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Am Freitagabend endet der eigentliche Kongress. Für Samstag werde ich schon wieder starten, wenn in den Pfarreien noch ein kleines Exposure ansteht, und am Nachmittag die Abschlussmesse gefeiert wird. Da werde ich schon via Lima wieder nach Hannover zurückkehren.

Aber um 19h am Freitag ist die Messe in der Pfarrei. Eine Messe, die ich nicht vergessen werde… Schon zwei Tage vorher waren wir abends bei der Messe dabei. Der Pfarrer stand ihr vor, etwa 50 Kongressteilnehmende waren dabei – und mit einer kleinen Band, kleinen Vorstellungen und einem anschließenden Abendessen feierten wir ganz friedlich und normal…. So etwas erwartete ich auch heute.

Padre Nacho…

… ist aus Uruguay, mit einem feinen spanischen Dialekt. Kaum zu verstehen. „Willst du vorstehen?“ fragt er mich. Nein, sage ich – und das ist nicht nur wegen des Spanisch gut so. Denn er hat vom Pfarrer, der wahrscheinlich nichts von dem erahnt, was gleich passiert, den Auftrag bekommen, vorzustehen.

Es fängt schon zu Beginn an. Nach dem ersten Song der kleinen Band, hebt Nacho so an: „Wir haben bei diesem Kongress nicht umsonst von einer anderen Kirche gesprochen. Können wir nicht mehr miteinander um den Altar die Messe feiern, nicht wir hier vorne, und ihr auf den Stühlen. Ich lade alle ein, mit ihren Stühlen um den Altar zu kommen…“ Ein ungläubiges Aufblicken…, aber dann ruckt und ruckelt es. Alle setzen sich näher heran. Wir stellen auch äußerlich die „um den Altar Versammelten dar“. Und es geht weiter. „Wir erfahren Vergebung durch Gott, er erbarmt sich unser, er versöhnt uns – aber wir erfahren das durch den Nächsten. Und so lade ich euch, einander eine Umarmung der Versöhnung zu schenken“ „…“. Nach dem Loblied und dem Tagesgebet, das Nacho frei formuliert, setzen wir uns, um die Lesung und das Evangelium zu hören. „Halt“, sagt Nacho, „auch die Priester, Diakone und Minis sollen doch das Wort Gottes mit allen hören. Wir sind doch alle das Volk Gottes“ Und alle – einige etwas ungläubig – setzen sich zu den anderen. Wir hören die Lesung, singen das Halleluja, hören das Evangelium, um dann die Predigt zu erwarten.

Einmal im Jahr…

Hier lässt Nacho eine junge Frau erzählen. Sie ist Ordensschwester, stammt aus einem kleinen Dorf am Titicacasee. „Ich habe bis zu meinem 20.Lebensjahr nie eine Eucharistiefeier erlebt. In meinem kleinen Dorf war nie Messe – einmal im Jahr, zu Fronleichnam, gab es in einem 3 Stunden entfernten Dorf eine Messe, aber da bin ich nie hingekommen… Erst in meiner Ausbildung kam ich in die Stadt, und damit in Berührung mit der Eucharistiefeier… Sie ist mir wichtig geworden“. Das Zeugnis berührt mich sehr, auch weil ich darüber nachdenke, wie leichtfertig wir vom Priestermangel in Deutschland sprechen. Aber auch darüber denke ich nach, wie wohl das christliche Leben sich in diesem kleinen Dorf entfaltet hat….

„Und du, Christian“, fährt Nacho fort, „was habt ihr denn abends um diese Zeit zu Hause gemacht, als du ein kleiner Junge warst?“. Ich glaub, ich hör nicht recht, aber… ich bin gemeint. Und so stottere ich in meinem italo-spanisch: „Wir haben abends immer zu Hause miteinander gegessen, daran erinnere ich mich. Wir waren um den Tisch versammelt, alle…“

