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Es war bei einem meiner letzten Pfarreibesuche. Eine Pfarrei, die sehr erfüllt ist von den Liturgien und darin auch von den Predigten, die der Pfarrer hält. Und alle haben (wahrscheinlich berechtigt) die Sorge, dass dieser Pfarrer irgendwann versetzt wird. Und drohen schon mal an: „Stellen Sie sich vor, dann kommt jemand, der überhaupt nicht gut das Evangelium verkündet und die Liturgie uns nicht mehr nährt… – dann wird sich die Gottesdienstgemeinde auflösen“.

Es ist ja nicht das erste Mal, das ich davon höre. Es ist auch kein spezifisch norddeutsches Phänomen. Papst Franziskus hat bestimmt nicht umsonst einen nicht kleinen Teil seines programmatischen Schreibens auf die Predigt und ihre Vorbereitung verwendet. Er hätte es nicht getan, wenn nicht die Frage der Sonntagspredigt zu den oft schmerzenden Wunden der Kirche gehört. Das ist so.

Und zugleich ist hier eine polarisierende Bruchstelle kirchlichen Lebens: denn hier liegt auch eine weitere Wunde offen. Warum um alles in der Welt dürfen denn nur Priester oder (in seinem Auftrag) der Diakon die „Homilie“ (so heißt die Predigt am Sonntag in der Sonntagsmesse) halten. Befähig die Weihe etwa zur Predigt? Quasi magisch?

Die Antwort ist klar: Nein, natürlich nicht. Natürlich müssen sich Priester und Diakone ausbilden lassen, und natürlich müssen sie sich vorbereiten auf jede Predigt – denn gerade für den Priester gilt ja am Sonntag; es ist seine Pflicht, zu predigen. Und diese Homilie soll ja die „öffentliche Verkündigung“ sein, im Namen der Kirche, im Auftrag des Bischofs.

Deswegen geht es nicht darum, ob nicht andere – begabte Hauptberufliche oder auch begabte Christinnen und Christen – vielleicht viel besser verkündigen können. Das ist evident und hängt an Charismen im Gottesvolk. Aber es geht um den amtlichen Auftrag, das Evangelium allen zu verkünden und so die Einheit der Kirche zu bezeugen.

So weit so verständlich. Und doch. So oft ist es quälend, unvorbereitete und oberflächliche Predigten zu hören. Predigten, die von spontaner Intuition leben, aber leider keine Botschaft enthalten; Botschaften aufnehmen zu sollen, die nichts mit dem Evangelium zu tun haben und die doch eigentlich nähren sollten. Und der Priester kann immer sagen: das ist meine Aufgabe, auch wenn er sie nicht ausfüllt. Das geht zu Lasten des Gottesvolkes und ist ein echter Mißgriff. Auch wenn formal alles richtig ist.

Und umgekehrt: wann kommen die Gaben der Verkündigung endlich mal ins Licht. Sie werden so dringend gebraucht, denn niemand mag doch behaupten, dass wir uns mit einer oft mittelmäßigen Verkündigung begnügen dürften?

Was tun?

Eine Kultur der Evaluation

Es ist misslich, dass Evaluation so wenig in unserer kirchlichen Kultur verankert ist. Das verhindert Entwicklung und Verbesserung, gezielte Personalentwicklung und Qualitätsbewußtsein. Auf diesen Weg müßten wir uns machen. Und zwar mit einer hohen Selbstverständlichkeit. In regelmäßigen Abständen müßte es gelingen, die Gläubigen auf ihre Erfahrungen mit Liturgie und Predigt zu befragen und daraus gezielte Entwicklungsperspektiven für Liturgie und Predigt zu entfalten. Hier geht es nicht um ein „nice to have“, sondern um ein gemeinsames Lerngeschehen. Das ist im übrigen folgenreich für jeden Bereich der Pastoral, auch für alle ehrenamtlichen Dienste.

Das würde aber auch bedeuten, dass es um eine ernsthafte und verbindliche Konsequenz geht: wie kann der einzelne Prediger an seinen Stärken und Schwächen arbeiten und wie wird er verbindlich begleitet? Ein Kulturwandel in dieser Richtung ist dringend.

Verkündigung weiter denken

Wer ein wenig in die Zukunft schaut und die Wirklichkeit nicht verdrängt, der wird entdecken, dass weniger Christinnen und Christen in weniger werdenden Eucharistiefeiern am Sonntag teilhaben werden. Das macht die einzelnen Eucharistiefeier und die Verkündigung in ihr immer wichtiger: denn für die Christinnen und Christen wird die Frage nach der Nahrung ihres Glaubens immer bedeutsamer. Um so wichtiger ist hier die Qualitätsoffensive durch Evaluations- und Entwicklungsprozesse.

Auf der anderen Seite braucht es aber einen immer kreativeren Aufbruch, eine Innovationswelle für die Verkündigung, an den verschiedenen Orten der Begegnung mit den suchenden Zeitgenossen: Predigten bei Kasualien, Predigten bei Segensgottesdiensten oder den vielen Gelegenheiten der Verkündigung, in neuen liturgischen Formaten gewinnen eine hohe Bedeutung. Und das ist der Ort, an dem das Evangelium Menschen treffen kann.

Hier braucht es aller Charismen im Gottesvolk, vor allem das Charisma der lehrenden und einladenden Verkündigung. Und das gibt es. Aber noch viel zu wenig wird dieser Reichtum eingebracht in das Leben von Gemeinden. Ich finde es reduktiv, wenn immer nur auf den einen eucharistischen Sonntagsgottesdienst geschaut wird – es braucht neue Formen, relevante Formate der Verkündigung, aus denen Menschen leben können. Und hier gibt es nicht die Grenze, die vom theologisch-sakramentalen Grundverständnis her gezogen wird: dies sind keine amtlichen Homilien, sondern wir suchen nach den begeisterten und begeisternden Predigerinnen und Prediger.

Und müssen auch hier fragen: wie werden sie ausgebildet, begleitet, evaluiert, damit diese Gaben fruchten – und damit nicht auch hier Menschen in Aufgaben kommen, die ihren Gaben nicht entsprechen. Ich denke, dass diese Gottesdienste und Liturgien, und die Verkündigung, die in ihnen geschieht, die entscheidende Wirkungsschneise des Evangeliums in der Zukunft sind.

Leitung neu gestalten

Aber nun. Nun ist es so. Es könnte ja sein, dass Pfarrer und andere Amtsträger nicht gut predigen können und erkennen, dass es so ist. Wie könnte man da weiterkommen? Es geht ja eben nicht darum, einfach den Besseren oder die Bessere predigen zu lassen. Und es geht auch darum, die begründete und in der Tradition gegründete Theologie sakramentaler Leitung ernst zu nehmen.

Aber ist dennoch nicht auch denkbar, dass es hier andere Lösungen geben könnte? Vielleicht muss tiefer um ein gemeinsames Verstehen des theologischen Sinnes amtlicher Verkündigung gerungen werden und diese in ihrem Wert und ihrer Zielspitze neu entdeckt werden? Und könnte dann nicht überlegt werden, wie eine solche amtliche Predigt gemeinsam entstehen kann und auch gemeinsam gesagt und gehalten werden kann?

Das ist noch etwas anderes als die Bypässe, die ja schon gelegt werden: Zeugnis geben, Statio etc. Auf mich wirkt das nicht hinreichend. Also: ich bin gespannt, was Kirchenrechtler und Dogmatiker hier an kreativer Energie entwickeln können.

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„Den Christinnen und Christen in den Gemeinden fehlt es oft etwas an Selbstbewusstsein“. Ein Satz. So dahingesagt. In einem Interview. Aber das hat Folgen. Denn die Frage ist ja, ob das stimmt. Woran ich diese Behauptung festmachen kann.

Natürlich stimmt die Aussage so nicht. Deswegen strotzt der Satz vor Relativierungen. „Oft“ verweist darauf, dass es „oft“ auch nicht so ist. Ich kenne sehr viele selbstbewusste Christinnen und Christen in den Gemeinden. Sie engagieren sich in kluger und kreativer Weise und bauen Kirche auf, verkünden durch ihr Leben und in ihren Berufen, mit ihren Kompetenzen und Energien das Evangelium im Heute.

Das „Etwas“ macht deutlich, dass dieses Selbstbewusstsein schon da ist – dass zugleich aber auch noch „Luft nach oben“ ist. Die überspitzte Fehlanzeige betrifft damit nicht das Engagement in Gemeinden und die hier investierte Leidenschaft, sondern eher das Selbstverständnis, die eigene Rolle als Getaufte und das dahinterliegende Kirchenverständnis – mitsamt den dahinterliegenden Rollenzuschreibungen für Priester und Hauptberufliche.

Die These heißt also: wenn sich Christinnen und Christen noch weiter vom langen Schatten der gemeindegefügten Kirchenbilder lösen können, würde – noch mehr und deutlicher – sichtbar, welche Potenziale sich ergeben für eine zukünftige Kirchenentwicklung, die aus der Fülle des gemeinsamen Priestertums der Gläubigen lebt.

