Ich kenne WillowCreek seit 2002. Damals und dort in Oberhausen durfte ich zum ersten Mal staunen: über die Professionalität und geistliche Tiefe, über die Themen, über das gemeinsame Anliegen – und schon damals: über die gemeinsame Christlichkeit. Immerhin sind dort Vertreter so vieler Freikirchen, der Landeskirchen und – ja – auch einige der katholischen Kirche.

Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst eingeladen würde, bei einem solchen Kongress zu sprechen. Aber nun bin ich beschenkt und eingeladen – über die Zukunft der Kirche soll ich sprechen. Und ich genieße diesen Kongress.

Im vergangenen Jahrzehnt war ich seltener bei diesen Treffen, und es hat sich einiges weiter entwickelt. Ich empfinde ein echtes Bemühen, eine Plattform für Leitende aus allen Konfessionen und Denominationen zu werden. Diese weite Ökumene ist beeindruckend. Beeindruckend ist der Versuch, eine große Breite an Referentinnen ins Spiel zu bringen – aus verschiedenen Bereichen.

Und dann: die Zukunft der Kirche – darüber zu erzählen, das war der Auftrag an mich. Aber eigentlich erzählte ich diese Zukunft im Angesicht der Zukunft. Denn alle sieben Aspekte meines kleinen Impulses sind wie im Spiegel beim Kongress in Dortmund zu finden.

  1. Sehen lernen

Denn genau darum geht es, wenn ich über die Zukunft der Kirche erzähle. Ich erzähle einen Traum, eine Vision nicht etwa, weil ich über besondere Gaben verfügen würde, die Zukunft vorherzusehen – es ist anders: man kann sie hervorsehen, wenn ich mich einlasse auf die Wirklichkeit Gottes im heute. „Schaut nicht mehr auf das, was längst vergangen ist, auf das, was früher war, sollt ihr nicht achten… Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf, merkt ihr es nicht.

Das ist eine Herausforderung. Weil wir alle geprägt sind, mit Mustern wahrnehmen, und eine Vorliebe für die Vergangenheit haben. So wird dann aus unserem Hinschauen immer ein wertender Vergleich: weil die Wirklichkeit nicht mehr passt mit der Vergangenheit. Und auch nie mehr so wird. Und umgekehrt gilt: wenn ich mit den Augen des Liebenden schaue, mit Augen, die sich erfüllen lassen von dem, was mir begegnet, dann begegne ich manchem Fremden, manchem Neuen – aber ich begegne auch jenem Gott, der auch heute, wie zu allen Zeiten, mit seinem Geist Menschen erfüllt und Neues schafft.

  1. Kirche neu entdecken

Meine Erfahrung mit der Kirche ist ganz einfach. Es geht nicht um Institution, es geht nicht um Struktur, es geht nicht um Konfession, es geht um Christus, der Menschen verbindet. Es geht um eine Gegenwart, die erfahrbar und spürbar uns mit einer Kraft, mit einer Liebe zusammenbringt, die Gott selbst ist, und uns mit seinem leidenschaftlichen Geist verknüpft. Deswegen fällt es auch so einfach, auf diesen Kongressen zu sein: denn hier ist eben dieser Christus, der mitten unter den Seinen ist. Der Christus von Emmaus, der Christus, der sendet, der Christus, der eint. Und das merke ich, als Jörg Ahlbrecht mit mir betet, bevor ich rede, das merke ich in den verschiedenen Begegnungen mit Technikern und Engagierten. Danke für diese lebendige Erfahrung des Glaubens.

  1. Christ werden mit Leidenschaft

Zukunft der Kirche lebt aus der Leidenschaft, aus der leidenschaftlichen Liebe Gottes, die uns zu leidenschaftlich Liebenden verwandelt. Aber nicht als Endprodukt, sondern als Weggestalt. Ja, denn es nicht selbstverständlich, Christ zu sein – selbstverständlich ist nur das Christwerden. Und dann gibt es hier keine „Normen“, sondern Wachstumshorizonte. Das scheint mir wichtig. Es ist heute einfach so, dass Menschen anfangen, sich auf Christus einzulassen. Und der Weg zur Mündigkeit will begleitet werden.

Und genau darin besteht ja die Idee des Kongresses: es geht darum Menschen entdecken zu lassen, welche Gaben sie haben, wie sie weiterwachsen können im Glauben und damit auch in ihren Gaben, in ihrer Einzigartigkeit zum Nutzen aller. Denn das ist allüberall zu beobachten: Menschen, die sich einbringen, Menschen, die Hunger nach mehr haben – auf ihrem Weg.

  1. Von der Sammlung zur Sendung

Immer denken wir schnell: Kirche ist eine Sammlungsbewegung – aber wir deuten es einseitig: wir sammeln ein. Wir laden ein – aber oft kommen die Leute nicht. Ich glaube, wir haben uns vertan: ist es nicht Gott, der sammelt? Er sucht uns, lässt sich ein auf die Menschen aller Zeiten und fügt sie zusammen. Und deswegen: Er sammelt, wenn wir uns senden lassen von ihm, wenn wir uns einlassen auf die Kulturen und Sprachen unserer Zeit. Das englische Reden von der „mission shaped church“ hat mich immer bewegt: nicht eine Kirche hat eine Aufgabe, sondern die Sendung, die Leidenschaft für die Menschen führt dazu, dass Gott Menschen sammelt…

Und ja, Sammlung zur Kirche ist immer eine Überraschung. Und es berührt sehr, wenn beim Kongress von dem „Global leadership summit“ erzählt wird: von der immer größer werdenden Bewegung von Christen und nicht nur, die sich sammeln, weil die Leidenschaft von Christen sie berührt.

  1. Von der Konfession zum Ursprung

Nein, ich mag Kirche nicht mehr konfessionell denken. Kirche der Zukunft wird wesentlich ökumenisch sein. Das kann man sehen, überall. Und das ist gut so. Aber nein, damit leiten wir nicht den Untergang des katholischen Abendlandes ein, und auch nicht das Dahinschwinden so wertvoller Traditionen, die ich liebe. Aber die Konfessionen verlieren ihre trennende Bedeutung, und gewinnen ihre Bedeutung als Gemeinschaften, die Traditionen neu ins Licht rücken. Denn ja, es geht immer um den Ursprung, es geht immer um die Begegnung mit Christus, aber diese Begegnung wird Gegenwart nie in abstrakter Weise, sondern im Kontext von Traditionen und Gemeinschaft. Also werden diese Traditionen neu wichtig, sie muss man neu in die Gegenwart bringen und sie zum Ausdruck des Lebens zu machen, durch das Christus scheint. Es geht nicht darum, alles gleich zu machen und zu nivellieren, sondern als vielfältiges Geschenk an den je Anderen zu profilieren.

Insofern ist der Willowkongress eine Zukunftsansage: Christen aller Konfessionen und Denominationen lernen zusammen, mit Respekt. Nicht allen fällt das einfach: darf man Katholiken trauen – darf man? Muss man polarisierend dem Anderen den wahren Glauben, die rechte Gesinnung absprechen, sogar innerhalb seiner eigenen Konfession? Ich habe es bei Willow nie erlebt, und der Respekt vor dem Weg des Anderen verbindet ja zum gemeinsamen Handeln.

