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Ich hatte von dieser unglaublichen Geschichte gehört. Vom Pfarrer der evangelischen Gemeinde im Osten Stuttgarts, der nach einem Chorleiter suchte, darum betete, um dann Thomas Dillenhöfer zu begegnen: dem leidenschaftlichen Chorleiter. Und dann passierte es: ein Gospelprojektchor entstand, der immer größer wurde (und schon mehrere Ausgründungen hat). Inzwischen singen in den Projekten über 500 Leute mit, und sie proben jeden Donnerstag in der evangelischen Friedenskirche. „Da sind jede Woche unheimlich viele Leute“, sagt der Hotelier, der mich für eine Nacht in Stuttgart beherbergt. „Und Sie sind heute abend da zum Konzert? Ich will auch kommen – kostet das Eintritt?“ „Nein“, sage ich, „es ist ein Gottesdienst, und ich soll predigen, aber ich weiß noch gar nicht worauf ich mich einlasse…“

In der Tat. So ist es. Als ich um 18h zur Vorbesprechung komme, wird gerade geübt. Ca 100 Sänger, oder? Es wirkt so echt, so beeindruckend lebendig, schon diese Probe. Die Kirche füllt sich. Um 19h beginnts. Nach dem Einsingen zuvor, bei dem die Begeisterung überschwappt in die gefüllte Kirche, nun Stille. Zum Ankommen. Die Glocken läuten. Und 19.05 beginnt es mit Liedern und einer Einführung von Thomas Dillenhöfer.  Ich sehe zu, wie er das macht. Nein, er macht es nicht – er ist es. Der Chor und die Menschen in der Kirche, werden da hineingezogen in ein Miteinander, das echt die Herzen öffnet. Es wird gesungen, und sehr volle Stimmen, vielstimmig und schön.

Und was kann ich da noch predigen? Das, was ich erlebe, ist doch schon eine Predigt, oder? Aber – das hatte mir Tom gesagt: normalerweise eine halbe Stunde…  „Und predige über das, was dir am Herzen liegt“. Und so predige ich nicht über Kirchenentwicklung, sondern… über Pfingsten und den Geist.

Energy beats everything

Ich war in Edingburgh. Und stieß auf diese Werbung. David und Goliath. Der kleine starke gegen den Großen Mächtigen. Er steht oben, mit seiner Zwille – und trinkt einen Energydrink. Und dann dieser Spruch. „Energy beats everything – yours, theirs, the universe’s“. Und ich musste an den Geist Gottes denken. Er ist doch die Energie, das Wirken Gottes in dieser Welt. Eine ganz andere Energie als die physischen Energien, als Atom und Licht. Gottes Wirken eben – in allem.

Mir fiel einer der großen alttestamentlichen Texte ein, eins der großen prophetischen Bilder des Ezechiel. Es erzählt von der Auferweckung des Volkes Gottes. Eine Erzählung wie ein Horrorfilm. In der Ebene liegen die Knochen, alles verloren, alles tot. „Kann daraus noch Leben werden?“ „Das weißt alleine du, Herr!“ Und dann geschieht es, dass durch das Wort des Propheten, durch den Geist Gottes das Volk wieder lebendig wird – voller Geist. Voller Kraft.

Was geschieht hier eigentlich? Die Geistkraft erfüllt die Einzelnen, und belebt, erneuert. Die Geistkraft ist vor allem „Auferstehungsenergie“: sie holt uns ins Leben zurück – aber das heißt auch: alles, was vielleicht tot ist, alles was daniederliegt, darauf läßt sie sich ein, die „ruach“, um von innen her neues Lebens zu schenken. Aber sie ist noch mehr – und vor allem das: sie ist soziale Energie. Denn sie führt Menschen zu einem Volk zusammen, sie erlöst das verwundete, verletzte Zwischen-uns. Das „Zwischen-uns“ wird der Raum seiner Herrlichlichkeit, also seiner Gegenwart, die strahlt…

Der Pfingstgeist live

Aber all das, was da zu predigen ist, das erfahre ich live. In der Friedenskirche ereignet sich – vielleicht oft? – diese Wirklichkeit. Menschen werden in Seinem Geist in einen Leib zusammengefügt, als Schwestern und Brüder. Das ist das Wunder und das Wundern von Pfingsten. Nicht nur hier. Ich erlebe es ja an vielen Orten, bei Zeitfenster in Aachen, in der Seminarkirche bei Familiengottesdiensten.

Hier wird Kirche, hier wächst Gemeinde – aber nur dann, wenn man die scheinbare Normativität einer Kirchengemeinde hinter sich lässt. Denn hier wächst Kirche neu heran, in neuen Formen, aber genau aus der Mitte dessen, was sie ausmacht. Aus der erlebbaren Christusgegenwart, der Gegenwart des verbindenden Geistes, der das Zwischen der Menschen bewohnt.

Müssen nicht alle Strukturen einfach nur als Dienst daran verstanden werden, dass dieser Geist sich auswirken kann? Nicht der Geist muss sich an Strukturen anpassen, sondern jede institutionelle Gestalt der Kirche braucht jene Erfahrungen des Geistes, um lebendig zu sein…. und hat die vornehme Aufgabe diesem Werden der neuen Welt zu dienen. Wie sagte schon der orthodoxe Patriarch Athenagoras: „Ohne den Heiligen Geist ist Gott ferne, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium toter Buchstabe, die Kirche eine gewöhnliche Organisation, die Autorität Herrschaft, die Mission Propaganda, der Kult Beschwörung, und das christliche Handeln Sklavenmoral. Aber in Ihm: ist der Kosmos erhoben und seufzt im Gebären des Königsreiches, ist der auferstandene Christus da, ist das Evangelium Macht des Lebens, bedeutet die Kirche trinitarische Gemeinschaft, die Mission ein Pfingsten, die Liturgie Gedächtnis und Vorgeschmack, wird das menschliche Handeln vergöttlicht.“

Und dem ist nichts hinzuzufügen. Vor allem, wenn man es immer wieder erleben darf. Wie ich zu Pfingsten im Gospelhaus.

 

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Der folgende Beitrag entstand – in der herausfordernden Pecha Kucha Methode – für das Podium „Zukunft der Kirche vor Ort – zwischen Dauerzoff und Grabesruh“ auf dem Katholikentag

 