Mitten im Kirchengefüge

Das Potenzial des Priestertums aller Getauften wird seit dem II. Vatikanum deutlich gestärkt. Das Leitbild des wandernden Volkes Gottes gründet in einer erneuerten Tauftheologie und der Erkenntnis, dass das ganze Gottesvolk Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi hat. Das II. Vatikanum lässt ein hierarchiezentriertes Kirchenbild hinter sich. Zuvor galten Laien als „verlängerter Arm des Klerus“, die „Katholische Aktion“ der Laien war geleitet durch die Hirten. Das galt nicht nur im Binnenraum der Kirche, sondern auch im politischen und gesellschaftlichen Leben.

Die gesellschaftliche Entwicklung, die diese Neuinterpretation der kirchlichen Tradition seit dem 19. Jahrhundert vorbereitete, ist dabei merkwürdig gegenläufig geprägt. Man spricht in der Pastoraltheologie von der „pianischen Epoche“. Die Zeit der Piuspäpste kulminierte im (früh abgebrochenen) ersten Vatikanischen Konzil und seiner Unfehlbarkeitsdogmatik, die das Kirchenverständnis für die Folgezeit stark hierarchisch akzentuierte – und damit auch die pastorale Praxis. Es herrschte die Sicht vor, dass die Laien diejenigen sind, die geführt werden.

Gleichzeitig bahnte sich im 19. Jahrhundert, spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, eine gesellschaftliche und auch kirchliche Emanzipationsbewegung ab, die sich an den bürgerlichen Revolutionen nachzeichnen lässt. Dieses Wehen des Geistes wirkte auch in der Kirche als eine Fülle von Aufbrüchen und charismatischen Gründungen. Die Laienverbände, die liturgische Bewegung, die caritativen Orden, soziale Bewegungen bezeugen eine hohe Initiativkraft von Christinnen und Christen, die als Antwort auf die Herausforderungen der Zeit selbständig agieren. Das geschieht meistenteils nicht im Kontext der „Pfarreien“, die gerade in Städten durch den Zuzug vieler Menschen immer mehr wuchsen, sondern in kreativen und neuen Sozialformen.

Es ist spannend zu beobachten, wie diese Bewegungen eingehegt wurden. Auf die Erfahrung engagierter Laienaufbrüche antwortete die Weltkirche mit der Bildung der „Katholischen Aktion“: Laien als verlängerter Arm des Apostolats des Klerus, und damit eingebunden in das hierarchische Apostolat. Das gelang in Deutschland zunächst jedoch nicht so wie gedacht – bis zur nationalsozialistischen Diktatur. Um bestehen bleiben zu können, mussten die Verbände und Bewegungen gezwungenermaßen unter das Dach der Pfarreien schlüpfen. Nach dem Krieg blieben sie dort lange Zeit. Die deutsche Version der katholischen Aktion ist erst seit einigen Jahren in Auflösung begriffen.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man vermutet, dass diese Grundkonstellation eines hierarchisch eingehegten Laientums bis heute vielfach prägend ist, gerade auch für die uns interessierende Fragestellung. Die Kultur kirchlicher Ehrenamtlichkeit ist weiterhin oft so geprägt, dass Laien wie ein verlängerter Arm des Klerus wirken. Die Symptome etwa der Rollenkrisen des Hauptamtes finden sich erstaunlich spiegelbildlich in den Aussagen der Laien wieder. Auf einmal ist die Rede von unerträglicher und überfordernder Überlastung, und es scheint so, als gebe es eine Möglichkeit, von übergeordneter Warte aus den Ehrenamtlichen Lasten aufzubürden, Verantwortung zu übertragen, die sie selbst nicht haben. Nicht zuletzt verstehen sich viele Christinnen und Christen noch als Mithelfende des Klerus und der Hauptberuflichen. Sie können in einen Dienst hineingerufen werden. Aber wenn ein Hauptberuflicher da ist, dann brauchen sie sich nicht mehr nennenswert engagieren.

Eine interessante Dynamik zeigt sich oft dann, wenn Vakanzen auftreten: dann geschieht es nicht selten, dass Gemeinden und Pfarreien eine unglaublich selbständige und selbstbewusste Dynamik erkennen lassen, die dann aber im Stillen denkt, dass dann wieder der Rückzug ansteht, wenn das neue Team, wenn der neue Pfarrer in sein Amt eintritt.

Zu diesem Kirchengefüge gehört eine weitere Beobachtung. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich im Bereich der Sakramentenkatechese und anderen Aktivitäten auf vielfältige Art und Weise Christinnen und Christen sehr engagiert, oft aber blieb dieses Engagement im Schatten der Hauptberuflichkeit. Man wird und wurde durch Hauptberufliche angeleitet, aber nicht ausgebildet. Es blieb beim Status eines Anlernens, und es kam in vielen Fällen nicht dazu, begabte Christinnen und Christen weiterzubilden zu Fachmännern und Fachfrauen der Katechese. „Eigentlich ist ja die Gemeindereferentin zuständig“, heißt es dann.

Das Muster angelernter, aber nicht ausgebildeter Gläubiger kann man für andere Bereiche ebenso beschreiben. Das Grundprogramm der Pastoral wird natürlich geplant und unter der Verantwortung des Pfarrers durchgeführt – und viele Engagierte wirken mit. Aber: weiterhin gilt, dass gerade die Fortbildung, das Empowerment der Getauften fehlt oder doch sehr beliebig scheint. Das gilt gerade für die liturgischen Dienste und für die Beteiligungsgremien. Denn auch wenn wahr ist, dass es vorgegebene Ausbildungen gab für liturgische Dienste, auch wenn es Workshops und Weiterbildungen für Rätemitglieder gibt – es bleibt ein fataler Eindruck: einmal ausgebildet, reicht ein Wochenende für den Rest der Zukunft. Es dominieren institutionelle Verharrung bis hin zur Erstarrung. Alles bleibt in einem bestimmten Rahmen eines Kirchenbildes, das seit dem II. Vatikanum zunehmend veraltet.

Das gilt auch noch dann, als sich in den Jahrzehnten seit dem II. Vatikanum eine starke Rätebewegung herausbildete und gerade auch in den Verbänden in hervorragender Weise eine Volk-Gottes-Theologie weiterentwickelt wurde. Das gilt leider, weil der Horizont weiterhin ein klerikales oder professionsorientiertes Bild der Kirche vorherrschte und der lange Schatten des „verlängerten Arms“ zu einer kaum aushaltbaren Dialektik und Polarisierung führte. Im Namen von Partizipation und Demokratisierung kam es zu einer Dauerkrise, die schier unlösbar scheint: Emanzipationslust und selbständiges Denken führte nicht über ein Sich-Abarbeiten an einer institutionenzentrierten und hierarchiefixierten Kirchengestalt hinaus, die man nicht verließ, sondern sich an ihr festbiss.

An einem Beispiel möchte ich deutlich machen, was ich meine, wenn ich von Dauerkrise spreche. Deutlicher als Papst Franziskus in seinem postsynodalen Schreiben Amoris Laetitia kann man kaum sagen, dass das Gewissen die oberste Instanz sittlicher Entscheidungen ist. Dabei befindet er sich in der tiefen Kontinuität des II. Vatikanums, wo in der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ theologisch die unüberbietbare Würde des Gewissens beschrieben wurde. Und dennoch. Wer darüber diskutiert, wird sofort mit der Frage konfrontiert, warum das Lehramt der Kirche nicht weiter sei, die Ausbildung von Priestern und Hauptberuflichen ein veraltetes Kirchenbild pflegt. Warum, so möchte man fragen, wird die Freigabe der Gewissensentscheidungen nicht gefeiert und ohne einen fest fixierten Blick auf die Frage, was „die Bischöfe“ und „die Pfarrer“, „die Institution“ wohl denkt? In der Tat: fixiert durch ein Kirchenbild, das Kirche vor allem als hierarchische Institution sieht, das Freiräume einschränkt, vor allem aber kontrolliert, wird die eigene Freiheit gar nicht wirklich befreiend wahrgenommen. Welch langer Schatten einer Vergangenheit in den Herzen der Menschen, der nicht befreit, sondern einengt!

Nun ist ja gerne zuzugestehen, dass die römische und bischöfliche Praxis oft nicht als „befreiend“ erlebt wurde. Aber schon bei meinen Eltern habe ich erlebt (und die sind über achtzig Jahre alt), dass ihnen die Praxis der Gewissenentscheidung und der eigenen Urteile ganz zu eigen war – oft ohne jede Dialektik zum Lehramt, selbst wenn sie selbstbewusst anderer Meinung waren. Eine Ausnahme, scheint mir manchmal, wenn ich kircheninterne Diskussionen verfolge. Es wäre einmal zu fragen, warum heute – angesichts der offensichtlichen institutionellen Ohnmächte – diese Dialektik immer noch so weiterwirkt und eine merkwürdige Form der lähmenden Dauerselbstbeschäftigung mit sich bringt.

Es ist ja kein Geheimnis, dass die institutionelle Kirche auf allen Ebenen selbstbeschäftigt ist. Man könnte argwöhnen, dass auch Bischöfe und Hauptberufliche oft ähnlich „ticken“: es ist einfach schwer zu verstehen, warum auch die Bischöfe sich in ein lähmendes Gefüge hineinbegeben haben, die ihnen Entscheidungen schwer macht. Der unmutige Blick darauf, was andere Mitbrüder, was der Papst wohl sagen könnte, führt nicht in die Freiheit der Initiative, der kreativen Aufbrüche, sondern im letzten zu einer lähmenden Bestandswahrungsperspektive. Das setzt sich auf allen Ebenen fort und führt zu der Frage, woher – im Blick auf evangelische Verheißungen – die Angst stammt, dass die Kirche Schaden nehmen könnte?