  1. Wandlung und Ostergeheimnis

Sich wandeln, Wandlung gehört zum Wesenszug des Christseins. Umkehr ist tiefgreifende und nicht nur äußerliche Erneuerung. Und deswegen sind wir Menschen der Wandlung, nicht nur im Gottesdienst. Es dürfte uns nicht verwundern, dass sich etwas verändert. Ja, und auch nicht, dass es stirbt. Denn die Wandlung, die wir leben, ist eingetaucht in das Geheimnis von Tod und Auferstehung. Und deswegen braucht es die Gelassenheit und Freiheit, Dinge sterben zu lassen, weil genau da das neue Leben beginnt.

Auch das gibt es ja in Willow, auch das zeigt sich mir immer wieder: in der Achtsamkeit auf die Wirklichkeit, in der Achtsamkeit auf das, was geht, und das, was misslingt, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern den neuen Weg zu finden, der sich zeigt. Ich habe es erlebt!

  1. Vom Dienen

Kirche steht auf dem Kopf, sie lebt von der Erfahrung der Umkehr, des Wandels – und in diesen Wandel sind auch die einbezogen, die die Kirche leiten. Das gehört zusammen: Leitung und Dienst. Und wenn es Professionalität gibt, die Hierarchie erzeugt, wenn es Positionen gibt, die zu einem oben-unten führen, wenn es Versorgung gibt, die andere nicht mit einbezieht, dann wird die Kirche keine Zukunft haben – denn das Hauptwort für die, die Leitungsverantwortung haben, das ist Dienst: ein Dienst er Ermöglichung und Befähigung für das bunte Volk Gottes, mit seinen Gaben und Talenten.  Hierarchie meint nie oben und unten, sondern Dienst am Ursprung, an der Vergegenwärtigung des Geistes, der in allen wirken will. Das ist die eigentliche kritische Stelle der Kirche: wir sinds, die Verantwortlichen, denn durch uns kann die Erneuerung gestärkt werden – oder eben auch verhindert. Wenn Kontrolle über Vertrauen siegt, Herrschaft über Gleichwürdigkeit, dann kann sie nicht gelingen.

So entsteht eine Kirche auf dem Kopf… eine Kirche, in der es darum geht, dass alle ihre Gaben selbstbewußt einbringen, damit Christus erfahrbar werden kann in dieser Welt. Eine „Blumentopf-church“ (John Finney) und keine Hierarchiepyramide. Ein Traum von Kirche, in dem alles dazu dient, dass die Blumen des Evangeliums blühen…

Wie bei Willow in Dortmund…

 

 

 

 

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Über das Phänomen der Kirchenerneuerung

Es ist spannend, die neuen Thesen zu lesen. Das Jahr 2018 scheint vielen ereignet, auf die notwendigste Reform der Kirche abzuzielen. Die Thesen – ob nun die von  „Christ in der Gegenwart“ oder von Eric Flügge oder auch das im Kontext der Mehr-Konferenz veröffentlichte Mission Manifest – sind ja alle interessant zu lesen. Sie wollen mehr oder weniger Wege in die Zukunft eröffnen, leben aber alle auch von einer bestimmten Fähigkeit zur Nichtwahrnehmung. Und vielleicht ist das in Zeiten einer postmodernen Milieuperspektive sogar konstitutiv.

  1. Denn ich frage mich etwa, ob die Initiatoren des Mission-Manifest die Entwicklungen hin zu einer missionarischen Kirche und ihrer Initiativen, wie sie seit dem Beginn des Jahrtausends in ökumenischer Verschiedenheit und Verbundenheit stattfinden, überhaupt wahrnehmen konnten? Die intensiven Versuche einer Adaption der „fresh expressions of church“ Initiativen, die ökumenische Bewegung „Kirche2“ oder die vielfachen Experimente mit Gemeindegründungen und evangelisierenden Initiativen sind sie einfach unsichtbar? Man denke dabei auch an die Kongresse der Willow Creek Association, wie demnächst in Dortmund, die einen hohen Einfluss auf viele Verantwortliche habe. Und wieso ist wohl unbekannt, was die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste seit Jahren voranbringt?

    Das wird bestimmt kein böser Wille sein. Ich kann mir das nur so erklären: es gibt eine etwas reduzierte Wahrnehmung der katholischen wie der evangelischen Kirche, weil möglicherweise etwa das charismatisch-katholische Milieu des Gebetshauses unterschiedliche andere Strömungen nie wahrgenommen hat, und deswegen immer noch denken kann, die Institution der Kirche säße in ihren Vikariatsbunkern und dreht sich um sich selbst. Während die ekklesiale Apokalypse naht. So nett dieses Bild ist, so ungerecht und sogar falsch ist es.

    Es wäre heute der Moment, wahrzunehmen, dass es nicht nur den einen Weg gibt, dass katholisch wie evangelisch der Geist vielsprachig weht – und wir nicht weiterkommen, wenn wir Bilder voranbringen, die im „gut-schlecht“ oder „alt-neu“ Muster beschrieben werden können. Und es ist der Moment, katholischer zu werden: die Vielfalt und den Reichtum des Ganzen wahrzunehmen, seinen eigenen Beitrag zum Nutzen aller einzuspielen, Leib Christi zu sein.

  2. Wer die Thesen des Redaktionsteams von Christ in der Gegenwart liest und meditiert, dem wird die innere Schlüssigkeit der Thesen für das Milieu, für das sie geschrieben sind, auffallen. Ganz deutlich setzen diese Thesen einen vergangenen Normalzustand christlicher Existenz in Kirche, Gesellschaft und Gemeinde voraus, der aber unwiderruflich in einem tiefen Transformationsprozess steht – von der Moderne zur Postmoderne. Aber – mir will scheinen, dass hier noch ein wenig zu sehr die „Kirche“ der Ausgangspunkt alles Denkens ist: Und „Kirche“ ist hier nicht ganz präzise, sondern changiert zwischen den institutionellen und amtlichen Kulturen und den „Gemeinden“ in ihrer klassischen Gestalt – und im Gesamtgefüge kirchlichen Lebens in Deutschland, dass sich allerdings in den nächsten Jahren radikal transformieren wird.
    Spektakulär ist dabei schon der zweite Satz der Thesen: „Von den Worten der Kirche werden immer weniger Menschen angesprochen. Somit ist weniger Gott in der Welt.“ Das ist steil – und wird so nicht stimmen, es sei denn, Gott wäre in kirchliche Sprachgewohnheiten einsperrbar. Dabei stimme ich solchen und ähnlichen Thesen durchaus zu, wenn es um die Frage geht, wie wir den Glauben heute sagen können. Dennoch bleibt ein Unbehagen: gerade in den letzten Jahren wird deutlich, dass es nicht die „eine“ Sprache des Glaubens gibt. Schon gar nicht geht es darum, andere Worte hoffähig zu machen. Es geht, und das wird in den Thesen auch angedeutet, um tiefgreifenderes. Es geht um eine mystische Wende, eine Neuaneignung der Tradition, um einen neuen Zugang zum lebendigen Wort Gottes – die aber weit über die in diesen Thesen intendierten Versuche hinausgehen: es geht nicht um ein immer mühsameres Mehr an intellektueller Glaubensarbeit, wie etwa in These 2 gefordert: „Gleichzeitig müssen die Glaubenden bereit sein, sich auf mühsame Textarbeit einzulassen…“. Zuerst geht es um etwas anderes. Es geht um die Begegnung mit dem leidenschaftlich liebenden Gott, der nicht mühsam gesucht werden muss, weil er es ist, der den Menschen mühsam gesucht und gefunden und erlöst hat. Die Mühsamkeitenlehre überzeugt mich nicht, weil sie im Bewußtseinsparadigma hängen bleibt. Dann wird es darum gehen, Theologie und Inhalte des Glaubens neu aus der Erfahrung der Gegenwart Gottes zu beschreiben.

