Immer noch Mellituscollege… Schon bei meinem ersten Besuch fragte ich mich, wie denn die Priester*innenkandidaten in England ausgesucht werden. Und dieses Mal – bei unserem Besuch am College und beim Mitleben mit dieser fantastischen Gruppe motivierter junger Leute, voller Leidenschaft für den Glauben und Lernlust für Theologie – stellte sich mir die Frage noch mal mehr. Woher kommen diese Studierenden – wie findet ihr die?

Ein faszinierender Weg der Berufungsfindung

Natürlich. Wenn neue Formen von Gemeinschaft und Kirche aufbrechen, aber auch wenn in gewachsenen Pfarreistrukturen begeisterte Priesterinnen und Priester, Pastoralworkers oder Engagierte wirken, dann werden auch junge Menschen aufmerksam. Und vor allem dann, wenn der Glaube in Wachstumsprozesse treten kann: wenn „discipleship“ zu einer Kultur des Christwerdens führt, dann werden Menschen aller Altersgruppen sich nach ihrem Weg, nach ihrer Berufung fragen.

Aber wie funktioniert das dann in England bei den Anglikanern? Es ist – so wurde uns im Gespräch mit Graham Tomlin deutlich – ganz anders als bei uns. Und es hat schon überrascht, von ihm zu hören, dass ein Berufungsprozess nach klaren Kriterien verläuft, und die haben es in sich…

Das ist die erste kleine Bombe, die Tomlin bei uns zündete… Und in der Tat. Wer diese Kriterien liest (https://www.churchofengland.org/sites/default/files/2017-10/selection_criteria_for_ordained_ministry.pdf), der kann nur erstaunt und begeistert sein: Detaillierte, aber transparente Kriterien zur Berufungsfrage (1), zum Engagement in der Kirche von England (2), und damit zur Frage der Inkardination in einen spezifischen kirchlichen Kontext, die Frage nach der eigenen Spiritualität (3), nach Persönlichkeit und Charakter (4), nach Beziehungsfähigkeit (5), Selbstwirksamkeit und Leadership, aber eben auch nach einer Teamfähigkeit (6), dem eigenen Glauben und der „generous orthodoxy“ (7), nach einer missionalen Ausrichtung (8) und dem eigenen Mindset und dem Denkvermögen (9), bilden einen Kranz von Wachstumskriterien der Berufung, der allen Kandidat*innen die Ernsthaftigkeit, aber auch die Objektivierbarkeit ihrer Eignung oder Nichteignung vermitteln.

Was für ein Unterschied das macht, ist mir beim Besuch in Mellitus aufgefallen, auch dem Regens, der mit uns war: soviel Freude und Energie und Leidenschaft ist nicht überall zu finden…

Ein längerer Weg… 

Und wie geht das nun konkret? „18 Monate dauert es in der Regel, unser Assessment“, so erzählt Graham Tomlin. Und wie genau, berichtet er uns in kurzen Skizzen.

  • Ein Kandidat, eine Kandidatin meldet sich bei Ihrem Pfarrer/Pfarrerin. Die Begegnung setzt voraus, dass die Kandidat*innen schon in einem kirchlichen Zusammenhang mitleben, denn die Frage nach der Berufung ist auch immer eine Frage, ob die jeweilige community die Berufung entdecken kann. Fragen wie diese: „Ist eine echte Lebensveränderung mit der Berufung einhergegangen?“, machen deutlich, dass hier auch vorausgesetzt ist, dass jemand eine gewisse Reife im Glauben und in seinem kirchlichen Leben hat, und auch andere ihn und seinen Charakter erkennen können. Das Gespräch mit dem Pfarrer kann zu einer Empfehlung führen, den Assessmentweg weiter zu gehen.
  • Auf diözesaner Ebene gibt es einen Verantwortlichen, der im Namen des Bischofs das Gespräch mit dem möglichen Kandidat*innen führt. Die Kriterien sind immer dieselben, aber es gibt eine intensivere Begleitung der Kandidat*innen auf ihrem Weg. Erfolgt hier ein „go“, empfiehlt der Bischof den Kandidaten der anglikanischen Kirche als ganzer.
  • Der dritte Schritt ist deswegen ein Assessment auf nationaler Ebene. Ein dreitägiger Prozess mit Kandidat*innen aus den verschiedenen Diözesen der Kirche von England findet mehrmals im Jahr statt. Ausgebildete Begleiter*innen gestalten diesen Kurs, bei dem auch die Teamfähigkeit eine wichtige Rolle spielt. Dieses Ausbildungsteam meldet dann an den Bischof zurück, ob es eine Empfehlung oder Ablehnung, oder eine eingeschränkte Empfehlung gibt…

Natürlich ist der Bischof frei, auch abgelehnte Kandidat*innen studieren zu lassen, klug wäre es in keinem Fall. Die Kandidat*innen haben in den meisten Fällen die Freiheit, Ihren Studienweg frei zu wählen – es gibt sehr unterschiedlich profilierte Colleges in der Kirche von England, von sehr akademischen hin zu sehr pastoralen, von evangelikalen über liberale hin zu katholisch geprägten. Oder eben zu Mellitus…

Wenn von 700 Student*innen fast 300 Mellitus wählen – was sagt das dann aus. Sehr beeindruckend ist diese Resonanz, und sie zeigt die Attraktivität eines Studienwegs, der schon längst nicht mehr in den Anfängen ist… Und was bedeutet das für uns?

Und wir?

Die Frage nach der Berufung und der Eignung der Kandidatinnen ist die Kernfrage. Und bislang erlebe ich hier eine theologische Unsicherheit, die es in Zukunft so nicht geben darf. Von daher inspiriert mich das Beispiel aus England – und eigentlich ist es nicht so schwer, hier einen neuen Weg zu bahnen, der allerding emotionale Muster sprengt.

Und ich erlebe, dass die Suche nach neuen Wegen der Ausbildung auch verknüpft ist mit weiteren grundlegenderen Fragen: sind wir als Kirche weiterhin im Bestandssicherungsmodus, oder darf man nach vorne träumen zu einer mixed economy verschiedenster Formen der Kircheseins, nach neuen Rollen für Pfarrerinnen und pastoralen Mitarbeitern, nach mehr Gemeinschaft und mehr Individualität in Ausbildungswegen, nach mehr Vertrauen in den Geist der Lernlust.

In England hat sich unsere ökumenische Gruppe anstecken lassen. Aber – es geht nicht nur um Ausbildung, es geht um eine andere kirchliche Kultur, andere Haltungen, andere Perspektiven. Es geht um Mut, und um geduldiges und zugleich kraftvolles Weitergehen.