Der Schlagschatten der hierarchiezentrierten Gemeindekonstellation

„Wie kommt es“, so fragen sich meine italienischen Freunde, die ihre neue Heimat in Holland gefunden haben, „dass die Holländer ihre Klos in so engen und fensterlosen Räumen unter den Treppen haben“. In der Tat, es handelt sich um kleine dunkle Räume, überall mindestens in den Standardwohnungen. Das hat bestimmt einen gewachsenen kulturellen Grund, ist aber heute nicht mehr einsichtig und auch nicht notwendig. Dennoch beschieden Architekten meinen Freunden: „Andere Zimmerordnungen können wir nicht verkaufen.“ Wir mussten lachen, doch dann wurde ich nachdenklich. Könnte es nicht sein, dass wir ein ähnliches Muster in unseren kirchlichen Prozessen erleben? Könnte es nicht sein, dass ein bestimmtes und vermeintlich normatives Bild kirchlichen Lebens, eine bestimmte Konfiguration verknüpft wird mit einer Normativität theologischer Perspektiven, die keinen Aufbruch möglich macht?

Mit anderen Worten: eine gewachsene Gemeindegestalt, die weithin immer noch hierarchiezentriert ist, scheint weiterhin die geltende Norm kirchlichen Lebens zu sein. Damit ist aber auch gegeben, dass diese Gestalt – auch im Enttäuschungsfall, wie der Soziologe Niklas Luhmann treffend sagt – unbedingt zu erhalten ist, weil in ihr und nur in ihr Kirche sich wirklich ereignet.

Das aber hat und hatte schon Konsequenzen: die veränderte Grundsituation des Glaubens, die seit den 1960er Jahren dazu führt, dass Glauben zu einer Wahlentscheidung wird, führte dazu, dass viele Christinnen und Christen ihren Glauben in seiner pfarrgemeindlich-gottesdienstlichen Sozialgestalt nicht mehr leben wollten. In diesem Emanzipationsprozess engagierten sich viele Laien sehr kreativ und erneuernd in sozialen Feldern, in der Caritas, in den Schulen und in der Gesellschaft, fanden kirchlich aber ihr Zuhause nicht mehr in klassischen Gemeinden. Das lag auch daran, dass genau in dieser Zeit eine massive Bestandswahrungsinitiative begann. Ganz im Unterschied zu einem missionarischen Grundverständnis der Kirche zeigte sich die Gemeinde vor Ort als Raum, der alle die verschiedenen Menschen sammeln sollte: die Gemeinde wurde Kern und Stern des kirchlichen Lebens, mit einer starken Verbindlichkeit des Miteinanders und einer deutlichen Abwertung all jener, die sich hier nicht fanden oder finden konnten.

Genau in jener Zeit, in der immer mehr Professionalität und Hauptberuflichkeit die „Gemeinde“ gestalten sollte und die Zahl der Hauptberuflichen in ungekannte Höhen stieg, löst sich unaufhaltsam die scheinbar normative Grundgestalt der Kirche auf: die Gemeinde. Sie ist eben nicht mehr der Raum der Vielen, sondern einer kleinen Minderheit unter den Katholikinnen und Katholiken. In dieser Phase beginnt im Grunde eine verzweifelte Bemühung um Selbsterhalt, unendliche Energien werden aufgewandt, unglaublich kluge Programme gestrickt. Doch: die Grundkonstellation ändert sich kaum.

Genau das aber führt zu einer merkwürdigen Situation: weil das Bild einer versorgten und attraktionalen Gemeinde das scheinbar einzige ist, das „gilt“, werden alle Kräfte in die Bestandswahrung geworfen – und Neues kann nicht leicht werden. Es wird immer wieder und neu nach Hauptberuflichen gefragt, die Erlaubnis erteilen sollen, denn: letztlich sind wir, nolens volens, noch in der Falle der Katholischen Aktion. Wo bleibt das Selbstbewusstsein aller Getauften?

Ohne Vision verkommt das Volk!

Depressive Bestandswahrung, ständige Mangelobsession, Suche nach Schuldigen, und das Mangel ABC von Geld bis Hauptberuflichen führen zu Überlastungsszenarien, bis hin zu dem Gedanken, dass offensichtlich das Bistum wolle, dass jetzt das, was bisher Hauptberufliche getan hatten, nun von Ehrenamtlichen übernommen würde. Christinnen und Christen fühlen sich damit alleingelassen und überfordert. Das ist einsichtig: denn dieses Gefüge der Kirchlichkeit funktioniert nur mit den Parametern, die oben beschrieben worden sind. Da es aber keine andere Vision gibt, gibt es auch keinen Neuaufbruch.

Das Selbstbewusstsein des Volkes Gottes ist nicht klein. In den gesellschaftlichen Bildungsprozessen in einer Praxis der kritischen Partizipation geschult und inzwischen gewohnt, selbst den eigenen Wahlentscheidungen zu folgen, wirkt die „Passung“ eines vorgeformt-genormten Settings aber merkwürdig regressiv und bremst die Kreativität und begrenzt unternehmerische Entwicklung.

Woran das liegt, liegt auf der Hand: offensichtlich gibt es keine attraktive Vision der Zukunft, die herausführt aus der engen Gefangenschaft eines Kirchenbildes, in dem sich – ja – Mitwirkung und Partizipation ereignen, in dem aber dennoch alte Paradigmen einer klerikal-professionellen Versorgung weiterwirken, vor allem aber: indem Mitwirkung und Partizipation sich nur im engen Rahmen einer bestandswahrenden Gemeindetheologie ereignen. Darüber hinaus ist auch eine merkwürdige Schieflage zu beobachten: für Empowerment ist keine Zeit. Auch in den stärksten Gemeindekonstellationen gibt es zu wenig echte Begleitung und Fortbildung hin zu einer echten kreativen Selbstverantwortung. So bleibt es oft beim „Machen“, aber es führt nicht zur Entfaltung der Charismen und Gaben, die einen kreativer Aufbruch benötigt. Ob das ein Zufall ist? Fast scheint mir das nicht so zu sein. Es ist schon ein wenig böse, wenn man vermutet, dass Hauptberufliche oft auch deshalb „keine Zeit“ für eine engagierte Bildung der Getauften haben, weil dies dann ihre Rolle verändern würde. Sie würden von Machern zu Ermöglichern – und das ist kein leichter Wandel: denn galt nicht bisher häufig, dass das Volk Gottes, dass die Gemeinde jener Ort war, an dem Hauptberufliche ihre Ideen (natürlich mit einigen anderen) umsetzen konnten?

„Die Leute sind nicht so weit“, höre ich ständig, sie „haben keine Zeit“, sie seien „ohnehin schon überlastet“ – genau das sagen sie dann auch. Aber hängt dies alles nicht damit zusammen, dass ein Bestandswahrungssystem keine neuen Energien weckt. Es ist doch mindestens erstaunlich, dass Menschen heute für verantwortliche Aufgaben und neue Felder ihres Engagements sehr intensive Vorbereitungskurse belegen und so neue Kompetenzen erwerben.

Das gilt auch umgekehrt: in vielen Gemeinden mangelt es nicht an Unternehmerinnen und Unternehmern. Doch dort, wo Bestandswahrung im Vordergrund steht, ist kein Platz für Neues, das „noch nie da war“. Solches Unternehmerinnentum lässt sich leichter an anderen Orten verwirklichen.

Umgekehrt denken

In den vergangenen Jahren durfte ich Gründererfahrungen und Aufbrüche von Pionierinnen vor allem in England, aber auch in Deutschland beobachten und an ihnen teilhaben. Überraschend schräge kirchliche Aufbrüche, ganz normale adressatenorientierte Gemeindegründungen in ökumenischen Kontexten, Jugendgemeinden und andere Aufbrüche durfte ich kennenlernen. Die anglikanische Kirche hat diese Bewegung seit mehr als 15 Jahren unterstützt: „fresh expressions of church“ (siehe dazu den Beitrag von Sandra Bils in diesem Band), neue und frische Ausdrucksformen des Kircheseins, zeigen sich überall und werden auch von den bischöflich verfassten anglikanischen Diözesen gefördert.

Im deutschen Sprachraum geschieht dieser Aufbruch zögerlicher – und der Grund wird die benannte und analysierte Prägung einerseits sein. Auf der anderen Seite, so meine Vermutung, engagieren sich Christinnen und Christen häufig mit hoher Kreativität und Engagement an anderen Orten, die nicht kirchlich „gelten“, weil sie nicht dem klassischen Gefüge entsprechen. Was mir in den letzten Jahren in katholischen Kindertagesstätten, in Einrichtungen der Caritas und an anderen Orten etwa der Flüchtlingsinitiativen begegnet ist, das trägt deutliche Züge kreativer und selbstbewusster Ekklesiogenesis.

