Es ist beeindruckend und herausfordernd. Die Menge an Windrädern und Sonnenkollektoren, die nichtüberholbaren Windrädertransporte auf den Autobahnen – all das zeigt eine langfristige Veränderung an, die gesellschaftlich und politisch massiv gefördert wird. Die Nutzung erneuerbarer Energien ist zur Zukunftsoption geworden – zweifellos in einem langen Prozess, der hinter uns und aber auch noch vor uns liegt. Mehr als zwanzig Jahre. Und hatte nicht Papst Benedikt im deutschen Bundestag davon gesprochen, dass gerade die Fragen nach der Bewahrung der Schöpfung und dem Aufbruch der ökologischen Bewegung ein echtes Zeichen der Zeit seien?

Epochenwechsel. Klimawandel. Energiewende. Diese Stichworte inspirieren einen Übertrag auf Entwicklungsprozesse der Kirche. Denn ganz offensichtlich stehen wir in unseren kirchlichen Gefügen vor einem mindestens ebenso tiefgreifenden Umbruchsprozess. Und die eigentliche Frage ist ja, ob wir ihn tiefgreifend genug entdecken – oder nicht doch zu kurzatmig in Paradigmen gefangen bleiben, die uns ja auch selbst betreffen.

Grundannahmen

Das Volk Gottes wandert, lebt in Zelten und in Übergängen „auf dem Weg durch die Zeit“. Und das spannende und herausfordernde der theologischen Vision, die seit Abram und seinem Aufbruch wie ein Stachel im Fleisch jeder „Verfestigung“ kirchlicher Strukturen steckt, ist die Nicht-Fixierbarkeit einer kirchlichen Gestalt samt ihrer Organisation. Und das hat genau damit zu tun, dass in der Logik der Menschwerdung Gottes eine Logik der kenotischen Inkulturation liegt, die immer neue Transformationsprozesse herausfordert: das Evangelium gewinnt eben dann Kraft, wenn es sich ganz hinein verliert in die Welt von heute. Wenn also die Vision vom himmlischen Jerusalem und vom Reich Gottes als Ziel der geistgeführten Wanderung des Volkes Gottes beschrieben werden kann, dann gilt ja auch, dass es ständiger Aufbrüche, ständiger Reformationen und ständiger Abbrüche bedarf – die Wandlung ist nicht umsonst der Kern des christlichen Glaubens.

Das ist schwer zu ertragen. Denn wir tendieren dazu, uns einzurichten und auch Organisationen aufzubauen, die vielleicht dem jeweiligen Zeitgeist und seinen Logiken entsprechen müssen, aber eben keineswegs normativ sind für die Dynamik des Geistes. Dann sitzen wir fest eingefügt in Systemgefügen, die zweifellos ihre Berechtigung hatten – aber eben nur eine zeitgeeignete Variante sind, die wir verlassen müssen, wenn wir den Zeichen der Zeit entsprechen wollen. Und das sollten wir tun, denn: es ist ja nicht unsere Kirche, es ist eine dynamische Wirklichkeit des Geistes Gottes, der weitaus kraftvoller und machtvoller ist als jedes Gefüge an Bildern und Strukturen und Prägungen, die wir selbst errichten können.

Ein schmerzhafter und geistvoller Prozess

Wir wehren uns gegen Veränderungen. Wir führen weiter, was wir gelernt haben. Wir optimieren gerne Systeme und beklagen die Systemstarren in Gemeinden und Ordinariaten. Aber vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht steht uns eine Wende ins Haus, die wir nie freiwillig begrüßen würden, weil sie uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Ich erinnere mich an eine Aussage des anglikanischen Bischofs John Finney. In seiner Analyse anglikanischer Wandlungsprozesse ironisierte Finney die Unfähigkeit der anglikanischen Bischöfe, Veränderungen prospektiv zu gestalten: „Than the Holy Spirit spoke the language every bishop understand: Money talks“. Der Zusammenbruch einiger finanziellen Versorgungssysteme – die Ursachen sind nicht wichtig – führte zur Erkenntnis, dass es nicht mehr weiterging.Schon lange hatte sich alles verändert, aber mit Geld konnte man trotzdem weitermachen wie bisher – und Erneuerer als Hofnarren durften nebenherlaufen. Zentraler Faktor der Veränderung war nun das Fehlen des Geldes, um ein bestimmtes Systemgefüge weiter laufen zu lassen. Das System kollabierte. Ich finde, das ist eine interessante These. Sie würde nämlich unterstreichen, dass der Geist Gottes sich – wie zu Pfingsten – einlässt auf die verstehbare Sprache der Adressaten und ihnen deswegen auch zu verstehen geben kann, wenn Neues entstehen soll.

