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Es ist beeindruckend und herausfordernd. Die Menge an Windrädern und Sonnenkollektoren, die nichtüberholbaren Windrädertransporte auf den Autobahnen – all das zeigt eine langfristige Veränderung an, die gesellschaftlich und politisch massiv gefördert wird. Die Nutzung erneuerbarer Energien ist zur Zukunftsoption geworden – zweifellos in einem langen Prozess, der hinter uns und aber auch noch vor uns liegt. Mehr als zwanzig Jahre. Und hatte nicht Papst Benedikt im deutschen Bundestag davon gesprochen, dass gerade die Fragen nach der Bewahrung der Schöpfung und dem Aufbruch der ökologischen Bewegung ein echtes Zeichen der Zeit seien?

Epochenwechsel. Klimawandel. Energiewende. Diese Stichworte inspirieren einen Übertrag auf Entwicklungsprozesse der Kirche. Denn ganz offensichtlich stehen wir in unseren kirchlichen Gefügen vor einem mindestens ebenso tiefgreifenden Umbruchsprozess. Und die eigentliche Frage ist ja, ob wir ihn tiefgreifend genug entdecken – oder nicht doch zu kurzatmig in Paradigmen gefangen bleiben, die uns ja auch selbst betreffen.

Grundannahmen

Das Volk Gottes wandert, lebt in Zelten und in Übergängen „auf dem Weg durch die Zeit“. Und das spannende und herausfordernde der theologischen Vision, die seit Abram und seinem Aufbruch wie ein Stachel im Fleisch jeder „Verfestigung“ kirchlicher Strukturen steckt, ist die Nicht-Fixierbarkeit einer kirchlichen Gestalt samt ihrer Organisation. Und das hat genau damit zu tun, dass in der Logik der Menschwerdung Gottes eine Logik der kenotischen Inkulturation liegt, die immer neue Transformationsprozesse herausfordert: das Evangelium gewinnt eben dann Kraft, wenn es sich ganz hinein verliert in die Welt von heute. Wenn also die Vision vom himmlischen Jerusalem und vom Reich Gottes als Ziel der geistgeführten Wanderung des Volkes Gottes beschrieben werden kann, dann gilt ja auch, dass es ständiger Aufbrüche, ständiger Reformationen und ständiger Abbrüche bedarf – die Wandlung ist nicht umsonst der Kern des christlichen Glaubens.

Das ist schwer zu ertragen. Denn wir tendieren dazu, uns einzurichten und auch Organisationen aufzubauen, die vielleicht dem jeweiligen Zeitgeist und seinen Logiken entsprechen müssen, aber eben keineswegs normativ sind für die Dynamik des Geistes. Dann sitzen wir fest eingefügt in Systemgefügen, die zweifellos ihre Berechtigung hatten – aber eben nur eine zeitgeeignete Variante sind, die wir verlassen müssen, wenn wir den Zeichen der Zeit entsprechen wollen. Und das sollten wir tun, denn: es ist ja nicht unsere Kirche, es ist eine dynamische Wirklichkeit des Geistes Gottes, der weitaus kraftvoller und machtvoller ist als jedes Gefüge an Bildern und Strukturen und Prägungen, die wir selbst errichten können.

Ein schmerzhafter und geistvoller Prozess

Wir wehren uns gegen Veränderungen. Wir führen weiter, was wir gelernt haben. Wir optimieren gerne Systeme und beklagen die Systemstarren in Gemeinden und Ordinariaten. Aber vielleicht geht es gar nicht darum. Vielleicht steht uns eine Wende ins Haus, die wir nie freiwillig begrüßen würden, weil sie uns den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Ich erinnere mich an eine Aussage des anglikanischen Bischofs John Finney. In seiner Analyse anglikanischer Wandlungsprozesse ironisierte Finney die Unfähigkeit der anglikanischen Bischöfe, Veränderungen prospektiv zu gestalten: „Than the Holy Spirit spoke the language every bishop understand: Money talks“. Der Zusammenbruch einiger finanziellen Versorgungssysteme – die Ursachen sind nicht wichtig – führte zur Erkenntnis, dass es nicht mehr weiterging.Schon lange hatte sich alles verändert, aber mit Geld konnte man trotzdem weitermachen wie bisher – und Erneuerer als Hofnarren durften nebenherlaufen. Zentraler Faktor der Veränderung war nun das Fehlen des Geldes, um ein bestimmtes Systemgefüge weiter laufen zu lassen. Das System kollabierte. Ich finde, das ist eine interessante These. Sie würde nämlich unterstreichen, dass der Geist Gottes sich – wie zu Pfingsten – einlässt auf die verstehbare Sprache der Adressaten und ihnen deswegen auch zu verstehen geben kann, wenn Neues entstehen soll.

Das Fehlen von Geld ist nun in der deutschsprachigen Landschaft ein ständig gefühltes Problem (trotz hoher Einnahmen) und führt zur Erkenntnis, dass die Art unseres hoch institutionalisierten Kircheseins offensichtlich an ihr Ende kommt. Geld ist nur scheinbar ein Energieträger – vor allem dann, wenn es verbraucht ist, ist es weg. Und wenn Geld fehlt, so der Eindruck, können wir nicht mehr richtig Kirche sein – oder doch mindestens nicht mehr so, wie es uns seit Menschengedenken (seit den sechziger Jahren) selbstverständlich war und mit einem bestimmten Wohlfahrtskapitalismus gekoppelt ist.

Der Heilige Geist nutzt – in dieser Sichtweise – dann zur Zeit auch noch eine andere Sprache: die immer kleiner werdende Zahl von Priestern und das geringer werdende Interesse an kirchlichen Berufen wird die Kirche nachhaltig verändern und fordert zu einer gänzlich anderen Form des Kircheseins heraus. Es ist nicht nur für Bischöfe, sondern auch für die Christen in Gemeinden eine immense Herausforderung, Kirche gerade in ihrer sakramentalen Versorgungsgestalt neu zu denken. Wir sehen gerade im europäischen Zusammenhang, wie sich die Kirchen dagegen wehren. Die deutsche Kirche nimmt weithin unreflektiert Priester der Weltkirche in ihren Dienst – einfach weil finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Und die Vermutung ist nicht aus der Luft gegriffen, dass damit die Erwartung verbunden ist, dass das Systemgefüge weiter erhalten werden kann, möglichst lange noch. Das gilt auch dann, wenn die evangelische wie die katholische Kirche auf Ruheständler zurückgreift, um den Regelbetrieb zu erhalten. Man sieht – es gibt eine Systemerwartung zum Betriebserhalt.

Zu erwarten ist, dass diese Maßnahmen und auch der ständige Spardruck zu einer grundlegenden Überforderung des Systems führen werden. Zu erhoffen ist, dass es zu der Erkenntnis kommt, dass diese Herausforderungen im Tiefsten einen Umbruchsprozess ernötigen und dass dieser Umbruchsprozess zum geistvollen Weg Gottes mit seinem Volk gehört. Das ist vielleicht eine unerhörte These. Kann es sein, dass wir als Kirche uns neu ausrichten müssen – in einer Radikalität, die uns selbst erschreckt. Aber ist es nicht so, dass der Geist Gottes nicht nur aufbaut, sondern niederreißt? Und ist eine Systemveränderung schon jemals aus Einsicht geschehen, nicht vielmehr aus Not?

In der Nacht

Damit wäre es möglich, die derzeitige Situation und das derzeitige sich polarisierende Gesprächsklima kirchlicher Umbruchsprozesse geistlich radikaler zu deuten, ohne es spirituell zu entschärfen, sondern im Gegenteil zuzuspitzen. Wer den Diskussionen um die Zukunft der Kirche in der Theologie folgt, wer die endlosen Reformprozesse der Diözesen wahrnimmt, der wird unschwer Zeichen großer Desorientierung entdecken. Und auch die Unfähigkeit, aus dem System heraus zu denken. Denn es geht weder um größere pastorale Räume und die Unmöglichkeit personaler Seelsorge, weder um die Erhöhung des Verwaltungsaufwandes und das Kleinerwerden der Institution, noch um die selbstreferenzielle Diskussionen. Und es geht zunächst auch nicht um die eine oder andere Korrektur einer hierarchie- und institutionenfixierten Kirchengestalt, auch nicht um die Frage, wo denn Geld investiert werden müsste – und letztlich auch nicht um die Frage, welche Menschen zu kirchlichen Ämtern zugelassen werden, so bedeutsam diese Fragen alle auch sind.

Es geht schlicht um eine Erkenntnis: wir sind einem Umbruchsprozess ausgesetzt, der die Gestalt der Kirche tiefgreifend verändert, und zwar nicht nur Wege und Methoden, Menschen das Evangelium neu nahezubringen. Nein, es geht wirklich um ein Sterbeprozess und ein Neuwerden. Und das ist irritierend und desorientierend. Mit offenem Ausgang. Klar ist nur: jedes Festhalten wird diesen Prozess nur verzögern. Ja, die Mahnung Bonhoeffers gilt auch uns. Er schreibt 1944: „Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein.“

Wer mag, kann die Epoche, an deren Ende wir stehen, als den Versuch sehen, den Sterbeprozess zu verhindern. Dann würde sich nahelegen, die jetzige Situation mutig als Läuterungsprozess zu sehen, also als eminent geistlichen Prozess der Umkehr und Selbsterkenntnis, und ja: auch als kollektive Nacht der Kirche. Wohlgemerkt: es geht nicht um die Menschheit und ihre Gottlosigkeit, sondern um die Kirche und ihre Gestalt, die sich in dieser Nacht verwandeln will.

Aus der erneuerbaren Geist-energie!

Und ehrlich gesagt: diese Verwandlung liegt auf der Hand. Denn es gilt ja: wer sich aus dem scheinbar normativen Rahmengefüge herausbewegt und sich einlässt auf den Geist, der „das Angesicht der Welt erneuert“ und dafür auch seine Kirche in einen tiefen Läuterungsprozess hineingesteuert hat, der wird nicht so schwer erkennen können, welche Reformation heute ansteht. Dafür aber wird ein bestimmtes Kirchenbild geradezu auf den Kopf gestellt. Und das macht dann Probleme.

Die Kirche entwickelt sich in der Kraft des Geistes. Und das bedeutet dann, dass zu achten ist auf die reichen Energien der vielen Christen auf ihrem Weg, die Initiativen und kreativen Aufbrüche, die – wenig steuerbar – erkennbar werden. Es wird hier schon deutlich, dass hierbei Konfessionalität eine andere Rolle spielen wird. Es wird deutlich, dass es eine immense Vervielfältigung von Formen gibt und geben wird, in denen das Evangelium sich bezeugt und verkündet. Es wird deutlich, dass die Begeisterung aus dem Glauben sehr unterschiedliche Wege geht. Damit aber ändert sich die scheinbar friedfertige Verknüpfung von Gemeinde und Institution. War es in einer hierarchisch-institutionalisierten Kirche der Versorgung deutlich, dass machtvolle Kontrolle, das Geben von Gestaltungserlaubnis in den Händen der Profis und besonders des Klerus liegt und sich daraus auch eine Pseudotheologie des priesterlichen Dienstes ableiten ließ, so ändert sich dies nun fundamental.