Aber hinter all diese Erfahrungen steht ein anderes Verstehen der Kirche. Hier geht es nicht mehr um einen einengenden Rahmen, dessen Inhalt dann schon vorgegeben ist. Nein, denn die Kirche ist kein Chitinpanzer, sondern eher ein Skelett, das institutionell und sakramental ermöglicht und fördert, was wachsen kann durch die Gaben und Kompetenzen der Christinnen und Christen.

In einer solchen Perspektive wächst dann auch das Selbstbewusstsein der Christinnen und Christen: nicht mehr das Amt und die vorgegebene Strukturgestalt, sondern die Sendung und die kreativen und unternehmerischen Antworten des Evangeliums sind nun im Zentrum. Wie und auf welche Weise hier Segen und Gemeinschaftsbildung geschieht, wie Gemeinden im weiten Rahmen ermöglichender Strukturen und dem unterstützenden und begleitenden Tun der Hauptberuflichen neu wachsen können, das liegt dann in den Händen jener, die sich auf den Weg in die freie und offene Zukunft einer anderen Art des Kirche-Seins machen.

Ein geistliches Problem?

Wer auf die Entwicklungen neuer Erfahrungen des Kirche-Seins schaut, der wird überrascht von einer durchgehenden Perspektive: Selbstbewusstsein und unternehmerisch-charismatische Initiativen wachsen in einem geistlichen Klima. Wo immer man schaut, ob in den Basisgemeinden in Lateinamerika oder den Philippinen, in „small christian communities“ in Südafrika und Indien, oder auch in den anglikanischen und deutschen Aufbrüchen von „neuen Gemeindeformen“ – es fällt auf, dass es hier immer einen starken spirituellen Akzent gibt: das Hören auf das Wort Gottes, das Hören auf die Herausforderungen der Zeit und gemeinsame geistlich geprägte Unterscheidungsprozesse gehören dazu. So sehr engagiert, kreativ und aktiv neue Aufbruchsgemeinden sind, so sehr leben sie nicht aus einem vorgespurten Aktivismus, sondern aus der Freiheit zu dem ganz Neuem.

Auf diesem Hintergrund könnte man also auch sagen, dass hier ein zentrales Problem liegt: welche geistliche gemeinsame Praxis führt zu Entscheidungen und Unterscheidungen, zu Prozessen, die die Zukunft und die Verheißungen des Evangeliums ernstnehmen? Dort, wo geistliche Aufbrüche geschehen, wächst auch das Selbstbewusstsein der Christinnen und Christen sowie die Freiheit und die Lust, Kirche neu werden zu lassen und den Glauben bezeugend und missionarisch zu leben.

[1] Der Text ist eine Vor-Veröffentlichung meines Beitrags für den Sammelband „Lebendige Kirchen“ (herausgegeben von Stefan Jung und Thomas Katzenmayer), der Ende 2017/Anfang 2018 als Band 005 in der Reihe „Management – Ethik – Organisation“ bei Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) erscheinen wird. Link: http://www.v-r.de/de/management_ethik_organisation

 

 

Das Evangelium von den Schlüssel für das Himmelreich: „Du bist Petrus, und auf diesem Fels werde ich meine Kirche bauen“. So steht es im Evangelium. Klassisch. Und der Blick geht nach oben, in die Peterskirche nach Rom: Apotheose des Papstamtes. So wurde es interpretiert. Der Stellvertreter Christi auf Erden – er hat diese Schlüssel, und kann jetzt fast willkürlich öffnen und schließen, und so den Menschen den Zugang zum Himmelreich öffnen. Das wird noch bestärkt von den Worten vom Lösen und Binden. Soweit also alles klar? Oder doch nicht?

Oder doch nicht. Denn zuerst muss man ja mal feststellen, dass es zwar reizvoll ist, das real existierende Papstamt und seine Apotheose im I. Vatikanum von dieser Stelle her zu lesen. Das ist zwar reizvoll, und macht auch deutlich, wie sehr hier Traditionsentwicklung zu einem überbordenden Machtverständnis führen kann, das sogar biblisch begründbar ist. Aber das hat auch seine Grenzen, weil einfach viel zu deutlich ist, dass damit die Schrift und die Grundbotschaft Jesu etwas überdehnt werden.

Damit möchte ich überhaupt nichts gegen die Dogmatik des Papstamtes sagen, würde nur gerne diese neu interpretieren, ohne die Tradition zu vernachlässigen. Aber jede relecture des Textes im Blick auf das Papstamt muss vorher mindestens zur Kenntnis nehmen, dass das Wort Gottes an uns nicht nur an Päpste gerichtet ist. Auch an sie. Auch.

Dann gilt es genauer hinzuschauen. Meinem Mitbruder Matthias Ziemens verdanke ich einen wertvollen Hinweis: das Messiasbekenntnis des Petrus in Caesarea Philippi geschieht nicht zufällig dort: es ist das Grenzland zwischen dem jüdischen Territorien und dem heidnischen Kaiserland. Also geht es hier um eine klare Grenze, um ein klares Bekenntnis.

Und das gilt für alle Christen. Aber es wird im Evangelium deutlich, an den Worten Jesu, dass es bei einem Bekenntnis nie um eine menschliche Leistung geht, und auch nicht darum, dass dir jemand dieses Bekenntnis beigebracht hat. Nein! Es geht um ein Geschenk. „Nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel“, präzisiert Jesus. Und benennt Simon Bar Jona, den Wankelmütigen, mit einem paradoxen neuen Namen. Denn wenn Petrus eines nicht ist, dann ein Fels. Aber das meint ja das Evangelium auch: dass hier eine verborgene Berufung steckt, und dass die Kirche nicht etwa aufgrund genialer Steuerer und Lenker entsteht, sondern – wie das Glaubensbekenntnis – auch als Tat Gottes.

Das relativiert uns, und alle Päpste. Und das wissen sie auch: nicht wir, nicht sie bauen die Kirche auf, sondern immer nur Christus. Das wird in den vier Evangelien mehr als deutlich, das wird an der ambivalenten Geschichte des Petrus klar: „ich werde meine Kirche bauen“, auf dem Fels, der menschlich wankt, der aber fest ist als Berufung.

Und das gilt erst einmal uns allen: es ist unser aller Berufung, das auf unserer wankelmütigen Felsigkeit Kirche aufgebaut werden kann. Überall, wo Menschen sich bekennen, aus Gnade, zu Christus, da geht es immer auch um eine Berufung, die über alles hinausreicht, was man ahnen könnte: es geht immer darum, dass – durch uns – Gott Menschen sammelt, vereint in einer neuen Welt.

Aber die Schlüssel! Für das Himmelreich! „Ich werde dir die Schlüssel für das Himmelreich geben“. Was ist gemeint? Willkürliches Auf- und Zumachen des Himmelreiches? Dogmatisch oder kirchenrechtlich korrekte Grenzziehungen? Nichts von alledem. Schlüssel für das Himmelreich können nur einem Ziel dienen: dass dieses Himmelreich für alle erfahrbar wird. Dazu sind sie da: den Raum der Gegenwart Gottes in dieser Welt zu öffnen.

Das entspricht der Erfahrung Jesu: Bei der Taufe im Jordan hatte Jesus die Erfahrung des offenen Himmels gemacht, der Nähe des Vaters, der Relevanz und Aktualität der Geistkraft. Und dies hatte ihn verwandelt. Seitdem verkündete er das Evangelium der Nähe des Reiches. Er drehte den Schlüssel um: von jetzt an war die Nähe Gottes eine Wirklichkeit für alle, entdeckbar, erfahrbar, wenn dann die Umkehr zu dieser Wirklichkeit gelang.

Nein, es geht nicht um Macht, und doch geht es darum. Es geht um Verantwortung dafür, dass Menschen entdecken können, wie sehr ihnen Gott nahe ist. Und das ist natürlich Verantwortung aller, die diese Nähe kennen – und natürlich zugespitzt die eigentliche Aufgabe des Dienstamtes in der Kirche, weil es die Aufgabe aller in der Kirche ist, die sich hier verdichtet.

Und dann, zum Schluss, kommt es ganz dick: Binden und Lösen. Was auf der Erde gilt, gilt auch im Himmel. Sofort werden hier Bilder wach: von Exkommunikation und gnädiger Annahme, von einem machtvollen Amt, das den Daumen nach oben oder unten drehen kann. Traumata und Erfahrungen. Aber: kann das gemeint sein?

Ich glaube nicht. In der Auferstehungsgeschichte bei Johannes zeigt sich ähnliches. Der Auferstandene schenkt den Jüngern durch Anhauch die Kraft des Geistes und sagt: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“. Ja, man kann das lesen als Übergabe der Entscheidungsgewalt, und es amtlich zuspitzen. Aber. Wann je ging es bei Jesus um anderes als um Barmherzigkeit und Vergebung, um Erlösung und Befreiung? Mit anderen Worten: wo Jesus mit dem Geist hinhaucht, wird die Sendung eine ausschließliche: es geht um Vergebung, um Erlösung. Und die Mahnung Jesu besteht darin, die Nähe von Himmel und Erde zu bekräftigen, und unsere Verantwortung im Erschließen dieser Wirklichkeit. Es gibt nicht die Alternative zwischen Vergebung oder nicht. Es gibt den Hinweis, dass unsere Sendung in der Vergebung und Befreiung besteht und dass so Himmel wirklich wird auf Erden, oder eben die Hölle der Unfreiheit bleibt.