Ich hoffe, dass angesichts kollektiver Ratlosigkeit und auch einer bestimmten Zurückhaltung zur Veränderung, neue Schritte möglich werden…

 

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Wir waren uns einig. Die theologische Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern, von Priestern und Pastoralen Mitarbeiterinnen ist – vorsichtig gesagt – suboptimal. Es ist wenig Kraft spürbar, wenig Aufbruch, und das mitten in unserer kirchlichen Situation, die im völligen Umbruch ist. Kann man da ernsthaft denken, dass die Ausbildung und das Theologiestudium davon unberührt bleiben? Betrifft der Paradigmenwechsel, der sich abzeichnet, nicht auch dieses System. Und was wäre, wenn das nicht so wäre?

Kurzum: es braucht auch hier eine mutige kulturellen Revolution oder doch zumindest ein neues Betriebssystem. Und ja, es ist schon klar, was dann passiert: alle guten Gründe zur Bestandswahrung werden der Selbstimmunisierung dienen. Die Bestandswahrung des universitären Gefüges ist gut begründet im Gange. Und deswegen: es geht nicht darum, das bisherige Gefüge in Frage zu stellen – aber: darf und muss man nicht neues versuchen?

Und deswegen sind wir nach England gefahren: katholische und evangelische Geschwister, die wir uns in Fribourg bei den theologischen Studientagen getroffen und gefunden hatten, und jetzt mit weiteren Kolleginnen auf dem Weg nach London waren, um die erstaunliche Erfahrung des Melltius-College zu erleben und zu verstehen. Und: um uns zu fragen, wie so etwas auch bei uns wirklich werden kann, in unseren Kirchen, länderübergreifend und konfessionsübersteigend…

Ein Morgen in Mellitus

Und um 9h geht’s los. Nur 50m von unserem Hotel ist das Mellitus-College. Eine alte Kirche – St. Jude, der Patron für aussichtslose Fälle. Diese Kirche ist umgebaut, und beherbergt heute ein College für 300 Studentinnen und Studenten aus ganz England. Wie die hierherkommen, das ist ein eigenes Kapitel…

Ein fröhliches Hallo, herzliche Begrüßungen, Umarmungen, aber auch wir fühlen uns in dem Gewusel sofort aufgenommen. Kaffee und leckere „Gipfeli“, wie die Schweizer Freunde sagen würden. Und Gespräch ist leicht. Welcome – an diesem Ort leichter und froher Gastfreundschaft

Jeden Montag, und nur an diesem Tag, kommen alle Student*innen zusammen – es ist der Studientag in einem Kolleg, das eine ganz eigene Studienordnung hat: am Montag gemeinsames Studium sowie Coaching und Praxisreflexion in Gruppen, Dienstag und Mittwoch Selbststudium zu Haus, den Rest der Woche Mitarbeit in einem kirchlichen Kontext, mit einem Mentor. Dazu mehrere gemeinsame Wochenenden und eine jährliche gemeinsame Studienwoche. Drei Jahre dauert der Bachelorstudiengang, der eng mit der Praxis verknüpft ist. „Das geht“, sagt später Bischof Graham Tomlin, Oxfordprofessor, „zumal unser Theologiestudium fokussiert ist aus ministry und mission. Wir wollen Pastor*innen ausbilden, keine Universitätstheolog*innen“.

Dann um 9.30 beginnt der Gottesdienst. Schon am Vorabend waren wir in Holy Trinity Brompton, der Gemeinde des Alphakurses, gewesen. Ein hipper Lobpreisgottesdienst, mit Taufe, mit langer Predigt eines kanadischen Gastpredigers. Aber jetzt hier, ganz anders, viel tiefer: ein Psalm und ein Schrifttext – und dann eine Auslegung. Eine Studentin erzählt. Wir sind alle berührt, von der Tiefe, der Offenheit und Geisterfülltheit ihrer Geschichte, ihrer schmerzlichen Erfahrungen, ihres Glaubens, ihres Lebens. Atemlose Aufmerksamkeit, die ins Gebet führt. Beeindruckend. Das prägt den ganzen Tag, der jetzt startet.

Wir können die verschiedenen Vorlesungen besuchen, erleben sehr solide Lehrveranstaltungen, die immer wieder unterbrechen, damit die Studierenden diskutieren und verknüpfen können mit ihren praktischen Erfahrungen. Vor mir sitzt eine Studentin, mit der ich ins Gespräch komme… „Nein, ich habe nicht die Berufung zur Priesterin – ich bin einfach sehr engagiert in meiner Pfarrei, und wollte Theologie vertiefen – und ich bin tieftraurig, dass die drei Jahre jetzt zu Ende sind…“

Und dann ist die Mittagspause. Eine Stunde mit Sandwiches, Gesprächen und Salat. Fröhliches Gelächter. Und dann folgt die 12er-Gruppe, eine Reflexionsgruppe, in der Theologie und Praxis verknüpft werden. Beeindruckend ist ja, wie hier die Studierenden miteinander umgehen, wie persönlich die Beziehungen sind – und wieviel Lernlust zu spüren ist. Für alle geht es hier um etwas, was ihre Leidenschaft ist!

Auf der Suche nach dem Geheimnis

Wir aber löchern Graham Tomlin. Mit Fragen. Wie ist dieses College eigentlich entstanden? In England gibt es viele Colleges, mit sehr unterschiedlichen Profilen, von evangelikalem Ende der anglikanischen Kirche bis zu Highchurch Colleges, die katholisch sind. Warum noch eins mehr. Es war im Jahr 2005. Tomlin war seit 15 Jahren Uniprofessor in Oxford und bemerkte die außergewöhnliche Distanz zwischen Praxis und der akademischen Theologie. Und suchte nach etwas Neuem. Und der Beginn war ein kleiner theologischer Grundkurs für Engagierten aus Pfarreien. Mit neun Leuten fing es an – es war eine praxisorientierte Theologie, erfahrungssatt und missionsorientiert. Und schon bald kamen Studierende dazu, die in der anglikanischen Kirche ordiniert werden wollten. Immer mehr. Die Resonanz ist ungeheuerlich, denn in der Kirche von England können die Kandidat*innen in der Regel ihren Studienort selbst wählen.

„Und weil wir nicht und niemals sagen, dass wir besser und neuer sind als andere, weil wir immer nur unser Profil schärfen, weil wir niemanden ersetzen wollen – deswegen geht es“, lächelt Tomlin. Und inzwischen entscheiden sich 300 von 700 Studierenden für Mellitus. Und das liegt bestimmt an der klaren Vision, die dem Studium zugrunde liegt. Natürlich kann man – hier und an anderen Orten – auch akademisch weiterstudieren, aber hier geht es vor allem um den pastoralen Dienst. Und klar ist auch hier, dass es natürlich unterschiedliche Rollen und Dienste gibt, von Pfarrer*in bis zum Pastoral worker, von Jugendseelsorger*in bis Gemeindegründerin – aber immer um den Dienst an der Mission. Und während auch während des Studiums geht es darum die Perspektive der Kandidat*innen zu schärfen – und zu entdecken, wie ihre Sendung sich am besten verwirklichen kann. Nicht jeder muss Pfarrer*in werden – es gibt besondere Wege für jede und jeden, und gerade die Mentor*innen sollen dafür sorgen, dass sich das im Studium herauskristallisieren kann.