Neue Gemeindeformen, neue Initiativen und Aufbrüche, die sich als Frucht leidenschaftlicher und geisterfüllter Sendung zeigen, integrieren sich nicht in vorgegebene Rahmen, sondern es ist geradezu umgekehrt: nicht ein integrierender institutioneller Rahmen ist vorhanden, sondern die Institution schützt die integrierende Mitte und ermöglicht so das Wachsen einer Vielzahl von Wegen, wie das Evangelium heute den Menschen unserer Zeit begegnet.

Damit wird Kirchenentwicklung in ein neues Licht gerückt und die Rolle der hierarchischen Institution neu beschrieben: nicht sie plant einen Aufbruch (was angesichts der systemischen Logik auch merkwürdig anmuten würde), sondern sie begleitet und stützt und schützt das Werden einer neuen (und ihrerseits wiederum provisorischen und fragilen) Kirchengestalt. Nicht rahmende Kontrolle und also Macht ist das Leitwort, sondern Ermöglichung und Wegbereitung für das Wehen des Geistes in den Menschen.

Damit wird noch einmal nachdrücklich deutlich, worum es heute geht: den Pionieren und den Aufbrechenden zu ermöglichen, aus der (sakramentalen) Fülle der Gegenwart Gottes neue Wege zu gehen. Dann wird auch verständlich, welches die Aufgabe derer sein wird, die im Dienst am Werden des Volkes Gottes sind. Wenn es ihre Aufgabe ist, den Ursprung und die Mitte dieses Weges sakramental zu erinnern und also ins Leben zu bringen, dann geschieht dies im Kontext einer dienenden Sendung an denen, die heute gerufen sind, den „Leib Christi zu erbauen“, der keinen Gestaltvorgaben der Vergangenheit entsprechen wird.

Diese Umkehrung der Verhältnisse ist eigentlich theo-logisch: Kirchenentwicklung ist immer Werk des Geistes, und die Aufgabe einer Institution wird es immer sein, die Freiheit der Entwicklungswege, die Verknüpfung mit der Tradition und die sakramentale Einheit zu gewähren, aus der heraus das Evangelium heute ins Leben kommt. Und dennoch kostet eine solche Entwicklung aus erneuerbaren Geist-energien einen schmerzhaften Umkehrprozess, eine Loslösung aus Abhängigkeiten und Gegenabhängigkeiten, die keineswegs banal ist. Ein fragiler und gefährdeter Zukunftsweg liegt vor uns – aber dürfen wir nicht vertrauen?

 

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Wahnsinn. Das Buch von Ermes Ronchi, Die nackten Fragen des Evangeliums, ist bestimmt das Beste, was im Moment verfügbar ist, will man denn wirklich ernsthaft wissen, wie radikal die Liebe Gottes ist. Und was für eine Revolution und Umkehr es braucht. In diesem Umkehrprozess entstanden auch diese Gedanken

Wir stehen in einem spannenden Glaubensspagat – einer herausfordernden Übergangssituation. Auf der einen Seite gibt es nicht wenige, die eine authentische kirchliche Sozialisation erlebt haben und die dazu neigen, den Glauben der anderen an dieser scheinbaren Normalität zu messen. Dann gibt es viele, die schwierige Erfahrungen ihrer eigenen kirchlichen Kindheit weit weg von jeder Einbindung in eine kirchliche Praxis geführt haben. Es gibt zunehmend jene, die die christliche Grunderfahrung prägt, aber die sie mit kirchlichen Leben, und vor allem nicht mit institutionellen Zusammenhängen nicht zusammenbringen. Ja, und dann gibt es – in allen Generationen und allen Schnittmengen – jene Menschen, die noch nie wirklich einen Zugang zum Geheimnis des christlichen Gottes gefunden haben.

Und deswegen, auch wenn die Diskussionen es innerkirchlich nahelegen: Es geht nicht um die Kirche und ihre Zukunft. Und auch nicht um die Zukunft der Gemeinden und katholischen Einrichtungen. Es geht um den Glauben der Zukunft. Es geht um die alten Götter und den verheißungsvollen Gott Jesu Christi. Und es geht darum, wie die Frohe Botschaft wirklich den Tod der alten Götter in mir einläuten…

Die alten Götter: nie wie in dieser letzten Zeit ist mir deutlich geworden, dass es die alten Götter gibt, auch in meinem scheinbar so christlich geprägten und sozialisierten Leben. Es gibt ihn noch, den alten Gott, die alten Götter: es sind die Götter der Moral: als ob die Liebe eines Gottes mit unserem Wohlverhalten zu tun hätte. Es sind die Götter der Leistung: belohnt Gott mein Wohlverhalten, meine spirituelle Aktivität, meinen Einsatz? Und die alten Götter, die es auch in den Wohnungen meines Herzens gibt, der ist verknüpft mit einer Fixierung auf die Sünde. Denn hier liegt der Haken der alten Götter: die Fixierung auf meine Schwäche, Sünde, Fehlverhalten eröffnet den Horizont des schlechten Gewissens, der Selbstbezüglichkeit und des bangen Wartens auf jenen Gott, der Recht spricht, gerecht ist. Angst vor Gott – statt Glaubensfreude.

Und der Gott der Zukunft? Der Gott, der Zukunft und Freiheit verheißt? Immer mehr verstehe ich die Mahnung Jesu zur Umkehr. Er ruft zu einem Glauben an das Evangelium vom liebenden Gott – und zum Verlassen einer „von den Vätern ererbten sinnlosen Lebensweise“ (Petrusbrief), die eben von der präsenten Abwesenheit des furchterregenden Gottes gekennzeichnet ist. Und was – in der Hermeneutik der alten Götter – immer einen bedrohlichen Anstrich, das Wasserzeichen moralischer Aufforderung in sich birgt, das fühlt sich in der Begegnung mit der Liebe, dem liebenden Gott ganz anders an: es ist eine Befreiung von den alten inneren Göttern hin zu dem Gott, der nur Befreiung, Liebe und Barmherzigkeit ist. Und die Furcht vor Gott verwandelt sich in das Staunen des und der Geliebten.

Das ist geradezu der entscheidende Unterschied: während die alten Götter in ihrer Abwesenheit wirkmächtig Ungewissheit verbreiten, den Menschen selbstreferenziell werden lassen und ihn klein und ungenügend werden lassen, ist der neue Gott, der Gott der Liebe, derjenige, der eigentlich nur aus der Begegnung, aus der Nähe heraus erfahrbar wird: Und ja, er begegnet mir überall dort, wo ich ermutigt werde zu einer neuen Freiheit, geliebt werde mit einer unbedingten Liebe, Leidenschaft in mir geweckt wird und Energie, meinerseits so zu lieben, wie ich Liebe erfahren habe.

Darum geht es eigentlich. Diesen Gott kann aber nur verkündigen, wer selbst umkehren durfte, glauben durfte, dass Gott nichts als Liebe ist, und damit alle alten Götter in ihr Nichts führt. Und natürlich hat diese Erfahrung eines Neuanfangens mit dem lebendigen Gott auch kirchliche Konsequenzen: denn da der Gott der Liebe Liebende hervorbringt, erscheint hier jede Erfahrung der Kirche als ein Ort liebender Begegnung, erfüllt von einem Geist, der frei macht. Und ja: nur diese Wahrheit macht uns frei. Und natürlich hat hier auch die Kirche ihre Zukunft: nicht als institutionelle Vergegenwärtigung der alten Götter, als Erziehungsorgan für Sünderinnen und Sünder – sondern als raumeröffnende, gastfreundliche und liebevolle Wirklichkeit, in der wir den Atem der Liebe spüren können. Und jeder und jede von uns kennt die Sehnsucht nach dieser Erfahrung, die Qual ihres Fehlens und die Hoffnung auf eine solche kirchliche Zukunft.

Lokale Kirchenentwicklung, das ist vor allem kein Pastoralplan, sondern ein wirksamer und haltungsorientierter Perspektivwechsel: Es geht darum, eine Vision der Zukunft in den Blick zu nehmen, die in der Wirklichkeit gegründet ist und sich orientiert am Evangelium und an unserer katholischen Tradition. Das ist keine dogmatische Perspektive im klassischen deduktiven Sinn, sondern eher ein Entdecken und Nachdenken, ein Beobachten und theologisches Weiterdenken und Wiederentdecken der eigenen Tradition im Heute. Genau das beschreibt die Gedanken, die ich im Folgenden entfalten möchte. Starten möchte ich mit einigen Beobachtungen.

Taizè

Wer eine Woche in Taizè verbringt, erlebt am Sonntag, am letzten Tag des Aufenthalts, die Eucharistiefeier mit allen. Sie ist wirklich der Höhepunkt der ganzen Zeit dort: hinter einem liegt eine Woche des Hörens auf das Wort Gottes, des Miteinanders und des Dienstes aneinander. Taizè funktioniert ja nur deswegen, weil jeder und jede einen Dienst für andere wahrnimmt. Und hinter den Jugendlichen liegt eine Woche, in der sie miteinander gelebt haben, unglaublich viele Begegnungen stattgefunden haben – und viel Zeit für Gebet und Gesang war. Gegen Ende der Woche wird deutlich, dass es eigentlich um den Weg Jesu geht: das kennenlernen und verbinden des eigenen Lebens mit dem Evangelium mündet in den Freitagabend, der der Verehrung des Kreuzes – und es ist einfach beeindruckend, wie viele Jugendliche ihre Verehrung zeigen, sich mit dem Kreuz verbinden. Am Samstagabend – mit Kerzen – steht dann die Auferstehung im Zentrum, die dann am Sonntag in der Messe mündet.

Eine Gemeinschaft, die gelebt, gefeiert, gebetet, gegessen hat, die einen Weg gegangen ist, feiert nun Eucharistie. Der Vorsteher, der Priester in dieser Feier, muss vorbereitet sein auf dieses Feiern: er steht wirklich im Dienst an der Gemeinschaft, die sich hier versammelt hat. Und entsprechend zurückgenommen ist sein Dienst. Die Eucharistiefeier hat eine Schönheit, eine Einfachtheit, eine Tiefe – und eine innere Teilhabe, die sich in den Gesten, Liedern und der Stille ausdrückt. Selten habe ich so etwas ergreifendes erlebt. Die Eucharistiefeier ist Höhepunkt und Quelle: denn sie feiert die gelebte Woche – und sendet die Menschen, die jungen Leute, zurück in ihre Lebenswirklichkeit.

Fragen entstehen hier im Blick auf unsere Praxis: wie wird eigentlich jene Gemeinschaft konstituiert, die dann sich in der Eucharistie neu beschenken lässt und so neu wird? Welche Hinwege zur Feier der Eucharistie werden Praxis bei uns sein können? Und deutlich wird auch: dann, wenn das Leben des Evangeliums die Gemeinschaft prägt, wird Eucharistie ein Höhepunkt sein können – und wird zugleich der priesterliche Vorsteher den Dienst tun können, der ihm eigentlich aufgetragen ist: die sakramentale Wirklichkeit der Kirche ins Leben zu bringen.