Und genauso ist es beim Lösen und Binden. Nein, es geht nicht darum, den Schlüssel zu oder aufzudrehen. Es geht um die erschließenden Eröffnung des Himmels. Und was wir lösend oder einbindend, erlösend oder anbindend dafür hier auf Erden tun können, wird Menschen ermöglichen den Himmel hier und heute kennenzulernen. Das ist unsere Sendung, die Sendung aller Christen – und auch die Sendung aller, die in ihrem Dienst stehen. Mir scheint, Papst Franziskus redet ununterbrochen davon.

 

 

 

 

Ja, wir sind im Umbruch, im Übergang, in der Krise. Und das macht die Situation unübersichtlich. Und legt die Nerven blank. Das Studium der Kirchenmitgliedschaft, in beiden Kirchen intensiv betrieben, führt zum intensiven Nachdenken: welche Dienstleistungen und Angebote müssen wie platziert werden? Wie kann Kirche verstanden werden? Erwarten die Mitglieder überhaupt mehr als anständige Dienstleistungen? Welche Formen der Communio werden wichtig? Und welche Anforderungen werden an die „Kirche“ gerichtet.

Eines wird irritierend deutlich: es kann nicht darum gehen, das bisherige, sehr stark institutionalisierte System weiter zu optimieren. Denn es gehört zu den verlorenen Illusionen einer kleruszentrierten Vergangenheit, das Gefüge der Versorgungskirche erhalten zu wollen. Dazu fehlen zuweilen die Mittel und Personen – aber auch dann, wenn sie nicht fehlen, dann – so meine ich – muss man aufpassen, dass man den derzeitigen Level der Verwandlung nicht unterschätzt. Ich bin immer dafür, die Erfahrungen und Kenntnisse etwa der Organisationsentwicklung oder einer marketingorientierten Dienstleistungslehre einzubringen. Aber es gibt ein Risiko: braucht der derzeitige Wandel nicht ein tiefgreifendes Nachdenken über das Wesen der Kirche, das nicht stehenbleibt bei einem Kirchenverständnis, das natürlich durch die Rede von Kirchensteuern und Kirchenmitgliedern geprägt ist? Und braucht es nicht einen ganz anderen Blick auf Getaufte und Ungetaufte, der sich nicht an der möglichen Angebotspalette der Kirche orientiert? Und wieso steht die Kirche überhaupt im Mittelpunkt – und wieso wird in diesem Kontext so stark auf die Gemeinden geschaut: denn sie sind nicht mehr der Kern und Stern des Kirchenverständnisses.

Eben: auf der einen Seite geht es um das Evangelium, und wie dieses Evangelium in eine fruchtbare Begegnung mit der Kultur von heute kommen kann. Das ist die zentrale Frage. Erst dann kann über die Kirche nachgedacht werden. Und dann steht in Frage, ob man mit den geläufigen institutionellen Bildern und der Gemeindefokussuierung weiter kommt. Meine Antwort: Nein.

Aber wie kommt man weiter?

Wer mutig und neugierig ist, der lässt sich auf das Wandern und Wundern ein. Alle Achtung: das Buch „Vom Wandern und Wundern“[1] hat mich begeistert, weil es einen neuen Weg aufzeigt, wie die Zukunft des Evangeliums sich ekklesial konfiguriert. Aber Achtung: wer sich darauf einläßt, der wird auch hineingezogen in einen Paradigmenwechsel, der das eigene Denken, auch die eigene Theologie auf den Kopf stellt, nicht nur die Kirche.

Denn der Stil der Theologie, der sich hier zeigt, entspricht dem tastenden oder forschen Suchen der Autorinnen und Autoren. Und er ist ein spannendes Werkstück: so wie er Ekklesiogenesis inmitten des Umbruchs beschreibt, so offenbart er auch Theologie im ursprünglichen Sinne als Erkenntnisprozess: ein Nach-denken der Erfahrungen, der verheißen ist, die Tradition der Kirchen neu zu entdecken und für heute fruchtbar zu machen. So kommt man weiter.

Denn es stimmt ja, was Maria Herrmann programmatisch beschreibt: „Wir glauben, dass diese Fremde in der Kirche, dieses Wandern und Wundern Schlüssel und Charisma sind, um Kirche von ihrer Zukunft her verstehen lernt…. Wir sind davon überzeugt, dass die Fremde in der Kirche in einer langen Tradition steht, Neues schafft, verbindet, versöhnt und heilt“.

Die Schrift vom heute lesen

Theologie im Vollzug… beginnt beim Hören. Und wie dies geht, wird beim W@andern und Wundern deutlich: ein neues Hören, ein betroffenes Hören des Wortes schafft – so beschreibt es etwa Astrid Adler in diesem Buch – ein neues Nachdenken, eine neue Theologie der Nachfolge und ein neue Ekklesiologie. Und das könnte ja irritierend sein: denn es geht nicht um Exegese, es geht um die Frage, wie das Wort Gottes kreativ wirkt. Und das geschieht biographisch. Und das ist immer so. Denn das ist ja die Urdynamik des Evangeliums: dass das Wort neues schafft, neues in mir hervorbringt, neues Denken ermöglicht. Nein, es ist kein analytischer Zugang, sondern ein existenzverändernder Vorgang, kein begreifendes, sondern ein ergriffenes Denken. Und doch ist es Theologie, die hier entsteht, nicht bloss Existenzbetroffenheit. Was Astrid Adler beschreibt, und so Einblick in das Werden und die Wandlungen ihrer Theologie gibt, ist ein Einblick in jede innere Logik der Gotteserfahrung: es wächst ein neues Denken, das alle Kompetenz, alle Erfahrung in Beschlag nimmt, und nutzbar macht – aber es ist eben ein getroffenes und geführtes Denken.

Ich würde mir so immer Theologie wünschen, denn dann wäre sie möglicherweise relevanter. Es mutet auf mich merkwürdig an, wenn die Abstraktionsgrade zwar hohe Wissenschaftlichkeit bezeugen, aber einen existenzieller Zugang nicht mehr einfach zu entdecken ist. Wenn zwar alles stimmt, aber Theologie nicht mehr aus dem Leben stammt. Oder wäre das weniger Theologie, wenn sie das Leben einfängt? Vielleicht liegt hier genau die Attraktivität vieler theologischen Aufbrüche, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte: sie gründeten in tiefen persönlichen und ekklesialen Erfahrungswegen, konnten die Tradition neu finden, waren ungewöhnlich lebensnah – und man spürte den Hauch eines Geistes. Eine neue Theologie?

Pfadfindertheologie

Wenn Hanna Buiting im Wanderbuch von ihrem christlichen Entdeckungsweg schreibt und so anfängt, Kirche neu zu buchstabieren, dann wird deutlich, in welchem Umbruch wir stehen – und wie dabei so etwas geschieht, wie ein langsames und noch zögerliches Neubedenken der Kirche. Denn der lange Schatten klassischer Kirchenprägung verhindert oft echte Freiheit. Ja, es ist immer noch so: normativ gilt ein Kirchenverständnis, das mit den klassischen Parametern ausmessbar wäre: Gemeindeintegration, Kirchbesuch (Prozentzahlen, Eintreten und Austreten), Milieupassungen und Konsumkirchlichkeit – und vom Glauben kann man nur erzählen über bestimmte vorgepasste Inhalte und Praxen.

Aber genau da liegt ja die „Begrenzung“, die gar nicht notwendig wäre und die doch so wirkmächtig das Denken und Handeln von uns Christen prägt. Darin liegt nicht nur die Milieublindheit, sondern die Paradigmenblindheit. Und wenn sich herausstellt, dass wir dieses kleine Haus verlassen können, und in das große Haus der Ökumene einziehen können? Wenn das Evangelium, wenn die Gegenwart des liebenden Gottes nicht zusammenfallen muss mit einem zu engen Schneckenhaus der vergemeindekirchlichten Interpretation des Evangeliums. Hanna Buiting beschreibt sehr schön, wie dieser Weg gelingen kann – und wie sich dabei zeigen kann, dass Konfession und eigene Tradition neu gelesen werden könnten.

Der lange Weg zur Freiheit.

Aber einfach ist es nicht. Denn der lange Schatten der Prägungen wirkt nach. Auch dies läßt sich erzählen in diesem wunderbaren Buch. Mara Feßmann berichtet davon. Es ist ein erstaunlicher Weg, vom dem sie erzählen will. Wie leicht es nämlich ist, in die Fänge von kirchlichen Systemen zu geraten, in den Bann gewachsener Logiken zu geraten – obwohl die eigene Erfahrung doch weiter weist. Und wie herausfordernd es ist, davon frei zu werden. Es geht um eine uralte Frage, die schon in der Apostelgeschichte zu Erschütterungen führte: können Menschen, die nicht in der gewachsenen Tradition stehen, auch Christen werden, ohne diese Traditionen übernehmen zu müssen? Gibt es Christsein ohne Beschneidung? Ist der Heilige Geist universaler? Petrus macht seinerzeit die Erfahrung mit dem Hauptmann Cornelius (Apg 10), und das Apostelkonzil folgt dem Heiligen Geist, öffnet neue Wege, und entdeckt gerade so die Tradition neu.