    Keine Frage, wir sind als Kirchen massiv selbstreferenziell. Die These über Glaubensverkündigung, kontextueller Liturgien, über Ökumene und auch Partizipation, die doch nun wirklich nicht alleine um das Amt kreisen sollten, thematisieren diese Thesen allerdings auch, ohne wahrzunehmen, dass es hier – an anderen Orten und auch in Gemeinden – schon eine Fülle von Beispielen gibt, und eine intensive Aufbruchsbewegung. Auch hier also ein Defizitblick. So sehr dies alles stimmt, so sehr ist sie von Erfahrungen geprägt, die viele andere Perspektiven ausblenden. Schade.

  3. Und Eric Flügge? Ich glaube, er hat recht, wenn er die letzten Jahrzehnte analysiert: Das Ergebnis ist eine pastorale Depression, die von Generation zu Generation vererbt wird. Man kann eh nichts machen, die Leute bleiben sowieso fort. Wenn man so denkt, dann stimmt das sogar. Die Leute bleiben fort. Nicht automatisch, sondern weil der innerkirchliche Dauerfrust sie treibt.“ Kirchliche Dauerapokalyptik ist auch mir zuwider und ein Zeichen des Unglaubens, noch mehr: ein Mangel an Wandlungslust, weil man denkt, nur eine bestimmte historische Epoche (die goldene Vergangenheit) sei „richtig“: volle Kirchen, christliche Werte, Einfluss auf die Politik, Weitergabe des Glaubens etc.

    Reizthema sind hier die Kirchen, die Immobilien, die in der Tat häufig – in vielen Diözesen – nicht mehr von Seiten der Bistümer erhalten werden können. Ich bin mit Flügge der Meinung, dass die charismatische Dimension kirchlichen Lebens gestärkt werden muss. Gründerinitiativen, Initiativen, die auf die Nöte der Gesellschaft hineinwirken, die Bildung ermöglichen und Gleichwürdigkeit hervorbringen, sind nachhaltiger zu fördern. Mir gefällt, dass er Kirche von der Erfahrung energiereicher sich bildender Gemeinschaften sieht. Und dann würde es ja nicht einfach darum gehen, dass die Kirche Kirchen oder Schulen schließt, sondern sich im Vertrauen auf die vielen Gaben und Kompetenzen aller Christgläubigen auf neue Wege einläßt (Man denke hier an die Hamburger Schulen… und die Initiativen, die dann aus der Leidenschaft der Betroffenen wachsen, wenn man sie einbezieht).

    Aber stimmt das wirklich? Dass wir als Kirche immer bürokratischer werden? Dass wir zu viele depressive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben? Dass wir einfach mal Kirchen abreißen können? Da habe ich Zweifel. Worum es gehen muss: um die „Bekehrung“ zu einer Kirchenerfahrung, die aus den Energien der Getauften lebt und jede institutionelle Rolle auf einen Dienst am Werden der Erneuerung umschreibt. In diesem spannenden und schmerzhaften und unsicheren Prozess sind wir alle.

Es ist deshalb schwierig. Denn alle Beteiligten beobachten nicht diesen Wandel, sondern sind selbst in ihm. Es braucht Vertrauen, und es braucht die Bereitschaft, alte Kategorien zu lassen. Was ist schon konservativ, was ist liberal, wenn wir uns gegenseitig unterstützen auf unserem Weg, und einander unseren Glauben glauben? Innerkatholisch wie ökumenisch! In allen Thesen sind auch diese Vermutungen enthalten. Das ist schön. Aufbruch gelingt aber nur katholisch – mit allen diesen facettenreichen Überlegungen.
 

 

Zu kurzatmige Analysen unterstellen in apokalyptischer Weise einen Untergang der Kirche in Deutschland: dass die Gemeinden „alt“ und milieubegrenzt sind, dass sie selbstreferenziell die Sendung vergessen haben. Und so weiter.

Daraus werden Folgerungen gezogen: Manifeste werden veröffentlicht (Mission Manifest), die über Mission und Evangelisierung gern gehörte und bekannte Appelle wiederholen, und es wird radikal die Rede vom Neuen geübt, dem das Alte weichen muss. Gleichzeitig werden – wie etwa in den Thesen für die Leser des „Christ in der Gegenwart“ – Thesen nach vorne gebracht, hinter und unter denen häufig alte Bilder gemeindekirchlicher Milieuchristlichkeit mitlaufen, die es tendenziell in immer wenigen Köpfen gibt.

Die Wirklichkeit aber ist anders und weiter. Und offensichtlich fällt es schwer zu sehen, wie das Volk Gottes schon lange auf dem Weg zu einer gänzlich veränderten „Konfiguration“ unterwegs ist.

Ein neuer Blick auf Evangelisierung

Ist es wirklich so, dass es keine missionarische Sendungsorientierung in der deutschen Kirche gibt? So einfach ist es nicht! Es ist einfach oberflächlich und ungerecht, das Wirken vieler caritativen Einrichtungen, das Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer, die unglaublichen Chancen der evangelisierenden Volksfrömmigkeit (man denken an Sternsinger oder etwa St. Martin) oder die liturgischen Chancen der Sakramentenvorbereitung, der Kasualien und Segensfeiern nicht im Blick zu haben. Evangelisierung geschieht, und nicht wenig.

Zugleich liegt in den immer neuen Hinweisen auf die Notwendigkeit einer missionarischen Wende eine Herausforderung. Und die ist, ja, echt. Denn worum es gehen muss in den nächsten Jahren, ist ja eine Bemühung darum, dass die innere Identität des Evangeliums und seine Frohe Botschaft Leben der Mitarbeitenden werden kann, unter postmodernen Zeichen. Das ist spannend – aber es wäre vorher deutlicher zu klären, dass auch diese Neuentdeckung christlicher Identität den Wasserzeichen postmoderner Christwerdungsprozesse entspricht. Aber – soweit ich sehen kann – wächst allüberall das Bewußtsein für die anstehenden Begleitprozesse.

Allerdings: erst ganz am Anfang sind wir, neu zu erwägen, was eigentlich Nachfolge heißt, und wie ein lebensbegleitender Weg des Glaubenswachstum gehen kann… Und da läßt sich viel lernen von geistlichen Erneuerungsbewegungen, von Verbänden und – im ökumenischen Miteinander – von Freikirchen.

Die nicht kalkulierte Überraschung

In den vergangenen Wochen ist mir – in verschiedenen Begegnungen – noch eine ganz andere Perspektive deutlich geworden: seit Jahren steigt die Zahl der Katholiken, die aus anderen Ländern gekommen sind. Inzwischen sind das bundesweit 15%, und in Diözesen wie Hamburg und Berlin, wie auch in Hildesheim und in anderen Ballungszentren deutlich mehr als 30%. Und sie sind jung (und sind inzwischen auch ein signifikanter Faktor der Kirchensteuerzahlenden). Sie sind anders geprägt, häufig mit einer intensiven traditionsgeprägten christlichen Sozialisation – und einer intensiven Katechese.