Sterkspruit

In den vergangenen Jahren durften wir mehrmals bei Bischof Michael Wüstenberg zu Gast sein. In der weitflächigen Diaspora Südafrikas und des Bistums Aliwal-North hatte Bischof Wüstenberg selbst als Pfarrer gearbeitet, in Sterkspruit, einem kleinen Mittelzentrum mit 30 Gemeinden. Zwei bis drei Priester wirkten hier. Und an dem Sonntag, an dem in Sterkspruit selbst jede Woche Messe in der Pfarrkirche gefeiert wurde, sind die anderen Priester jeweils an einen Ort gefahren – Orte, die teilweise bis zu 90 km entfernt lagen. Wir sind mitgefahren, mit einem Priester. Und wir haben erlebt, wie die Priester hier nicht von Ort zu Ort fahren, sondern am Sonntag einen Ort besuchen und dort mit der Gemeinde Eucharistie feiern. Aber hier war die Eucharistie ein Fest, das fast den ganzen Tag oder doch einen halben Tag dauerte: die Feier der Eucharistie war Ausdruck des gelebten Lebens, es wurde gefeiert, gegessen, getauft – Konflikte geklärt und der Priester hatte Zeit, mit den Menschen in Gespräche zu treten. Er war an diesem Sonntag da – ganz da. Und an den übrigen Sonntagen gab es natürlich auch Gottesdienste als Wortliturgien.

Ich habe dann auch gefragt, was denn die Priester von Sterkspruit während der Woche machen: „Wir besuchen die lokalen Leitungsteams vor Ort, sprechen mit den Verantwortlichen, und klären ab, was die Gemeinde braucht und wie es dort jeweils weitergehen kann.“

Das kann Hinweise für eine Zukunft geben, in der auch in unserem Bistum weniger Messen gefeiert werden! Denn hier wird deutlich auf die Eucharistie gesetzt, aber nicht nur auf das pure und schnelle Feiern, sondern auf die Erfahrung des Leibes Christi und die „sozialen“ Konsequenzen des Feierns. Gleichzeitig heißt das aber auch, dass mit viel Zutrauen eine lokale Gemeindekultur entwickelt wird, mit viel Zutrauen (und das ist berechtigt) in die Kirchlichkeit und kreative Treue der Christen vor Ort, die aber – und das ist beeindruckend – gut begleitet werden. Die wöchentlichen Wortgottesfeiern führen nicht dazu, dass Menschen nicht die Eucharistie ersehnen, im Gegenteil wirkt das Kommen des Priesters und die Feier der Eucharistie auch hier als Höhepunkt des Lebens der Gemeinde, als das Fest schlechthin.

Erfahrungen aus unserem Bistum

Inzwischen mehr als 80 Besuche in den Pfarreien unseres Bistum bezeugen für mich vor allem eine tiefe eucharistische Sehnsucht. Die Grundfrage angesichts der weniger werdenden Priester ist immer die Frage, wann und wie die Eucharistie gefeiert werden kann. Und selbst dann, wenn nach den Wortgottesdiensten gefragt wird, und nach der Möglichkeit der Kommunion in diesen Feiern, steht im Hintergrund die Sehnsucht nach der Eucharistie. Für diejenigen, die sonntäglich zur Kirche gehen, bezeugt diese Sehnsucht die theologische Rede von der Eucharistie als Höhepunkt und als Quelle. Man kann das anfragen, aber in einer Hermeneutik des vertrauensvollen Wachstums ist die Konsequenz zu ziehen, dass der Sensus fidelium katholischer ist als man ihm gegenwärtig oft unterstellt.

Allerdings wird in allen Gesprächen auch eines immer deutlich: die Feier der Eucharistie reicht als Nahrung nicht aus, wenn nicht eine echte tiefe und innere Qualität in dieser Feier steckt: die Predigt, die Feierkultur, die Liturgie, der Vorsteherdienst und die Dienste – all das ist zentral, damit eine Feier zur Nahrung wird. Und der Anspruch der Gläubigen steigt an. Und auch das Leiden: es reicht nicht, wenn sie stattfindet, sie braucht eine innere Qualität und Mystagogie. Und so verwundert es nicht: es gibt auch ein Leiden an den Feiern, die im real existierenden Katholizismus stattfinden.

Und so läßt sich – auch als Konsequenz – eine widerstrebende Tendenz beobachten: auf der einen Seite sind Menschen heute auch mobil, im Blick auf die Feiern der Eucharistie. Im Suchen nach einen Ort, bei dem Liturgie auch nahrhaft erlebt werden kann, spielt für viele keine Rolle mehr, wo diese Feier ist. Auch größere Entfernungen werden kein Hindernis – auch größere Zeitabstände nicht. Umgekehrt gibt es bei vielen unserer Katholikinnen und Katholiken den Wunsch, dass die Eucharistie oder doch mindestens der sonntägliche Gottesdienst „vor Ort“ stattfindet. Der Grund ist auch hier nachvollziehbar und einfach: die örtliche Gemeinschaft konstituiert und stärkt sich in der sonntäglichen Feier. Und dennoch gilt auch hier. Deutlich zeigt die Resonanz der Feiern, welche innere Qualität sie hat. Das gilt auch dann, wenn die Eucharistiefeiern vor Ort nicht mehr den Eindruck der Sammlung und der Erfahrung der Gegenwart des Auferstandenen ermöglicht, dann wird sie auch nicht mehr mitgefeiert.

Aber in den letzten Jahren ist auch immer klarer geworden, wie prägend für das Glaubensleben die Feier der Liturgie hat, sowohl der Eucharistie wie der liturgischen Feiern in verschiedenen Kontexten. In den Workshops und Summerschools sind die Erfahrungen kontextueller Liturgien, der Wortgottesfeiern und der Eucharistiefeiern immer am beeindruckendsten. Aber auch die Feiern der ersten Kommunion, die Feiern der Firmung hinterlassen bei vielen, gerade auch bei denen, die sonst nicht so häufig zur Kirche kommen, einen nachhaltigeren Eindruck als die Katechese. Offensichtlich ist die Prägekraft der Liturgie kaum zu überschätzen.

Weg-Liturgien

Eucharistie, das ist Höhepunkt und Quelle des christlichen Lebens. So wahr und so klar und so unangefochten das ist und theologisch nicht weiter begründet werden muss – die Lebenswirklichkeit im real existierenden Katholizismus spricht dafür, noch einmal intensiver die Voraussetzungen und Konsequenzen dieser Wahrheit in den Blick zu nehmen. Denn der größte Teil der Katholiken haben bislang keinen Zugang zur Feier der Eucharistie gefunden. Aber genau hier liegt eine Herausforderung, die schärfer kaum zu beschreiben ist. Denn so wahr es ist, dass die Diskussionen um Gottesdienste und Eucharistiefeiern die innerste Mitte des Glaubens betreffen – so notwendig ist eine intensive Diskussion mit der Frage, wie suchenden Menschen, Katholiken und nicht, ein Zugang zur Erfahrung des Geheimnisses Gottes eröffnet werden kann.

Hier dreht sich geradezu die Perspektive um: welche Wege öffnen den Zugang zur eucharistischen Feier? Die reiche Tradition der Kirche und ihrer katechumenalen Logik ist wieder zu entdecken: auf der einen Seite zeigt sich, dass die vielen liturgischen Feiern zu Kasualien, Erstkommunion und Firmung, aber auch kontextbezogene Segensfeiern (Einschulung, Haussegnungen, Sternsinger) eine hohe Resonanz erleben. Sie sind evangelisierende und mystagogische Feiern, die in Beziehung zum Geheimnis des lebendigen Gottes führen können. Oft aber wird ihr Potential nicht erkannt – und die Diskussion um eine neue Volksfrömmigkeit, wie sie sich etwa im Kontext der neuen Pilgerbewegung zeigt, ist für die meisten klassischen Diskussiongräben um das Thema Eucharistie und Wortgottesdienst uninteressant. Dabei ist angesichts einer evangelisierenden Grundsituation dieses Thematik besonders in den Blick zu nehmen. Es könnte sein, dass hier noch einmal intensiver darum gerungen werden muss, ob nicht diese Segensfeiern und Gottesdienste für Suchende auch zu neuen Gemeindeformen führen werden. Im Blick auf eine „mixed economy“ ist hier noch tiefer über den Zusammenhang von „lex orandi“ und damit der gefeierten Liturgie und den kirchenbildenden Konsequenzen nachzudenken. Der Schwerpunkt des Nachdenkens kann also nicht allein bei der Frage liegen, wie wir die Eucharistie feiern und wie sonntägliche Wortgottesdienste gefeiert werden können: es geht zentral um die Frage, wie Menschen mit dem Reichtum liturgischen Feierns auch einen Zugang und Wege zum Geheimnis sakramentaler Gegenwart finden können.

Noch einmal sei hier zu erinnern an eine Weisheit der alten Kirche: für die frühen Christen war klar, dass die Eucharistiefeier die innere Mitte des Kircheseins ist – genauso klar war aber die graduelle und biographieorientierte Hinführung. Die Rede von der Arkandisziplin ist neu in den Blick zu nehmen: es geht immer darum, eine für den Weg der jeweiligen Mitfeiernden angemessene Feierform zu finden und Wege zu eröffnen.

Herausforderungen

Wenn lokale Kirchenentwicklung nicht – wie zuweilen zu hören – eine bewahrungsorientierte Strategie für Gemeinden ist, sondern theologische Provokationen für die Zukunft bereithält, dann sind nach dieser reflektierten Beobachtung nun thesenhaft Konsequenzen zu ziehen. Dabei sind die Rahmenbedingungen zu bedenken, die sich für unser Bistum ergeben.

  • Die Zahl der Priester wird deutlich kleiner sein, damit auch die Zahl der Eucharistiefeiern – allerdings auch die Zahl derer, die Eucharistie mitfeiern.
  • Die Bedeutsamkeit der Eucharistiefeiern wird damit größer werden: je seltener Eucharistie gefeiert wird, desto mehr stellt sich die Frage nach ihrer mystagogischen Qualität und nach dem Kontext der Feier: wie kann erfahrbar werden, dass Eucharistie im Kontext einer gelebten Gemeinschaft Mitte des christlichen Lebens ist, die Quelle für die Sendung, der Höhepunkt des gelebten Christseins in der Gegenwart Gottes?
  • Die Frage nach der Eucharistie ist zugleich die Frage nach einer differenzierten und kontextualisierten und damit evangelisierenden Liturgiekultur, die Wege öffnet zur Mitte. Die Frage nach diesen Liturgien und liturgischen Feiern braucht eine neue Schwerpunktsetzung und zugleich eine Verknüpfung mit der eucharistischen Option.

Damit ergeben sich Herausforderungen, die hier skizzenhaft beschrieben werden sollen.