  1. (Blitz)
    Das Leitungsthema ist in der Kirche vielleicht eines der aufgeladensten Themen in der Kirche. Wir ahnen, es geht um etwas Wesentliches. Um eine Grundordnung der Kirche, die ja wesentlich sakramental verfasst ist. Und wenn diese Kirche in einem fundamentalen Umbruchsprozess ist, dann wird die Frage nach der Leitung neu zu stellen sein. Denn die Neukonfiguration der Kirche wird auch die Rolle und den Dienst der Leitung neu konfigurieren. Und das gilt um so mehr, als in diesem neuen Wirklichkeitraum der Kirche auch die Leitung von Gemeinden durch ehrenamtliche Teams ins Leben kommt. Bedroht so etwas die die sakramentalen Leitungsaufgaben des Priesters? Das ist die spannungsreiche Frage. Und es scheint oft so: hier kann man nichts ändern, weil es so sein muss.
  2. (Fusswaschung)
    Geht es um Machterhalt? Oft wird die Frage der Leitung unter dem Stichwort der Macht diskutiert. Dann haben wir ein Problem. Ein ernstes Problem mit dem Evangelium. Denn hier gilt ja: „Bei euch soll es nicht so sein…“; „Nur einer ist euer Meister…“ „Ihr alle seid Geschwister…“ Hoffentlich ist das nicht nur ein ideologisches Füllwort, hoffentlich ist Fusswaschung keine Machtgebrauch verdeckende Sonntagsrede.
    Das muss sogar noch vertieft werden. Die Fusswaschung verweist auf einen tiefen Transformationsprozess, auf das Geheimnis des Kreuzes. Und das meint ja: was bedeutet es für den Dienst der Leitung, wenn Gewalt und Macht in Liebe und Dienst verwandelt wird. Was bedeutet das für ein christliches Leitungsverständnis.
  3. (Pyramide)
    Ja, wir haben eine verdunkeltes und traumatisches Leitungsverständnis. Durch Macht ist es desavouiert. Und dafür steht das Bild von der Pyramide. Zu häufig wurde Vollmacht mit Macht verwechselt. Dienst zum Herrschen gebraucht. Denn Pyramide heißt Oben und Unten, heißt Priester mehr als Laien, heißt Männer über Frauen, heißt Macht und Unterlegenheit. Alltägliche Kirchenerfahrungen, die uns bis heute tief prägen. Aber: solange wir dieses Bild im Kopf, und vor allem im Herz haben, finden wir keine Lösungen für das Leitungsthema.
  4. (Kirche auf dem Kopf)
    Aber die Vision der Kirche und ihre Entwicklung stellt diese Perspektive radikal um. Papst Franziskus schreibt (EG 102): „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger. Das Bewusstsein der Identität und des Auftrags der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien, die aus der Taufe und der Firmung hervorgeht, zeigt sich nicht überall in gleicher Weise. In einigen Fällen, weil sie nicht ausgebildet sind, um wichtige Verantwortungen zu übernehmen, in anderen Fällen, weil sie in ihren Teilkirchen… keinen Raum gefunden haben, um sich ausdrücken und handeln zu können.“
    Das stellt die Kirche auf den Kopf. Nicht von der institutionellen Kirchengestalt, zu der auch Laien gehören zu denken, sondern radikal vom Volk Gottes her zu denken – das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem aber auch für die Priester, für das Verstehen des Amts.
  5. (Priesterweihe)
    Es geht um einen Dienst, einen Dienst der Leitung. Deswegen lautet ja die erste Frage der Priesterweihe, die der Kandidat beantwortet: „Bist du bereit, das Priesteramt als zuverlässiger Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten?“ Es geht ja um Leitung, die gemeinschaftliche gelebt wird. Es geht um Leitung, die aber im Hören auf dem Geist, in geistlichen Unterscheidungsprozessen besteht – aber vor allem hat der Leitungsdienst den Auftrag, dass das Volk Gottes seine Mündigkeit immer tiefer erlebt und erfährt und auslebt. So formuliert der programmatische Einführungstext zum sakramentalen Dienstamt in Lumen Gentium 18: „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus der Herr in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind. Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen.“
    Es kann kaum deutlicher formuliert werden, worum es gehen soll: der Text macht mehr als deutlich, dass das Subjekt der Leitung Christus selbst ist, und dass der Dienst darin besteht, den Brüdern und Schwestern Wege zu eröffnen.
  6. (Konzilsaula)
    Das Konzil hat dies in einem memorablen Text verdeutlicht: Lumen Gentium 10 formuliert: Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebr 5,1-5), hat das neue Volk „zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht“ (vgl. Offb 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat (vgl. 1 Petr 2,4-10)
    Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil.“

    Damit wird deutlich: es geht um das gemeinsame Priestertum aller Getauften, um die Sendung, das Evangelium zu verkünden. Und schon im Namen wird deutlich, worum es beim sakramentalen Dienst geht: um ein Priestertum des Dienstes, das nicht mehr oder weniger als das gemeinsame Priestertum ist, sondern „anders“! – eben nicht in einer graduellen Abstufung. Damit ist neuerlich klar: das Volk Gottes als ganzes kann nicht in irgendeiner Weise graduell abhängig beschrieben werden. Kurz und knapp: Priester stehen nicht über Laien, Leitung des Priesters ist grundsätzlich anders als die Leitung, die Laien tun. Sie stehen nicht in Konkurrenz. Sie ist auch nicht zuerst delegiert.

  7. (Baum mit Wurzel)
    Und deswegen ist es irreführend, im Kontext unterschiedlicher Leitungsdienste von einer Letztverantwortung des Pfarrers zu sprechen. Darin steckt ja weiterhin ein „oben – unten“. Theologisch hält diese Ausdrucksweise nicht stand. Besser ist es, von einer „Grundverantwortung“ zu sprechen: eine Verantwortung für den Grund, die Wurzel, für Christus also. Es geht bei dieser Verantwortung um den Verweis auf Christus, auf seine führende Gegenwart im Geist. Das genau ist dann nämlich der sakramentale Leitungsdienst: es ist der Dienst daran, dass die Kraft Christi allen zur Verfügung steht, damit sie mit ihren Gaben leiten und führen können. Der sakramentale Dienst besteht im Dienst an der Mündigkeit der Christen.
  1. (Landkarte)
    Egal wie groß pfarrlichen Strukturen sind, egal wie pfarrliche Strukturen geschaffen werden – diejenigen, die in einer Pfarrei Dienst als Priester und Hauptamtliche tun, wird es um die Befähigung und Ermöglichung des Wachsen der christlichen Verantwortung und Mündigkeit, der Freiheit und der Selbständigkeit der ureigenen christlichen Identität und Sendung aller gehen.
  2. (Bischof Wüstenberg in Aliwal)
    Was bei uns noch Diskussionen auslöst, weil es ungewohnt ist, ist seit Jahrzehnten Praxis der Weltkirche. In Afrika, Lateinamerika und Asien werden örtliche Gemeinden selbstverständlich von Teams Getaufter geleitet. Sie werden beauftragt vom Bischof, tragen Verantwortung und nehmen Leitung wahr. Sie sind Repräsentanten der Gemeinde, „teams of elders“ (Ältestenteam) oder – wie in Frankreich – eine „equipe d’animation“: eine Gemeinschaft derer, die dem Leben der Gemeinde eine Seele einhaucht.
  3. (Team)
    Ganz selbstverständlich geschieht hier Leitung vor Ort. Nicht als Delegation, sondern im Interesse und als Ausdruck des christlichen Lebens vor Ort. Überall, wo Gemeinden sind, wo neue Gemeinden entstehen, wachsen – in letzter Zeit auch in deutschen Diözesen (in mehr als 13) – Formen ehrenamtlicher Leitung, die gemeinsame Kennzeichen haben: sie sind Teamleitungen, sie sorgen für das, was vor Ort gelebt und getan werden kann (Subsidiarität), sie werden gut begleitet und evtl auch weitergebildet, sie sorgen für eine charismenorientierte Pastoral.
  4. (Rufsignet)
    Im Hintergrund steht eine Theologie des Rufens. Es geht nicht darum, jemanden für einen Dienst zu gewinnen, damit er getan wird. Es geht vielmehr darum, Menschen zu „rufen“, ihnen eine Möglichkeit zu geben, ihren Ruf zu leben. Zugleich aber braucht es die Antwort des Einzelnen, und die Resonanz und Akzeptanz der Gemeinschaft, die ihn aussendet.
  5. (Ohne Vision verkommt das Volk)
    Doch dazu braucht es eine Vision. Ja, denn wir wären immer in der Lage, den hier begründeten Paradigmenwechsel zu verpassen, der in diesem Verständnis von Leitung steckt. Dann ginge es nur darum, auf dem Rücken der Getauften weiterzumachen, was bisher im Kontext der Versorgermentalität (und auch der Machtübernahme) geschah.
    Es geht nicht um die Frage, wie man das System retten kann. Es geht um die Herausforderung, die im Konzil gründet: Kirche zu verstehen als Volk Gottes, das aus der Kraft der Taufe selbstsorgend und selbstleitendes Volk ist, dem durch den sakramentalen Dienst des Priesters und den Dienst der Hauptberuflichen ermöglicht wird, es selbst zu sein. Es geht darum, dass der Geist Christi dieses Volk leitet.
    Und ja, das ist ein Prozess, ein längerer Weg zum Ziel. Es braucht Zeit. Ich denke, dass der Anfang schon da ist. Ich genieße diese Anfänge, sie bedeuten für alle eine Umkehr.
    Aber wir werden entdecken: sakramentaler Dienst der Leitung wird mehr er selbst, wenn Christen vor Ort ihre in der Taufe gegründete Leitung in den verschiedenen Feldern wahr-nehmen.