Essen ist eucharistisch

Nach den freien Fürbitten führt Nacho in das Hochgebet und die Eucharistiefeier ein: „Jedes Essen ist ein Hinweis auf die Eucharistie. Es ist immer mehr als Essen und Trinken. Es verweist immer auf das große Geschenk der Nähe Gottes, Hinweis und Vorgeschmack der Begegnung mit Gott – jedes Essen ist eucharistisch. Deswegen bitte ich all die, die heute mittag gekocht haben, hier zum Altar zu kommen zum Hochgebet…“ Zögernd kommen drei Frauen nach vorne, während wir Konzelebranten stehen bleiben an unseren Plätzen. Das Hochgebet beginnt, und dann lädt Nacho ein: „Ihr wisst ja, als Papst Franziskus zum ersten Mal auf der Loggia kam, um sich vorzustellen, da bat er das Volk Gottes, für ihn zu beten, damit er es segnen könnte. Will sagen, der Geist Gottes ist in jedem Christen. Und so können wir das Hochgebet auch mitbeten. Legt bitte eure linke Hand auf euer Herz, denn da ist ja der Heilige Geist zu Hause, und mit der rechten segnet mit mir die Gaben, über die ich das Hochgebet spreche…“

So feiern wir weiter, und die Atmosphäre wird immer feierlicher, und die Teilhabe aller wird immer tiefer und froher. Bis zum Schluss. „Ich habe den Pfarrer gebeten, zum Abschluss zu segnen. Aber ihr wisst ja, die alten Menschen haben am meisten Weisheit, und ihr Segen ist Lebenserfahrung. Ich bitte euch Alte, nach vorne zu kommen. Und jeder und jede kann sich dann von euch einzeln segnen lassen…“ So geschieht es – und es ist schon wunderschön, sich von meiner Gastgeberin Carmen segnen zu lassen. Mit viel Freude und Gesängen geht die Messe zuende… Nein, denn noch nicht ganz. Es ist ja der letzte Abend. Und viele danken ihren Gasteltern, die so viel Gastfreundschaft geschenkt haben. Und natürlich mit vielen Fotos, auch die Ministranten tauchen wieder irritiert auf J

Ich bin sehr berührt und beeindruckt. Denn die Messe, die ich hier – in diesem doch oft streng rituellen Kontext erlebt habe – gibt mir Fantasie für ein lebensrelevante Eucharistie. Nicht alles scheint mir schon ausgereift, aber – und das ist doch das Entscheidende – die Frage der Zukunft wird sein, wie Eucharistie und Lebensvollzug der Gemeinschaft zusammenfinden, zusammenklingen und Ausdruck der unglaublichen Liebe Gottes für die Welt sein können – und nicht nur eine gut festgelegte sakramentale Liturgie, die natürlich immer der Kern des Feierns ist. Danke, Nacho!

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Etwas zu spät kommen wir in die Aula, und doch sind wir nicht die einzigen, die in die riesige Aula so spät noch hereinströmen. Die Halle ist voll – vielleicht 3000, vielleicht auch mehr Personen aus allen Ländern Lateinamerikas, mit ihren Landesflaggen. Und die Stimmung fängt an zu kochen, aus voller Kehle singen alle „America en mision…“ Und der Animator der Band wiederholt dieses Mantra: „America en mision“, worauf alle rufen: „El evangelio es alegria“.

Jeder Morgen beginnt mit einer Wortliturgie, die fein und sinnenhaft gestaltet ist: mit einer riesigen Bibel ziehen am ersten Morgen die Repräsentanten der Nationen und Vorsteher der Liturgie ein, wie hören das Wort Gottes. Wir beten und singen. In den nächsten Tagen wird das Missionskreuz – angelehnt an das Sternbild „Kreuz des Südens“, das im übrigen, in Anlehnung an alle Inkatraditionen hier auch das Bühnenbild beherrscht – zur Mitte der Liturgie, und am Freitag, sehr eindrücklich, wird auf die Heiligen der Welt Bezug genommen, die wie eine „Wolke der Zeugen“ um den Innenraum der Halle ziehen.

Gut durchdacht, ein echter Glaubensweg, der hier ganzheitlich gefeiert wird. Mich beeindruckt dieser Weg, den wir gehen, vom Hören des Wortes zum Leben des Glaubens, dessen Mitte das Geheimnis von Tod und Auferstehung ist.