In vergangenen Jahren wurde die muttersprachliche Seelsorge unter einer anderen Brille gesehen, und damit für eine pastorale Entwicklung unsichtbar. Versäulung macht unsichtbar. Und der Grundansatz war ein anderer: es ging um Integration, um einen Übergang: die anderen Muttersprachler sollten sich in die deutschen Pfarreien integrieren… Dann wäre die Mission der Missionen erfüllt.

Aber so kam es nicht. Einerseits wünschen sich Christen der vielen Nationen, die neu Kommenden wie die, die schon seit Jahrzehnten hier sind, Heimat, die sich oft nicht so leicht in den Gemeinden deutschgeprägter Kultur wiederfinden konnten. Andererseits gibt es in Deutschland eine umfassende katholische Migration, vor allem aber nicht nur aus dem polnischen Bereich. Und wer diese katholische Gemeinden kennen lernt, der ist erstaunt über die Jugendlichkeit des katholischen Glaubens, aber auch über die Lebendigkeit und die Tiefe des Glaubens.

Umdenken!

Das fordert zum Weiterdenken heraus. Es fordert dazu heraus, die Versäulungen und Unsichtbarkeit ganzer Bereiche der katholischen Kirche zu verlassen. Es fordert dazu heraus, Katholizität, Gemeinde, Pfarrei, Sendung und alle Grundwörter der Kirchenpraxis neu zu bedenken – und sich neu zu fragen, wie Partizipation, Gleichwürdigkeit, Kirchenentwicklung, größere pastorale Räume neu zu bedenken sind. Und müßte man nicht die Rede von den deutschsprachigen Pfarreien lassen?

Und damit es auch relevant ist: auch im Kontext der Finanzplanungen ist zu bedenken, dass in den nächsten Jahrzehnten die Zahl der katholischen Migranten weiter steigen wird – und damit der Kirchensteuereinnahmen (75% der Migranten sind gemeldet).

Aber: eigentlich ist das nichts neues. Denn Katholisch sein hieß schon immer: ein Volk aus vielen Völkern. Und: in der katholischen Kirche gibt es nicht katholische Gäste, Muttersprachler oder Fremde. Wir sind Kirche.

 

 

 

Für mich war es atemberaubend. In der vergangenen Woche haben wir – in verschiedenen Arbeitsgruppen haben wir zwei Schlüsseltexte gemeinsam gelesen. Und für mich waren diese beiden Texte eigentlich schon zu bekannt. Aber – vielleicht auch, weil ich in letzter Zeit intensiv über diesen „Klassiker“ von „Sammlung und Sendung“ nachdenken muss – öffneten sich die Texte noch einmal neu. Ergreifend und hilfreich für das Nachdenken einer Kirchenentwicklung, die sich von der Verkündigung des Evangeliums her versteht.

Es beginnt mit der Sendung…

Natürlich habe ich den Abschluss des Markusevangeliums schon oft gelesen. Aber heute höre ich nochmal anders hin:

In jener Zeit erschien Jesus den Elf und sprach zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden. Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16.15-18)

Beeindruckend ist vor allem der erste Aufschlag: die ganze Schöpfung soll vom Evangelium erfahren. Und die Aufgabe der Elf ist vor allem dieses Herausgehen zur Verkündigung. Damit aber wird eines deutlich: die Apostel stehen vor allem dafür, dass die Botschaft von der unbegrenzten und alles einschließenden Liebe bezeugt wird: durch sie als Personen, durch ihr Handeln, durch ihr Sein und ihr Wort. Denn in der Tat geht es nicht um einen Text, eine Lehre, sondern um die Raumbereitung: dafür, dass der Geist der Liebe alles durchdringen kann. Und dabei ist eine Zieldimension angegeben, die hier mehrfach angesprochen wird: es geht um „alle“ und alles. Im Hintergrund schwingt da natürlich der Römerbrief mit: kommt Verkündigung des Evangeliums an, dann zeigt sich das in den Söhnen und Töchtern Gottes, auf deren Offenbarwerden ja auch die Schöpfung wartet. Dieser Ausblick auf die erhoffte Zukunft des Friedens und der Gerechtigkeit, der erlösten Schöpfung, macht noch einmal deutlich, dass es bei dieser Grundaufgabe um die Erfüllung endzeitlicher Verheißungen geht. In der Tat: eine solche Verkündigung ist sakramental: wirksam dann, wenn hier Gott verwandelnd handelt… Noch tiefer: Es ist die Begegnung mit dem Auferstandenen

Taufe verleiht Flüüüüügel

Denn klar ist sofort auch. Verkündigung ist angewiesen auf die Annahme, die sich dann in der Taufe ausdrückt. Und dann beginnt etwas Neues. Etwas, auf dass es eigentlich ankommt: Gott handelt durch Menschen, die sich eingelassen haben. Zum Aufmerken: die Verkündigung zielt auf ein ungeheures Empowerment. Und darauf zielt alles. Nicht die Elf stehen im Zentrum, sondern die Getauften. Oder besser: Seine Kraft in den Getauften. Denn tatsächlich wird bei Markus im doppelten Passiv formuliert: „Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen…“ Zum Glauben kommen – das hat wenig mit dem schneidigen Glaubenergreifen zu tun, auch nicht mit mühseligen Entscheidungswegen, sondern ist wie ein Widerfahrnis, eben Gnade, die mobilisiert. Und dann geschehen Zeichen, Zeichen der Heilung. Und es werden Geschichten erzählt, in neuer Sprache. NB: nicht die Apostel reden in neuer Sprache – sondern dort, wo der Glaube ankommt, geschieht dies.

Es mutet ein wenig merkwürdig an: wie kann es sein, dass man Schlangen anfassen kann, Gift trinken kann? Hier wird nochmal deutlich, dass in den Glaubenden schon Gottes vollendete Welt anwest. Man hört Jesajas Prophetie von den Nattern und den Kindern, die mit ihnen spielen. Neue Schöpfung zeigt sich…

Dass es Gott ist, der sammelt

Klar, wenn man die Apostelgeschichte als Grunderzählung der Gemeinschaft versteht, dann kann man schnell abbügeln und sagen: alles nur eine Idealgeschichte, alles idealisiert, als Vision.

Das war die Geschichte in Apostelgeschichte 2 nie. Sie ist eher eine Grunderfahrung. Eine Grunderfahrung der Kirche.

Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.

Und das ist wichtig: Es ist die Erfahrung, dass nicht wir sammeln und Kirche bauen, sondern, dass sie schon da ist, gesammelt und zusammengeführt. Und sie wird „gefügt“. Und jetzt dreht sich die Perspektive um. Der Text beschreibt dann, auf diesem Hintergrund, Gemeinschaft nicht als etwas zu machendes, zu leistendes, sondern als das gegebene Geschenk, das Geschenk der neuen Welt Gottes. Was beschrieben wird als Lebensvollzug der Gemeinschaft, klingt spontan, einfach – ist alltägliche Praxis. Solidarität und Gotteslob, Freude und Mahlgemeinschaft sind nun aber nicht Anstrengungen, sondern Ausdruckshandlungen.

