Wahnsinn. Das Buch von Ermes Ronchi, Die nackten Fragen des Evangeliums, ist bestimmt das Beste, was im Moment verfügbar ist, will man denn wirklich ernsthaft wissen, wie radikal die Liebe Gottes ist. Und was für eine Revolution und Umkehr es braucht. In diesem Umkehrprozess entstanden auch diese Gedanken

Wir stehen in einem spannenden Glaubensspagat – einer herausfordernden Übergangssituation. Auf der einen Seite gibt es nicht wenige, die eine authentische kirchliche Sozialisation erlebt haben und die dazu neigen, den Glauben der anderen an dieser scheinbaren Normalität zu messen. Dann gibt es viele, die schwierige Erfahrungen ihrer eigenen kirchlichen Kindheit weit weg von jeder Einbindung in eine kirchliche Praxis geführt haben. Es gibt zunehmend jene, die die christliche Grunderfahrung prägt, aber die sie mit kirchlichen Leben, und vor allem nicht mit institutionellen Zusammenhängen nicht zusammenbringen. Ja, und dann gibt es – in allen Generationen und allen Schnittmengen – jene Menschen, die noch nie wirklich einen Zugang zum Geheimnis des christlichen Gottes gefunden haben.

Und deswegen, auch wenn die Diskussionen es innerkirchlich nahelegen: Es geht nicht um die Kirche und ihre Zukunft. Und auch nicht um die Zukunft der Gemeinden und katholischen Einrichtungen. Es geht um den Glauben der Zukunft. Es geht um die alten Götter und den verheißungsvollen Gott Jesu Christi. Und es geht darum, wie die Frohe Botschaft wirklich den Tod der alten Götter in mir einläuten…

Die alten Götter: nie wie in dieser letzten Zeit ist mir deutlich geworden, dass es die alten Götter gibt, auch in meinem scheinbar so christlich geprägten und sozialisierten Leben. Es gibt ihn noch, den alten Gott, die alten Götter: es sind die Götter der Moral: als ob die Liebe eines Gottes mit unserem Wohlverhalten zu tun hätte. Es sind die Götter der Leistung: belohnt Gott mein Wohlverhalten, meine spirituelle Aktivität, meinen Einsatz? Und die alten Götter, die es auch in den Wohnungen meines Herzens gibt, der ist verknüpft mit einer Fixierung auf die Sünde. Denn hier liegt der Haken der alten Götter: die Fixierung auf meine Schwäche, Sünde, Fehlverhalten eröffnet den Horizont des schlechten Gewissens, der Selbstbezüglichkeit und des bangen Wartens auf jenen Gott, der Recht spricht, gerecht ist. Angst vor Gott – statt Glaubensfreude.

Und der Gott der Zukunft? Der Gott, der Zukunft und Freiheit verheißt? Immer mehr verstehe ich die Mahnung Jesu zur Umkehr. Er ruft zu einem Glauben an das Evangelium vom liebenden Gott – und zum Verlassen einer „von den Vätern ererbten sinnlosen Lebensweise“ (Petrusbrief), die eben von der präsenten Abwesenheit des furchterregenden Gottes gekennzeichnet ist. Und was – in der Hermeneutik der alten Götter – immer einen bedrohlichen Anstrich, das Wasserzeichen moralischer Aufforderung in sich birgt, das fühlt sich in der Begegnung mit der Liebe, dem liebenden Gott ganz anders an: es ist eine Befreiung von den alten inneren Göttern hin zu dem Gott, der nur Befreiung, Liebe und Barmherzigkeit ist. Und die Furcht vor Gott verwandelt sich in das Staunen des und der Geliebten.

Das ist geradezu der entscheidende Unterschied: während die alten Götter in ihrer Abwesenheit wirkmächtig Ungewissheit verbreiten, den Menschen selbstreferenziell werden lassen und ihn klein und ungenügend werden lassen, ist der neue Gott, der Gott der Liebe, derjenige, der eigentlich nur aus der Begegnung, aus der Nähe heraus erfahrbar wird: Und ja, er begegnet mir überall dort, wo ich ermutigt werde zu einer neuen Freiheit, geliebt werde mit einer unbedingten Liebe, Leidenschaft in mir geweckt wird und Energie, meinerseits so zu lieben, wie ich Liebe erfahren habe.

Darum geht es eigentlich. Diesen Gott kann aber nur verkündigen, wer selbst umkehren durfte, glauben durfte, dass Gott nichts als Liebe ist, und damit alle alten Götter in ihr Nichts führt. Und natürlich hat diese Erfahrung eines Neuanfangens mit dem lebendigen Gott auch kirchliche Konsequenzen: denn da der Gott der Liebe Liebende hervorbringt, erscheint hier jede Erfahrung der Kirche als ein Ort liebender Begegnung, erfüllt von einem Geist, der frei macht. Und ja: nur diese Wahrheit macht uns frei. Und natürlich hat hier auch die Kirche ihre Zukunft: nicht als institutionelle Vergegenwärtigung der alten Götter, als Erziehungsorgan für Sünderinnen und Sünder – sondern als raumeröffnende, gastfreundliche und liebevolle Wirklichkeit, in der wir den Atem der Liebe spüren können. Und jeder und jede von uns kennt die Sehnsucht nach dieser Erfahrung, die Qual ihres Fehlens und die Hoffnung auf eine solche kirchliche Zukunft.

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