Und genau das ist auch heute dran. Dann also gilt: aus der eigenen Erfahrung und aus dem tastenden Wander- und Wunderweg wächst ein neues Verstehen und Gestalten des Christseins, wächst eine neue Kirchenerfahrung, die – ja – zu dieser großen Gemeinschaft der Kirche gehört, und sie doch zutiefst erneuert. War es je anders?

Sich lösen dürfen und müssen

Dazu aber braucht es Mut, dazu braucht es die Courage der Desorientierung. Und das Wandern und Wundern. Wie und welche Konsequenzen dies hat, wird beim W@ndern und Wundern deutlich. Eine neue Theologie bricht sich Bahn, aber eben nicht einfach als „Aufsatz“ auf das, was immer schon war, sondern viel radikaler: mit einer neuen Grammatik, einem neuen Grundwortschatz wird Glauben und Kirche neu buchstabiert, neu erfunden und gefunden. Und Wunder über Wunder: so neu ist das nicht. Denn diese neuen Versuche gibt es immer wieder – und die bisherigen Versuche des Buchstabierens waren immer provisorisch und überholbar, in jeder Generation (was übrigens schon in Gaudium er Spes 4 beschrieben wird).

Diesen Mut zu entdecken und seine Konsequenzen zu entfalten, darum geht es. Und umgekehrt gilt auch für all jene, die schon aus einer gewachsenen Kirchenerfahrung schöpfen (die ja auch gelten mag): vielleicht sind die Begriffe und Fragen noch viel zu sehr „binnenorientiert“, auch wenn sie anders wirken. Denn auch die Rede nach der Kirchenmitgliedschaft, die Frage nach den passgenauen Angeboten verrät – so finde ich – immer noch ein Bild, das für viele noch nie Relevanz hatte. Und warum sollte eine Institution sich so in den Mittelpunkt rücken. Denn interessant ist das Evangelium und was aus ihm wächst. So sehr es dafür Institution und kompetente Professionalität braucht – so sehr ist doch all das nur Mittel und Dienst für die anstehende W@nderung, für das Wundern über die Wege, die Gott mit den Menschen geht.

Wir dürfen uns lösen: von der ständigen Frage, was „die Kirche“ (wer es auch sei, der damit gemeint ist), wohl darüber denkt. Wir brauchen nicht zu fragen, ob man das wohl darf. Wir müssen uns lösen von der Frage, wie das in die Institution passt, was wir als „goldenen Kern“ entdeckt haben. Denn wir sind frei durch das Evangelium und den Geist, und dürfen Kirche als das sehen, was sie ist: das heilige Experiment Gottes mit uns Menschen – ein Experiment des Vertrauens, der Liebe.

 

 

 

 

 

[1] Vgl Maria Herrmann/Sandra Bils (Hg.), Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche, Würzburg 2017

Irgendwie ein schräger Gedanke. Mir ist schon klar, was gemeint sein könnte. Natürlich weiß ich auch, dass es mannigfach Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft gibt: Kirchenmitgliedschaftsstudien der evangelischen Kirche korrespondieren mit den reichen Ergebnissen und Fortschreibungen der Milieustudien. Sie alle bieten Erkenntnisse, die wichtig sind – aber nicht auf die Frage antworten, wie und wann Katholiken ihre Kirche brauchen.

Und es irritiert mich durchaus, was ich da lese. Denn die erste Frage, die mindestens grundlegend zu beantworten ist, wäre doch: gibt es gewissermaßen isolierte katholische Konsumenten, die dann ab und zu eine Kirche brauchen? Aus welchen Gründen immer? Wie muss man Kirche denken, damit ein solches Gedankengefüge funktioniert, frage ich mich. Dann ist Kirche also eine Institution mit Angeboten? Oder noch schärfer: ist Kirche eine Versorgungsinstitution, die sich dann in Kirchengemeinden als Filialen darstellt?

Ich gebe gerne zu: man kann das so sehen, aber man kommt dann leider nicht über eine Neuauflage klassischer Angebot-Nutzer-Beziehungen (früher: Klerus/Profis-Laien/Konsumenten) kaum hinaus.

Ich gebe aber auch gerne zu bedenken: es ist alles andere als voraussetzungslos und unschuldig, mit so einem Paradigma zu denken. Mir graut davor, wenn ich das durchdenke. Der lange Schatten des Vorvatikanums feiert neue Urstände.

Ein paar weitere Beispiele aus dem Interview: Die Frage nach dem religiösen Bezug von Taufe und Sakramenten setzt ein interessantes Verständnis von „Religiösität“ voraus. Völlig ungeklärt in diesem Kontext, was das hier meint! Zu bemerken ist also, dass hier mit ungeklärten oder doch nur vermeintlich klaren Grundbegriffen das Thema Kirchenaustritt und Relevanz beschrieben wird – und im letzten Kirchlichkeit reduziert wird auf Vereinsmitgliedschaft und Engagement in klassischen Gemeindesettings. Mit anderen und scharfen Worten: wer mit diesen Voraussetzungen arbeitet, kommt zu keinem Paradigmenwechsel. Es bleibt bei der Modellreihe, die weiter entwickelt und optimiert wird: Vom Iphone 6 zu Iphone 7. Das ist aber zu wenig.

Der Wandel ist tiefer. Es braucht eine Umkehr des Hinschauens. Es ist doch nicht so, dass Kirche etwas „vorgegebenes“, zu dem dann Menschen kommen sollten und sich bedienen oder versorgen. Es ist doch vielmehr, dass sich soziologisch so einfach nicht entdecken lässt, wenn man Kirche und Glauben als Teilsegmente des Lebens betrachten will (was man soziologisch mit bestimmter Theoriebildung ja kann). Ich fände es riskant, wenn wir uns pastoral unbesehen mit diesen Voraussetzungen arrangieren.

Ach ja. Das fehlte ja noch. Die Untersuchung der Gottesdienstbesucher. Unser ewiges Thema. Dass wir in einem tiefen Wandel stehen, ist bekannt. Wieso also ist verwunderlich, dass immer weniger Menschen die Eucharistie mitfeiern, wenn sie nie einen Zugang gefunden haben? Aber umgekehrt gilt ja auch: wer je adressatenorientierte und kontextsensible Liturgie gefeiert hat, wer je Segensgottesdienste gefeiert hat, der weiß: die Sensibilität und Suche nach Segen ist ungeheuer groß, und die Schätze unserer eigenen Tradition sind noch lange nicht ausgepackt.

Wie lese ich diese Situation? Meine Erfahrung mit „Kasualien“ ist eine andere. Natürlich treffe ich nicht auf ausgefeilte spirituelle Konzepte und klassische Religiosität, von der ich ohnehin mit Bonhoeffer glaube, dass sie nicht normativ für das Christentum sind. Aber ich treffe auf Menschen, die sich sehr genau überlegen, warum sie eine christliche Feier ihres Anlasses suchen. Und wer nur einmal genau zuhört, entdeckt eine tiefe oft unsprachliche Erfahrung, die enthüllbar ist in einer christlichen Mystagogie. Das postmoderne Paar, das ich neulich trauen durfte, die Beerdigung des sardischen gelataio hat mich immer staunend entdecken lassen, wie tief der Gott der Liebe diese Leben berührt und sie deswegen nach einer liturgischen Form suchen, in der dies ausdrückbar ist.

Und dann – die oberflächliche und fast blinde Rede von der Kirche als Dienstleister. Ich verstehe nicht, welche Richtung hier gemeint ist. Denn: wenn ich das Engagement in Kindertagesstätten, in den Einrichtungen der Caritas, der Familienbildungsstätten, Schulen und anderen Einrichtungen sehe – und die ungeheure Resonanz, die dies auf Menschen hat, dann frage ich mich, wie man ernsthaft auf den Gedanken kommen kann, Kirche sei an dieser Stelle nicht relevant. Im Gegenteil: gerade hier begegnet das Evangelium der heutigen Kultur, den Menschen in Freude und Leid – und gerade hier wird die Sendung der Kirche lebendig – und hier wächst sie.

Ich möchte erinnern, dass die Rede von der Dienstleistung im ekklesiologischen Kontext einen guten Ruf hat. Aber – auch Lumen Gentium 4 darf man ganz lesen. Denn da steht nicht, dass die Kirche „Communio und ministratio“, Gemeinschaft und Dienstleistung sei, sondern: „Der Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der Gläubigen wie in einem Tempel (vgl. 1 Kor3,16; 6,19), in ihnen betet er und bezeugt ihre Annahme an Sohnes Statt (vgl. Gal 4,6; Röm 8,15-16.26). Er führt die Kirche in alle Wahrheit ein (vgl. Joh 16,13), eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung, bereitet und lenkt sie durch die verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben und schmückt sie mit seinen Früchten (vgl. Eph 4,11-12; 1 Kor 12,4; Gal 5,22).“ Grandios, wie das verkürzt wird. Hier ist eine charismatische Perspektive der Kirche benannt – das Handeln des Geistes, der immer Kirche aufbaut, gerade durch die tiefe Gottesberührung und den Dienst am anderen. Meine Erfahrung mit sozialdiakonischen Engagement ist genau diese. Es ist keineswegs so, dass hier viele Getaufte und Ungetaufte nur Angebote abfragen – ich erlebe unglaublich tiefes Engagement im freitätigen Bereich. Und ich frage mich, ob die soziologische Rede von soziokultureller Qualität, nach der verlangt wird, nicht das Wesen des christlichen Glaubens und der Kirchlichkeit beschreibt? War es nicht so, dass Gott Mensch geworden ist, Beziehung erlöst hat, und mitten unter den Menschen ist? Wäre es nicht denkbar, dass gerade die Sozialiät eine christliche Mystik der Gemeinschaft widerspiegelt. Wieviel mehr aber auch wie anders als die blasse Rede von Religiosität ist das?