Nein, es geht nicht darum, Ansprüche an ein Gemeindeleben zu formulieren. Umgekehrt gilt es, Gemeinschaft als Geschenkte anzunehmen – zwischen allen Getauften, zwischen allen, die der Herr einfügt. Es gilt nicht, irgendwelche schrägen Kategorien aufzurichten. Bewertende Formeln von praktizierenden Christen, Kirchenfernen, Kasualienfrommen und ähnlichem – sie sind alle nur auf dem Hintergrund eines konstruktivistischen Gemeindeverständnisses und seiner implizit moralischen Verpflichtungsansagen verständlich. Aber eigentlich geht es um einen vertrauenden Glauben: wer durch die Taufe hinzugefügt ist in die Gemeinschaft, in dem ist – allen Motivlagen zum Trotz – Gottes Wort angekommen und also: hier liegt der Ausgangspunkt für den Wachstumshorizont einer Gemeinschaft, die sich überall aktualisieren und wachsen kann. Ja, es braucht Vertrauen auf das, was Gott geschenkt hat und ein neuen Blick auf alle Geschwister, die zu unserer Gemeinschaft gehören.

 

Ich bin inspiriert und begeistert zurückgekommen. Vom 5. Strategiekongress in Bensberg. Und die Begeisterung wuchs über die nächsten Tage noch an. Denn an diesem 2. Adventssonntag hörten wir in der Schrift von einem gigantischen Wegbereitungsprojekt: „Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll sich geben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist soll gerade werden, und was hügelig ist, werde eben. Dann offenbart sich die Herrlichkeit des Herrn, alle Sterblichen werden sie sehen…“ (Jes 40). Ja, denn die Gegenwart Gottes inmitten der Stadt, inmitten der Gesellschaft, inmitten des Lebens, darum geht es eigentlich. Wer dann die biblischen Impulse des heutigen Sonntags weiter liest, der stösst noch auf zwei wichtige Hinweise. Im 2. Petrusbrief liest man dann, dass wir – durch unser Leben! – „seine Ankunft beschleunigen“ (2. Petrus 3) können. Und: zweifellos, so sagt das Evangelium, geschieht eine solche Wegbereitung durch einen Neuansatz des Denkens, durch eine tiefe „Umkehr“, wie das Evangelium sagt, wenn es die Botschaft des Täufers Johannes beschreibt.

Soweit, so fromm. Aber ich konnte nicht anders, als mich an die inspirierende Tagung in Bensberg erinnern, in der ich zwei strategische WegbereiterInnen kennen lernen durfte, die mich nicht mehr loslassen.

Da sprach zu uns Mechthild Reinhard, die Mitbegründerin der SysTelios-Klinik. Auf der Suche nach ihrer Sendung im schwierigen und komplexen Feld der Medizin (aber: überall ist es so komplex!) riskiert sie einen eigenen Weg. Nein, wir müssen Wege verlassen, die scheinbar alternativlos sind und Kliniken einfach nur als Organisation verstehen. Nein, denn sie sind Organismen, aus lebendigen Menschen gebaut, die nicht hierarchisch um einen „Chef“ kreisen, sondern eine gemeinsame Mitte haben in dem „Wofür“ ihres Tuns, das sich natürlich immer wieder spezifiziert in die vielen Sachbereiche. Menschen, die – so Mechthild Reinhard – sich um solche „Feuer“ versammeln, werden ihr bestes geben, um ihre Sendung zu erfüllen. Sie sind sich selbst organisierende Communities im Kontext einer gemeinsamen Aufgabe. Selbständig und kompetent, selbstorganisiert und kreativ. Ein atmendes Gefüge, eine leidenschaftliche Wirklichkeit – und in allem steht ein ermöglichendes Vertrauen in alle, die teilnehmen an diesem Weg. Und er funktioniert.

Der Saal war gebannt. Berührt von diesem persönlichen und gleichzeitig wirksamen Weg. Und wir alle ahnten und spürten auch, dass diese Erfahrung irgendwie hin verweist auf die Mitte dessen, was uns im Christentum geoffenbart ist. Und ich dachte: hier wird in der Grundanlage dieses Unternehmens einer der Wege bereitet, auf dass Gott inmitten der Menschen erfahrbar werden kann: Menschwerdung zum Heil der Menschen. Und ja: Mechthild Reinhard ist eine Ankunftsbeschleunigerin

Und der Workshop mit Uwe Lübbermann. Er hatte sich geärgert. Dass die Colaproduzenten die Rezeptur geändert hatten, ohne ihn – als Kunden – zu fragen. Eine ungewöhnliche Perspektive. Dass er darüber zum Colaproduzenten wurde, ist nicht das interessanteste. Sondern wie er sein Tun versteht. Das Unternehmen, das entstand, ging auf neuen Wegen. Denn das Unternehmen – das sind alle: Produzenten, Transporteure, Kunden, MitarbeiterInnen – über 1700 verschiedene Mitwirkende. Und ihm war wichtig, dass alles mit allen besprochen werden wird, und gemeinsam zu entscheiden ist. Ungewöhnlich, diese totale Partizipation. Seit 16 Jahren, in dieser radikalen „Gleichwürdigkeit“, funktioniert dieses Unternehmen und wächst. Und auch hier ist ein unglaubliches Vertrauen leitend, das allen zutraut, gemeinsam für ein Ziel zu handeln.

Und auch hier: diese Grundhaltungen sind Ankunftsbeschleuniger. Denn hier entsteht ein beziehungsreicher Raum für Neues, für Gerechtigkeit, für Teilhabe. Mit einer klaren Ausrichtung auf die Produktion von Cola. Aber es ist eben nicht einfach ein Getränk, das hier produziert wird, es wächst eine Kultur, eine Kultur der Gleichwürdigkeit, der wechselseitigen Achtung, des Vertrauens, der Inklusion. Und dann gilt doch eigentlich: „Seht, da ist euer Gott“. Das Geheimnis einer (gar nicht religiösen) Wirklichkeit offenbart sich hier.

Und wir dürften lernen. Es ist ein großes Geschenk, sich das Geheimnis der Wegbereitung Gottes durch solche AnkunftsbeschleunigerInnen schenken zu lassen. Und gleichzeitig weitet sich die Perspektive in unserem Leben: an so vielen Orten geschieht Ankunftsbeschleunigung – in kleinen wie in großen Kontexten. Und wer würde nicht verspüren, dass dann Gott nahe ist? Wir merken es heilsam: „Brannte nicht unser Herz…“? – Ankunftsbeschleunigerinnen und -beschleuniger braucht es. Denn nur so kann jene Transformation geschehen, die wir erwarten: „An jenem Tag wird sich der Himmel in Feuer auflösen, und die Elemente werden in Brand zerschmelzen. Dann erwarten wir, seiner Verheißung gemäß, einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“, sagt der 2. Petrusbrief. Und das ist überall nötig.

Alles schon anfanghaft erlebt. Beim Strategiekongress in Bensberg.