Der eine Leib Christi

Eucharistie feiern ist ja kein Ziel an sich: auf der einen Seite wächst die Kirche aus der Eucharistie. In der Feier und Teilhabe am Geheimnis Christi wächst der eine Leib Christi, die Einheit, die sich als Gemeinschaft der Vielen, als Gemeinschaft der Unterschiedlichen zeigt. Gerade hier aber stellen sich viele Fragen: wenn in Zukunft in einer Pfarrei Eucharistie gefeiert wird, wie wird dann die Vielfalt kirchlichen Lebens in dieser Feier erfahrbar? Wie kann deutlich werden, wie weit die Kirche reicht? Wie sind Caritas und Schule, Kindergarten und Einrichtungen in dieser Feier präsent, wie die vielfältigen Initiativen – wie kann also die sich versammelnde Gemeinde entdecken, wie weit Kirche vor Ort ist, auch jenseits der Gemeindeformen, die uns bekannt sind.

Hier ist Einheit neu zu denken: sie besteht nicht in der soziologischen Integration und damit Reduktion in eine Gemeindeform, sondern in der Entdeckung der reichen Vielfalt und Unterschiedlichkeit in dem einen Christus. Das gilt umso mehr, als die Frucht der Eucharistie eine trinitarische Einheit ist, ein Teilhabe an einer „trinitarischen Spiritualität“, einer „Spiritualität in Gemeinschaft“, wie Johannes Paul II sagte (Novo Millenio Ineunte 43).

Diese Weite braucht jede Feier der Eucharistie und schließt damit auch alle jene ein, die sich im Raum der von Christus geschenkten Kirche wiederfinden wollen. Damit wird deutlich, dass es nicht zuerst darum gehen muss, wer alles zur Messe kommt, sondern ob die feiernde Gemeinschaft sich als Gemeinschaft der Vielen, die zu Christus gehören, versteht.

In diesem Kontext gewinnen die Überlegungen des II. Vatikanischen Konzils neue Leuchtkraft (LG 26): „Diese Kirche Christi ist wahrhaft in allen rechtmäßigen Ortsgemeinschaften der Gläubigen anwesend, die in der Verbundenheit mit ihren Hirten im Neuen Testament auch selbst Kirchen heißen. Sie sind nämlich je an ihrem Ort, im Heiligen Geist und mit großer Zuversicht (vgl. 1 Thess 1,5), das von Gott gerufene neue Volk. In ihnen werden durch die Verkündigung der Frohbotschaft Christi die Gläubigen versammelt, in ihnen wird das Mysterium des Herrenmahls begangen, „auf daß durch Speise und Blut des Herrn die ganze Bruderschaft verbunden werde“. In jedweder Altargemeinschaft erscheint unter dem heiligen Dienstamt des Bischofs das Symbol jener Liebe und jener „Einheit des mystischen Leibes, ohne die es kein Heil geben kann“. In diesen Gemeinden, auch wenn sie oft klein und arm sind oder in der Diaspora leben, ist Christus gegenwärtig, durch dessen Kraft die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche geeint wird.“

Wenn also an einem Ort Eucharistie gefeiert wird, ist die gesamte Kirche anwesend, weil hier Christus die Kirche aufbaut. Auch wenn also nicht überall in einer Pfarrei Eucharistie gefeiert werden kann, wo Gemeinden sind – die Erfahrung aus Sterkspruit macht das deutlich – dann ist doch dort, wo sie gefeiert wird, die Epiphanie der Kirche als ganzer. Und die Frage ist, wie dies sichtbar werden kann.

Kein Mess-Stress

Wer zur Zeit neue Gottesdienstordnungen durchliest, den wird der Gedanke beschleichen, dass es wohl darum geht, am Sonntagvormittag möglichst viele Gottesdienste unterzubringen. So sehr dies verständlich ist, ich plädiere entschieden gegen diese zeitliche Verdichtung. Es muss uns um etwas anderes gehen: dass nämlich die Feier der Eucharistie zum Ausdruck bringen kann, dass hier das Leben der Gemeinschaft der Gläubigen sich verdichtet. Wir sollten wirklich darüber nachdenken, welche Kultur des Festes, welche Kultur des Sonntags aus den Herausforderungen der Gegenwart wächst.

Mit anderen Worten: wäre es nicht an der Zeit, die liturgische und ekklesiale Qualität der Feiern nicht an ihrer Häufigkeit, sondern an ihrer Gottfülle und gemeinschaftsbildenden Qualität zu messen – und an der Frage, wie „participatio actuosa“ von einer intensiveren liturgischen Bildung aller und besonders der Dienste gefördert wird. Aber auch die Zeiträume sind zu bedenken, wenn für die einzelne Gemeinde vor Ort vielleicht die Eucharistiefeier der monatliche Höhepunkt werden soll, und wirklich Quelle für den weiteren Weg der Gemeinde vor Ort.

Eucharistie als Höhepunkt

Dieser Herausforderung ist weiter nachzudenken. Denn es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Eucharistie nicht erst mit der Feier beginnt. Gerade die Alltäglichkeit der Hingabe aus Liebe, das Engagement für die Menschen in den verschiedenen Nöten, die Begleitung von Kindern und Jugendlichen in Familie und Kindergarten und Schule ist nichts anderes als Ausdruck eucharistischer Liebe, der Hingabe, wie Christus sie vorgelebt hat. Wenn also daran gedacht ist, das Eucharistie Quelle sozialen Handelns ist, dann will dieser intensive Zusammenhang auch sichtbar und erfahrbar werden.

Zu denken ist hier auch an viele praktische Fragen: wenn in einer Gemeinde der Pfarrei Eucharistie gefeiert werden wird – wie werden die anderen Gemeinden daran teilhaben? Wie werden andere kirchliche Orte wahrgenommen und hineingenommen? Wie wird der katechumenale Raum der Evangelisierung in den Blick geraten? Wie können wir um das ganze Volk Gottes wissen und es im Gebet mittragen?

Verwandelt

Eine letzte Perspektive: Eucharistie ist nicht mit der Feier zu Ende, sie beginnt mit der Sendung, sich im Leben der Welt zu entfalten. Das wird vielfältig zu bedenken sein: die Feier der Eucharistie führt in die Sendung in die Welt, aber sie trägt in sich eine kirchenbildende Dynamik. Wenn die anglikanische Erneuerungsbewegung von der Kirche als gestaltwerdender Sendung spricht (mission shaped church), dann ist im Kontext unseres Nachdenkens zu fragen, wie wir deutlicher als bisher in einer tendenziell vielfältigeren Gesellschaft neue Formen von Gemeinschaft entwickeln, in denen sich das sakramentale Geheimnis Gottes spiegelt und ereignet. Deutlich wird ja immer mehr, dass die klassische Gemeindeform ein Gefüge ist, das immer weniger Menschen einzubinden vermag. Das ist auch nicht schlimm, denn das Werden neuer Gestalten und Formen der Gemeinschaft hängt ja gerade mit der kontextualisierten Sendung zusammen.

Das bedeutet dann auch, dass die Sendung wächst aus der Leidenschaft für die Menschen, aus der Hingabe in die Kontexte, Freuden und Hoffnungen, Sehnsüchte und Wünsche der Zeitgenossen – und damit sowohl in Sendung wie Sammlung eine Verschiedenheit von Gestaltwerdungen hervorbringt. Gerade auch im Kontext unserer Bistumswirklichkeit wird hier auch das Werden ökumenischer Kirchengestalten zu begrüßen sein: denn die gemeinsame Sendung führt zu neuen Formen ökumenischen Kircheseins.

 

 

Es war bei einem meiner letzten Pfarreibesuche. Eine Pfarrei, die sehr erfüllt ist von den Liturgien und darin auch von den Predigten, die der Pfarrer hält. Und alle haben (wahrscheinlich berechtigt) die Sorge, dass dieser Pfarrer irgendwann versetzt wird. Und drohen schon mal an: „Stellen Sie sich vor, dann kommt jemand, der überhaupt nicht gut das Evangelium verkündet und die Liturgie uns nicht mehr nährt… – dann wird sich die Gottesdienstgemeinde auflösen“.

Es ist ja nicht das erste Mal, das ich davon höre. Es ist auch kein spezifisch norddeutsches Phänomen. Papst Franziskus hat bestimmt nicht umsonst einen nicht kleinen Teil seines programmatischen Schreibens auf die Predigt und ihre Vorbereitung verwendet. Er hätte es nicht getan, wenn nicht die Frage der Sonntagspredigt zu den oft schmerzenden Wunden der Kirche gehört. Das ist so.

Und zugleich ist hier eine polarisierende Bruchstelle kirchlichen Lebens: denn hier liegt auch eine weitere Wunde offen. Warum um alles in der Welt dürfen denn nur Priester oder (in seinem Auftrag) der Diakon die „Homilie“ (so heißt die Predigt am Sonntag in der Sonntagsmesse) halten. Befähig die Weihe etwa zur Predigt? Quasi magisch?

Die Antwort ist klar: Nein, natürlich nicht. Natürlich müssen sich Priester und Diakone ausbilden lassen, und natürlich müssen sie sich vorbereiten auf jede Predigt – denn gerade für den Priester gilt ja am Sonntag; es ist seine Pflicht, zu predigen. Und diese Homilie soll ja die „öffentliche Verkündigung“ sein, im Namen der Kirche, im Auftrag des Bischofs.

Deswegen geht es nicht darum, ob nicht andere – begabte Hauptberufliche oder auch begabte Christinnen und Christen – vielleicht viel besser verkündigen können. Das ist evident und hängt an Charismen im Gottesvolk. Aber es geht um den amtlichen Auftrag, das Evangelium allen zu verkünden und so die Einheit der Kirche zu bezeugen.

So weit so verständlich. Und doch. So oft ist es quälend, unvorbereitete und oberflächliche Predigten zu hören. Predigten, die von spontaner Intuition leben, aber leider keine Botschaft enthalten; Botschaften aufnehmen zu sollen, die nichts mit dem Evangelium zu tun haben und die doch eigentlich nähren sollten. Und der Priester kann immer sagen: das ist meine Aufgabe, auch wenn er sie nicht ausfüllt. Das geht zu Lasten des Gottesvolkes und ist ein echter Mißgriff. Auch wenn formal alles richtig ist.

Und umgekehrt: wann kommen die Gaben der Verkündigung endlich mal ins Licht. Sie werden so dringend gebraucht, denn niemand mag doch behaupten, dass wir uns mit einer oft mittelmäßigen Verkündigung begnügen dürften?

Was tun?

Eine Kultur der Evaluation

Es ist misslich, dass Evaluation so wenig in unserer kirchlichen Kultur verankert ist. Das verhindert Entwicklung und Verbesserung, gezielte Personalentwicklung und Qualitätsbewußtsein. Auf diesen Weg müßten wir uns machen. Und zwar mit einer hohen Selbstverständlichkeit. In regelmäßigen Abständen müßte es gelingen, die Gläubigen auf ihre Erfahrungen mit Liturgie und Predigt zu befragen und daraus gezielte Entwicklungsperspektiven für Liturgie und Predigt zu entfalten. Hier geht es nicht um ein „nice to have“, sondern um ein gemeinsames Lerngeschehen. Das ist im übrigen folgenreich für jeden Bereich der Pastoral, auch für alle ehrenamtlichen Dienste.

Das würde aber auch bedeuten, dass es um eine ernsthafte und verbindliche Konsequenz geht: wie kann der einzelne Prediger an seinen Stärken und Schwächen arbeiten und wie wird er verbindlich begleitet? Ein Kulturwandel in dieser Richtung ist dringend.