Aber dennoch bleiben viele Fragen. Was bedeutet bei diesem Kongress eigentlich die Zentralbegriffe?

Alegria

Die Freude – nur eine Emotion? Wer Lateinamerikaner*innen kennt, der kennt ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Freude, ihre Emotionen. Aber hier geht es, so verstehe ich es, um mehr. Der Titel greift ja das Schreiben von Papst Franziskus auf, eigentlich alle Schreiben, denn sie orientieren sich immer an der Freude. Nun ist keine Freude gemeint, die einfach nur überschäumt, sondern ein Umkehrweg, ein neues befreiendes Denken, das aus der Begegnung mit Christus erwächst: die Erfahrung eines befreienden Geliebtseins. Und na klar: das führt zum Überschäumen, aber es ist deutlich mehr gemeint als eine Emotion, die eben der Ausdruck einer inneren Erfahrung ist. Und eigentlich beginnt hier der Paradigmenwechsel – in der Theologie des Glaubens. Es reicht – auch in Lateinamerika – nicht mehr der klassische Zusammenhang zwischen gewachsenen und ererbten Katholischsein und kirchlichen Rahmen. Wie in Europa geht es um die Frage, wie Menschen überhaupt Christen werden, und klar ist: das findet dort seine Mitte, wo Menschen Christus so begegnen, dass ihr Leben in die frohe Freiheit gewandelt wird. Mit anderen Worten: diese Freiheit drückt sich in Freude aus – und in der Tat: das merkt man hier.

Mision

Mission – das ist der Aufbruchsbegriff schlechthin. Aber er ist auch denkbar unklar. Spannend ist in Südamerika, dass er völlig klar und unbelastet zu sein scheint – mindestens in dieser Runde der Abgesandten aus vielen Ländern. Es ist hier klar: es geht darum, neu auf die Menschen zuzugehen, das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft von der Freiheit allen zugänglich zu machen, „hinauszugehen“, die Peripherien anzusteuern, wie Papst Franziskus sagt. Auch hier ist natürlich nicht ganz klar, wie dies geschehen soll – aber die Dynamik treibt aus einer Kirchenerfahrung heraus, die auch hier in Lateinamerika deutlich an ihr Ende kommt. Es ist verwunderlich, oder auch nicht: dasselbe zentralisierende Kirchenmodell, das von einer einzigen Sozialform ausgeht, die für alle gemeinschaftsstiftend sein soll, existiert nur noch in Köpfen als Rauschen der Vergangenheit. Gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass es sehr lebendige „Gemeinden“ gibt; gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Form nur einen kleinen Teil von Katholiken verbindet, maximal 10-15% in konkrete Gemeinschaftsformen einbindet – vor allem in Städten. Da aber die Städte hier beständig wachsen und explodieren, wird hier eine „pastoral urbana“ notwendig: wahrnehmen und antworten auf die Resonanzen der Menschen. Segen, Totengedenken, neue Formen der Nachbarschaftsgemeinden – vor allem aber: Beziehungsorientierung – und hier, im Leben der Menschen, das Evangelium gemeinsam neu entdecken. Oder doch nicht? Offensichtlich geht es um verschiedene Ansätze der Evangelisierung, aber immer steht in der Mitte das eigene Zeugnis von Leben und Freude. Das vor allem meint Mision, der Rest ist sehr unterschiedlich

Resonanzen

Erstaunlich ist vor allem eines während der drei Tage des Kongresses: jeden Morgen gibt es zwei Vorträge von mindestens einer Stunde, meist länger. Und alle sind hochkonzentriert, was man immer dann merkt, wenn die „wunden Punkte“ der Kirche angesprochen werden. Die Vorträge sind fundamentale theologische Katechesen, sehr umfangreich, ohne sehr in die Tiefe zu gehen. Und doch reagiert der Saal vor allem auf zwei Themen.