Aber, so Tomlin, alles hängt an der Vision einer Kirche, die „healthy“ ist: ABCDE – so heißen die Faktoren: Anbetung, Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft, Bei den Armen sein, Nachfolge und Evangelisierung (Adoration – Belonging – Compassion – Discipleship  – Evangelism). „Solche Pfarreien gibt es genug…“, sagt Tomlin, „und unsere Kandidat*innen werden hier mit einer halben Stelle angestellt, schon während des Studiums. Das ist ein echtes „Win-Win“ – denn: die Pfarreien haben eine jungen, motivierten Mitarbeiter, und die Studentinnen haben ein tolles Lernfeld“.

„Generous orthodoxy“

Ja, es stimmt. Das Mellituscollege ist ursprünglich vom evangelikalen Flügel der anglikanischen Kirche geprägt. HTB Brompton und der Alphakurs stehen dafür. Aber – so erzählt Tomlin – es ist wichtig, dass die Kandidatinnen alles kennen lernen, und schätzen lernen können: vom Lobpreis bis zur Highchurch – alles gehört zur Weite der anglikanischen Kirche. Und wer ein Amt in dieser Kirche wahrnimmt, braucht ein weites Herz, braucht eine „weitherzige Orthodoxie“, eine Liebe zur ganzen Kirche.

Sehr beeindruckend, was Tomlin uns erzählt. Und wer nach dem Geheimnis fragt, wie all das entstehen konnte, der bekommt eine klare Antwort von Bischof Tomlin: „Es war und ist ein langer Weg, den wir gehen. Und er beginnt mit einer tiefen Krise, mit einer Situation großer Schwäche, wo wir neu über unsere Rolle als Kirche nachdenken mussten… Und Mellitus ist einer der Versuche, auf die postmoderne Herausforderung zu antworten, postmodern und radikal zu sein…“

Begeistert

Dass wir begeistert sind, „angefixt“, wie einer der reformierten Freunde sagt, versteht sich. Und wir beginnen deswegen, an einem anderen Ausbildungsweg rumzudenken, ökumenisch und landesübergreifend, radikal und profiliert, für alle, die Theologie in anderer Weise leben und lernen wollen – für die Christinnen und Christen, die sehnsüchtig nach einer anderen Weise des Kircheseins Ausschau halten. Und wer mag mitmachen?

 

 

Was genau geschieht hier, bei der Tötung des Heiligen Stephanus? Und was macht die Provokation aus, die zur Tötung des Stephanus führt. Und warum provoziert Stephanus ohne Unterlaß? Worum geht es ihm?

Stephanus war einer der sieben, die das Volk Gottes auswählte, als es zum ersten Mal zu einer Wachstumskrise der jungen Gemeinde kam. Sie sollten vor Ort die kleinen Gemeinden begleiten und ihnen vorstehen. Er war, so sagt die Schrift, ein Mann des Wortes, der Begeisterung – „voll Gnade und Kraft“ steht in der Schrift. Und er legt lange, sehr lange, die Schrift aus. Und das erregt und erzürnt die Leute total. Er ist auch nicht sanft: Ihr Halststarrigen, so wirft er ihnen entgegen. Und provoziert also nachdrücklich, indem er ihnen erklärt, dass sie keinen echten Einblick in das erste Testament haben. Kein Wunder, dass die Reaktion dann nicht auf sich warten lässt: „Als sie seine Rede hörten, waren sie aufs äußerte über ihn empört und knirschten mit den Zähnen…“

Und jetzt, spätestens jetzt, hätte er ja schließlich aufhören können. Es wäre die Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Und dann hätte er ja, wenn es ruhiger geworden wäre, noch einmal weiterreden können. Aber er tut es nicht. Er redet weiter, er provoziert unerträglich. Warum tut er das?

Wir hören im Evangelium:: „Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist wird durch euch reden“. Genau das passiert hier: Stephanus wählt nicht eine bestimmte Taktik, er „muss“ reden, er ist nicht politisch unterwegs, sondern erzählt, was er sieht. „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“.

Das reicht, und auf einmal beschleunigt sich die Geschichte: da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.“ In einem Vers. Ist er tot.

Aber was ist es, dass darin so provoziert. Warum regt das die Juden so auf? Und kann das noch uns erreichen, und vielleicht sogar provozieren? Oder ist es so selbstverständlich normal für uns?

Was sieht Stephanus? Er sieht Jesus, den Menschensohn, zur Rechten Gottes. Er sieht nicht einen Gott, der von oben sich um die Menschen kümmert, er sieht nicht einen einzigartigen, allmächtigen und herrlichen Gott, der sich der Menschen erbarmt – er sieht Gott, der den Menschen ihm ebenbürtig macht, der mit dem Menschen in derselben Wirklichkeit steht, der in eine gleichwürdige Beziehung tritt – und wo jetzt die Herrlichkeit im Zwischen liegt, eben in der Beziehung.

Herrlichkeit ist nicht mehr Gottes Größe, die den Menschen zum sterben bringt, weil sie so hell leuchtet, dass der Menschen es nicht mehr aushält. Herrlichkeit – das ist jetzt die Beziehung zwischen Gott und den Menschen.

Ganz klar: für die Juden ist das Gotteslästerung, und es ist genau jene Gotteslästerung, wegen der Jesus stirbt. Und jetzt Stephanus. Das ist der totale Umbruch. Nicht mehr ein Oben Gottes und ein Unten der Menschen, sondern eine Miteinander in derselben Herrlichkeit, auf Augenhöhe.

Von daher ist Stephanus Tod eine Spätkonsequenz von Weihnachten: denn hier genau geschah es ja: Gott wird Mensch, und seitdem ist Mensch und Gott auf Augenhöhe, in Beziehung. Und seitdem geht es um die gleichwürdige Beziehung.  Der Himmel ist offen, weil wir alle in diesem Himmel leben können: Mensch und Gott, Mensch und Mensch.

Und das provoziert. In diesen Wochen hat unser Bischof ein Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger gegeben, in dem er angesichts des Missbrauchsskandals davon sprach, dann dies mit der DNA der Kirche zu tun habe. Genau so ist es: Denn wenn in den Beziehungen in der Kirche, in den Gemeinden, in den Beziehungen ein Oben-Unten ist, dann steckt darin eine tiefe Fehlinterpretation des Gottesverhältnisses, dann ist damit jene Grundprägung völlig unterboten und verfälscht, für die Stephanus gestorben ist. Sie entspricht in keiner Weise dem Evangelium vom Kind, von Weihnachten, von der Liebe, die den Menschen zur Rechten Gottes erhöht.