Verkündigung weiter denken

Wer ein wenig in die Zukunft schaut und die Wirklichkeit nicht verdrängt, der wird entdecken, dass weniger Christinnen und Christen in weniger werdenden Eucharistiefeiern am Sonntag teilhaben werden. Das macht die einzelnen Eucharistiefeier und die Verkündigung in ihr immer wichtiger: denn für die Christinnen und Christen wird die Frage nach der Nahrung ihres Glaubens immer bedeutsamer. Um so wichtiger ist hier die Qualitätsoffensive durch Evaluations- und Entwicklungsprozesse.

Auf der anderen Seite braucht es aber einen immer kreativeren Aufbruch, eine Innovationswelle für die Verkündigung, an den verschiedenen Orten der Begegnung mit den suchenden Zeitgenossen: Predigten bei Kasualien, Predigten bei Segensgottesdiensten oder den vielen Gelegenheiten der Verkündigung, in neuen liturgischen Formaten gewinnen eine hohe Bedeutung. Und das ist der Ort, an dem das Evangelium Menschen treffen kann.

Hier braucht es aller Charismen im Gottesvolk, vor allem das Charisma der lehrenden und einladenden Verkündigung. Und das gibt es. Aber noch viel zu wenig wird dieser Reichtum eingebracht in das Leben von Gemeinden. Ich finde es reduktiv, wenn immer nur auf den einen eucharistischen Sonntagsgottesdienst geschaut wird – es braucht neue Formen, relevante Formate der Verkündigung, aus denen Menschen leben können. Und hier gibt es nicht die Grenze, die vom theologisch-sakramentalen Grundverständnis her gezogen wird: dies sind keine amtlichen Homilien, sondern wir suchen nach den begeisterten und begeisternden Predigerinnen und Prediger.

Und müssen auch hier fragen: wie werden sie ausgebildet, begleitet, evaluiert, damit diese Gaben fruchten – und damit nicht auch hier Menschen in Aufgaben kommen, die ihren Gaben nicht entsprechen. Ich denke, dass diese Gottesdienste und Liturgien, und die Verkündigung, die in ihnen geschieht, die entscheidende Wirkungsschneise des Evangeliums in der Zukunft sind.

Leitung neu gestalten

Aber nun. Nun ist es so. Es könnte ja sein, dass Pfarrer und andere Amtsträger nicht gut predigen können und erkennen, dass es so ist. Wie könnte man da weiterkommen? Es geht ja eben nicht darum, einfach den Besseren oder die Bessere predigen zu lassen. Und es geht auch darum, die begründete und in der Tradition gegründete Theologie sakramentaler Leitung ernst zu nehmen.

Aber ist dennoch nicht auch denkbar, dass es hier andere Lösungen geben könnte? Vielleicht muss tiefer um ein gemeinsames Verstehen des theologischen Sinnes amtlicher Verkündigung gerungen werden und diese in ihrem Wert und ihrer Zielspitze neu entdeckt werden? Und könnte dann nicht überlegt werden, wie eine solche amtliche Predigt gemeinsam entstehen kann und auch gemeinsam gesagt und gehalten werden kann?

Das ist noch etwas anderes als die Bypässe, die ja schon gelegt werden: Zeugnis geben, Statio etc. Auf mich wirkt das nicht hinreichend. Also: ich bin gespannt, was Kirchenrechtler und Dogmatiker hier an kreativer Energie entwickeln können.

„Den Christinnen und Christen in den Gemeinden fehlt es oft etwas an Selbstbewusstsein“. Ein Satz. So dahingesagt. In einem Interview. Aber das hat Folgen. Denn die Frage ist ja, ob das stimmt. Woran ich diese Behauptung festmachen kann.

Natürlich stimmt die Aussage so nicht. Deswegen strotzt der Satz vor Relativierungen. „Oft“ verweist darauf, dass es „oft“ auch nicht so ist. Ich kenne sehr viele selbstbewusste Christinnen und Christen in den Gemeinden. Sie engagieren sich in kluger und kreativer Weise und bauen Kirche auf, verkünden durch ihr Leben und in ihren Berufen, mit ihren Kompetenzen und Energien das Evangelium im Heute.

Das „Etwas“ macht deutlich, dass dieses Selbstbewusstsein schon da ist – dass zugleich aber auch noch „Luft nach oben“ ist. Die überspitzte Fehlanzeige betrifft damit nicht das Engagement in Gemeinden und die hier investierte Leidenschaft, sondern eher das Selbstverständnis, die eigene Rolle als Getaufte und das dahinterliegende Kirchenverständnis – mitsamt den dahinterliegenden Rollenzuschreibungen für Priester und Hauptberufliche.

Die These heißt also: wenn sich Christinnen und Christen noch weiter vom langen Schatten der gemeindegefügten Kirchenbilder lösen können, würde – noch mehr und deutlicher – sichtbar, welche Potenziale sich ergeben für eine zukünftige Kirchenentwicklung, die aus der Fülle des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen lebt.

Mitten im Kirchengefüge

Das Potenzial des Priestertums aller Getauften wird seit dem II. Vatikanum deutlich gestärkt. Das Leitbild des wandernden Volkes Gottes gründet in einer erneuerten Tauftheologie und der Erkenntnis, dass das ganze Gottesvolk Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi hat. Das II. Vatikanum lässt ein hierarchiezentriertes Kirchenbild hinter sich. Zuvor galten Laien als „verlängerter Arm des Klerus“, die „Katholische Aktion“ der Laien war geleitet durch die Hirten. Das galt nicht nur im Binnenraum der Kirche, sondern auch im politischen und gesellschaftlichen Leben.

Die gesellschaftliche Entwicklung, die diese Neuinterpretation der kirchlichen Tradition seit dem 19. Jahrhundert vorbereitete, ist dabei merkwürdig gegenläufig geprägt. Man spricht in der Pastoraltheologie von der „pianischen Epoche“. Die Zeit der Piuspäpste kulminierte im (früh abgebrochenen) ersten Vatikanischen Konzil und seiner Unfehlbarkeitsdogmatik, die das Kirchenverständnis für die Folgezeit stark hierarchisch akzentuierte – und damit auch die pastorale Praxis. Es herrschte die Sicht vor, dass die Laien diejenigen sind, die geführt werden.

Gleichzeitig bahnte sich im 19. Jahrhundert, spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, eine gesellschaftliche und auch kirchliche Emanzipationsbewegung ab, die sich an den bürgerlichen Revolutionen nachzeichnen lässt. Dieses Wehen des Geistes wirkte auch in der Kirche als eine Fülle von Aufbrüchen und charismatischen Gründungen. Die Laienverbände, die liturgische Bewegung, die caritativen Orden, soziale Bewegungen bezeugen eine hohe Initiativkraft von Christinnen und Christen, die als Antwort auf die Herausforderungen der Zeit selbständig agieren. Das geschieht meistenteils nicht im Kontext der „Pfarreien“, die gerade in Städten durch den Zuzug vieler Menschen immer mehr wuchsen, sondern in kreativen und neuen Sozialformen.

Es ist spannend zu beobachten, wie diese Bewegungen eingehegt wurden. Auf die Erfahrung engagierter Laienaufbrüche antwortete die Weltkirche mit der Bildung der „Katholischen Aktion“: Laien als verlängerter Arm des Apostolats des Klerus, und damit eingebunden in das hierarchische Apostolat. Das gelang in Deutschland zunächst jedoch nicht so wie gedacht – bis zur nationalsozialistischen Diktatur. Um bestehen bleiben zu können, mussten die Verbände und Bewegungen gezwungenermaßen unter das Dach der Pfarreien schlüpfen. Nach dem Krieg blieben sie dort lange Zeit. Die deutsche Version der katholischen Aktion ist erst seit einigen Jahren in Auflösung begriffen.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man vermutet, dass diese Grundkonstellation eines hierarchisch eingehegten Laientums bis heute vielfach prägend ist, gerade auch für die uns interessierende Fragestellung. Die Kultur kirchlicher Ehrenamtlichkeit ist weiterhin oft so geprägt, dass Laien wie ein verlängerter Arm des Klerus wirken. Die Symptome etwa der Rollenkrisen des Hauptamtes finden sich erstaunlich spiegelbildlich in den Aussagen der Laien wieder. Auf einmal ist die Rede von unerträglicher und überfordernder Überlastung, und es scheint so, als gebe es eine Möglichkeit, von übergeordneter Warte aus den Ehrenamtlichen Lasten aufzubürden, Verantwortung zu übertragen, die sie selbst nicht haben. Nicht zuletzt verstehen sich viele Christinnen und Christen noch als Mithelfende des Klerus und der Hauptberuflichen. Sie können in einen Dienst hineingerufen werden. Aber wenn ein Hauptberuflicher da ist, dann brauchen sie sich nicht mehr nennenswert engagieren.

Eine interessante Dynamik zeigt sich oft dann, wenn Vakanzen auftreten: dann geschieht es nicht selten, dass Gemeinden und Pfarreien eine unglaublich selbständige und selbstbewusste Dynamik erkennen lassen, die dann aber im Stillen denkt, dass dann wieder der Rückzug ansteht, wenn das neue Team, wenn der neue Pfarrer in sein Amt eintritt.

Zu diesem Kirchengefüge gehört eine weitere Beobachtung. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich im Bereich der Sakramentenkatechese und anderen Aktivitäten auf vielfältige Art und Weise Christinnen und Christen sehr engagiert, oft aber blieb dieses Engagement im Schatten der Hauptberuflichkeit. Man wird und wurde durch Hauptberufliche angeleitet, aber nicht ausgebildet. Es blieb beim Status eines Anlernens, und es kam in vielen Fällen nicht dazu, begabte Christinnen und Christen weiterzubilden zu Fachmännern und Fachfrauen der Katechese. „Eigentlich ist ja die Gemeindereferentin zuständig“, heißt es dann.

Das Muster angelernter, aber nicht ausgebildeter Gläubiger kann man für andere Bereiche ebenso beschreiben. Das Grundprogramm der Pastoral wird natürlich geplant und unter der Verantwortung des Pfarrers durchgeführt – und viele Engagierte wirken mit. Aber: weiterhin gilt, dass gerade die Fortbildung, das Empowerment der Getauften fehlt oder doch sehr beliebig scheint. Das gilt gerade für die liturgischen Dienste und für die Beteiligungsgremien. Denn auch wenn wahr ist, dass es vorgegebene Ausbildungen gab für liturgische Dienste, auch wenn es Workshops und Weiterbildungen für Rätemitglieder gibt – es bleibt ein fataler Eindruck: einmal ausgebildet, reicht ein Wochenende für den Rest der Zukunft. Es dominieren institutionelle Verharrung bis hin zur Erstarrung. Alles bleibt in einem bestimmten Rahmen eines Kirchenbildes, das seit dem II. Vatikanum zunehmend veraltet.