Im Vorfeld gab es ein „Instrumentum Laboris“: dort war am Ende intensiv über einen neuen Dienst nur für Frauen nachgedacht worden, der den verschwurbelten Titel Gynaikolatho trägt, eine Zusammenführung der griechischen Wörter für „Frau“ und „Akolyth“. Nun ja, die Aufgaben dieses neuen Dienstes sind die eines Diakons, ohne dass hier ein Zugang zu einer hierarchischen Stufe benannt würde: es ist ein Dienst im Volk Gottes. Wer immer die Frage der Rolle der Frau in der Kirche, die männliche wenn nicht oft machistische Herrschaftsstrukturen hat, andeutete, wurde frenetisch bejubelt. Auch ein zweites Thema fand dieselbe Resonanz. Mehrere Redner plädierten für eine nichtklerikale Kirche – sofort brandete der Applaus auf, ohne das klarer würde, wie eine solche Kirche aussieht.

Identität

Und ja: am spannendsten aber auch am herausforderndsten war ein Beitrag, der sehr fulminant ansetzte: bei Jesus, dem am Rand stehenden, der alle Denkgewohnheiten durchbricht. Wir folgen jemandem nach, der das klassischen Gottesbild und das klassische Familienbild aufbrach, und sich aus dem Zentrum an die Peripherie versetzte. Dieses Aufbrechen Jesu, in dessen Nachfolge wir stehen, das fordert aber auch zu einer anderen Mission heraus, zu einer radikalen Infragestellung bisheriger Gewohnheiten – es öffnet den Raum für eine postmoderne Anschlussfähigkeit. So schien es mir. Jesus, so die Kernthese, hat eine neue Identität geschaffen, und genau darum geht es ihm – müßte es uns als Kirche nicht neu zu unserer Identität führen?

Die Verheißungen der Amazonassynode

Wir kennen unseren Papst, wir Deutschen. Er hat die deutschen Bischöfe daran erinnert, dass in einer postmodernen Weltkirche nicht alle Lösungen gesamtkirchlich zu entwickeln sind, sondern dass es auch hier eine „heilsame Dezentralisierung“ geben muss, mit dem Mut von Bischöfen, angemessene Lösungen vor Ort zu finden, zu entscheiden und zu verantworten. Mehr Mut zur Ortskirche…

 

Genau das aber ist auch eine große Hoffnung der kommenden Synode über die Fragen des Amazonas. Spannend ist sie schon von ihrer Zusammensetzung, denn hier kommen Bischöfe aus Peru, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Bolivien und Uruguay zusammen… keine Kontinentalsynode, keine Bischofskonferenz, sondern Betroffene. Ein Bischof aus Venezuela sprach in meiner Arbeitsgruppe von der Hoffnung auf eine nichtklerikale Kirche…. ohne das näher zu beschreiben. Aber mir scheint, nach diesen verstreuten Hinweisen, dass hier etwas möglich wäre, dass das Paradigma bisherigen Kirchenverständnis sprengen könnte. Warum eigentlich muss man immer um das Binom „Kleriker-Laien“ herum diskutieren. Das ist doch ein altes Paradigma – vielleicht veraltet. Es ist einfach Unsinn, nach einer stärkeren Beteiligung und Partizipation der Laien in der Kirche zu fragen, denn dann hat man in Kopf und Herzen immer noch das Bild einer Kirche, die vor allem klerikal ist. Löst die Rede von der nichtklerikalen Kirche nicht dieses Bild auf? Wäre das nicht der eigentliche Fortschritt.

 

Hier wurde es immer besonders engagiert, in der Arbeitsgruppe, in der ich an den Nachmittagen war: bei der Frage der Dienste für Frauen. Genau hier ist nämlich die Schneise zwischen einem Kirchenbild, dass weithin auf dem Betriebssystem Kleriker-Laien läuft, und damit die Frage der Dienste der Frauen nur in der Alternative Kleriker*innen oder nicht lesen kann. Und in meiner AG waren einige Frauen strikt dagegen, sich in diese machtklerikal-männliche Kirche eingliedern zu lassen. Für andere war es hingegen wichtig, dies als Ausdruck der Gleichwürdigkeit der Kirche zu sehen.