In den letzten Jahren mache ich eine spannende Erfahrung. Immer mal wieder bin ich zur Vertretung in einer Pfarrei, und wenn ich in die Sakristei zur Messvorbereitung komme, dann werde ich in der Regel sehr freundlich begrüßt. Der Küster oder die Küsterin wenden sich dann an mich: „Wie wollen sie es denn machen?“ Ich antworte immer: „Ich bin hier zur Gast – wie machen Sie es denn?“ „Hier macht es jeder anders…“ „…“ Will sagen: der Priester entscheidet über die Feier der Liturgie, selbst dann, wenn es in der Gemeinde eine ausgeprägte Liturgie gibt.

Szenenwechsel: am Ostermontag darf ich bei den Benediktinerinnen von Herstelle mitfeiern. Eine Ordensschwester wendet sich an mich: „Hier zeige ich Ihnen, wie wir hier die Eucharistiefeier feiern…“ Keine Frage: niemand würde auf die Idee kommen, ihr zu sagen: „Aber ich möchte es lieber so“. Zu profiliert ist die liturgische Kultur der Gemeinschaft der Schwestern.

Finde den Unterschied. Während auf der einen Seite eine Gemeinschaft eine liturgische Kultur und Prägung entwickelt hat, die mit Selbstverständlichkeit und Selbstbewußtsein den Vorsteher der Liturgie begegnet, und so deutlich wird, dass der priesterliche Dienst eben ein Dienst ist – ist das in vielen Kirchengemeinden nicht so. Der Priester bestimmt die Liturgie? Klerikale Willkür? Natürlich ist das böse gesagt, aber dahinter verbergen sich einige Probleme.

Zum einen wird deutlich: bei vielen Gläubigen, die unterschiedliche Priester erlebt und zuweilen auch erlitten haben, setzt sich genau dieser Gedanke durch. Jeder machts auf seine Weise, Liturgie ist irgendwie willkürlich – auch wenn es eine Grundordnung gibt. Es liegt irgendwie im Belieben der Priester… Zum anderen ist es ja so: es wäre mehr als dringend, dass in den Gemeinden ein gemeinsames Bewußtsein der gefeierten Liturgie wächst und ausgebildet wird – und ich finde, eine liturgische Bildung, die die kompetente Ausbildung einer liturgischen Kultur hervorbringt, ein absolutes „Muss“: denn wenn auch in Zukunft eher weniger Messen von weniger (und unterschiedlichen) Priestern gefeiert werden, kommt es für die Mitfeiernden vor Ort darauf an, dass sie in dieser Liturgie, gerade in den sakramentalen Feiern, genährt werden – und das Volk Gottes hier auch mit Recht eine Verläßlichkeit erwarten darf, die nicht von klerikalen Eigenheiten überlagert wird. Die Verschiedenheit der Zelebranten kann bereichern, aber auch dazu führen, dass Menschen einfach nicht wiederkommen. Weil sie die Ungewißheit in Stil und Feier, die von einer Person abhängig sind, nicht ertragen.

Es ist also umgekehrt ein dringendes Desiderat, Christen vor Ort eine Liturgiemündigkeit zu ermöglichen. Warum findet so wenig liturgische Bildung vor Ort statt? Ein Schelm, wer böses denkt.

In die Zukunft gedacht

Immer dann, wenn ein Pfarrteam mehrere Pfarreien übernimmt, kommt es zum Schwur. Eine neue Messordnung muss her… Und dann passiert es. Die neuen Messordnungen, die oft in komplexen Abstimmungen erarbeitet werden, gleichen überkomplexen Rätseln: wo und wann und mit wem? Oder sie werden nicht abgestimmt, sondern vom Team vorgelegt. Und mit einigen Mühen wird man verhindern, dass man ständig neu vor verschlossenen Kirchentüren steht, weil man was verwechselt hat.

Viele Fragen stellen sich. Die Messordnungen haben immer noch den Geschmack der Notordnungen: wie können alle gleich schlecht versorgt werden. Ist das die Zukunft? Fragen stellen sich auch für die feiernden Priester und die feiernden Gemeinden. Sie geraten in die Messhatz, so dass in der Tat vom „Einfliegen“ geredet werden kann. Das wird absurd, wenn „Quelle und Höhepunkt“ als Stress gefeiert werden – und das, was gefeiert wird, nicht mehr erfahrbar werden kann: die Communio, die in der Feier gestiftet wird und Communio konstituiert.

Hier möchte ich nicht die fundamentalen Fragen stellen – auch das wäre wichtig. Aber zu fragen ist schon, ob nicht auch hier ein zu enges Verständnis von Liturgie, Kirche und Gemeinde existiert. Heißt „sakramentale Versorgung“ mehr als das Vorhandensein von Priestern am Sonntag zwischen 8-11.30? Und werden dann notwendige Wortgottesfeiern abgewertet als vorübergehende Notsituation, die sie nicht sein werden?

Die Gefahr ist auch hier: weil wir die Vergangenheit in einer veränderten Situation noch irgendwie retten wollen, wird es auch hier absurd. Es gilt doch, dass die Eucharistiefeier in Zukunft wirklich Quelle und Höhepunkt der kleiner werdenden Gemeinden sein wird – aber wenn das so ist, dann wären Erfahrungen der Missionsgebiete oder in anderen Kontinenten ernst zu nehmen: dass nämlich die Eucharistie und ihre Erfahrung nicht zwischen 10-11 stattfindet, sondern in einer Erfahrung der Gemeinschaft des Glaubens, bei der die Präsenz, die Begegnung, das Teilen, das Essen, das Austauschen über wichtige Fragen eine zentrale Bedeutung für das Selbstverständnis der Kirche haben. Ja, wir brauchen eine neue Sonntagskultur, und die fängt da an, wo wir verwirrende Liturgiepläne eintauschen gegen die Frage, was es uns wert ist, als Gemeinschaft des Glaubens sakramental konstituiert zu werden.

Wer in Deutschland in muttersprachlichen Gemeinden mitfeiert, kann das schon erleben. Ohne Fest, Feier, Kommunion, Essenteilen – wie soll Gemeinde sich erfahren als geschenkte Gemeinschaft. Auch hier braucht es mutige Schritte einer eucharistischen Weiterbildung, die dann auch ermöglichen, dass die Erfahrung der Gemeinschaft auch am Sonntag in kleinen Gemeinden möglich wird – in neuen Formen der Wortliturgien und anderen Weisen der eucharistischen Verbindung wie in anderen Teilen dieser Welt, wo diese Kultur längst gewachsen ist.

Und warum denken wir hier nicht mutiger weiter?

 

Ich bin ziemlich sicher, dass der Film „Kirche ohne Priester“ sehr exakt und ohne Polemik die Seelenlage der Ratlosigkeit, Traurigkeit, Aggressivität und Depression spiegelt, die in vielen Christen, in Bischöfen, Rätevertretern und Journalisten lebt. Sie spiegelt auch ein Kirchenbild klerikaler (oder professioneller) Versorgungskirche, von der sich viele – mit Recht – heute absetzen und es doch zugleich fortsetzen wollen, weil es das einzige ist, was sie im Herzen unverlierbar eingeprägt bekommen haben

Was für viele vielleicht eine routinierte und gelungene Beschreibung kirchlicher Abbrüche und Ungeheuerlichkeiten ist, wirft aber zugleich auch viele Fragen auf, die für die Zukunft wichtig werden könnten. Denn auf dem ersten Blick wird schnell deutlich, dass Kirchenkritiker, Weiberaufständler*innen und Zdkler, aber auch Bischöfe mehr eint, als sie trennt.

Mehr als Strukturen?

Zum einen gibt es eine Strukturfixierung, die den Eindruck erweckt, dass die Zusammenlegung von Pfarreien, die weniger werdenden Priester und die (im Film allesamt älteren) Gemeindechristen ein schwieriges Schicksal droht: die einen, weil sie konstitutiv überlastet sind – die anderen, weil ihnen lokale Identität genommen wird.

Ja. Genau. Hier liegt die erste Herausforderung und Provokation: ist Kirche ein gegebenes Strukturensemble der Gemeinde, das aufgelöst werden kann? Können Gemeinden per Verwaltungsbeschluss von oben aufgehoben werden? Sollen Priester in Zukunft statt für 2500 Katholiken nun für 100.000 Katholiken dasselbe tun?  Sollen jetzt Ehrenamtliche das tun, was vorher Hauptberufliche tun? Sollte das ein Zukunftsplan sein? Wer sich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt, muss auf alle diese Fragen mit „Nein“ antworten. Aber diese Fragen werden in der Regel – und auch in diesem Film – nur im Rahmen des bisherigen Gemeindekirchenbildes gestellt. Und dann wird es absurd.