Das gilt auch noch dann, als sich in den Jahrzehnten seit dem II. Vatikanum eine starke Rätebewegung herausbildete und gerade auch in den Verbänden in hervorragender Weise eine Volk-Gottes-Theologie weiterentwickelt wurde. Das gilt leider, weil der Horizont weiterhin ein klerikales oder professionsorientiertes Bild der Kirche vorherrschte und der lange Schatten des „verlängerten Arms“ zu einer kaum aushaltbaren Dialektik und Polarisierung führte. Im Namen von Partizipation und Demokratisierung kam es zu einer Dauerkrise, die schier unlösbar scheint: Emanzipationslust und selbständiges Denken führte nicht über ein Sich-Abarbeiten an einer institutionenzentrierten und hierarchiefixierten Kirchengestalt hinaus, die man nicht verließ, sondern sich an ihr festbiss.

An einem Beispiel möchte ich deutlich machen, was ich meine, wenn ich von Dauerkrise spreche. Deutlicher als Papst Franziskus in seinem postsynodalen Schreiben Amoris Laetitia kann man kaum sagen, dass das Gewissen die oberste Instanz sittlicher Entscheidungen ist. Dabei befindet er sich in der tiefen Kontinuität des II. Vatikanums, wo in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ theologisch die unüberbietbare Würde des Gewissens beschrieben wurde. Und dennoch. Wer darüber diskutiert, wird sofort mit der Frage konfrontiert, warum das Lehramt der Kirche nicht weiter sei, die Ausbildung von Priestern und Hauptberuflichen ein veraltetes Kirchenbild pflegt. Warum, so möchte man fragen, wird die Freigabe der Gewissensentscheidungen nicht gefeiert und ohne einen fest fixierten Blick auf die Frage, was „die Bischöfe“ und „die Pfarrer“, „die Institution“ wohl denkt? In der Tat: fixiert durch ein Kirchenbild, das Kirche vor allem als hierarchische Institution sieht, das Freiräume einschränkt, vor allem aber kontrolliert, wird die eigene Freiheit gar nicht wirklich befreiend wahrgenommen. Welch langer Schatten einer Vergangenheit in den Herzen der Menschen, der nicht befreit, sondern einengt!

Nun ist ja gerne zuzugestehen, dass die römische und bischöfliche Praxis oft nicht als „befreiend“ erlebt wurde. Aber schon bei meinen Eltern habe ich erlebt (und die sind über achtzig Jahre alt), dass ihnen die Praxis der Gewissenentscheidung und der eigenen Urteile ganz zu eigen war – oft ohne jede Dialektik zum Lehramt, selbst wenn sie selbstbewusst anderer Meinung waren. Eine Ausnahme, scheint mir manchmal, wenn ich kircheninterne Diskussionen verfolge. Es wäre einmal zu fragen, warum heute – angesichts der offensichtlichen institutionellen Ohnmächte – diese Dialektik immer noch so weiterwirkt und eine merkwürdige Form der lähmenden Dauerselbstbeschäftigung mit sich bringt.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die institutionelle Kirche auf allen Ebenen selbstbeschäftigt ist. Man könnte argwöhnen, dass auch Bischöfe und Hauptberufliche oft ähnlich „ticken“: es ist einfach schwer zu verstehen, warum auch die Bischöfe sich in ein lähmendes Gefüge hineinbegeben haben, die ihnen Entscheidungen schwer macht. Der unmutige Blick darauf, was andere Mitbrüder, was der Papst wohl sagen könnte, führt nicht in die Freiheit der Initiative, der kreativen Aufbrüche, sondern im letzten zu einer lähmenden Bestandswahrungsperspektive. Das setzt sich auf allen Ebenen fort und führt zu der Frage, woher – im Blick auf evangelische Verheißungen – die Angst stammt, dass die Kirche Schaden nehmen könnte?

Der Schlagschatten der hierarchiezentrierten Gemeindekonstellation

„Wie kommt es“, so fragen sich meine italienischen Freunde, die ihre neue Heimat in Holland gefunden haben, „dass die Holländer ihre Klos in so engen und fensterlosen Räumen unter den Treppen haben“. In der Tat, es handelt sich um kleine dunkle Räume, überall mindestens in den Standardwohnungen. Das hat bestimmt einen gewachsenen kulturellen Grund, ist aber heute nicht mehr einsichtig und auch nicht notwendig. Dennoch beschieden Architekten meinen Freunden: „Andere Zimmerordnungen können wir nicht verkaufen.“ Wir mussten lachen, doch dann wurde ich nachdenklich. Könnte es nicht sein, dass wir ein ähnliches Muster in unseren kirchlichen Prozessen erleben? Könnte es nicht sein, dass ein bestimmtes und vermeintlich normatives Bild kirchlichen Lebens, eine bestimmte Konfiguration verknüpft wird mit einer Normativität theologischer Perspektiven, die keinen Aufbruch möglich macht?

Mit anderen Worten: eine gewachsene Gemeindegestalt, die weithin immer noch hierarchiezentriert ist, scheint weiterhin die geltende Norm kirchlichen Lebens zu sein. Damit ist aber auch gegeben, dass diese Gestalt – auch im Enttäuschungsfall, wie der Soziologe Niklas Luhmann treffend sagt – unbedingt zu erhalten ist, weil in ihr und nur in ihr Kirche sich wirklich ereignet.

Das aber hat und hatte schon Konsequenzen: die veränderte Grundsituation des Glaubens, die seit den 1960er Jahren dazu führt, dass Glauben zu einer Wahlentscheidung wird, führte dazu, dass viele Christinnen und Christen ihren Glauben in seiner pfarrgemeindlich-gottesdienstlichen Sozialgestalt nicht mehr leben wollten. In diesem Emanzipationsprozess engagierten sich viele Laien sehr kreativ und erneuernd in sozialen Feldern, in der Caritas, in den Schulen und in der Gesellschaft, fanden kirchlich aber ihr Zuhause nicht mehr in klassischen Gemeinden. Das lag auch daran, dass genau in dieser Zeit eine massive Bestandswahrungsinitiative begann. Ganz im Unterschied zu einem missionarischen Grundverständnis der Kirche zeigte sich die Gemeinde vor Ort als Raum, der alle die verschiedenen Menschen sammeln sollte: die Gemeinde wurde Kern und Stern des kirchlichen Lebens, mit einer starken Verbindlichkeit des Miteinanders und einer deutlichen Abwertung all jener, die sich hier nicht fanden oder finden konnten.

Genau in jener Zeit, in der immer mehr Professionalität und Hauptberuflichkeit die „Gemeinde“ gestalten sollte und die Zahl der Hauptberuflichen in ungekannte Höhen stieg, löst sich unaufhaltsam die scheinbar normative Grundgestalt der Kirche auf: die Gemeinde. Sie ist eben nicht mehr der Raum der Vielen, sondern einer kleinen Minderheit unter den Katholikinnen und Katholiken. In dieser Phase beginnt im Grunde eine verzweifelte Bemühung um Selbsterhalt, unendliche Energien werden aufgewandt, unglaublich kluge Programme gestrickt. Doch: die Grundkonstellation ändert sich kaum.

Genau das aber führt zu einer merkwürdigen Situation: weil das Bild einer versorgten und attraktionalen Gemeinde das scheinbar einzige ist, das „gilt“, werden alle Kräfte in die Bestandswahrung geworfen – und Neues kann nicht leicht werden. Es wird immer wieder und neu nach Hauptberuflichen gefragt, die Erlaubnis erteilen sollen, denn: letztlich sind wir, nolens volens, noch in der Falle der Katholischen Aktion. Wo bleibt das Selbstbewusstsein aller Getauften?

Ohne Vision verkommt das Volk!

Depressive Bestandswahrung, ständige Mangelobsession, Suche nach Schuldigen, und das Mangel ABC von Geld bis Hauptberuflichen führen zu Überlastungsszenarien, bis hin zu dem Gedanken, dass offensichtlich das Bistum wolle, dass jetzt das, was bisher Hauptberufliche getan hatten, nun von Ehrenamtlichen übernommen würde. Christinnen und Christen fühlen sich damit alleingelassen und überfordert. Das ist einsichtig: denn dieses Gefüge der Kirchlichkeit funktioniert nur mit den Parametern, die oben beschrieben worden sind. Da es aber keine andere Vision gibt, gibt es auch keinen Neuaufbruch.

Das Selbstbewusstsein des Volkes Gottes ist nicht klein. In den gesellschaftlichen Bildungsprozessen in einer Praxis der kritischen Partizipation geschult und inzwischen gewohnt, selbst den eigenen Wahlentscheidungen zu folgen, wirkt die „Passung“ eines vorgeformt-genormten Settings aber merkwürdig regressiv und bremst die Kreativität und begrenzt unternehmerische Entwicklung.

Woran das liegt, liegt auf der Hand: offensichtlich gibt es keine attraktive Vision der Zukunft, die herausführt aus der engen Gefangenschaft eines Kirchenbildes, in dem sich – ja – Mitwirkung und Partizipation ereignen, in dem aber dennoch alte Paradigmen einer klerikal-professionellen Versorgung weiterwirken, vor allem aber: indem Mitwirkung und Partizipation sich nur im engen Rahmen einer bestandswahrenden Gemeindetheologie ereignen. Darüber hinaus ist auch eine merkwürdige Schieflage zu beobachten: für Empowerment ist keine Zeit. Auch in den stärksten Gemeindekonstellationen gibt es zu wenig echte Begleitung und Fortbildung hin zu einer echten kreativen Selbstverantwortung. So bleibt es oft beim „Machen“, aber es führt nicht zur Entfaltung der Charismen und Gaben, die einen kreativer Aufbruch benötigt. Ob das ein Zufall ist? Fast scheint mir das nicht so zu sein. Es ist schon ein wenig böse, wenn man vermutet, dass Hauptberufliche oft auch deshalb „keine Zeit“ für eine engagierte Bildung der Getauften haben, weil dies dann ihre Rolle verändern würde. Sie würden von Machern zu Ermöglichern – und das ist kein leichter Wandel: denn galt nicht bisher häufig, dass das Volk Gottes, dass die Gemeinde jener Ort war, an dem Hauptberufliche ihre Ideen (natürlich mit einigen anderen) umsetzen konnten?

„Die Leute sind nicht so weit“, höre ich ständig, sie „haben keine Zeit“, sie seien „ohnehin schon überlastet“ – genau das sagen sie dann auch. Aber hängt dies alles nicht damit zusammen, dass ein Bestandswahrungssystem keine neuen Energien weckt. Es ist doch mindestens erstaunlich, dass Menschen heute für verantwortliche Aufgaben und neue Felder ihres Engagements sehr intensive Vorbereitungskurse belegen und so neue Kompetenzen erwerben.

Das gilt auch umgekehrt: in vielen Gemeinden mangelt es nicht an Unternehmerinnen und Unternehmern. Doch dort, wo Bestandswahrung im Vordergrund steht, ist kein Platz für Neues, das „noch nie da war“. Solches Unternehmerinnentum lässt sich leichter an anderen Orten verwirklichen.

Umgekehrt denken

In den vergangenen Jahren durfte ich Gründererfahrungen und Aufbrüche von Pionierinnen vor allem in England, aber auch in Deutschland beobachten und an ihnen teilhaben. Überraschend schräge kirchliche Aufbrüche, ganz normale adressatenorientierte Gemeindegründungen in ökumenischen Kontexten, Jugendgemeinden und andere Aufbrüche durfte ich kennenlernen. Die anglikanische Kirche hat diese Bewegung seit mehr als 15 Jahren unterstützt: „fresh expressions of church“ (siehe dazu den Beitrag von Sandra Bils in diesem Band), neue und frische Ausdrucksformen des Kircheseins, zeigen sich überall und werden auch von den bischöflich verfassten anglikanischen Diözesen gefördert.