Das Fehlen von Geld ist nun in der deutschsprachigen Landschaft ein ständig gefühltes Problem (trotz hoher Einnahmen) und führt zur Erkenntnis, dass die Art unseres hoch institutionalisierten Kircheseins offensichtlich an ihr Ende kommt. Geld ist nur scheinbar ein Energieträger – vor allem dann, wenn es verbraucht ist, ist es weg. Und wenn Geld fehlt, so der Eindruck, können wir nicht mehr richtig Kirche sein – oder doch mindestens nicht mehr so, wie es uns seit Menschengedenken (seit den sechziger Jahren) selbstverständlich war und mit einem bestimmten Wohlfahrtskapitalismus gekoppelt ist.

Der Heilige Geist nutzt – in dieser Sichtweise – dann zur Zeit auch noch eine andere Sprache: die immer kleiner werdende Zahl von Priestern und das geringer werdende Interesse an kirchlichen Berufen wird die Kirche nachhaltig verändern und fordert zu einer gänzlich anderen Form des Kircheseins heraus. Es ist nicht nur für Bischöfe, sondern auch für die Christen in Gemeinden eine immense Herausforderung, Kirche gerade in ihrer sakramentalen Versorgungsgestalt neu zu denken. Wir sehen gerade im europäischen Zusammenhang, wie sich die Kirchen dagegen wehren. Die deutsche Kirche nimmt weithin unreflektiert Priester der Weltkirche in ihren Dienst – einfach weil finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Und die Vermutung ist nicht aus der Luft gegriffen, dass damit die Erwartung verbunden ist, dass das Systemgefüge weiter erhalten werden kann, möglichst lange noch. Das gilt auch dann, wenn die evangelische wie die katholische Kirche auf Ruheständler zurückgreift, um den Regelbetrieb zu erhalten. Man sieht – es gibt eine Systemerwartung zum Betriebserhalt.

Zu erwarten ist, dass diese Maßnahmen und auch der ständige Spardruck zu einer grundlegenden Überforderung des Systems führen werden. Zu erhoffen ist, dass es zu der Erkenntnis kommt, dass diese Herausforderungen im Tiefsten einen Umbruchsprozess ernötigen und dass dieser Umbruchsprozess zum geistvollen Weg Gottes mit seinem Volk gehört. Das ist vielleicht eine unerhörte These. Kann es sein, dass wir als Kirche uns neu ausrichten müssen – in einer Radikalität, die uns selbst erschreckt. Aber ist es nicht so, dass der Geist Gottes nicht nur aufbaut, sondern niederreißt? Und ist eine Systemveränderung schon jemals aus Einsicht geschehen, nicht vielmehr aus Not?

In der Nacht

Damit wäre es möglich, die derzeitige Situation und das derzeitige sich polarisierende Gesprächsklima kirchlicher Umbruchsprozesse geistlich radikaler zu deuten, ohne es spirituell zu entschärfen, sondern im Gegenteil zuzuspitzen. Wer den Diskussionen um die Zukunft der Kirche in der Theologie folgt, wer die endlosen Reformprozesse der Diözesen wahrnimmt, der wird unschwer Zeichen großer Desorientierung entdecken. Und auch die Unfähigkeit, aus dem System heraus zu denken. Denn es geht weder um größere pastorale Räume und die Unmöglichkeit personaler Seelsorge, weder um die Erhöhung des Verwaltungsaufwandes und das Kleinerwerden der Institution, noch um die selbstreferenzielle Diskussionen. Und es geht zunächst auch nicht um die eine oder andere Korrektur einer hierarchie- und institutionenfixierten Kirchengestalt, auch nicht um die Frage, wo denn Geld investiert werden müsste – und letztlich auch nicht um die Frage, welche Menschen zu kirchlichen Ämtern zugelassen werden, so bedeutsam diese Fragen alle auch sind.

Es geht schlicht um eine Erkenntnis: wir sind einem Umbruchsprozess ausgesetzt, der die Gestalt der Kirche tiefgreifend verändert, und zwar nicht nur Wege und Methoden, Menschen das Evangelium neu nahezubringen. Nein, es geht wirklich um ein Sterbeprozess und ein Neuwerden. Und das ist irritierend und desorientierend. Mit offenem Ausgang. Klar ist nur: jedes Festhalten wird diesen Prozess nur verzögern. Ja, die Mahnung Bonhoeffers gilt auch uns. Er schreibt 1944: „Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.“

Wer mag, kann die Epoche, an deren Ende wir stehen, als den Versuch sehen, den Sterbeprozess zu verhindern. Dann würde sich nahelegen, die jetzige Situation mutig als Läuterungsprozess zu sehen, also als eminent geistlichen Prozess der Umkehr und Selbsterkenntnis, und ja: auch als kollektive Nacht der Kirche. Wohlgemerkt: es geht nicht um die Menschheit und ihre Gottlosigkeit, sondern um die Kirche und ihre Gestalt, die sich in dieser Nacht verwandeln will.