Und das schwierige: nicht einmal die Bischöfe können in einfachen Worten sagen, dass sie das nicht intendieren… und in den Gemeinden fühlen sich viele nicht ernstgenommen: wie immer. Und manche Verwaltungen meinen tatsächlich, dass sie solche Prozesse in kurzer Zeit – zehn Jahre wären kurz – durchführen könnten. Vor allem aber: dieselben Bilder.

Und aus dem Blick gerät: Kirche ist schon lange nicht mehr vor allem Gemeinde, sondern ein liquides Feld verschiedener Ausdrucksformen des Kircheseins: weder die Caritas, noch die Schule, noch die vielen Orte, an denen Kirche aus der Sendungskraft vieler lebt und sich erneuert, geraten nur ansatzhaft in den Blick – und auch nicht neue und andere Ausdrucksformen von Kirche, in denen es selbstverständlich ist, dass die Christen vor Ort Leitung wahrnehmen.

Aus dem Blick gerät auch, dass es bei all dem auch andere Erfahrungen der Neugestaltung gibt. Wer Gemeindeleitung durch Christen vor Ort nicht unterscheidet von der Leitung einer Pfarrei, der übersieht, dass inzwischen in mehr als 13 Diözesen Deutschlands diese Praxis ins Lebens gebracht wird. Dann aber müsste man doch tatsächlich neu denken, was Pfarrei und Gemeinde heißt… und auch hier fehlt es an echter Theologie.

Es geht… um Macht

Zum anderen scheint es im Kontext der Amtsfrage vor allem um Macht zu gehen: Das Amt hat Macht, und es ist Männern vorbehalten. Priestermänner halt, und es ist nicht einsehbar, warum dann Frauen nicht ebensolche Macht haben müßten.

Ja. Genau. Das stimmt zweifellos. Aber nur in diesem Rahmen einer soziologischen und eventuell auch philosophisch verbrämten oder sogar sogar theologisch überzuckerten Sichtweise. Und so eng diese Betrachtung ist, und so wenig sie etwas über den hierarchischen Dienst aussagt, so schrecklich ist doch andererseits, dass manche Hierarchen der Kirche sich auch in diesem Film so darstellen lassen – und noch viel schlimmer: dass diese Über-macht heute so erlebt werden kann und nicht zu wenig erlebt wird, allerdings nicht nur von Priestermännern, sondern überall dort, wo Ämter und Dienste von Hauptamtlichen wie auch ehrenamtlichen Verantwortungsträgern in Anspruch genommen werden.

Das macht jede Diskussion zum Thema schwach. Denn der Machtdiskurs misst sich hier nicht am Evangelium, sondern an einem Kirchenbild und einer Kirchenerfahrung, die jeder theologischen Überlegung nicht standhält. Die theologisch dünne Rede von der Letztverantwortung verwandelt jeden Dienst in Macht. Verwandlung der Macht in Dienst darf aber nicht nur ein ideologisches Rechtfertigungsthema werden, sondern will erfahrbar sein. Umgekehrt lebt die derzeitige Pastoralkonstellation aus unerträglichen Machtgefällen – hier aber liegt kein hinreichender Grund für die Veränderung von Zulassungsbedingungen. Schlicht: auf dieser Grundlage kann man gar nicht Kirche sein.

Die Weihe von Frauen und Verheirateten jenseits des bisherigen Paradigmas, die Weihe von lokalen Presbyterien, wie Fritz Lobinger, einer der Pioniere der basiskirchlichen Bewegung sie vorschlägt, will weiter ausgelotet werden – und halte ich durchaus für denkbar und klug. Aber all das setzt auf ein erneuertes Verständnis von Kirche, auf Prozesse der Selbstorganisation und Mündigkeit, die im Kontext des volkskirchlichen wie theologischen Mainstreams noch nicht einmal ansatzhaft bedacht sind.

Zukunft der Priester

Wie unkritisch über Priesterausbildung und dem „Import“ (!) ausländischer Priester gesprochen wird, das ist unerträglich. Sollen sich junge Männer in einer sterbenden Kirche verdingen? Kann man Inder und Afrikaner als letzte Rettung der Gemeindekirche verwenden? Auch hier geht es, geheim oder nicht – um dasselbe Kirchenbild.

Das gilt auch noch dann, wenn man die Frage der Amazonassynode auf „viri probati“ reduziert. Denn es ist leicht zu übersehen: die Wirklichkeit der Kirchen in Lateinamerika, in Asien und Afrika ist geprägt durch pastorale Entwicklungsprozesse,  die die Mündigkeit und Leitung durch Teams gemeinsam verantwortlicher Christen ermöglichten, und dort eine Kultur des Kircheseins ausgebildet haben, die von dem gemeinsamen Engagement der Christen vor Ort lebt. Es gilt eben: wo eine solche Kultur einer Kirche der Teilhabe entfaltet wird, dort lebt Kirche nicht da, wo ein Priester ist, sondern wo Menschen aus der Kraft des Glaubens Kirche gestalten. Und wo diese Kultur seit Jahrzehnten eingeübt wird, wird die Frage nach der Weihe anders gestellt als bei uns.

Es schmerzt

Und ja, es schmerzt. Ein doppelter Schmerz. Auf der einen Seite wird deutlich, dass mit hoher Sensibilität ein Film wiedergibt, was Mainstream-Katholizismus heute sieht:  und dann ist alles halbwegs stimmig, und provoziert nicht im mindesten. Der Film „Kirche ohne Priester“ wiederholt dann eine Endlosschleife, die verdächtig eintönig ist. Zustimmung ist gewiß – aber in die Zukunft weist das leider nicht.
Und auf der anderen Schmerzseite: wieso eigentlich gelingt es nicht, in den vergangenen Jahren – den schon begonnenen Zukunftsweg an vielen Orten sichtbar zu machen? Der lange Schatten der Vergangenheit verdunkelt, dass wir als Kirche viel weiter gekommen sind. Und diese Unsichtbarkeit ist es, die eigentlich schmerzt.

 

  1. Leidenschaftlich Kirchesein beginnt mit einer ungeheuren Leidenschaft. Paulus ist der Leidenschaftliche, der sich auf den Weg gemacht hat. Überallhin, durch ganz Europa führt sein Weg: Kleinasien, Athen, Korinth, Rom… mit der Perspektive nach Spanien. Vor allem aber ist er in den Spuren Gottes, in der Spur Jesus. Denn der ist Mensch geworden, hat sich selbst entäußert (Phil 2), hat sich verloren, sein Gottsein, damit er vom Menschen her das Evangelium verkünden kann.

    Und so schreibt er dann ja auch den Korinthern. Er möchte allen alles werden, damit er wenigstens einige gewinnt, rettet, wie er schreibt. Das klingt ein wenig aktivistisch, aber es geht um etwas wesentliches: es geht ihm darum, möglichst allen jene Erfahrung zu ermöglichen, jene Begegnung mit Christus zu ermöglichen, die zugleich immer auch Kirche ist: die Verbundenheit mit Christus nämlich stellt mich in eine Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern. Also: Paulus möchte Menschen gewinnen für die Erfahrung radikalen Geliebtseins, aber eben auch für die Erfahrung, was es denn bedeutet, in diesem Geliebtsein den Nächsten zu entdecken, wie er noch nie entdeckt wurde: als Mit-Geliebten. Paulus drückt diese radikale Wirklichkeit im Galaterbrief aus: Es gibt nicht mehr Griechen, noch Juden, Sklaven und Freie, Mann und Frau – ihr seid alle einer in Christus Jesus (Gal 3,28). Im Korintherbrief beschreibt er die Erfahrung des Einen Leibes, des Leibes Christi, zu dem jeder gehört – und im Epheserbrief schreibt der Autor davon, dass in dieser Wirklichkeit wir alle „Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen“ (so Eph 4, alte Einheitsübersetzung).