Im deutschen Sprachraum geschieht dieser Aufbruch zögerlicher – und der Grund wird die benannte und analysierte Prägung einerseits sein. Auf der anderen Seite, so meine Vermutung, engagieren sich Christinnen und Christen häufig mit hoher Kreativität und Engagement an anderen Orten, die nicht kirchlich „gelten“, weil sie nicht dem klassischen Gefüge entsprechen. Was mir in den letzten Jahren in katholischen Kindertagesstätten, in Einrichtungen der Caritas und an anderen Orten etwa der Flüchtlingsinitiativen begegnet ist, das trägt deutliche Züge kreativer und selbstbewusster Ekklesiogenesis.

Aber hinter all diese Erfahrungen steht ein anderes Verstehen der Kirche. Hier geht es nicht mehr um einen einengenden Rahmen, dessen Inhalt dann schon vorgegeben ist. Nein, denn die Kirche ist kein Chitinpanzer, sondern eher ein Skelett, das institutionell und sakramental ermöglicht und fördert, was wachsen kann durch die Gaben und Kompetenzen der Christinnen und Christen.

In einer solchen Perspektive wächst dann auch das Selbstbewusstsein der Christinnen und Christen: nicht mehr das Amt und die vorgegebene Strukturgestalt, sondern die Sendung und die kreativen und unternehmerischen Antworten des Evangeliums sind nun im Zentrum. Wie und auf welche Weise hier Segen und Gemeinschaftsbildung geschieht, wie Gemeinden im weiten Rahmen ermöglichender Strukturen und dem unterstützenden und begleitenden Tun der Hauptberuflichen neu wachsen können, das liegt dann in den Händen jener, die sich auf den Weg in die freie und offene Zukunft einer anderen Art des Kirche-Seins machen.

Ein geistliches Problem?

Wer auf die Entwicklungen neuer Erfahrungen des Kirche-Seins schaut, der wird überrascht von einer durchgehenden Perspektive: Selbstbewusstsein und unternehmerisch-charismatische Initiativen wachsen in einem geistlichen Klima. Wo immer man schaut, ob in den Basisgemeinden in Lateinamerika oder den Philippinen, in „small christian communities“ in Südafrika und Indien, oder auch in den anglikanischen und deutschen Aufbrüchen von „neuen Gemeindeformen“ – es fällt auf, dass es hier immer einen starken spirituellen Akzent gibt: das Hören auf das Wort Gottes, das Hören auf die Herausforderungen der Zeit und gemeinsame geistlich geprägte Unterscheidungsprozesse gehören dazu. So sehr engagiert, kreativ und aktiv neue Aufbruchsgemeinden sind, so sehr leben sie nicht aus einem vorgespurten Aktivismus, sondern aus der Freiheit zu dem ganz Neuem.

Auf diesem Hintergrund könnte man also auch sagen, dass hier ein zentrales Problem liegt: welche geistliche gemeinsame Praxis führt zu Entscheidungen und Unterscheidungen, zu Prozessen, die die Zukunft und die Verheißungen des Evangeliums ernstnehmen? Dort, wo geistliche Aufbrüche geschehen, wächst auch das Selbstbewusstsein der Christinnen und Christen sowie die Freiheit und die Lust, Kirche neu werden zu lassen und den Glauben bezeugend und missionarisch zu leben.

[1] Der Text ist eine Vor-Veröffentlichung meines Beitrags für den Sammelband „Lebendige Kirchen“ (herausgegeben von Stefan Jung und Thomas Katzenmayer), der Ende 2017/Anfang 2018 als Band 005 in der Reihe „Management – Ethik – Organisation“ bei Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) erscheinen wird. Link: http://www.v-r.de/de/management_ethik_organisation

 

 

Das Evangelium von den Schlüssel für das Himmelreich: „Du bist Petrus, und auf diesem Fels werde ich meine Kirche bauen“. So steht es im Evangelium. Klassisch. Und der Blick geht nach oben, in die Peterskirche nach Rom: Apotheose des Papstamtes. So wurde es interpretiert. Der Stellvertreter Christi auf Erden – er hat diese Schlüssel, und kann jetzt fast willkürlich öffnen und schließen, und so den Menschen den Zugang zum Himmelreich öffnen. Das wird noch bestärkt von den Worten vom Lösen und Binden. Soweit also alles klar? Oder doch nicht?

Oder doch nicht. Denn zuerst muss man ja mal feststellen, dass es zwar reizvoll ist, das real existierende Papstamt und seine Apotheose im I. Vatikanum von dieser Stelle her zu lesen. Das ist zwar reizvoll, und macht auch deutlich, wie sehr hier Traditionsentwicklung zu einem überbordenden Machtverständnis führen kann, das sogar biblisch begründbar ist. Aber das hat auch seine Grenzen, weil einfach viel zu deutlich ist, dass damit die Schrift und die Grundbotschaft Jesu etwas überdehnt werden.

Damit möchte ich überhaupt nichts gegen die Dogmatik des Papstamtes sagen, würde nur gerne diese neu interpretieren, ohne die Tradition zu vernachlässigen. Aber jede relecture des Textes im Blick auf das Papstamt muss vorher mindestens zur Kenntnis nehmen, dass das Wort Gottes an uns nicht nur an Päpste gerichtet ist. Auch an sie. Auch.

Dann gilt es genauer hinzuschauen. Meinem Mitbruder Matthias Ziemens verdanke ich einen wertvollen Hinweis: das Messiasbekenntnis des Petrus in Caesarea Philippi geschieht nicht zufällig dort: es ist das Grenzland zwischen dem jüdischen Territorien und dem heidnischen Kaiserland. Also geht es hier um eine klare Grenze, um ein klares Bekenntnis.

Und das gilt für alle Christen. Aber es wird im Evangelium deutlich, an den Worten Jesu, dass es bei einem Bekenntnis nie um eine menschliche Leistung geht, und auch nicht darum, dass dir jemand dieses Bekenntnis beigebracht hat. Nein! Es geht um ein Geschenk. „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“, präzisiert Jesus. Und benennt Simon Bar Jona, den Wankelmütigen, mit einem paradoxen neuen Namen. Denn wenn Petrus eines nicht ist, dann ein Fels. Aber das meint ja das Evangelium auch: dass hier eine verborgene Berufung steckt, und dass die Kirche nicht etwa aufgrund genialer Steuerer und Lenker entsteht, sondern – wie das Glaubensbekenntnis – auch als Tat Gottes.

Das relativiert uns, und alle Päpste. Und das wissen sie auch: nicht wir, nicht sie bauen die Kirche auf, sondern immer nur Christus. Das wird in den vier Evangelien mehr als deutlich, das wird an der ambivalenten Geschichte des Petrus klar: „ich werde meine Kirche bauen“, auf dem Fels, der menschlich wankt, der aber fest ist als Berufung.

Und das gilt erst einmal uns allen: es ist unser aller Berufung, das auf unserer wankelmütigen Felsigkeit Kirche aufgebaut werden kann. Überall, wo Menschen sich bekennen, aus Gnade, zu Christus, da geht es immer auch um eine Berufung, die über alles hinausreicht, was man ahnen könnte: es geht immer darum, dass – durch uns – Gott Menschen sammelt, vereint in einer neuen Welt.

Aber die Schlüssel! Für das Himmelreich! „Ich werde dir die Schlüssel für das Himmelreich geben“. Was ist gemeint? Willkürliches Auf- und Zumachen des Himmelreiches? Dogmatisch oder kirchenrechtlich korrekte Grenzziehungen? Nichts von alledem. Schlüssel für das Himmelreich können nur einem Ziel dienen: dass dieses Himmelreich für alle erfahrbar wird. Dazu sind sie da: den Raum der Gegenwart Gottes in dieser Welt zu öffnen.

Das entspricht der Erfahrung Jesu: Bei der Taufe im Jordan hatte Jesus die Erfahrung des offenen Himmels gemacht, der Nähe des Vaters, der Relevanz und Aktualität der Geistkraft. Und dies hatte ihn verwandelt. Seitdem verkündete er das Evangelium der Nähe des Reiches. Er drehte den Schlüssel um: von jetzt an war die Nähe Gottes eine Wirklichkeit für alle, entdeckbar, erfahrbar, wenn dann die Umkehr zu dieser Wirklichkeit gelang.

Nein, es geht nicht um Macht, und doch geht es darum. Es geht um Verantwortung dafür, dass Menschen entdecken können, wie sehr ihnen Gott nahe ist. Und das ist natürlich Verantwortung aller, die diese Nähe kennen – und natürlich zugespitzt die eigentliche Aufgabe des Dienstamtes in der Kirche, weil es die Aufgabe aller in der Kirche ist, die sich hier verdichtet.

Und dann, zum Schluss, kommt es ganz dick: Binden und Lösen. Was auf der Erde gilt, gilt auch im Himmel. Sofort werden hier Bilder wach: von Exkommunikation und gnädiger Annahme, von einem machtvollen Amt, das den Daumen nach oben oder unten drehen kann. Traumata und Erfahrungen. Aber: kann das gemeint sein?

Ich glaube nicht. In der Auferstehungsgeschichte bei Johannes zeigt sich ähnliches. Der Auferstandene schenkt den Jüngern durch Anhauch die Kraft des Geistes und sagt: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“. Ja, man kann das lesen als Übergabe der Entscheidungsgewalt, und es amtlich zuspitzen. Aber. Wann je ging es bei Jesus um anderes als um Barmherzigkeit und Vergebung, um Erlösung und Befreiung? Mit anderen Worten: wo Jesus mit dem Geist hinhaucht, wird die Sendung eine ausschließliche: es geht um Vergebung, um Erlösung. Und die Mahnung Jesu besteht darin, die Nähe von Himmel und Erde zu bekräftigen, und unsere Verantwortung im Erschließen dieser Wirklichkeit. Es gibt nicht die Alternative zwischen Vergebung oder nicht. Es gibt den Hinweis, dass unsere Sendung in der Vergebung und Befreiung besteht und dass so Himmel wirklich wird auf Erden, oder eben die Hölle der Unfreiheit bleibt.

Und genauso ist es beim Lösen und Binden. Nein, es geht nicht darum, den Schlüssel zu oder aufzudrehen. Es geht um die erschließenden Eröffnung des Himmels. Und was wir lösend oder einbindend, erlösend oder anbindend dafür hier auf Erden tun können, wird Menschen ermöglichen den Himmel hier und heute kennenzulernen. Das ist unsere Sendung, die Sendung aller Christen – und auch die Sendung aller, die in ihrem Dienst stehen. Mir scheint, Papst Franziskus redet ununterbrochen davon.