Aus der erneuerbaren Geist-energie!

Und ehrlich gesagt: diese Verwandlung liegt auf der Hand. Denn es gilt ja: wer sich aus dem scheinbar normativen Rahmengefüge herausbewegt und sich einlässt auf den Geist, der „das Angesicht der Welt erneuert“ und dafür auch seine Kirche in einen tiefen Läuterungsprozess hineingesteuert hat, der wird nicht so schwer erkennen können, welche Reformation heute ansteht. Dafür aber wird ein bestimmtes Kirchenbild geradezu auf den Kopf gestellt. Und das macht dann Probleme.

Die Kirche entwickelt sich in der Kraft des Geistes. Und das bedeutet dann, dass zu achten ist auf die reichen Energien der vielen Christen auf ihrem Weg, die Initiativen und kreativen Aufbrüche, die – wenig steuerbar – erkennbar werden. Es wird hier schon deutlich, dass hierbei Konfessionalität eine andere Rolle spielen wird. Es wird deutlich, dass es eine immense Vervielfältigung von Formen gibt und geben wird, in denen das Evangelium sich bezeugt und verkündet. Es wird deutlich, dass die Begeisterung aus dem Glauben sehr unterschiedliche Wege geht. Damit aber ändert sich die scheinbar friedfertige Verknüpfung von Gemeinde und Institution. War es in einer hierarchisch-institutionalisierten Kirche der Versorgung deutlich, dass machtvolle Kontrolle, das Geben von Gestaltungserlaubnis in den Händen der Profis und besonders des Klerus liegt und sich daraus auch eine Pseudotheologie des priesterlichen Dienstes ableiten ließ, so ändert sich dies nun fundamental.

Neue Gemeindeformen, neue Initiativen und Aufbrüche, die sich als Frucht leidenschaftlicher und geisterfüllter Sendung zeigen, integrieren sich nicht in vorgegebene Rahmen, sondern es ist geradezu umgekehrt: nicht ein integrierender institutioneller Rahmen ist vorhanden, sondern die Institution schützt die integrierende Mitte und ermöglicht so das Wachsen einer Vielzahl von Wegen, wie das Evangelium heute den Menschen unserer Zeit begegnet.

Damit wird Kirchenentwicklung in ein neues Licht gerückt und die Rolle der hierarchischen Institution neu beschrieben: nicht sie plant einen Aufbruch (was angesichts der systemischen Logik auch merkwürdig anmuten würde), sondern sie begleitet und stützt und schützt das Werden einer neuen (und ihrerseits wiederum provisorischen und fragilen) Kirchengestalt. Nicht rahmende Kontrolle und also Macht ist das Leitwort, sondern Ermöglichung und Wegbereitung für das Wehen des Geistes in den Menschen.

Damit wird noch einmal nachdrücklich deutlich, worum es heute geht: den Pionieren und den Aufbrechenden zu ermöglichen, aus der (sakramentalen) Fülle der Gegenwart Gottes neue Wege zu gehen. Dann wird auch verständlich, welches die Aufgabe derer sein wird, die im Dienst am Werden des Volkes Gottes sind. Wenn es ihre Aufgabe ist, den Ursprung und die Mitte dieses Weges sakramental zu erinnern und also ins Leben zu bringen, dann geschieht dies im Kontext einer dienenden Sendung an denen, die heute gerufen sind, den „Leib Christi zu erbauen“, der keinen Gestaltvorgaben der Vergangenheit entsprechen wird.

Diese Umkehrung der Verhältnisse ist eigentlich theo-logisch: Kirchenentwicklung ist immer Werk des Geistes, und die Aufgabe einer Institution wird es immer sein, die Freiheit der Entwicklungswege, die Verknüpfung mit der Tradition und die sakramentale Einheit zu gewähren, aus der heraus das Evangelium heute ins Leben kommt. Und dennoch kostet eine solche Entwicklung aus erneuerbaren Geist-energien einen schmerzhaften Umkehrprozess, eine Loslösung aus Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten, die keineswegs banal ist. Ein fragiler und gefährdeter Zukunftsweg liegt vor uns – aber dürfen wir nicht vertrauen?