Ganz zweifellos sind Gemeinde in ihrer klassischen Konfiguration nur ein Akzent der reichen Kirchlichkeit in unserer Kultur. Und zweifellos wird ihre Bedeutung in den nächsten Jahrzehnten abnehmen – weil eine bestimmte Kultur des Christseins stirbt zugunsten neuer Wege. Aber – so einfach ist das auch nicht. Auch in vielen Gemeinden zeigt sich ein bemerkenswerter Transformationsprozess. Das hohe Engagement in vielen Initiativen macht deutlich, dass wir es mit einem ganz normalen Phänomen zu tun – dem Phänomen von Sterben und Auferstehen. Und umgekehrt erlebe ich beglückend, wie dieser Geist immer mehr Menschen zu Ekklesiopreneuren macht.

Das Problem dabei: man braucht ein neues Mindset. Genau das fehlt mir hier. Denn Katholiken sind Kirche – und sie wird sich neu konfigurieren aus der Energie der vielen, die sich engagieren, nach innen und außen. Und wenn Kirche dann ganz anders würde? Unbekannt und kreativ, fremd und neu Heimat gewährend? Ich erlebe sie schon so an vielen Orten. Kein Mangel – nirgends.

Für eineinhalb Stunden hat sich der Papst mit dem neuen General der Jesuiten und seinen alten und neuen jesuitischen Mitbrüdern in der Kurie getroffen. Nach einer kleinen Rede kam es zu einem einfachen, freien und herzlichen Gespräch geführt. Mit unvorbereiteten Antworten auf Fragen der Mitbrüder. Leider gibt es dieses Gespräch erst am 10. Dezember in der italienischen Herder-Korrespondenz – „La civiltà cattolica“. Auch hier ist es Antonio Spadaro, der dokumentiert. Und so weit ich hoffen kann, wird dieses Interview auch ins deutsche übertragen werden. Es wäre wichtig.

Prophetisch sein

Einen wichtigen Akzent setzt der Papst ganz am Anfang des Gesprächs. Die Frage lautet: „Sie sind ein lebendiges Beispiel prophetischer Kühnheit. Wie schaffen sie das, sie so wirksam ins Leben zu bringen? Und wie können wir das auch tun?“ Der Papst: „Der Mut besteht nicht nur darin, Lärm zu machen, sondern auch darin, dass man weiß, wie man es macht. Und vorher vor allem muss man gut unterscheiden, ob man  Lärm machen soll oder eben nicht. Mut gehört ja wesentlich zu jeder apostolischen Sendung. Und heute – mehr als je – ist es notwendig, Mut zu haben und prophetische Kühnheit. Es braucht eine Freiheit und Authentizität der Rede, die ganz im Heute ist. – die prophetische Kühnheit hat keine Angst…“ Der Papst unterstreicht dabei, dass immer gut unterschieden werden muss, was „dran “ ist. Und eine der wichtigsten Herausforderungen sieht er in der Inkulturation: „Also muss heute unsere prophetische Kühnheit, unser Bewußtsein, sich ausrichten auf die Inkulturation. Und unser Bild und unsere Vorstellung ist ja nicht die Kugel, sondern der Polyeder (eine dreidimensionale Form mit vielen verschiedenen Flächen). Mir gefällt die geometrische Figur des Polyeders, denn er hat verschiedene Flächen und Anscihten. Genau so ist es nämlich: die Einheit gelingt, indem man die Identität der Völker und Personen bewahrt. Und genau das ist der Reichtum, den wir dem Prozess der Globalisierung geben müssen, der sonst uniformierend und zerstörerisch wird.

Inkulturation

Die Hermeneutik der Inkulturation war – so der Papst – in der Kolonialzeit geprägt durch das Ziel, „die Bekehrung der Völker zu suchen, die Kirche zu erweitern – und damit wurden die indigenen Eigenheiten vernichtet. Das war eine zentralistische Hermeneutik, wo das herrschende Reich in gewisser Weise  seinen Glauben und seine Kultur auferlegte. Es ist verständlich, dass man dieser dieser Epoche so dachte, aber heute ist eine grundsätzlich andere Hermeneutil absolut notwendig. Wir müssen die Dinge in einer anderen Weise interpretieren: jedes Volk würden, sein Kultur, seine Sprache“. Der Papst erzählt auch von den Versuchen der Jesuiten der Vergangenheit, die gebremst wurden von einem römischen Hegemonismus und Zentralismus, der diese Erfahrungen stoppte.

Und das gilt ja genauso für Europa. Wenn wir also heute evangelisieren, dass geht es um Inkulturation, die ein ganz neues Bild auch der Kirche und der Liturgie hervorbringen könnte.

Priesterausbildung und Priester

Der Papst kehrt immer wieder auf die Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister zurück, gerade auch im Bereich der Moral. Und hier wird der Papst deutlich im Blick auf die Ausbildung der Priester: „Ich stelle das Fehlen der Unterscheidungsprozesse  in der Ausbildung der Priester fest. Wir riskieren uns an ein „schwarz oder weiß“ zu gewöhnen, an das, was legal ist. Wir sind ziemlich verschlossen gegenüber den Prozessen der Unterscheidung. Eine Sache ist doch klar: heute, in einer Reihe von Seminaren, ist eine bestimmte Rigidität zurückgekehrt, die überhaupt nicht einem Prozess der Unterscheidung nahe ist. Das ist gefährlich, den das kann uns in ein Verständnis der Moral führen, das kasuistisch ist… Das macht mir viel Angst.“ Der Papst spricht hier von der „dekadenten Scholastik“, die sich von der großen Scholastik deutlich unterscheidet. „Die Moral, die Anwendung findet in Amoris Laetitia, ist die vom großen Heiligen Thomas…“

Aber der Papst kommt weiter auf die Situation der Priester zu sprechen. Im Kontext einer Frage über die Armut, finden sich weitere starke Worte: „Der Klerikalismus, der einer der schwerwiegendsten Übel in der Kirche ist, setzt sich von der Armut ab. Der Klerikalismus ist reich. Und wenn er nicht reich an Geld ist, dann ist er reich an Stolz. Aber in jedem Fall ist er reich: es gibt eine Anhänglichkeit an den Besitz…“

Berufung neu verstehen

Eine der spannendsten Fragen, die uns in unserem Kontext bewegen, ist die der Berufung. In der Tat, es ist eine Grundfrage, wie Berufung geschieht (siehe hier im Blog den Bericht über St. Petrus in Bonn) – und sie ist eben nicht zuerst die klassische Frage nach dem Priester. Und genau hier setzt auch der Papst plötzlich ein: „Mir ist es in Buenos Aires passiert, als Bischof, mehr als einmal, das man mir sagte: „In der Pfarrei habe ich einen Laien, der Gold wert ist. Und sie beschrieben ihn mir als einen Laien „erster Wahl“. Und dann fragten sie mich: ‚was meinen Sie, sollten wir den zum Diakon machen‘. Und genau hier liegt das Problem: der Laie, der wirklich wertvoll ist, den wollen wir zum Diakon machen, den wollen wir klerikalisieren. In einem Brief, den ich neulich an Kardinal Ouellet gesandt habe, schrieb ich , dass in Lateinamerika das einzige, was vor dem Klerikalismus bewahrt, die Volksfrömmigkeit ist. In der Tat, insoweit die Volksfrömmigkeit eine Sache des Volkes ist, die die Priester nicht glauben konnten, sind die Laien kreativ geworden. Vielleicht muss da manchmal was korrigiert werden, aber die Volksfrömmigkeit  hat sich gerettet, weil die Priester sich da nichts mit zu tun hatten. Der Klerikalismus läßt nicht wachsen, er lässt nicht zu, dass die Kraft der Taufe wächst. Und es ist nämlich die Kraft der Taufe, die die evangelisierende Kraft und die Gnade  der missionarischen Sendung in sich tragen. Und der Klerikalismus geht schlecht mit dieser Gnade um und führt in Abhängigkeiten, die manchmal ganze Völker in der Unreife  belassen. Ich erinnere mich, wieviele Auseinandersetzungen es ab, als ich Theologiestudent und junger Priester war, da kamen die Basisgemeinden auf. Warum? Weil gerade in diesen Gemeinden die Laien begannen eine starke Rolle als Protagonisten, und die ersten, die sich unsicher fühlten, waren einige Priester.“

Diese Hinweise sind spannend. Der Papst, der im selben Interview auch davon spricht, dass er überzeugt ist, dass es vor Ort auch Priesterberufungen gibt, ist auch klar davon überzeugt, dass die geistliche Begleitung eine Sache des ganzen Gottesvolkes ist: „wenn wir die Laien nicht zur Unterscheidung der Berufung rufen, dann ist es klar, dass wir keine Berufungen haben werden“ Aber vor allem hat er im Blick, dass man dringend darauf  achten muss, die Berufungen der Christinnen und Christen vor Ort zu stärken.