Im deutschsprachigen Raum herrscht eine gewisse energiefreie Ratlosigkeit, wenn man zum Thema Priesterausbildung weiter nachdenkt. Zuletzt ließ ein Brief aufhorchen, in dem die zuständige Kongregation die französischen Bischöfe darauf hinwies, dass Seminare unter 17 Seminaristen nicht wirklich sinnvoll wären – also Seminare zu schließen seien, wenn sie zu klein wären. Nun ist das keine Qualitätsoffensive, sondern eine Quantitätsangabe. Naja. Seit Jahren denken auch bischöfliche Kommissionen in Deutschland über dieses Thema nach, versucht man, die Sinnhaftigkeit von Seminare an ihrer Größe festzumachen – und kommt dann dazu, dass man eigentlich Seminare schließen müsste, es aber nicht tut. Grandiose Taktiken sind da zu beobachten.

Gleichzeitig ist es ja nicht so, dass die Ergebnisse der Ausbildung so blendend und überzeugend wären. Und das, obwohl die betroffenen Regenten und Ausbilder sehr wohl mit viel Kompetenz und Engagement zu Werke gehen.

Dennoch: offensichtlich gilt ja die theologische Seminarausbildung in einem geschlossenen Seminar als gesetzt und normal? Warum muss das so sein? Kann man Seminar nicht anders denken? Es geht um mehr Freiheit und Selbstverantwortung.

Und nein, hier ist keiner Beliebigkeit das Wort geredet. Es geht auch nicht darum, dass Theologen und Theologinnen frei studieren, und erst am Ende ihrer Ausbildung sich dann bei Bistümern (oder Landeskirchen) melden. Nein, es geht nicht um größere Unverbindlichkeit, sondern ganz im Gegenteil: um Verbindlichkeit und Freiheit.

Deswegen ein Blick in die postmoderne anglikanische Szene. Es ist nur ein erster Blick, eine erste Erfahrung, die ich jetzt im Mellitus College in London machen durfte. Schon im Frühjahr konnte ich die Jonny Baker erleben, bei der W@nderkonferenz in Hannover, der mit seinem Team am CMS in Oxford eine Pionierausbildung für anglikanische Gemeindegründer konzipiert hat und durchführt.

Die Idee hinter St. Mellitus

Herzlich werde ich von Russel Winfield – einem der Verantwortlichen empfangen. Ich betrete, ja, eine alte Kirche, und nein: denn sie ist aufwendig modernisiert worden. „Sie war eine leere Kirche, und wir haben sie – ohne Geld der anglikanischen Kirche, allein durch Spenden – neu ausgestaltet. Und das macht schon was, wenn eine alte gotische Kirche sowohl Gottesdienstraum wie auch Universität ist…“ Das glaube ich auch – der Bau ist schon Ausdruck für den tiefen Wandel und zugleich die tiefe Identität. Vor 10 Jahren ist das Kolleg entstanden, auf Initiative der Bischöfe von London und Chelmsfort, mit 7 Kandidaten – und heute sind es über 200.

Nun steht dieses College im Dienst von über 30 Diözesen in England. Aber wie kommen die Kandidaten an Land? Das hat mit dem ausführlichen Assessment zu tun, das in den Diözesen und zwischen den Diözesen stattfindet. Am Ende eines zweijährigen Prozesses der Unterscheidung der Berufung findet die Aufnahme als Kandidat statt. Dieses Assessment besser kennenzulernen, wäre vielleicht auch heute für unseren Kontext wichtig. Mein Eindruck ist, dass hier ein entscheidender erster Unterschied liegt. Nicht in wenigen Gesprächen mit Ausbildern, aber auch nicht erst im Seminar, sondern im Vorfeld gilt es, den möglichen Kandidaten einen Weg und ein Setting zu offerieren, an denen ihre kirchliche Berufung reifen kann und beurteilt werden kann. Das ist ein erster Unterschied, der wichtig ist. Diese Mühe am Anfang lohnt sich. Sie prägt auch das gemeinsame Lernen, das gemeinsame Wachsen.

Und dann dürfen – in der Regel – die Studenten ihren Ausbildungsweg frei wählen, denn es gibt ja zwischen Oxford und Cambridge, Durham und Middlesex viele Möglichkeiten der Ausbildung. Und eben auch St.Mellitus in London. Aber: nur einen Tag in der Woche sind sie hier. Am Montag. Hinzukommen intensive Studienwochen (jährlich) und Wochenenden (halbjährlich) und die intensive Begleitung in Tutorien.

Und die restliche Zeit? Da sind sie am Ort, in Pfarreien, und wirken dort mit – unter der Begleitung eines Pfarrers vor Ort. Gedacht ist auch daran, dass sie zwei Tage im Selbststudium verbringen. Der Vorteil: Es gibt eine enge Verbindung zwischen Theorie und Praxis, eine hohe Freiheit und Selbstverantwortung und gleichzeitig eine sehr reflexive Begleitung in Gruppen und durch Ausbildungsbegleiter.

Diese akademisch-praktische Ausbildung dauert in der Regel drei Jahre, denen sich dann praktische Ausbildungsgänge nach der Diakonen- und Priesterweihe anschließen. Siehe im Einzelnen www.stmellitus.ac.uk  (info@stmellitus.ac.uk).

Was Russel Winfield mir erzählt, kommt mir bekannt vor. Weltkirchlich gibt es das auch in den Philippinen in ähnlicher Praxis-Theorie-Verknüpfung etwa im Kolleg der Vinzentiner in Manila und – sehr ähnlich – etwa in der Diözese Ciudad Guzman in Mexiko (vgl. dazu meinen Beitrag in C. Hennecke, Kirche steht Kopf. Unterwegs zur nächsten Reformation, Münster 2016).

Mögliche Folgerungen…

Also zunächst: die hilflose Diskussion um die Zahl von Seminaristen im Seminar muss beendet werden. Viel fundamentaler muss gefragt, wozu und wie die Idee des Seminars, menschliche, christliche und theologische Reife von Kandidaten zu befördern und somit zu einer echten Berufungsentscheidung zu kommen, in postmodernen Zeiten gelingen kann. Dazu ist mehr Mut erforderlich, mehr Geist und mehr Energie, als in den augenblicklichen Diskussionen deutlich wird.

  1. Eine neue Klarheit muss über das Thema der kirchlichen Berufung geschaffen werden. Natürlich können Menschen „sich berufen fühlen“. Der Prozess des Assessment ist aber intensiver zu gestalten, in einem Setting, das die Einschätzungen von Fachleuten, von Priestern und Ausbildern, aber vor allem von Christen aus Glaubensgemeinschaften, Gemeinden und Verbänden berücksichtigt.
  2. Der Ausbildungsweg bedarf größerer Freiheit und größerer Verbindlichkeit. Die theologischen Ausbildungsstätten können frei gewählt werden, und zugleich braucht es eine gänzlich andere Studienordnung, die viel intensiver Theorie und Praxis miteinander vernetzt. Die Einbindung in kirchliche Kontexte und also die Möglichkeit einer Praxistauglichkeit der Person und ihrer Theologie ist zu verstärken.
  3. Jeder Kandidat und jede Kandidatin (selbstverständlich studieren alle, die in der Kirche einen Dienst übernehmen wollen, zusammen) wählt frei eine gemeinsame Studiengruppe und einen Begleiter, der ihn über die Studienzeit begleitet. Gruppe wie Begleiter dienen dem Wachstum der Entscheidung und der Verifikation des Weges.
  4. Die Studieninhalte werden auf drei Jahre begrenzt und deutlich praxisorientiert: die Frage einer evangelisierenden Pastoral, der Leitungsfähigkeit, der zukünftigen ekklesiogenetischen Perspektive, der Frage einer mixed economy, der Teamfähigkeit sind sowohl theologisch wie praktisch zu studieren.