 

Fragen

  1. Wer eine solche Leidenschaft für die Erfahrung unbedingten Geliebtseins sieht, wer ein solches Bild von werdender Kirche vor Augen hat, dem wird manches zur Frage:

    Wir haben verschiedene Sprachspiele, die im Kontext der heutigen Diskussion irritierend sind und die mit dieser Leidenschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Und gleichzeitig besteht Verwechselungsgefahr. Manche sagen, dass die Kirche in Zukunft nicht mehr flächendeckend präsent sein kann. Und andere sprechen von XXL-Pfarreien, die die Menschen von der Kirche entfernen. Ich verstehe diese Rede nicht, denn sie verwechselt die Ebenen. Sie vertauscht die strukturelle Dienstebene mit dem Leben des Leibes. Es geht bei Strukturveränderungen um diese Dienstebene, nicht aber um das Leben der Kirche.

    Ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat, mag das illustrieren. In einer anglikanischen Kirchengemeinde blieben nur noch wenige alte Frauen übrig, und der Pfarrer hat deutlich gemacht, dass hier nicht mehr ein normales und gewohntes Gemeindeleben stattfinden wird. Aber: er ermutigte sie zum Gebet für den Ort, an dem sie lebe, und zur Gemeinschaft. Die Frauen taten das und ihnen fiel auf, dass in ihrem Ort viele junge Familien waren, und viele Eltern berufstätig. Sie fingen an, die Kirche zu einem Ort für Familien zu machen. Und siehe da: bald füllte sich die Kirche mit Menschen, Kindern und Eltern, und es kamen eine Menge neue Ideen von Seiten der Eltern, wie dieser wunderbare Raum zu gestalten wäre. Sie waren nicht Konsumenten, sondern Mitschöpfer dieser neuen „Gemeinde“, die da entstand.

    Das ist spannend: denn hier wurden die Gaben und Charismen geweckt und jenseits einer Versorgungskirche entstand hier, mit Blick auf das, was die Leute vor Ort brauchten, eine sich selbst organisierende Gemeinschaft, die Platz für viele Akteure bot.

    Dasselbe Bild findet sich in Flüchtlingsinitiativen. In Hildesheim ist eine entstanden, in der viele Christen, aber auch viele Flüchtlinge sich mit ihren Ideen einsetzen – und so eine Gemeinschaft entsteht, die wirklich Zeugnis einer Leidenschaft für Menschen ist. Und weitere Beispiele ließen sich leicht nennen: die evangelischen Christen, die in Köln eine Ladenkirche gründen (Motoki-Kollektiv), oder auch die Gemeinde e/motion in Essen, die im Umkreis von Christina Brudereck entstanden ist. Überall dasselbe Bild: Leidenschaft für Menschen wird Kirche. Und das ist ein wichtiger Hinweis: es braucht diese Leidenschaft, damit Neues entsteht; es braucht Leidenschaft der Liebe zu Menschen, damit Kirche wächst. Und klar wird damit auch: diese charismatische Dimension der Kirchwerdung unterscheidet sich von einer rein strukturellen und institutionellen Perspektive.

    Natürlich geht beides zusammen: Man denke nur an die Transformation der Pfarrei St. Ursula in Oberursel, aber auch dort war klar. Eine Restrukturierung greift zu kurz: nur in der Leidenschaft für den Menschen, so wie er ist, mit seinen Bedarfen und Nöten, geschieht neues.

    Damit wird klar: wir müssen noch einmal neu auf das Binom Sammlung und Sendung schauen. Zu oft denken wir daran, dass wir „sammeln“, indem wir Menschen in unsere Gemeinschaften hineinholen wollen: wir wollen sie abholen, und fragen uns, wie wir sie kriegen. Aber auch das ist eine Verwechslung, denn: wir sammeln nicht – es geht nämlich gar nicht zuerst um die Kirche, es geht um den leidenschaftlichen Eifer des Herrn, der sammeln will. Und er tut dies durch Menschen, die an dieser Leidenschaft Anteil nehmen, seine Sendung leben.

  2. Noch einmal: Wir sind nicht Kirche oder eine Institution, die dann noch eine Sendung hat, sondern es gilt: weil wir uns senden lassen, und dort, wo dies geschieht, dort sammelt Gott auch Menschen – das ist die Verheißung, von der Paulus spricht. Dann geht es also darum, sich – wie Bonhoeffer sagt – in den Weg Jesu hineinreißen zu lassen. Er formuliert: „Das ist metanoia, nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sondern sich in den Weg Jesu mithineinreißen lassen, in das messianische Ereignis…“. Ja, denn das befreit von Selbstreferenzialität. Und genau das ist ja das Risiko. Es ist das Risiko, sich selbst bewahren zu wollen. Das drückt sich dann aus in der Frage, welche Angebote wir noch machen können, sich die Frage zu stellen, warum sie nicht kommen oder bleiben. Hier gilt das Evangelium: wer sein Leben retten will, der wird es verlieren.

    Diese „Wende“ fordert auch Bonhoeffer ein: Er spricht davon, dass dass „alles Reden, Beten und Tun“ in der Kirche neugeboren werden muss. Es  geht eben nicht um die Kirche als Ziel, es geht um die Leidenschaft der Sendung, aus der Kirche – in unterschiedlichsten Formen ! – wachsen wird, erfahrbar wird, und so das Reich Gottes als Vorgeschmack erfahrbar.

Leidenschaft überall

  1. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“. Vor der Renovierung des Doms von Hildesheim stand dieses bekannte Gebetswort über dem Bogen, der in den Altarbereich führt. Alle konnten es sehen. In dieser wunderbaren romanischen Kirche wird deutlich, dass die Kirche und die Perspektive ihrer Erneuerung gar nicht das Ziel der Wege Gottes ist. Es geht um viel mehr: es geht um die Erde, die Gesellschaft, den Kosmos. Und das bedeutet ja dann auch, dass der leidenschaftliche Gott überall mit seinem Geist wirkt, Menschen ergreift. Und das ist es, was wir ja auch überall erkennen können: wie Leidenschaft etwa Menschen bewegt hat zur Gründung der Hospizbewegung. Oder ich denke an Uwe Lübbermann. Er ist zum Unternehmer aus Ärger geworden. Aus Ärger über einen Colaproduzenten, der einfach das Rezept der Cola änderte. Lübbermann ärgerte es, dass er als Kunde nicht gefragt worden war – und er gründete ein eigenes Unternehmen, das Cola – „Premium Cola“ – produziert. Aber er macht alles anders. Für ihn sind alle Beteiligten auch Mitwirkende. Und sein Unternehmen ist – so sagt er – keine Organisation, sondern ein Organismus, der aus radikaler Beteiligung aller, vom Kunden bis zum Zulieferer, lebt, und so werden hier alle Entscheidungen des Unternehmens in radikaler Gleichwürdigkeit getroffen, in Gesprächen, im Konsensverfahren. Und das funktioniert – das Unternehmen wächst. Als ich von dieser Erfahrung hörte, habe ich mir gedacht: wahnsinn, was hier geschieht, denn das, was Lübbermann tut, das ist doch das, was wir als „Kirche der Beteiligung“ voranbringen wollen – aber so habe ich es noch nie erlebt, so radikal. Lernen von Lübbermann!

    Und so ähnlich die Ärztin Mechthild Reinhards. Sie gründet eine Klinik – die Systelios-Klinik -, und organisiert sie als Leib selbständiger und sich selbstorganisierender Einheiten, die um ein „Feuer“, eine gemeinsame Sendung kreisen, und die aus dem Vertrauen lebt, dass alle Beteiligten sich von diesem Feuer bewegen lassen.

    Das erinnert mich an Papst Franziskus, der in Evangelii Gaudium davon spricht, dass wir nicht Gott in die Städte bringen müssen, weil er schon da ist. Es gilt ihn zu entdecken. Damit wird aber auch etwas anderes deutlich, was schon im Konzil, in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes formuliert worden ist: Wir selbst, wir Christen, haben zu lernen vom Geist dieser Zeit: „Es ist jedoch Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfaßt, besser verstanden und passender verkündet werden kann.“ (GS 44

  2. Das ist spannend. Wir können das Evangelium heute nur dann richtig verstehen, wenn wir es neu lernen von dem, was der Geist in dieser Welt hervorbringt, wirkt, ins Leben entläßt. Und damit stellt sich eine doppelte Herausforderung: auf der einen Seite geht es darum, sich – wie Paulus und Jesus – zu riskieren, sich zu entleeren von den eigenen Gotteserfahrungen, den eigenen Traditionen, und sich senden zu lassen – aus einer geerdeten leidenschaftlichen Liebe. Und auf der anderen Seite gilt es demütig und selbstbewußt zugelich zu lernen, damit wir heute die Botschaft verkünden können.