Die innere Gestalt der Kirche, die innere Prägung alles dessen, was wir Kirche nennen, ist nur in dieser Provokation authentisch: in unserem Ursprung, in unserem Werden steht diese neue gleichwürdige partizipative Beziehung zu Gott. Und „Herrlichkeit“ meint genau jene Erfahrung des Zueinander, des Miteinander, der Gegenwart des Geistes zwischen uns.

Im Hören auf diese Botschaft habe ich mich an ein Gespräch mit einer Krankenschwester erinnert. Sie erzählte mir, und ich hörte staunend und beeindruckt zu, wie sie mit Patienten umgeht: es geht um eine Umkehrung der Situation. Denn normalerweise ist der kranke ausgeliefert, ohnmächtig, eben krank. „Mir geht es darum, dass er oder sie erfahren kann, welche Möglichkeiten sie hat, ich eröffne den Raum, in dem sie sich als würdig und wirksam erfahren kann, mitten in ihrer Ohnmacht…“ Im Hören dieser Praxis ist mir der Philipperbrief in den Sinn kommen, wo Paulus schreibt: „Ein jeder schätze den anderen höher ein als sich selbst“, ja: es geht darum, dass wir den anderen groß machen, uns in eine gleichwürdige Beziehung mit ihm stellen.

Dafür wird heute keiner mehr gesteinigt? Vielleicht nicht. Aber dennoch gibt es die Normalität dieses Fehlverständnisses von Hierarchie, von oben-unten, von Macht und ihrem Missbrauch, von Zementierung von Machtverhältnissen, vom Kleinmachen. Und ja, hier ist die Botschaft des Evangeliums für jede Beziehung, für unsere Gemeinde, und für unsere Kirche eine Provokation, die uns erinnern will, wo wir sind: im Raum der Gleichwürdigkeit, der Beziehungen, die das Wohl des Anderen sucht, die die Macht der Kompromisse schätzt, und nicht die Macht der Fakenews und der Überwältigung.

Das ist unsere frohe Botschaft – das ist die Hoffnung auf Herrlichkeit zwischen uns, wie Paulus es formuliert: „Christus ist unter uns, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit“ (Kol 1,27).

Das Wort ist Fleisch geworden

Vor etwa drei Wochen etwa, war ich bei einem Workshop. Und ich saß neben einem pastoralen Mitarbeiter des Bistums. Und auf seinem Arm las ich die Worte – auf Griechisch: „Im Anfang war das Wort“. Das hat mich tief beeindruckt. Denn diese Worte, mit denen das Johannesevangelium beginnt, die waren in sein Fleisch geritzt, die waren eintätowiert. Und natürlich, ich dachte sofort an das, was ein paar Zeilen weiter beim Johannes steht: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Ja, genau. In diesem Kollegen ist es Fleisch geworden, buchstäblich, für immer. Und ich habe ihn dann gebeten, dass ich seinen Arm fotografieren darf. Klar, und jetzt werde ich dieses Bild weiterverwenden.

Und genau das feiern wir ja heute. Das ist das Geheimnis des Weihnachtsfest. Wir können ja im Hebräerbrief, ganz am Anfang, das noch einmal lesen: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten – in dieser Endzeit hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1).

Gott hat immer schon gesprochen, von Anfang an, zu uns Menschen, auf vielerlei Weise. Und wir haben das gehört in dieser Adventszeit und jetzt auch zu Weihnachten: „Das Volk, das im Dunkeln ist, hat ein helles Licht gesehen“ oder: „Jubelt, ihr Trümmer Jerusalems“. Gott spricht immer hinein in die dunklen Stunden seines Volkes und verheißt eine Zukunft. Er spricht hinein in ein Volk, das erschüttert und sprachlos ist – ob der entsetzlichen Kriege, ob des Verlustes des Heimat – oder gerade auch im Angesicht des zerstörten Tempels. In diesen Situationen absoluter Katastrophe, die auch sprachlos vor Entsetzen machen, da verheißt er eine Zukunft.

Aber das war nicht nur vor 2500 Jahren so, in der Zeit der Propheten. Das ist auch heute so. Auch heute sind wir häufig sprachlos – ich bin sprachlos.

Ich bin sprachlos, wenn ich an unsere Gesellschaft denke. Wenn wir nicht mehr miteinander reden können, wenn wir uns polarisieren, wenn wir nicht mehr zuhören und uns gemeinsamer Werte versichern können. Ich bin sprachlos, wenn ich daran denke, wie Flüchtlinge Tag für Tag im Mittelmeer ertrinken, wenn in Syrien ein schrecklicher Krieg seit Jahren stattfindet. Ich bin sprachlos, wenn ein Pfarrer verstirbt in der Depression und die Nacht seiner Dunkelheit nicht mehr aushält. Ich bin sprachlos, wenn ich mitbekomme, dass dieses Weihnachten für eine Familie wahrscheinlich das letzte ist, weil sie sich trennen. Wenn Missbrauch geschieht, Macht eingesetzt wird. Das macht sprachlos, dass lässt uns ohnmächtig und zerbrochen zurück.

Und wir erwarten vielleicht, dass Gott etwas sagt, mehr als nur Verheißungen. Aber er spricht nicht so wie Dumbledore oder Harry Potter, die mit Ihrem Zauberstab und einem „Expelliamus“ die Welt verändern.

Nein genau so ist es nicht. Gott verheißt ein Kind. Und damit wird alles ungeheuerlich, wunderbar anders: Gott der Allmächtige, Gott, das Wort, wird sprachlos, macht sich sprachlos, wird Kind, wird wie wir.

Er wird in Jesus sprachlos, denn Babys können nicht sprechen. Er wird zerbrechlich statt hart, er wird machtlos und ganz angewiesen auf uns. Angewiesen auf Worte der Liebe, auf umarmende Zärtlichkeit, auf heilende Liebe – er eröffnet uns die Möglichkeit, wieder die zu sein, die wir von der Schöpfung her sind: Liebende. „Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen… und noch wunderbarer wiederhergestellt“, so haben wir gebetet am Anfang, im Tagesgebet. Und verstehen jetzt: ja, er wird Kind, damit wir wieder wir selbst sein können, wie wir von Anfang an sind.

Aber eben noch mehr: indem er sprachlos wird, nimmt er unsere Sprache und sie kann Sprache der Liebe werden. Er wird zerbrechlich, und nun ist jede Zerbrochenheit sein Ort – er ist da mit uns. Und ja, er macht sich machtlos, mit einem einzigen Ziel. Wir hören noch einmal in den Johannesprolog: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“. Er will, dass wir Er sind. In uns lebt jetzt die Liebe, die Gott ist. Genau so beten wir heute am Ende der Messe: „Barmherziger Gott, in dieser heiligen Feier hast du uns deinen Sohn geschenkt, der heute als Heiland der Welt geboren wurde. Durch ihn sind wie wiedergeborene zu göttlichen Leben…“

Wahnsinn. Wir haben eine neue DNA bekommen. Von nun an geht es darum, immer wieder zurückzukehren zu dieser neuen Wirklichkeit, die sich in uns ereignet hat, weil er so sprachlos wie wir geworden ist, weil er zerbrechlich wurde und zerbrochen ist, weil er machtlos war, um uns die Macht der Liebe zu schenken. Er. Christus. Die Liebe.