Ach ja, mir fallen natürlich auch alle Widerstände des bisherigen Gefüges ein. Und na klar: uns wird es gelingen, auch dann noch über Zahlen zu diskutieren, wenn es nur noch zwei Seminare in Deutschland gibt. Bis wir verstanden haben werden, dass es nie um diese Frage gehen konnte. Aber auch hier gilt: die hintergründigen Bilder hindern an neuen Aufbrüchen. Wie wäre es denn, man würde etwas mehr wagen? Zumal es schon Erfahrungen gibt, die zeigen, wie hoch die Resonanz sein kann.

 

 

 

 

 

 

 

Es ist beeindruckend und herausfordernd. Die Menge an Windrädern und Sonnenkollektoren, die nichtüberholbaren Windrädertransporte auf den Autobahnen – all das zeigt eine langfristige Veränderung an, die gesellschaftlich und politisch massiv gefördert wird. Die Nutzung erneuerbarer Energien ist zur Zukunftsoption geworden – zweifellos in einem langen Prozess, der hinter uns und aber auch noch vor uns liegt. Mehr als zwanzig Jahre. Und hatte nicht Papst Benedikt im deutschen Bundestag davon gesprochen, dass gerade die Fragen nach der Bewahrung der Schöpfung und dem Aufbruch der ökologischen Bewegung ein echtes Zeichen der Zeit seien?

Epochenwechsel. Klimawandel. Energiewende. Diese Stichworte inspirieren einen Übertrag auf Entwicklungsprozesse der Kirche. Denn ganz offensichtlich stehen wir in unseren kirchlichen Gefügen vor einem mindestens ebenso tiefgreifenden Umbruchsprozess. Und die eigentliche Frage ist ja, ob wir ihn tiefgreifend genug entdecken – oder nicht doch zu kurzatmig in Paradigmen gefangen bleiben, die uns ja auch selbst betreffen.

Grundannahmen

Das Volk Gottes wandert, lebt in Zelten und in Übergängen „auf dem Weg durch die Zeit“. Und das spannende und herausfordernde der theologischen Vision, die seit Abram und seinem Aufbruch wie ein Stachel im Fleisch jeder „Verfestigung“ kirchlicher Strukturen steckt, ist die Nicht-Fixierbarkeit einer kirchlichen Gestalt samt ihrer Organisation. Und das hat genau damit zu tun, dass in der Logik der Menschwerdung Gottes eine Logik der kenotischen Inkulturation liegt, die immer neue Transformationsprozesse herausfordert: das Evangelium gewinnt eben dann Kraft, wenn es sich ganz hinein verliert in die Welt von heute. Wenn also die Vision vom himmlischen Jerusalem und vom Reich Gottes als Ziel der geistgeführten Wanderung des Volkes Gottes beschrieben werden kann, dann gilt ja auch, dass es ständiger Aufbrüche, ständiger Reformationen und ständiger Abbrüche bedarf – die Wandlung ist nicht umsonst der Kern des christlichen Glaubens.

Das ist schwer zu ertragen. Denn wir tendieren dazu, uns einzurichten und auch Organisationen aufzubauen, die vielleicht dem jeweiligen Zeitgeist und seinen Logiken entsprechen müssen, aber eben keineswegs normativ sind für die Dynamik des Geistes. Dann sitzen wir fest eingefügt in Systemgefügen, die zweifellos ihre Berechtigung hatten – aber eben nur eine zeitgeeignete Variante sind, die wir verlassen müssen, wenn wir den Zeichen der Zeit entsprechen wollen. Und das sollten wir tun, denn: es ist ja nicht unsere Kirche, es ist eine dynamische Wirklichkeit des Geistes Gottes, der weitaus kraftvoller und machtvoller ist als jedes Gefüge an Bildern und Strukturen und Prägungen, die wir selbst errichten können.

Ein schmerzhafter und geistvoller Prozess

Wir wehren uns gegen Veränderungen. Wir führen weiter, was wir gelernt haben. Wir optimieren gerne Systeme und beklagen die Systemstarren in Gemeinden und Ordinariaten. Aber vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht steht uns eine Wende ins Haus, die wir nie freiwillig begrüßen würden, weil sie uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Ich erinnere mich an eine Aussage des anglikanischen Bischofs John Finney. In seiner Analyse anglikanischer Wandlungsprozesse ironisierte Finney die Unfähigkeit der anglikanischen Bischöfe, Veränderungen prospektiv zu gestalten: „Than the Holy Spirit spoke the language every bishop understand: Money talks“. Der Zusammenbruch einiger finanziellen Versorgungssysteme – die Ursachen sind nicht wichtig – führte zur Erkenntnis, dass es nicht mehr weiterging.Schon lange hatte sich alles verändert, aber mit Geld konnte man trotzdem weitermachen wie bisher – und Erneuerer als Hofnarren durften nebenherlaufen. Zentraler Faktor der Veränderung war nun das Fehlen des Geldes, um ein bestimmtes Systemgefüge weiter laufen zu lassen. Das System kollabierte. Ich finde, das ist eine interessante These. Sie würde nämlich unterstreichen, dass der Geist Gottes sich – wie zu Pfingsten – einlässt auf die verstehbare Sprache der Adressaten und ihnen deswegen auch zu verstehen geben kann, wenn Neues entstehen soll.

Das Fehlen von Geld ist nun in der deutschsprachigen Landschaft ein ständig gefühltes Problem (trotz hoher Einnahmen) und führt zur Erkenntnis, dass die Art unseres hoch institutionalisierten Kircheseins offensichtlich an ihr Ende kommt. Geld ist nur scheinbar ein Energieträger – vor allem dann, wenn es verbraucht ist, ist es weg. Und wenn Geld fehlt, so der Eindruck, können wir nicht mehr richtig Kirche sein – oder doch mindestens nicht mehr so, wie es uns seit Menschengedenken (seit den sechziger Jahren) selbstverständlich war und mit einem bestimmten Wohlfahrtskapitalismus gekoppelt ist.

Der Heilige Geist nutzt – in dieser Sichtweise – dann zur Zeit auch noch eine andere Sprache: die immer kleiner werdende Zahl von Priestern und das geringer werdende Interesse an kirchlichen Berufen wird die Kirche nachhaltig verändern und fordert zu einer gänzlich anderen Form des Kircheseins heraus. Es ist nicht nur für Bischöfe, sondern auch für die Christen in Gemeinden eine immense Herausforderung, Kirche gerade in ihrer sakramentalen Versorgungsgestalt neu zu denken. Wir sehen gerade im europäischen Zusammenhang, wie sich die Kirchen dagegen wehren. Die deutsche Kirche nimmt weithin unreflektiert Priester der Weltkirche in ihren Dienst – einfach weil finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Und die Vermutung ist nicht aus der Luft gegriffen, dass damit die Erwartung verbunden ist, dass das Systemgefüge weiter erhalten werden kann, möglichst lange noch. Das gilt auch dann, wenn die evangelische wie die katholische Kirche auf Ruheständler zurückgreift, um den Regelbetrieb zu erhalten. Man sieht – es gibt eine Systemerwartung zum Betriebserhalt.