    Wem fällt da nicht das berühmte Wort von Klaus Hemmerle ein: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Reden, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe“, so ungefähr sagt er es im Blick auf die Jugend – aber das gilt im Blick auf alle gesellschaftliche Zeitgenossenschaft.

Kirche neu denken

  1. Was folgt daraus? Wenn wir Kirche aus dieser Perspektive neu sehen wollen, wenn es uns vor allem um die Leidenschaft für das Reich geht, und wir demütig lernend das Evangelium neu ins Leben bringen und so wir selbst sind. Dann zeigt sich Kirche neu. Ich bin kein Futurologe, aber ich kann vielleicht den Frühling erkennen, das langsamer Aufbrechen einer neuen Gestalt. Darum geht es nämlich: natürlich können wir auch das Sterben des Herbstes anschauen, und die Trauer und Depression des Winters pflegen, aber eigentlich ist unsere Aufgabe die, der Verheißung des Frühlings zu trauen, einem Gott also, dessen Eigenschaft es ist, immer neu Neues aufbrechen zu lassen.

    Was dürfen wir also sehen? Zum einen wird immer mehr deutlich, dass Kirche dort ist, wo die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird: „wo zwei oder drei in seiner Sendung sich sammeln…“, das ist Kirche, an ungeahnten Orten. Es gibt keinen ort, der sich besser oder schlechter eignet.
    Aber das bedeutet – in unseren Kontexten – auch gleichzeitig, dass Kirche der Zukunft ökumenisch ist. Es geht nicht darum, die eigene Konfession aufzugeben, sondern die Bereicherung und das Zusammengehören in der Sendung zu sehen. Das geschieht in der nächsten Generation gewissermaßen selbstverständlich, und fordert dazu heraus, dieses Gefüge der Konfessionalität neu zu denken. Dazu braucht es keine große Fantasie, es ist schon so. Aber um sich wichtiger ist dann die innere Substanz, die Christusförmigkeit der eigenen Tradition will ans Licht kommen – denn das ist gesucht.
    Und schließlich geht es darum, katholisch zu werden. Die Spannungen und Polarisierungen innerhalbt der eigenen Kirche fordern dazu heraus. Ich habe das von einem Anglikaner gelernt, der mir eine formidable Lektion in Sachen Katholizität gegeben hat. Es war in London. Ich wollte die Alphakurs-Gemeinde, Holy Trinity Brompton besuchen. Aber vorher ging ich in die Messe – nebenan ist das Brompton oratory, in dem John Henry Newman wirkte. Wie gut, dass sie nebeneinander liegen, dachte ich. Doch dann war ich irritiert. Die Messe, wie sie dort gefeiert wurde, kannte ich nicht. Was war da los? Ich erfuhr, dass es eine tridentinische Messe war. Schon begann ich mich ein wenig zu ärgern, aber gut. Ich ging dann zum worship-Gottesdienst der anglikanischen Gemeinde. Am Ende fragte ich Nick Gumble, den Pastor der Anglikaner dort: „Wie siehst du denn deine Nachbarn hinter dem Zaun?“ Er lächelte mich groß an: „We love them!“, antwortete er. „Wie denn das, die sind doch völlig anders als ihr?“, entfuhr es mir verwirrt. „Ja, sagte er, aber jeder von uns macht seinen Teil. Wir gehören alle zum Leib Christi… Und wenn unsere Kirche zu klein ist, dann leihen die uns ihre – nice guys“. Ich war geplättet – aber: so ist es. Und wir werden in Zukunft von dieser Wirklichkeit der Vielfalt her die Einheit des einen Leibes neu sehen lernen.

Hausaufgaben

  1. Es bleibt noch eine offene Frage: Am Anfang meines Nachdenkens sprachen wir davon, dass die strukturelle und institutionelle Komponente eine neue Bedeutung bekommen muss. Welche Rolle spielen sie in einem Setting wie diesem? Welche Rolle spielen Bischöfe, Generalvikariate, Priester und Hauptberufliche? Der Papst, wieder in Evangelii Gaudium, formuliert deutlich: „Die Laien sind schlicht die rieseige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit – die geweihten Amtsträger“ (EG 102). Eigentlich ist also alles ganz einfach: es geht um einen Dienst, um den sakramentalen Dienst. Er besteht darin, dass Christus, dass sein Geist ins Spiel kommen kann und die Getauften nährt. Denn das bleibt entscheidend: dass Christus die Menschen erfüllen kann, dass sie wachsen können in seiner Gegenwart, nachfolgen können, dass das Wort sie nährt, Christus sie verwandeln kann, und dann sie sehen lernen, wie Gott heute in seiner Herrlichkeit da ist, wie das Tagesgebet am 2. Fastensonntag formuliert. Das ist wirklich eine Leitungsaufgabe, die orientiert auf Christus hin, und ermöglicht, dass alle in gleicher Würde die Zukufnt gestalten.
  2. Die Felder sind reif zur Ernte, sagt Jesus den verdutzten Jüngern nach der Begegnung mit der Samaritanerin. Es geht auch und wesentlich darum, dass die, die in der Kirche Verantwortung tragen, selbst genährt werden, und so die Frühlingssicht des Aufbruchs tragen. Und dass wir wissen um die Paschdimension der Kirche: dass nämlich dieser Frühling dort anbricht, wo etwas stirbt. Und schließlich geht es darum, dass alle in die Leidenschaft der Sendung hineingenommen werden.

 

 

 

 

Ich kenne WillowCreek seit 2002. Damals und dort in Oberhausen durfte ich zum ersten Mal staunen: über die Professionalität und geistliche Tiefe, über die Themen, über das gemeinsame Anliegen – und schon damals: über die gemeinsame Christlichkeit. Immerhin sind dort Vertreter so vieler Freikirchen, der Landeskirchen und – ja – auch einige der katholischen Kirche.

Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst eingeladen würde, bei einem solchen Kongress zu sprechen. Aber nun bin ich beschenkt und eingeladen – über die Zukunft der Kirche soll ich sprechen. Und ich genieße diesen Kongress.

Im vergangenen Jahrzehnt war ich seltener bei diesen Treffen, und es hat sich einiges weiter entwickelt. Ich empfinde ein echtes Bemühen, eine Plattform für Leitende aus allen Konfessionen und Denominationen zu werden. Diese weite Ökumene ist beeindruckend. Beeindruckend ist der Versuch, eine große Breite an Referentinnen ins Spiel zu bringen – aus verschiedenen Bereichen.

Und dann: die Zukunft der Kirche – darüber zu erzählen, das war der Auftrag an mich. Aber eigentlich erzählte ich diese Zukunft im Angesicht der Zukunft. Denn alle sieben Aspekte meines kleinen Impulses sind wie im Spiegel beim Kongress in Dortmund zu finden.

  1. Sehen lernen

Denn genau darum geht es, wenn ich über die Zukunft der Kirche erzähle. Ich erzähle einen Traum, eine Vision nicht etwa, weil ich über besondere Gaben verfügen würde, die Zukunft vorherzusehen – es ist anders: man kann sie hervorsehen, wenn ich mich einlasse auf die Wirklichkeit Gottes im heute. „Schaut nicht mehr auf das, was längst vergangen ist, auf das, was früher war, sollt ihr nicht achten… Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf, merkt ihr es nicht.

Das ist eine Herausforderung. Weil wir alle geprägt sind, mit Mustern wahrnehmen, und eine Vorliebe für die Vergangenheit haben. So wird dann aus unserem Hinschauen immer ein wertender Vergleich: weil die Wirklichkeit nicht mehr passt mit der Vergangenheit. Und auch nie mehr so wird. Und umgekehrt gilt: wenn ich mit den Augen des Liebenden schaue, mit Augen, die sich erfüllen lassen von dem, was mir begegnet, dann begegne ich manchem Fremden, manchem Neuen – aber ich begegne auch jenem Gott, der auch heute, wie zu allen Zeiten, mit seinem Geist Menschen erfüllt und Neues schafft.