Aber wie geht das praktisch? Ich habe mich an eine Geschichte erinnert, die mir d. Giuseppe erzählt hat. Vor einigen Jahren war ich jedes Jahr in seinem Haus in Apulien, mit diesem alten Priester, der in den 70er Jahren auf italienischen Kreuzfahrtschiffen Schiffskaplan war. Er war ein einfacher Mann, der nur italienisch konnte. Irgendwann wurde es Vorschrift, dass er auch Deutsch und Englisch können müßte. Und d. Giuseppe begann zu lernen. Aber – er schaffte es nicht. Er war in London und Süddeutschland. Es brachte nichts. Und dann kam der Tag der Sprachprüfung. Und er ging in die Prüfung und sagte: „Ich kann eine Sprache, die alle verstehen. Und dann begann er seine Erfahrungen zu erzählen, wie er Menschen auf seinen Reisen durch seine Art und Weise über die Worte hinaus und jenseits, nahe war, ihnen geholfen hat, sie geliebt hat. „Ich kann die Sprache der Liebe“. Der Prüfer blieb lange still. Dann sagte er: „Ich wünschte, dass alle Schiffskapläne diese Sprache sprechen können – Sie haben bestanden“.

Darauf kommt es an: Nicht auf die Sprache, das Sprechen, nicht auf die Macht – sondern auf die Liebe, die Sprache der Liebe. Das ist Weihnachten. Zum Glück.

Björn Odendahl hat in seinem Beitrag in katholisch.de Fragen an die Priesterausbildung gestellt. Ziemlich radikale Fragen. Aber ob das reicht? Er vermutet, dass junge Männer in besonderen Häusern privilegiert werden, und dafür eine Kontrolle möglich wird. Wörtlich: „Wer Priester wird, dem zeigt man schon hier: Du bist etwas Besonderes. Dass man dadurch wichtige Schritte auf dem Weg zum „Erwachsenwerden“ eliminiert, scheinen die Verantwortlichen in Kauf zu nehmen. Was man dafür bekommt? Kontrolle. Im abgeschotteten Raum des Priesterseminars potenziert sich jedoch weitere Gefahren: die der männerbündischen Strukturen, der Tabuisierung von Sexualität, der Denunziation derer, die auch einmal an den moralisch hohen Ansprüchen der Kirche scheitern.“

Björn Odendahl stellt wichtige Fragen. Aber ich glaube, dass die Fragen eher noch radikaler zu stellen sind. Es geht um viel mehr.

Es geht zunächst um die Frage, ob in Seminaren möglicherweise eine Mentalität wächst, die – durch eine relative Geschlossenheit und Besonderheit der Ausbildung – so etwas wie ein klerikales Überlegenheitsgefühl hervorbringen könnte. Dort, wo die Ausbildung nicht eng verknüpft ist mit dem Leben im Volk Gottes, kann eine Mentalität des Oben-Unten wachsen, die deutlich von einem Kompetenzgefälle gekennzeichnet ist. Zu fragen ist: hilft die Priesterausbildung im Seminar, dass – mit einem Blick auf die Geistesgegenwart im Volk Gottes – das Priestertum als „Priestertum des Dienstes“ (LG 10) verstanden wird? Denn: Hierarchie meint eben nicht ein Oben-Unten, sondern einen Dienst am Ursprung, oder?

Es gibt auch noch andere Fragen: ist es wirklich so, dass die Ausbildung als gemeinsamer Bewahrheitungsweg der Berufung gesehen wird. Zu oft habe ich erlebt, dass im Seminar – burschikos formuliert – galt: „Der Regens ist der natürliche Feind des Seminaristen“. Mit allen Konsequenzen. Am Ende wussten die Seminaristen untereinander sehr genau, was bei einem Kollegen falsch war und nicht ging – aber sie hätten das nie dem Regens gesagt. Nennt man das nicht „omertà“ (eine Art Schweigespirale) – man hält dicht gegenüber den „Mächtigen“ und Verantwortlichen, denn man will ja niemand verunmöglichen, dass er vielleicht doch Priester wird? Ich kann mich – mit Erfahrungen – des Eindruck nicht erwehren.

Und noch mehr riskiert eine relativ geschlossene und kleine Gemeinschaft eine Art Selbstreferenzialität, die unvermeidlich und erschreckend ist. Auf einmal werden Fragen relevant, die den Blick verengen:  auf einmal wird eine internetbasierte traditionalistische „liturgical correctness“ zum Katholizitätskriterium – und Seminaristen werden von Kollegen und Professoren belächelt, wenn sie etwa nach Taizè oder anderen Orten ökumenischer Spiritualität fahren und von ihren – anderen – Erfahrungen berichten. Katholizität wird zur Enge – ist das ein Ziel der Ausbildung? Wohl nicht…

Dient das Seminar wirklich zur Persönlichkeitsreifung? Schon in meiner eigenen Ausbildungserfahrung habe ich da eine fragwürdige Erfahrung gemacht. „Kontrolle durch die Regenten“ habe ich eigentlich wenig erfahren – eher eine gewisse Hilflosigkeit und eine zu geringe Steuerung. Mächtig und stark war hingegen eine negative Gruppendynamik, die nur in Notfällen von der Leitung thematisiert wurde. Und das hat sich nicht verändert. Es gibt so etwas wie eine „Formation“ durch wechselseitige Sozialkontrolle der Stärkeren. Es gibt „dos und Don-ts“, die nichts mit den Wachstumsprozessen zu tun haben, die jede ratio fundamentalis anmahnt, die aber im System unbewußt oder bewußt eingeübt werden.

Wächst im Seminar die Christusbeziehung? Sicher ist auf jeden Fall, dass Formen der Spiritualität eingeübt werden. Und Liturgie spielt eine wichtige Rolle. Aber ob das Vertrauen zum Erzählen eigener Glaubenserfahrungen gestärkt wird, ob existenzielle Christuserfahrungen dort wachsen können? Das ist nicht so sicher, wie es scheint. Aber nur darum muss es zuerst gehen: mit Christus zu leben.