Zu erwarten ist, dass diese Maßnahmen und auch der ständige Spardruck zu einer grundlegenden Überforderung des Systems führen werden. Zu erhoffen ist, dass es zu der Erkenntnis kommt, dass diese Herausforderungen im Tiefsten einen Umbruchsprozess ernötigen und dass dieser Umbruchsprozess zum geistvollen Weg Gottes mit seinem Volk gehört. Das ist vielleicht eine unerhörte These. Kann es sein, dass wir als Kirche uns neu ausrichten müssen – in einer Radikalität, die uns selbst erschreckt. Aber ist es nicht so, dass der Geist Gottes nicht nur aufbaut, sondern niederreißt? Und ist eine Systemveränderung schon jemals aus Einsicht geschehen, nicht vielmehr aus Not?

In der Nacht

Damit wäre es möglich, die derzeitige Situation und das derzeitige sich polarisierende Gesprächsklima kirchlicher Umbruchsprozesse geistlich radikaler zu deuten, ohne es spirituell zu entschärfen, sondern im Gegenteil zuzuspitzen. Wer den Diskussionen um die Zukunft der Kirche in der Theologie folgt, wer die endlosen Reformprozesse der Diözesen wahrnimmt, der wird unschwer Zeichen großer Desorientierung entdecken. Und auch die Unfähigkeit, aus dem System heraus zu denken. Denn es geht weder um größere pastorale Räume und die Unmöglichkeit personaler Seelsorge, weder um die Erhöhung des Verwaltungsaufwandes und das Kleinerwerden der Institution, noch um die selbstreferenzielle Diskussionen. Und es geht zunächst auch nicht um die eine oder andere Korrektur einer hierarchie- und institutionenfixierten Kirchengestalt, auch nicht um die Frage, wo denn Geld investiert werden müsste – und letztlich auch nicht um die Frage, welche Menschen zu kirchlichen Ämtern zugelassen werden, so bedeutsam diese Fragen alle auch sind.

Es geht schlicht um eine Erkenntnis: wir sind einem Umbruchsprozess ausgesetzt, der die Gestalt der Kirche tiefgreifend verändert, und zwar nicht nur Wege und Methoden, Menschen das Evangelium neu nahezubringen. Nein, es geht wirklich um ein Sterbeprozess und ein Neuwerden. Und das ist irritierend und desorientierend. Mit offenem Ausgang. Klar ist nur: jedes Festhalten wird diesen Prozess nur verzögern. Ja, die Mahnung Bonhoeffers gilt auch uns. Er schreibt 1944: „Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.“

Wer mag, kann die Epoche, an deren Ende wir stehen, als den Versuch sehen, den Sterbeprozess zu verhindern. Dann würde sich nahelegen, die jetzige Situation mutig als Läuterungsprozess zu sehen, also als eminent geistlichen Prozess der Umkehr und Selbsterkenntnis, und ja: auch als kollektive Nacht der Kirche. Wohlgemerkt: es geht nicht um die Menschheit und ihre Gottlosigkeit, sondern um die Kirche und ihre Gestalt, die sich in dieser Nacht verwandeln will.

Aus der erneuerbaren Geist-energie!

Und ehrlich gesagt: diese Verwandlung liegt auf der Hand. Denn es gilt ja: wer sich aus dem scheinbar normativen Rahmengefüge herausbewegt und sich einlässt auf den Geist, der „das Angesicht der Welt erneuert“ und dafür auch seine Kirche in einen tiefen Läuterungsprozess hineingesteuert hat, der wird nicht so schwer erkennen können, welche Reformation heute ansteht. Dafür aber wird ein bestimmtes Kirchenbild geradezu auf den Kopf gestellt. Und das macht dann Probleme.

Die Kirche entwickelt sich in der Kraft des Geistes. Und das bedeutet dann, dass zu achten ist auf die reichen Energien der vielen Christen auf ihrem Weg, die Initiativen und kreativen Aufbrüche, die – wenig steuerbar – erkennbar werden. Es wird hier schon deutlich, dass hierbei Konfessionalität eine andere Rolle spielen wird. Es wird deutlich, dass es eine immense Vervielfältigung von Formen gibt und geben wird, in denen das Evangelium sich bezeugt und verkündet. Es wird deutlich, dass die Begeisterung aus dem Glauben sehr unterschiedliche Wege geht. Damit aber ändert sich die scheinbar friedfertige Verknüpfung von Gemeinde und Institution. War es in einer hierarchisch-institutionalisierten Kirche der Versorgung deutlich, dass machtvolle Kontrolle, das Geben von Gestaltungserlaubnis in den Händen der Profis und besonders des Klerus liegt und sich daraus auch eine Pseudotheologie des priesterlichen Dienstes ableiten ließ, so ändert sich dies nun fundamental.

Neue Gemeindeformen, neue Initiativen und Aufbrüche, die sich als Frucht leidenschaftlicher und geisterfüllter Sendung zeigen, integrieren sich nicht in vorgegebene Rahmen, sondern es ist geradezu umgekehrt: nicht ein integrierender institutioneller Rahmen ist vorhanden, sondern die Institution schützt die integrierende Mitte und ermöglicht so das Wachsen einer Vielzahl von Wegen, wie das Evangelium heute den Menschen unserer Zeit begegnet.

Damit wird Kirchenentwicklung in ein neues Licht gerückt und die Rolle der hierarchischen Institution neu beschrieben: nicht sie plant einen Aufbruch (was angesichts der systemischen Logik auch merkwürdig anmuten würde), sondern sie begleitet und stützt und schützt das Werden einer neuen (und ihrerseits wiederum provisorischen und fragilen) Kirchengestalt. Nicht rahmende Kontrolle und also Macht ist das Leitwort, sondern Ermöglichung und Wegbereitung für das Wehen des Geistes in den Menschen.

Damit wird noch einmal nachdrücklich deutlich, worum es heute geht: den Pionieren und den Aufbrechenden zu ermöglichen, aus der (sakramentalen) Fülle der Gegenwart Gottes neue Wege zu gehen. Dann wird auch verständlich, welches die Aufgabe derer sein wird, die im Dienst am Werden des Volkes Gottes sind. Wenn es ihre Aufgabe ist, den Ursprung und die Mitte dieses Weges sakramental zu erinnern und also ins Leben zu bringen, dann geschieht dies im Kontext einer dienenden Sendung an denen, die heute gerufen sind, den „Leib Christi zu erbauen“, der keinen Gestaltvorgaben der Vergangenheit entsprechen wird.

Diese Umkehrung der Verhältnisse ist eigentlich theo-logisch: Kirchenentwicklung ist immer Werk des Geistes, und die Aufgabe einer Institution wird es immer sein, die Freiheit der Entwicklungswege, die Verknüpfung mit der Tradition und die sakramentale Einheit zu gewähren, aus der heraus das Evangelium heute ins Leben kommt. Und dennoch kostet eine solche Entwicklung aus erneuerbaren Geist-energien einen schmerzhaften Umkehrprozess, eine Loslösung aus Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten, die keineswegs banal ist. Ein fragiler und gefährdeter Zukunftsweg liegt vor uns – aber dürfen wir nicht vertrauen?