 

 

 

 

Ja, wir sind im Umbruch, im Übergang, in der Krise. Und das macht die Situation unübersichtlich. Und legt die Nerven blank. Das Studium der Kirchenmitgliedschaft, in beiden Kirchen intensiv betrieben, führt zum intensiven Nachdenken: welche Dienstleistungen und Angebote müssen wie platziert werden? Wie kann Kirche verstanden werden? Erwarten die Mitglieder überhaupt mehr als anständige Dienstleistungen? Welche Formen der Communio werden wichtig? Und welche Anforderungen werden an die „Kirche“ gerichtet.

Eines wird irritierend deutlich: es kann nicht darum gehen, das bisherige, sehr stark institutionalisierte System weiter zu optimieren. Denn es gehört zu den verlorenen Illusionen einer kleruszentrierten Vergangenheit, das Gefüge der Versorgungskirche erhalten zu wollen. Dazu fehlen zuweilen die Mittel und Personen – aber auch dann, wenn sie nicht fehlen, dann – so meine ich – muss man aufpassen, dass man den derzeitigen Level der Verwandlung nicht unterschätzt. Ich bin immer dafür, die Erfahrungen und Kenntnisse etwa der Organisationsentwicklung oder einer marketingorientierten Dienstleistungslehre einzubringen. Aber es gibt ein Risiko: braucht der derzeitige Wandel nicht ein tiefgreifendes Nachdenken über das Wesen der Kirche, das nicht stehenbleibt bei einem Kirchenverständnis, das natürlich durch die Rede von Kirchensteuern und Kirchenmitgliedern geprägt ist? Und braucht es nicht einen ganz anderen Blick auf Getaufte und Ungetaufte, der sich nicht an der möglichen Angebotspalette der Kirche orientiert? Und wieso steht die Kirche überhaupt im Mittelpunkt – und wieso wird in diesem Kontext so stark auf die Gemeinden geschaut: denn sie sind nicht mehr der Kern und Stern des Kirchenverständnisses.

Eben: auf der einen Seite geht es um das Evangelium, und wie dieses Evangelium in eine fruchtbare Begegnung mit der Kultur von heute kommen kann. Das ist die zentrale Frage. Erst dann kann über die Kirche nachgedacht werden. Und dann steht in Frage, ob man mit den geläufigen institutionellen Bildern und der Gemeindefokussuierung weiter kommt. Meine Antwort: Nein.

Aber wie kommt man weiter?

Wer mutig und neugierig ist, der lässt sich auf das Wandern und Wundern ein. Alle Achtung: das Buch „Vom Wandern und Wundern“[1] hat mich begeistert, weil es einen neuen Weg aufzeigt, wie die Zukunft des Evangeliums sich ekklesial konfiguriert. Aber Achtung: wer sich darauf einläßt, der wird auch hineingezogen in einen Paradigmenwechsel, der das eigene Denken, auch die eigene Theologie auf den Kopf stellt, nicht nur die Kirche.

Denn der Stil der Theologie, der sich hier zeigt, entspricht dem tastenden oder forschen Suchen der Autorinnen und Autoren. Und er ist ein spannendes Werkstück: so wie er Ekklesiogenesis inmitten des Umbruchs beschreibt, so offenbart er auch Theologie im ursprünglichen Sinne als Erkenntnisprozess: ein Nach-denken der Erfahrungen, der verheißen ist, die Tradition der Kirchen neu zu entdecken und für heute fruchtbar zu machen. So kommt man weiter.

Denn es stimmt ja, was Maria Herrmann programmatisch beschreibt: „Wir glauben, dass diese Fremde in der Kirche, dieses Wandern und Wundern Schlüssel und Charisma sind, um Kirche von ihrer Zukunft her verstehen lernt…. Wir sind davon überzeugt, dass die Fremde in der Kirche in einer langen Tradition steht, Neues schafft, verbindet, versöhnt und heilt“.

Die Schrift vom heute lesen

Theologie im Vollzug… beginnt beim Hören. Und wie dies geht, wird beim W@andern und Wundern deutlich: ein neues Hören, ein betroffenes Hören des Wortes schafft – so beschreibt es etwa Astrid Adler in diesem Buch – ein neues Nachdenken, eine neue Theologie der Nachfolge und ein neue Ekklesiologie. Und das könnte ja irritierend sein: denn es geht nicht um Exegese, es geht um die Frage, wie das Wort Gottes kreativ wirkt. Und das geschieht biographisch. Und das ist immer so. Denn das ist ja die Urdynamik des Evangeliums: dass das Wort neues schafft, neues in mir hervorbringt, neues Denken ermöglicht. Nein, es ist kein analytischer Zugang, sondern ein existenzverändernder Vorgang, kein begreifendes, sondern ein ergriffenes Denken. Und doch ist es Theologie, die hier entsteht, nicht bloss Existenzbetroffenheit. Was Astrid Adler beschreibt, und so Einblick in das Werden und die Wandlungen ihrer Theologie gibt, ist ein Einblick in jede innere Logik der Gotteserfahrung: es wächst ein neues Denken, das alle Kompetenz, alle Erfahrung in Beschlag nimmt, und nutzbar macht – aber es ist eben ein getroffenes und geführtes Denken.

Ich würde mir so immer Theologie wünschen, denn dann wäre sie möglicherweise relevanter. Es mutet auf mich merkwürdig an, wenn die Abstraktionsgrade zwar hohe Wissenschaftlichkeit bezeugen, aber einen existenzieller Zugang nicht mehr einfach zu entdecken ist. Wenn zwar alles stimmt, aber Theologie nicht mehr aus dem Leben stammt. Oder wäre das weniger Theologie, wenn sie das Leben einfängt? Vielleicht liegt hier genau die Attraktivität vieler theologischen Aufbrüche, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte: sie gründeten in tiefen persönlichen und ekklesialen Erfahrungswegen, konnten die Tradition neu finden, waren ungewöhnlich lebensnah – und man spürte den Hauch eines Geistes. Eine neue Theologie?

Pfadfindertheologie

Wenn Hanna Buiting im Wanderbuch von ihrem christlichen Entdeckungsweg schreibt und so anfängt, Kirche neu zu buchstabieren, dann wird deutlich, in welchem Umbruch wir stehen – und wie dabei so etwas geschieht, wie ein langsames und noch zögerliches Neubedenken der Kirche. Denn der lange Schatten klassischer Kirchenprägung verhindert oft echte Freiheit. Ja, es ist immer noch so: normativ gilt ein Kirchenverständnis, das mit den klassischen Parametern ausmessbar wäre: Gemeindeintegration, Kirchbesuch (Prozentzahlen, Eintreten und Austreten), Milieupassungen und Konsumkirchlichkeit – und vom Glauben kann man nur erzählen über bestimmte vorgepasste Inhalte und Praxen.

Aber genau da liegt ja die „Begrenzung“, die gar nicht notwendig wäre und die doch so wirkmächtig das Denken und Handeln von uns Christen prägt. Darin liegt nicht nur die Milieublindheit, sondern die Paradigmenblindheit. Und wenn sich herausstellt, dass wir dieses kleine Haus verlassen können, und in das große Haus der Ökumene einziehen können? Wenn das Evangelium, wenn die Gegenwart des liebenden Gottes nicht zusammenfallen muss mit einem zu engen Schneckenhaus der vergemeindekirchlichten Interpretation des Evangeliums. Hanna Buiting beschreibt sehr schön, wie dieser Weg gelingen kann – und wie sich dabei zeigen kann, dass Konfession und eigene Tradition neu gelesen werden könnten.

Der lange Weg zur Freiheit.

Aber einfach ist es nicht. Denn der lange Schatten der Prägungen wirkt nach. Auch dies läßt sich erzählen in diesem wunderbaren Buch. Mara Feßmann berichtet davon. Es ist ein erstaunlicher Weg, vom dem sie erzählen will. Wie leicht es nämlich ist, in die Fänge von kirchlichen Systemen zu geraten, in den Bann gewachsener Logiken zu geraten – obwohl die eigene Erfahrung doch weiter weist. Und wie herausfordernd es ist, davon frei zu werden. Es geht um eine uralte Frage, die schon in der Apostelgeschichte zu Erschütterungen führte: können Menschen, die nicht in der gewachsenen Tradition stehen, auch Christen werden, ohne diese Traditionen übernehmen zu müssen? Gibt es Christsein ohne Beschneidung? Ist der Heilige Geist universaler? Petrus macht seinerzeit die Erfahrung mit dem Hauptmann Cornelius (Apg 10), und das Apostelkonzil folgt dem Heiligen Geist, öffnet neue Wege, und entdeckt gerade so die Tradition neu.

Und genau das ist auch heute dran. Dann also gilt: aus der eigenen Erfahrung und aus dem tastenden Wander- und Wunderweg wächst ein neues Verstehen und Gestalten des Christseins, wächst eine neue Kirchenerfahrung, die – ja – zu dieser großen Gemeinschaft der Kirche gehört, und sie doch zutiefst erneuert. War es je anders?

Sich lösen dürfen und müssen

Dazu aber braucht es Mut, dazu braucht es die Courage der Desorientierung. Und das Wandern und Wundern. Wie und welche Konsequenzen dies hat, wird beim W@ndern und Wundern deutlich. Eine neue Theologie bricht sich Bahn, aber eben nicht einfach als „Aufsatz“ auf das, was immer schon war, sondern viel radikaler: mit einer neuen Grammatik, einem neuen Grundwortschatz wird Glauben und Kirche neu buchstabiert, neu erfunden und gefunden. Und Wunder über Wunder: so neu ist das nicht. Denn diese neuen Versuche gibt es immer wieder – und die bisherigen Versuche des Buchstabierens waren immer provisorisch und überholbar, in jeder Generation (was übrigens schon in Gaudium er Spes 4 beschrieben wird).

Diesen Mut zu entdecken und seine Konsequenzen zu entfalten, darum geht es. Und umgekehrt gilt auch für all jene, die schon aus einer gewachsenen Kirchenerfahrung schöpfen (die ja auch gelten mag): vielleicht sind die Begriffe und Fragen noch viel zu sehr „binnenorientiert“, auch wenn sie anders wirken. Denn auch die Rede nach der Kirchenmitgliedschaft, die Frage nach den passgenauen Angeboten verrät – so finde ich – immer noch ein Bild, das für viele noch nie Relevanz hatte. Und warum sollte eine Institution sich so in den Mittelpunkt rücken. Denn interessant ist das Evangelium und was aus ihm wächst. So sehr es dafür Institution und kompetente Professionalität braucht – so sehr ist doch all das nur Mittel und Dienst für die anstehende W@nderung, für das Wundern über die Wege, die Gott mit den Menschen geht.

Wir dürfen uns lösen: von der ständigen Frage, was „die Kirche“ (wer es auch sei, der damit gemeint ist), wohl darüber denkt. Wir brauchen nicht zu fragen, ob man das wohl darf. Wir müssen uns lösen von der Frage, wie das in die Institution passt, was wir als „goldenen Kern“ entdeckt haben. Denn wir sind frei durch das Evangelium und den Geist, und dürfen Kirche als das sehen, was sie ist: das heilige Experiment Gottes mit uns Menschen – ein Experiment des Vertrauens, der Liebe.

 

 

 

 

 

[1] Vgl Maria Herrmann/Sandra Bils (Hg.), Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche, Würzburg 2017