Und schließlich ist die Frage zu stellen, ob die bisherige theologische Architektur des Themas Berufung wirklich überzeugend begründet ist. Es scheint oft so, als ob die persönliche Berufungsgewissheit das Übergewicht hat gegenüber der kirchlichen Frage nach der Berufung. Und das bedeutet, dass die Gewichte hier verschoben sind in das forum internum. Und genau das halte ich für schwierig und fragenswert. Natürlich gibt es so etwas wie eine innere Berufung – aber gerade im Kontext der Priesterberufung, aber auch in anderen Kontexten der Sendung, geht es ja darum, dass die Kirche – das Volk Gottes und die Verantwortlichen – „rufen“ aufgrund von Eignung. Die „Resonanz“ des Volkes Gottes ist jedenfalls höchstwichtig, und spiegelt sich in der Bereitschaft und inneren Resonanz der Kandidaten.  Welche Pastoral und Kultur des Rufens es braucht, das ist eine Herausforderung der Stunde. Und sie wird im bisherigen Modus der Berufungspastoral und auch der Annahme und Prüfung der Kandidaten unterboten. Oder täuscht mich dieser Eindruck?

Deutlich anzufragen ist auch, ob die Ausbildung im Seminar Priester hervorbringt, die eine positive und geistvolle Erfahrung christlicher Gemeinschaft haben. Erfahren und erleben Seminaristen im Seminar „Kirche“ als Christusgegenwart, die ihr Handeln prägt? Wie kommt es eigentlich, dass Teamarbeit, gemeinsamer geistvolle Dienstgemeinschaft so wenig bezeugt werden? Denn das steht doch im Zentrum: mit anderen den Auferstandenen zu bezeugen und so dem Volk Gottes zu dienen.

Ich war selbst lange Jahre Regens, ich habe selbst 5 Jahre meiner Ausbildung im Seminar zugebracht. Und zwischen Ausbildung und Aufgabe liegen 25 Jahre. Ich habe nicht erkennen können, dass sich wesentliches verändert und verbessert hätte. Und ich denke, dass auch jetzt – bei der Frage nach der Größe der Seminargemeinschaften, nach der Zusammenlegung von Ausbildungen – die Grundfrage viel tiefer reicht. Braucht es vielleicht auch hier einen Systemwechsel, einen Paradigmenwechsel? Die Idee des Seminars als einem Wachstumsraum menschlicher, persönlicher und christlicher Reifung ist charmant, aber die Form scheint nicht mehr passend. Die Ergebnisse sind nicht überzeugend, die Regenten – wie ich seiner Zeit auch – eher etwas ratlos, und die Seminaristen nicht begeistert.

Es gilt sich umzuschauen. Es gilt nach Erfahrungen zu fahnden, die vielleicht neue Wege weisen. Gibt es etwa in Pionierausbildungen der anglikanischen Kirche oder auch in der von den Alpha-Kurs Gemeinden inspirierten Ausbildung im Mellitus College in London etwas zu lernen? Auch in Südamerika konnte ich eine sehr im Volk Gottes verwurzelte andere Ausbildungsform im Bistum Ciudad Guzman kennenlernen, die mich sehr beeindruckt hat. Man denke auch an die beeindruckende Ausbildungsgestaltung im Seminar der Vinzentiner in Manila

Die Fragen reichen tiefer als es scheint. Es geht nicht darum, Seminare abzuschaffen; es geht darum zu fragen, wie Berufung zum Dienst in der Postmoderne gelingen kann – und wie Leidenschaft und Begeisterung für den Dienst in der Kirche in Gemeinschaft mit dem ganzen Volk Gottes wachsen können. Danke für den Impuls von katholisch.de, aber möglicherweise ist das erst der Anfang einer fundamentaleren, aber notwendigen Diskussion.

 

 

 

 

 

Am Freitagabend endet der eigentliche Kongress. Für Samstag werde ich schon wieder starten, wenn in den Pfarreien noch ein kleines Exposure ansteht, und am Nachmittag die Abschlussmesse gefeiert wird. Da werde ich schon via Lima wieder nach Hannover zurückkehren.

Aber um 19h am Freitag ist die Messe in der Pfarrei. Eine Messe, die ich nicht vergessen werde… Schon zwei Tage vorher waren wir abends bei der Messe dabei. Der Pfarrer stand ihr vor, etwa 50 Kongressteilnehmende waren dabei – und mit einer kleinen Band, kleinen Vorstellungen und einem anschließenden Abendessen feierten wir ganz friedlich und normal…. So etwas erwartete ich auch heute.

Padre Nacho…

… ist aus Uruguay, mit einem feinen spanischen Dialekt. Kaum zu verstehen. „Willst du vorstehen?“ fragt er mich. Nein, sage ich – und das ist nicht nur wegen des Spanisch gut so. Denn er hat vom Pfarrer, der wahrscheinlich nichts von dem erahnt, was gleich passiert, den Auftrag bekommen, vorzustehen.

Es fängt schon zu Beginn an. Nach dem ersten Song der kleinen Band, hebt Nacho so an: „Wir haben bei diesem Kongress nicht umsonst von einer anderen Kirche gesprochen. Können wir nicht mehr miteinander um den Altar die Messe feiern, nicht wir hier vorne, und ihr auf den Stühlen. Ich lade alle ein, mit ihren Stühlen um den Altar zu kommen…“ Ein ungläubiges Aufblicken…, aber dann ruckt und ruckelt es. Alle setzen sich näher heran. Wir stellen auch äußerlich die „um den Altar Versammelten dar“. Und es geht weiter. „Wir erfahren Vergebung durch Gott, er erbarmt sich unser, er versöhnt uns – aber wir erfahren das durch den Nächsten. Und so lade ich euch, einander eine Umarmung der Versöhnung zu schenken“ „…“. Nach dem Loblied und dem Tagesgebet, das Nacho frei formuliert, setzen wir uns, um die Lesung und das Evangelium zu hören. „Halt“, sagt Nacho, „auch die Priester, Diakone und Minis sollen doch das Wort Gottes mit allen hören. Wir sind doch alle das Volk Gottes“ Und alle – einige etwas ungläubig – setzen sich zu den anderen. Wir hören die Lesung, singen das Halleluja, hören das Evangelium, um dann die Predigt zu erwarten.

Einmal im Jahr…

Hier lässt Nacho eine junge Frau erzählen. Sie ist Ordensschwester, stammt aus einem kleinen Dorf am Titicacasee. „Ich habe bis zu meinem 20.Lebensjahr nie eine Eucharistiefeier erlebt. In meinem kleinen Dorf war nie Messe – einmal im Jahr, zu Fronleichnam, gab es in einem 3 Stunden entfernten Dorf eine Messe, aber da bin ich nie hingekommen… Erst in meiner Ausbildung kam ich in die Stadt, und damit in Berührung mit der Eucharistiefeier… Sie ist mir wichtig geworden“. Das Zeugnis berührt mich sehr, auch weil ich darüber nachdenke, wie leichtfertig wir vom Priestermangel in Deutschland sprechen. Aber auch darüber denke ich nach, wie wohl das christliche Leben sich in diesem kleinen Dorf entfaltet hat….

