistie gleichgesetzt… Und das, obwohl schon seit Jahren eine Diversifizierung in hoher Kreativität zu erfahren ist.

Das alles ist schade und unterbietet die Möglichkeiten, die in den Beobachtungen Flügges stecken.

Nun erlebe ich Kirche mit und anders als Flügge. Und das nicht nur als Insider… Auf der einen Seite erlebe ich die Verkündigung oft noch schwächer. Ich erlebe Liturgien und Predigten noch banaler als befürchtet. Ich erlebe viele Christen, die es gerade so aushalten, mit ihren Priestern auf dem Weg zu sein. Ich erlebe eine permanente Unterforderung: aber nicht nur intellektuell, sondern auch emotional, spirituell und im Blick auf ihre Charismen.

Aber ich erlebe Kirche eben auch viel stärker, und ich wundere mich, dass Flügge offensichtlich von diesen Erfahrungen noch nichts wahrgenommen hat außer dem wiederholten generellen Lob für die vielen, die sich engagieren. Ich erlebe seit Jahren im katholischen wie ökumenischen Kontext einen kreativen Aufbruch an Gemeindegründungen, eine hohe Leidenschaft vieler Christen im Blick auf die eigene Verantwortung im lokalen Bereich.

Es wäre vielleicht spannend, eine gemeinsame Agenda zu folgern und an die Arbeit zu gehen…

  1. Es wäre ja klerikal, wenn ein Priester zu Weihnachten ankündigt, dass nun Flüchtlinge aufgenommen werden… Es wäre die Zukunft, synodale Prozesse mit möglichst vielen Christen vor Ort in Angriff zu nehmen, um Prioritäten und konkrete Initiativen zu ermöglichen.
  2. Es wäre wichtig, das Verständnis von Kirche zu weiten: es geht nicht zuerst darum, durch Gottesdienste viele wieder in die Kirche zurückzubekommen… Es geht um eine Neubestimmung des Kirchenverständnis „mitten im Leben“ – mitten in der Stadt – mitten im Dorf – mitten in der Mobilität: was ist es denn, was heute Kirche werden läßt, wo Gott Menschen sammelt, in neuen und überraschenden Zusammenhängen… Und dann geht es um Gemeindegründungen, um ein inklusives Verstehen unterschiedlicher Wege des Christseins.
  3. Zu reden wäre über Predigt und Verkündigung: aber es geht nicht nur um Authentizität und Lebensrelevanz der Prediger – es geht auch darum, wie das Wort „schärfer als jedes Schwert“ zum Leben vieler kommt und es prägt… Und dazu braucht es auch einen neuen Zugang zur Lebensrelevanz des Evangeliums, das alle einüben können. „Mir tun die Priester so leid, weil sie das Wort sich alleine erschließen müssen“, sagten Leute aus Basisgemeinden in Lateinamerikas. Brauchen wir nicht eine neue Kultur des Teilens des Wortes?
  4. Und eine Liturgische Bewegung steht an. Denn es geht zum einen darum, Zugänge zu eröffnen für eine lebensrelevante Liturgie und Feier neuer und kreativer Gottesdienste – und daraus kann auch eine andere Kultur der Messe wachsen.
  5. Ja, und das ist auch mein Verdacht: niemanden unterfordern und niemand (auch mit dem Wort) überwältigen – das setzt eine Kultur voraus, die Zutrauen und Empowerment fördert.
  6. Aber vor allem geht es um Gott. Da gilt es, flügge zu werden. Vielleicht mit Dietrich Bonhoeffer, der die christliche Gotteserfahrung jenseits der klassisch prägenden Vorstellungen der Religiosität ansiedelt. Das ist das eigentlich spannende dieser Zeit. Denn dass Gott in den klassischen Mustern des Denkens nicht mehr erfahrbar wird, das ist klar. Wo wir ihn aufregend finden mitten im Leben – das gilt es nachreligiös zu erforschen und zu erleben.

Und  vieles mehr. Ich bin Eric Flügge dankbar, und gleichzeitig ist es mir zu wenig. Wir müssen viel weiter gehen und neuer denken. Vielleicht gemeinsam?