  1. Kirche neu entdecken

Meine Erfahrung mit der Kirche ist ganz einfach. Es geht nicht um Institution, es geht nicht um Struktur, es geht nicht um Konfession, es geht um Christus, der Menschen verbindet. Es geht um eine Gegenwart, die erfahrbar und spürbar uns mit einer Kraft, mit einer Liebe zusammenbringt, die Gott selbst ist, und uns mit seinem leidenschaftlichen Geist verknüpft. Deswegen fällt es auch so einfach, auf diesen Kongressen zu sein: denn hier ist eben dieser Christus, der mitten unter den Seinen ist. Der Christus von Emmaus, der Christus, der sendet, der Christus, der eint. Und das merke ich, als Jörg Ahlbrecht mit mir betet, bevor ich rede, das merke ich in den verschiedenen Begegnungen mit Technikern und Engagierten. Danke für diese lebendige Erfahrung des Glaubens.

  1. Christ werden mit Leidenschaft

Zukunft der Kirche lebt aus der Leidenschaft, aus der leidenschaftlichen Liebe Gottes, die uns zu leidenschaftlich Liebenden verwandelt. Aber nicht als Endprodukt, sondern als Weggestalt. Ja, denn es nicht selbstverständlich, Christ zu sein – selbstverständlich ist nur das Christwerden. Und dann gibt es hier keine „Normen“, sondern Wachstumshorizonte. Das scheint mir wichtig. Es ist heute einfach so, dass Menschen anfangen, sich auf Christus einzulassen. Und der Weg zur Mündigkeit will begleitet werden.

Und genau darin besteht ja die Idee des Kongresses: es geht darum Menschen entdecken zu lassen, welche Gaben sie haben, wie sie weiterwachsen können im Glauben und damit auch in ihren Gaben, in ihrer Einzigartigkeit zum Nutzen aller. Denn das ist allüberall zu beobachten: Menschen, die sich einbringen, Menschen, die Hunger nach mehr haben – auf ihrem Weg.

  1. Von der Sammlung zur Sendung

Immer denken wir schnell: Kirche ist eine Sammlungsbewegung – aber wir deuten es einseitig: wir sammeln ein. Wir laden ein – aber oft kommen die Leute nicht. Ich glaube, wir haben uns vertan: ist es nicht Gott, der sammelt? Er sucht uns, lässt sich ein auf die Menschen aller Zeiten und fügt sie zusammen. Und deswegen: Er sammelt, wenn wir uns senden lassen von ihm, wenn wir uns einlassen auf die Kulturen und Sprachen unserer Zeit. Das englische Reden von der „mission shaped church“ hat mich immer bewegt: nicht eine Kirche hat eine Aufgabe, sondern die Sendung, die Leidenschaft für die Menschen führt dazu, dass Gott Menschen sammelt…

Und ja, Sammlung zur Kirche ist immer eine Überraschung. Und es berührt sehr, wenn beim Kongress von dem „Global leadership summit“ erzählt wird: von der immer größer werdenden Bewegung von Christen und nicht nur, die sich sammeln, weil die Leidenschaft von Christen sie berührt.

  1. Von der Konfession zum Ursprung

Nein, ich mag Kirche nicht mehr konfessionell denken. Kirche der Zukunft wird wesentlich ökumenisch sein. Das kann man sehen, überall. Und das ist gut so. Aber nein, damit leiten wir nicht den Untergang des katholischen Abendlandes ein, und auch nicht das Dahinschwinden so wertvoller Traditionen, die ich liebe. Aber die Konfessionen verlieren ihre trennende Bedeutung, und gewinnen ihre Bedeutung als Gemeinschaften, die Traditionen neu ins Licht rücken. Denn ja, es geht immer um den Ursprung, es geht immer um die Begegnung mit Christus, aber diese Begegnung wird Gegenwart nie in abstrakter Weise, sondern im Kontext von Traditionen und Gemeinschaft. Also werden diese Traditionen neu wichtig, sie muss man neu in die Gegenwart bringen und sie zum Ausdruck des Lebens zu machen, durch das Christus scheint. Es geht nicht darum, alles gleich zu machen und zu nivellieren, sondern als vielfältiges Geschenk an den je Anderen zu profilieren.

Insofern ist der Willowkongress eine Zukunftsansage: Christen aller Konfessionen und Denominationen lernen zusammen, mit Respekt. Nicht allen fällt das einfach: darf man Katholiken trauen – darf man? Muss man polarisierend dem Anderen den wahren Glauben, die rechte Gesinnung absprechen, sogar innerhalb seiner eigenen Konfession? Ich habe es bei Willow nie erlebt, und der Respekt vor dem Weg des Anderen verbindet ja zum gemeinsamen Handeln.

  1. Wandlung und Ostergeheimnis

Sich wandeln, Wandlung gehört zum Wesenszug des Christseins. Umkehr ist tiefgreifende und nicht nur äußerliche Erneuerung. Und deswegen sind wir Menschen der Wandlung, nicht nur im Gottesdienst. Es dürfte uns nicht verwundern, dass sich etwas verändert. Ja, und auch nicht, dass es stirbt. Denn die Wandlung, die wir leben, ist eingetaucht in das Geheimnis von Tod und Auferstehung. Und deswegen braucht es die Gelassenheit und Freiheit, Dinge sterben zu lassen, weil genau da das neue Leben beginnt.

Auch das gibt es ja in Willow, auch das zeigt sich mir immer wieder: in der Achtsamkeit auf die Wirklichkeit, in der Achtsamkeit auf das, was geht, und das, was misslingt, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern den neuen Weg zu finden, der sich zeigt. Ich habe es erlebt!

  1. Vom Dienen

Kirche steht auf dem Kopf, sie lebt von der Erfahrung der Umkehr, des Wandels – und in diesen Wandel sind auch die einbezogen, die die Kirche leiten. Das gehört zusammen: Leitung und Dienst. Und wenn es Professionalität gibt, die Hierarchie erzeugt, wenn es Positionen gibt, die zu einem oben-unten führen, wenn es Versorgung gibt, die andere nicht mit einbezieht, dann wird die Kirche keine Zukunft haben – denn das Hauptwort für die, die Leitungsverantwortung haben, das ist Dienst: ein Dienst er Ermöglichung und Befähigung für das bunte Volk Gottes, mit seinen Gaben und Talenten.  Hierarchie meint nie oben und unten, sondern Dienst am Ursprung, an der Vergegenwärtigung des Geistes, der in allen wirken will. Das ist die eigentliche kritische Stelle der Kirche: wir sinds, die Verantwortlichen, denn durch uns kann die Erneuerung gestärkt werden – oder eben auch verhindert. Wenn Kontrolle über Vertrauen siegt, Herrschaft über Gleichwürdigkeit, dann kann sie nicht gelingen.

So entsteht eine Kirche auf dem Kopf… eine Kirche, in der es darum geht, dass alle ihre Gaben selbstbewußt einbringen, damit Christus erfahrbar werden kann in dieser Welt. Eine „Blumentopf-church“ (John Finney) und keine Hierarchiepyramide. Ein Traum von Kirche, in dem alles dazu dient, dass die Blumen des Evangeliums blühen…

Wie bei Willow in Dortmund…

 

 

 

 


Über das Phänomen der Kirchenerneuerung

Es ist spannend, die neuen Thesen zu lesen. Das Jahr 2018 scheint vielen ereignet, auf die notwendigste Reform der Kirche abzuzielen. Die Thesen – ob nun die von  „Christ in der Gegenwart“ oder von Eric Flügge oder auch das im Kontext der Mehr-Konferenz veröffentlichte Mission Manifest – sind ja alle interessant zu lesen. Sie wollen mehr oder weniger Wege in die Zukunft eröffnen, leben aber alle auch von einer bestimmten Fähigkeit zur Nichtwahrnehmung. Und vielleicht ist das in Zeiten einer postmodernen Milieuperspektive sogar konstitutiv.