„Und du, Christian“, fährt Nacho fort, „was habt ihr denn abends um diese Zeit zu Hause gemacht, als du ein kleiner Junge warst?“. Ich glaub, ich hör nicht recht, aber… ich bin gemeint. Und so stottere ich in meinem italo-spanisch: „Wir haben abends immer zu Hause miteinander gegessen, daran erinnere ich mich. Wir waren um den Tisch versammelt, alle…“

Essen ist eucharistisch

Nach den freien Fürbitten führt Nacho in das Hochgebet und die Eucharistiefeier ein: „Jedes Essen ist ein Hinweis auf die Eucharistie. Es ist immer mehr als Essen und Trinken. Es verweist immer auf das große Geschenk der Nähe Gottes, Hinweis und Vorgeschmack der Begegnung mit Gott – jedes Essen ist eucharistisch. Deswegen bitte ich all die, die heute mittag gekocht haben, hier zum Altar zu kommen zum Hochgebet…“ Zögernd kommen drei Frauen nach vorne, während wir Konzelebranten stehen bleiben an unseren Plätzen. Das Hochgebet beginnt, und dann lädt Nacho ein: „Ihr wisst ja, als Papst Franziskus zum ersten Mal auf der Loggia kam, um sich vorzustellen, da bat er das Volk Gottes, für ihn zu beten, damit er es segnen könnte. Will sagen, der Geist Gottes ist in jedem Christen. Und so können wir das Hochgebet auch mitbeten. Legt bitte eure linke Hand auf euer Herz, denn da ist ja der Heilige Geist zu Hause, und mit der rechten segnet mit mir die Gaben, über die ich das Hochgebet spreche…“

So feiern wir weiter, und die Atmosphäre wird immer feierlicher, und die Teilhabe aller wird immer tiefer und froher. Bis zum Schluss. „Ich habe den Pfarrer gebeten, zum Abschluss zu segnen. Aber ihr wisst ja, die alten Menschen haben am meisten Weisheit, und ihr Segen ist Lebenserfahrung. Ich bitte euch Alte, nach vorne zu kommen. Und jeder und jede kann sich dann von euch einzeln segnen lassen…“ So geschieht es – und es ist schon wunderschön, sich von meiner Gastgeberin Carmen segnen zu lassen. Mit viel Freude und Gesängen geht die Messe zuende… Nein, denn noch nicht ganz. Es ist ja der letzte Abend. Und viele danken ihren Gasteltern, die so viel Gastfreundschaft geschenkt haben. Und natürlich mit vielen Fotos, auch die Ministranten tauchen wieder irritiert auf J

Ich bin sehr berührt und beeindruckt. Denn die Messe, die ich hier – in diesem doch oft streng rituellen Kontext erlebt habe – gibt mir Fantasie für ein lebensrelevante Eucharistie. Nicht alles scheint mir schon ausgereift, aber – und das ist doch das Entscheidende – die Frage der Zukunft wird sein, wie Eucharistie und Lebensvollzug der Gemeinschaft zusammenfinden, zusammenklingen und Ausdruck der unglaublichen Liebe Gottes für die Welt sein können – und nicht nur eine gut festgelegte sakramentale Liturgie, die natürlich immer der Kern des Feierns ist. Danke, Nacho!

 

Etwas zu spät kommen wir in die Aula, und doch sind wir nicht die einzigen, die in die riesige Aula so spät noch hereinströmen. Die Halle ist voll – vielleicht 3000, vielleicht auch mehr Personen aus allen Ländern Lateinamerikas, mit ihren Landesflaggen. Und die Stimmung fängt an zu kochen, aus voller Kehle singen alle „America en mision…“ Und der Animator der Band wiederholt dieses Mantra: „America en mision“, worauf alle rufen: „El evangelio es alegria“.

Jeder Morgen beginnt mit einer Wortliturgie, die fein und sinnenhaft gestaltet ist: mit einer riesigen Bibel ziehen am ersten Morgen die Repräsentanten der Nationen und Vorsteher der Liturgie ein, wie hören das Wort Gottes. Wir beten und singen. In den nächsten Tagen wird das Missionskreuz – angelehnt an das Sternbild „Kreuz des Südens“, das im übrigen, in Anlehnung an alle Inkatraditionen hier auch das Bühnenbild beherrscht – zur Mitte der Liturgie, und am Freitag, sehr eindrücklich, wird auf die Heiligen der Welt Bezug genommen, die wie eine „Wolke der Zeugen“ um den Innenraum der Halle ziehen.

Gut durchdacht, ein echter Glaubensweg, der hier ganzheitlich gefeiert wird. Mich beeindruckt dieser Weg, den wir gehen, vom Hören des Wortes zum Leben des Glaubens, dessen Mitte das Geheimnis von Tod und Auferstehung ist.

Aber dennoch bleiben viele Fragen. Was bedeutet bei diesem Kongress eigentlich die Zentralbegriffe?

Alegria

Die Freude – nur eine Emotion? Wer Lateinamerikaner*innen kennt, der kennt ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Freude, ihre Emotionen. Aber hier geht es, so verstehe ich es, um mehr. Der Titel greift ja das Schreiben von Papst Franziskus auf, eigentlich alle Schreiben, denn sie orientieren sich immer an der Freude. Nun ist keine Freude gemeint, die einfach nur überschäumt, sondern ein Umkehrweg, ein neues befreiendes Denken, das aus der Begegnung mit Christus erwächst: die Erfahrung eines befreienden Geliebtseins. Und na klar: das führt zum Überschäumen, aber es ist deutlich mehr gemeint als eine Emotion, die eben der Ausdruck einer inneren Erfahrung ist. Und eigentlich beginnt hier der Paradigmenwechsel – in der Theologie des Glaubens. Es reicht – auch in Lateinamerika – nicht mehr der klassische Zusammenhang zwischen gewachsenen und ererbten Katholischsein und kirchlichen Rahmen. Wie in Europa geht es um die Frage, wie Menschen überhaupt Christen werden, und klar ist: das findet dort seine Mitte, wo Menschen Christus so begegnen, dass ihr Leben in die frohe Freiheit gewandelt wird. Mit anderen Worten: diese Freiheit drückt sich in Freude aus – und in der Tat: das merkt man hier.