Und genaue Beachtung verdient die Rede von der Volksfrömmigkeit: normalerwiese sehen wir diese Volksfrömmigkeit nur als vergangene Formen, die Menschen heute nicht mehr ansprechen. Genau so ist es nicht. Denn hier geht es auch um postmoderne Formen der Spiritualität, des christlichen Lebens, der christlichen Gemeinschaft. Wer also E/motion in Essen, Zeitfenster in Aachen, Formen neuer Spiritualität überall anschaut, der entdeckt diese Dimension: es ist das Volk Gottes, das sich den Weg in das Neue bahnt. Und der Papst hat das neu ins Licht gerückt – und ermutigt wie immer, loszulegen.

 

 

Carlos Maria Galli ist eine der Inspirationsquellen des Kirchenverständnisses von Papst Franziskus – und er sieht das Pontifikat des Lateinamerikaners als Erfüllung jener weltkirchlichen Wende, die sich ja schon seit dem II. Vatikanum abspielte. Die Konzilväter erlebten „Welt-Kirche“, und doch muss man sagen, dass bislang diese weltkirchliche Dimension noch nicht wirklich systembildend war. Deswegen formuliert Galli: „nach einem ersten Jahrtausend, das von den orientalischen Kirchen geprägt war und einem zweiten Jahrtausend, das durch die westlichen Kirchen angeführt wurde, scheint am Horizont ein drittes Jahrtausend auf, das durch die Kirchen des Südens  mit Lebendigkeit erfüllt wird, in einer interkulturellen Katholizität, in der die Kirche von Rom den Vorsitz der Liebe hat und diese Kirche insgesamt von einer polyzentrischen geistlichen und strukturellen Dynamik gekennzeichnet ist“

Was Galli hier so locker hinschreibt, läßt weit blicken. Wir stehen erst am Anfang dieses Prozesses, der das Angesicht der Kirche verändern wird. Denn wenn die Kirchen des Südens und also die vielen Kulturen zusammenkommen, wird klar, dass es keine Vorrangstellung gewachsener Denkformen mehr gibt, sondern ein dialogisch-synodales Miteinander, eine Kirche der vielen Zentren und also der vielen Gestalten – und genau dies ist ja die Ausfaltung der Perspektive, die – so Galli – in Lateinamerika schon seit mehreren Jahrzehnten eingeübt wird: „Der Regionalismus ist ein sehr eigenständiger Beitrag unserer Kirche, die einziartige, vielfältige Gemeinschaft vder Kirchen auf kontinentaler Eeben, die eine regioanle, gemeinschaftliche, inkulturierte  und kreative Rezeption des Konzils ins Werk setzte.“ In der Tat, die kontinatalen Versammlungen der lateinamerikanischen Kirche von Medellin bis Aparecida haben ein Neuverständnis der Kirche und ihrer Sendung der Verkündigung des Evangeliums hervorgebracht.

Auf diesem Hintergrund ist auch zu bedenken, dass Lateinamerika die am meisten verstädterte Region der Erde ist. 8 von 10 Personen leben in Stadtlandschaften – und das prägt das pastorale Denken des Papstes, der in diesen Stadtlandschaften die Spannung zwischen global und lokal sieht – und die damit verbundenen neuen pastoralen Herausforderungen.

Über die Freude der Evangelisierung

Ich erinnere mich sehr, wie sehr Johannes Paul II das Wort von der Neuevangelisierung in den Mittelpunkt seines Lehrens stellte – und wie dies im mitteleuropäischen Kontext aufgenommen wurde. Ich habe den Eindruck, wir haben damals diese Perspektive nicht verstanden. Um so wichtiger ist es, sich jetzt mit der Rede von der Evangelisierung zu befassen, denn auch Papst Benedikt wie auch Papst Franziskus stellen diese Perspektive in den Mittelpunkt. Wenn er also in Evangelii Gaudium 21 schreibt: „Die Freude des Evangeliums, die das Leben der Gemeinschaft der Jünger erfüllt, ist eine missionarische Freude“, dann muss man diesen Satz, so einfach er ist, erst einmal entschlüsseln und seine Herausforderung sich zu eigen machen: denn dann steht im Zentrum allem Nachdenkens über die Kirche von morgen das, was der Papst „Freude des Evangeliums“ nennt. Damit ist eben nicht ein spiritueller Hallelujaismus gemeint, sondern die erfüllende Ergriffenheit und die daraus wachsende Leidenschaft, die sich in einer Gemeinschaft zeigt. Und daraus wächst eine spezifische Sendung. In der Tat kann man das an vielen Orten unserer Kirche sehen, oft aber schieben sich andere Fragen darüber – und die fesseln. Das gilt auch dann, wenn wir uns über die Strukturfragen verfangen, und es könnte erklären, warum die ganzen Ermöglichungsdiskurse noch nicht gezündet haben. Es ginge ja einfach darum, loszulegen, wie es der Papst formuliert:

Primerear – die Initiative ergreifen“: Entschuldigt diesen Neologismus! Die evangelisierende Gemeinde spürt, dass der Herr die Initiative ergriffen hat, ihr in der Liebe zuvorgekommen ist (vgl. 1 Joh 4,10), und deshalb weiß sie voranzugehen, versteht sie, furchtlos die Initiative zu ergreifen, auf die anderen zuzugehen, die Fernen zu suchen und zu den Wegkreuzungen zu gelangen, um die Ausgeschlossenen einzuladen. Sie empfindet einen unerschöpflichen Wunsch, Barmherzigkeit anzubieten – eine Frucht der eigenen Erfahrung der unendlichen Barmherzigkeit des himmlischen Vaters und ihrer Tragweite. Wagen wir ein wenig mehr, die Initiative zu ergreifen!“ (EG 24)

Es ist so: Evangelisieren heißt ja, die Barmherzigkeit, die Zartheit, die Liebe Gottes ins Leben zu bringen, allen diesen Raum zu eröffnen, in dem Heilung und Wachstum geschehen kann.

Das heilige gläubige Volk Gottes

Es gibt, so Gallo, eine „argentinische Theologie des Volkes Gottes“, von der Papsr Franziskus: hier geht es um das Volk, das sich in die Kultur eingewurzelt hat und eine Sendung hat, ein Volk, aus dem heraus auch die Ämter und Dienste in der Kirche ihre Kraft bekommen. Das wurde schon in der ersten Begegnung deutlich: der Papst bat das Volk, für ihn zu beten – und das war mehr als eine fromme Überlegung. Es war  Bestandteil einer Theologie des Volkes Gottes, das durch das Gebet zum Heiligen Geist den Dienst des Papstes ermöglicht. Aber wenn das Volk Gottes Subjekt ist, dann spielt auch die Volksfrömmigkeit eine entscheidende Rolle. Denn hier, so Galli, inkulturiert und inkarniert sich das Christentum. Das so zu sagen, ist spannend auch für unseren Kontext: es will nämlich sagen, dass es wesentlich darauf ankommt, wie sich das Evangelium in eine Kultur hineinverwurzelt. Dann ist genau zu schauen, wie dies hier geschieht, in der Postmoderne: die Erfahrungen neuer Formen von Gemeinden und Gottesdienste sind in dieser Linie zu lesen.

Und hier gewinnt dann auch die Rede vom „sensus fidelium“ große Bedeutung: das Volk Gottes „spürt“ den Glauben und bringt ihn – eben auch durch Formen der Volksfrömmigkeit – voran. Dabei geht es weniger darum, einen neuen Ort theologischen Denkens zu beschreiben: die Theologie des Volkes Gottes ist implzit , in der Praxis, und zeigt gewisser im „Wie“ der Frömmigkeit das „Was“ des Glaubens. Das letztlich macht diesen theologischen Ansatz auch für die postmoderne Aufbrüche spannend. Was bedeutet es nämlich, wenn in neuen Formen des Glaubens sich die Tradition neu inkulturiert und neue Wege zeigt.

Synodalität

Und deswegen: es gibt keine Alternative zu einer synodalen Gestalt der Kirche. Denn die Synodalität ist konstitutiv für die Kirche. Die Rede des Papstes zum 50jährigen Bestehen der Synode macht deutlich, wie radikal der Papst diese Theologie des Volkes Gottes nimmt: „Die Synodalität, als konstitutive Dimension der Kirche, ermöglicht einen Rahmen der Interpretation auch für das Verstehen des hierarchischen Dienstamtes. Wenn wir also verstehen, dass – mit Johannes Chrysostomus – Kirche und Synode synonym sind, … dann verstehen wir auch, dass in ihrem Innern nieman erhöht ist über die anderen. Im Gegenteil, es ist notwendig, dass in der Kirche sich jemand erniedrigt, um sich in den Dienst des Volkes Gottes auf dem Weg zu stellen…“

Hier wird noch einmal massiv deutlich, wie sehr diese Perspektive der Synodalität und des Amtes ein neues Denken der Kirche hervorbringt.