  1. Denn ich frage mich etwa, ob die Initiatoren des Mission-Manifest die Entwicklungen hin zu einer missionarischen Kirche und ihrer Initiativen, wie sie seit dem Beginn des Jahrtausends in ökumenischer Verschiedenheit und Verbundenheit stattfinden, überhaupt wahrnehmen konnten? Die intensiven Versuche einer Adaption der „fresh expressions of church“ Initiativen, die ökumenische Bewegung „Kirche2“ oder die vielfachen Experimente mit Gemeindegründungen und evangelisierenden Initiativen sind sie einfach unsichtbar? Man denke dabei auch an die Kongresse der Willow Creek Association, wie demnächst in Dortmund, die einen hohen Einfluss auf viele Verantwortliche habe. Und wieso ist wohl unbekannt, was die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste seit Jahren voranbringt?

    Das wird bestimmt kein böser Wille sein. Ich kann mir das nur so erklären: es gibt eine etwas reduzierte Wahrnehmung der katholischen wie der evangelischen Kirche, weil möglicherweise etwa das charismatisch-katholische Milieu des Gebetshauses unterschiedliche andere Strömungen nie wahrgenommen hat, und deswegen immer noch denken kann, die Institution der Kirche säße in ihren Vikariatsbunkern und dreht sich um sich selbst. Während die ekklesiale Apokalypse naht. So nett dieses Bild ist, so ungerecht und sogar falsch ist es.

    Es wäre heute der Moment, wahrzunehmen, dass es nicht nur den einen Weg gibt, dass katholisch wie evangelisch der Geist vielsprachig weht – und wir nicht weiterkommen, wenn wir Bilder voranbringen, die im „gut-schlecht“ oder „alt-neu“ Muster beschrieben werden können. Und es ist der Moment, katholischer zu werden: die Vielfalt und den Reichtum des Ganzen wahrzunehmen, seinen eigenen Beitrag zum Nutzen aller einzuspielen, Leib Christi zu sein.

  2. Wer die Thesen des Redaktionsteams von Christ in der Gegenwart liest und meditiert, dem wird die innere Schlüssigkeit der Thesen für das Milieu, für das sie geschrieben sind, auffallen. Ganz deutlich setzen diese Thesen einen vergangenen Normalzustand christlicher Existenz in Kirche, Gesellschaft und Gemeinde voraus, der aber unwiderruflich in einem tiefen Transformationsprozess steht – von der Moderne zur Postmoderne. Aber – mir will scheinen, dass hier noch ein wenig zu sehr die „Kirche“ der Ausgangspunkt alles Denkens ist: Und „Kirche“ ist hier nicht ganz präzise, sondern changiert zwischen den institutionellen und amtlichen Kulturen und den „Gemeinden“ in ihrer klassischen Gestalt – und im Gesamtgefüge kirchlichen Lebens in Deutschland, dass sich allerdings in den nächsten Jahren radikal transformieren wird.
    Spektakulär ist dabei schon der zweite Satz der Thesen: „Von den Worten der Kirche werden immer weniger Menschen angesprochen. Somit ist weniger Gott in der Welt.“ Das ist steil – und wird so nicht stimmen, es sei denn, Gott wäre in kirchliche Sprachgewohnheiten einsperrbar. Dabei stimme ich solchen und ähnlichen Thesen durchaus zu, wenn es um die Frage geht, wie wir den Glauben heute sagen können. Dennoch bleibt ein Unbehagen: gerade in den letzten Jahren wird deutlich, dass es nicht die „eine“ Sprache des Glaubens gibt. Schon gar nicht geht es darum, andere Worte hoffähig zu machen. Es geht, und das wird in den Thesen auch angedeutet, um tiefgreifenderes. Es geht um eine mystische Wende, eine Neuaneignung der Tradition, um einen neuen Zugang zum lebendigen Wort Gottes – die aber weit über die in diesen Thesen intendierten Versuche hinausgehen: es geht nicht um ein immer mühsameres Mehr an intellektueller Glaubensarbeit, wie etwa in These 2 gefordert: „Gleichzeitig müssen die Glaubenden bereit sein, sich auf mühsame Textarbeit einzulassen…“. Zuerst geht es um etwas anderes. Es geht um die Begegnung mit dem leidenschaftlich liebenden Gott, der nicht mühsam gesucht werden muss, weil er es ist, der den Menschen mühsam gesucht und gefunden und erlöst hat. Die Mühsamkeitenlehre überzeugt mich nicht, weil sie im Bewußtseinsparadigma hängen bleibt. Dann wird es darum gehen, Theologie und Inhalte des Glaubens neu aus der Erfahrung der Gegenwart Gottes zu beschreiben.

    Keine Frage, wir sind als Kirchen massiv selbstreferenziell. Die These über Glaubensverkündigung, kontextueller Liturgien, über Ökumene und auch Partizipation, die doch nun wirklich nicht alleine um das Amt kreisen sollten, thematisieren diese Thesen allerdings auch, ohne wahrzunehmen, dass es hier – an anderen Orten und auch in Gemeinden – schon eine Fülle von Beispielen gibt, und eine intensive Aufbruchsbewegung. Auch hier also ein Defizitblick. So sehr dies alles stimmt, so sehr ist sie von Erfahrungen geprägt, die viele andere Perspektiven ausblenden. Schade.

  3. Und Eric Flügge? Ich glaube, er hat recht, wenn er die letzten Jahrzehnte analysiert: Das Ergebnis ist eine pastorale Depression, die von Generation zu Generation vererbt wird. Man kann eh nichts machen, die Leute bleiben sowieso fort. Wenn man so denkt, dann stimmt das sogar. Die Leute bleiben fort. Nicht automatisch, sondern weil der innerkirchliche Dauerfrust sie treibt.“ Kirchliche Dauerapokalyptik ist auch mir zuwider und ein Zeichen des Unglaubens, noch mehr: ein Mangel an Wandlungslust, weil man denkt, nur eine bestimmte historische Epoche (die goldene Vergangenheit) sei „richtig“: volle Kirchen, christliche Werte, Einfluss auf die Politik, Weitergabe des Glaubens etc.

    Reizthema sind hier die Kirchen, die Immobilien, die in der Tat häufig – in vielen Diözesen – nicht mehr von Seiten der Bistümer erhalten werden können. Ich bin mit Flügge der Meinung, dass die charismatische Dimension kirchlichen Lebens gestärkt werden muss. Gründerinitiativen, Initiativen, die auf die Nöte der Gesellschaft hineinwirken, die Bildung ermöglichen und Gleichwürdigkeit hervorbringen, sind nachhaltiger zu fördern. Mir gefällt, dass er Kirche von der Erfahrung energiereicher sich bildender Gemeinschaften sieht. Und dann würde es ja nicht einfach darum gehen, dass die Kirche Kirchen oder Schulen schließt, sondern sich im Vertrauen auf die vielen Gaben und Kompetenzen aller Christgläubigen auf neue Wege einläßt (Man denke hier an die Hamburger Schulen… und die Initiativen, die dann aus der Leidenschaft der Betroffenen wachsen, wenn man sie einbezieht).

    Aber stimmt das wirklich? Dass wir als Kirche immer bürokratischer werden? Dass wir zu viele depressive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben? Dass wir einfach mal Kirchen abreißen können? Da habe ich Zweifel. Worum es gehen muss: um die „Bekehrung“ zu einer Kirchenerfahrung, die aus den Energien der Getauften lebt und jede institutionelle Rolle auf einen Dienst am Werden der Erneuerung umschreibt. In diesem spannenden und schmerzhaften und unsicheren Prozess sind wir alle.

Es ist deshalb schwierig. Denn alle Beteiligten beobachten nicht diesen Wandel, sondern sind selbst in ihm. Es braucht Vertrauen, und es braucht die Bereitschaft, alte Kategorien zu lassen. Was ist schon konservativ, was ist liberal, wenn wir uns gegenseitig unterstützen auf unserem Weg, und einander unseren Glauben glauben? Innerkatholisch wie ökumenisch! In allen Thesen sind auch diese Vermutungen enthalten. Das ist schön. Aufbruch gelingt aber nur katholisch – mit allen diesen facettenreichen Überlegungen.