Mision

Mission – das ist der Aufbruchsbegriff schlechthin. Aber er ist auch denkbar unklar. Spannend ist in Südamerika, dass er völlig klar und unbelastet zu sein scheint – mindestens in dieser Runde der Abgesandten aus vielen Ländern. Es ist hier klar: es geht darum, neu auf die Menschen zuzugehen, das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft von der Freiheit allen zugänglich zu machen, „hinauszugehen“, die Peripherien anzusteuern, wie Papst Franziskus sagt. Auch hier ist natürlich nicht ganz klar, wie dies geschehen soll – aber die Dynamik treibt aus einer Kirchenerfahrung heraus, die auch hier in Lateinamerika deutlich an ihr Ende kommt. Es ist verwunderlich, oder auch nicht: dasselbe zentralisierende Kirchenmodell, das von einer einzigen Sozialform ausgeht, die für alle gemeinschaftsstiftend sein soll, existiert nur noch in Köpfen als Rauschen der Vergangenheit. Gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass es sehr lebendige „Gemeinden“ gibt; gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Form nur einen kleinen Teil von Katholiken verbindet, maximal 10-15% in konkrete Gemeinschaftsformen einbindet – vor allem in Städten. Da aber die Städte hier beständig wachsen und explodieren, wird hier eine „pastoral urbana“ notwendig: wahrnehmen und antworten auf die Resonanzen der Menschen. Segen, Totengedenken, neue Formen der Nachbarschaftsgemeinden – vor allem aber: Beziehungsorientierung – und hier, im Leben der Menschen, das Evangelium gemeinsam neu entdecken. Oder doch nicht? Offensichtlich geht es um verschiedene Ansätze der Evangelisierung, aber immer steht in der Mitte das eigene Zeugnis von Leben und Freude. Das vor allem meint Mision, der Rest ist sehr unterschiedlich

Resonanzen

Erstaunlich ist vor allem eines während der drei Tage des Kongresses: jeden Morgen gibt es zwei Vorträge von mindestens einer Stunde, meist länger. Und alle sind hochkonzentriert, was man immer dann merkt, wenn die „wunden Punkte“ der Kirche angesprochen werden. Die Vorträge sind fundamentale theologische Katechesen, sehr umfangreich, ohne sehr in die Tiefe zu gehen. Und doch reagiert der Saal vor allem auf zwei Themen.

Im Vorfeld gab es ein „Instrumentum Laboris“: dort war am Ende intensiv über einen neuen Dienst nur für Frauen nachgedacht worden, der den verschwurbelten Titel Gynaikolatho trägt, eine Zusammenführung der griechischen Wörter für „Frau“ und „Akolyth“. Nun ja, die Aufgaben dieses neuen Dienstes sind die eines Diakons, ohne dass hier ein Zugang zu einer hierarchischen Stufe benannt würde: es ist ein Dienst im Volk Gottes. Wer immer die Frage der Rolle der Frau in der Kirche, die männliche wenn nicht oft machistische Herrschaftsstrukturen hat, andeutete, wurde frenetisch bejubelt. Auch ein zweites Thema fand dieselbe Resonanz. Mehrere Redner plädierten für eine nichtklerikale Kirche – sofort brandete der Applaus auf, ohne das klarer würde, wie eine solche Kirche aussieht.

Identität

Und ja: am spannendsten aber auch am herausforderndsten war ein Beitrag, der sehr fulminant ansetzte: bei Jesus, dem am Rand stehenden, der alle Denkgewohnheiten durchbricht. Wir folgen jemandem nach, der das klassischen Gottesbild und das klassische Familienbild aufbrach, und sich aus dem Zentrum an die Peripherie versetzte. Dieses Aufbrechen Jesu, in dessen Nachfolge wir stehen, das fordert aber auch zu einer anderen Mission heraus, zu einer radikalen Infragestellung bisheriger Gewohnheiten – es öffnet den Raum für eine postmoderne Anschlussfähigkeit. So schien es mir. Jesus, so die Kernthese, hat eine neue Identität geschaffen, und genau darum geht es ihm – müßte es uns als Kirche nicht neu zu unserer Identität führen?

Die Verheißungen der Amazonassynode

Wir kennen unseren Papst, wir Deutschen. Er hat die deutschen Bischöfe daran erinnert, dass in einer postmodernen Weltkirche nicht alle Lösungen gesamtkirchlich zu entwickeln sind, sondern dass es auch hier eine „heilsame Dezentralisierung“ geben muss, mit dem Mut von Bischöfen, angemessene Lösungen vor Ort zu finden, zu entscheiden und zu verantworten. Mehr Mut zur Ortskirche…

 

Genau das aber ist auch eine große Hoffnung der kommenden Synode über die Fragen des Amazonas. Spannend ist sie schon von ihrer Zusammensetzung, denn hier kommen Bischöfe aus Peru, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Bolivien und Uruguay zusammen… keine Kontinentalsynode, keine Bischofskonferenz, sondern Betroffene. Ein Bischof aus Venezuela sprach in meiner Arbeitsgruppe von der Hoffnung auf eine nichtklerikale Kirche…. ohne das näher zu beschreiben. Aber mir scheint, nach diesen verstreuten Hinweisen, dass hier etwas möglich wäre, dass das Paradigma bisherigen Kirchenverständnis sprengen könnte. Warum eigentlich muss man immer um das Binom „Kleriker-Laien“ herum diskutieren. Das ist doch ein altes Paradigma – vielleicht veraltet. Es ist einfach Unsinn, nach einer stärkeren Beteiligung und Partizipation der Laien in der Kirche zu fragen, denn dann hat man in Kopf und Herzen immer noch das Bild einer Kirche, die vor allem klerikal ist. Löst die Rede von der nichtklerikalen Kirche nicht dieses Bild auf? Wäre das nicht der eigentliche Fortschritt.

 

Hier wurde es immer besonders engagiert, in der Arbeitsgruppe, in der ich an den Nachmittagen war: bei der Frage der Dienste für Frauen. Genau hier ist nämlich die Schneise zwischen einem Kirchenbild, dass weithin auf dem Betriebssystem Kleriker-Laien läuft, und damit die Frage der Dienste der Frauen nur in der Alternative Kleriker*innen oder nicht lesen kann. Und in meiner AG waren einige Frauen strikt dagegen, sich in diese machtklerikal-männliche Kirche eingliedern zu lassen. Für andere war es hingegen wichtig, dies als Ausdruck der Gleichwürdigkeit der Kirche zu sehen.

Erneuerung von der Peripherie?

Ich erinnere mich an einen spannenden Tag Kirche2 in Hannover, im Vorfeld des Willowkongresses von 2016. In einem der Workshops vertrat der Vortragende die These, dass Erneuerung oft „vom Rand her“ geschieht, „from the margins“. Immer mehr bin ich davon überzeugt. Nicht aus den Zentren der Aufmerksamkeit, vielleicht noch nicht mal in den Metropolen, sondern im vergessenen Peripheren, weil dort der Geist des „am Rand lebenden“ Christus neues ermöglicht.

Und so wie die Kommunion von Evangelischen in der kirchlichen Peripherie Deutschlands beginnt (jaja – wir sind weltkirchlich Peripherie!) und beginnen muss, so kann vielleicht in der Peripherie des Amazonas ein neues Kirchenverständnis geboren werden, dass das Evangelium und die kirchliche Tradition ganz neu leuchten lässt. Darauf ist zu hoffen, dafür ist zu beten!