Erneuerung von der Peripherie?

Ich erinnere mich an einen spannenden Tag Kirche2 in Hannover, im Vorfeld des Willowkongresses von 2016. In einem der Workshops vertrat der Vortragende die These, dass Erneuerung oft „vom Rand her“ geschieht, „from the margins“. Immer mehr bin ich davon überzeugt. Nicht aus den Zentren der Aufmerksamkeit, vielleicht noch nicht mal in den Metropolen, sondern im vergessenen Peripheren, weil dort der Geist des „am Rand lebenden“ Christus neues ermöglicht.

Und so wie die Kommunion von Evangelischen in der kirchlichen Peripherie Deutschlands beginnt (jaja – wir sind weltkirchlich Peripherie!) und beginnen muss, so kann vielleicht in der Peripherie des Amazonas ein neues Kirchenverständnis geboren werden, dass das Evangelium und die kirchliche Tradition ganz neu leuchten lässt. Darauf ist zu hoffen, dafür ist zu beten!

Und der katholische Glaube? Wie war das eigentlich mit der Bekehrungsmission der Spanier? Wie kommt es, dass die alten Riten der Aymara und Kechua überlebt haben? Das lässt sich natürlich so ganz kurz nicht klären – mein Kollege Dietmar Müßig hat darüber eine Doktoarbeit geschrieben, die spannend wie ein Krimi ist und extrem aufschlussreich. Echte Mission und Bekehrungen hat es gewiss gegeben, aber, wie in Europa auch, kann nicht einfach die Weisheit und die Religiösität der indigenen Völker weggetauft werden. Es ist ganz anders. Es ist viel subtiler. Denn es gilt ja, dass häufig die Erfahrungen und auch die Rituale der alten Religionen in der Volksfrömmigkeit überlebten, Mischformen eingingen. Dagegen halfen keine Verbrennungsaktionen und Reinigungsversuche der Spanier. Und das wußten sie eigentlich auch.

Zumal sich in den nachfolgenden Jahren immer mehr hybride Theologien zeigten, eben auch in der Kunst, und ganz besonders in der Kunst. Die Jungfrau vom Silberberg ist ein besonderes Kunstwerk, denn sie zeigt Maria als Berg, und wenn man genau interpretiert, wird schnell sichtbar, wie sehr ihr indigenen Religiosität und christliche Überzeugung miteinander gemischt sind. Dieses Bild drückt vieles aus, was auch in ähnlicher Weise bei dem Bild der Jungfrau von Guadalupe zu sehen ist: denn hier konnten die indigenen Völker die christliche Botschaft mit dem eigenen Symbolen und Geschichten verknüpfen und so spontan einen Zugang zum christlichen Geheimnis finden, aus ihrer Kultur heraus. So meine Interpretation. Und das ganze gibt mir weiter zu denken. Denn es ist und bleibt die Grundherausforderung gestern und heute mit „indigenen Kulturen“ (und das können ja auch postmoderne Kulturen sein!), das Evangelium neu zu entdecken. Das muss prinzipiell möglich sein – denn die Inkarnation war und ist immer auch eine Inkulturation, und im Blick auf die Herausforderungen der Zeit muss je neu gefragt werden, wie die Kultur der Gegenwart das Evangelium neu zur Geltung bringt, in der jeweiligen Sprache. Hier ist das Wort von Klaus Hemmerle immer wieder neu zu sagen: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Handeln, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe…“

Ist vielleicht dieses Bild ein Versuch gewesen, dies in die Tat umzusetzen – und was lernen wir hier über Maria, über die Mystik der Natur, über das, was wir „marianisch“ nennen? Wie gesagt – es gibt mir viel zu denken, diese mutige und kreative Theologie und Mariologie….

Auf salzigen Meeren…

Am nächsten Tag, nach einem wunderbaren Abend mit der Partnerschaftsgruppe, geht es früh um 6 mit dem Bus nach Uyuni, dem Salar de Uyuni. Ein kleines Abenteuer, eine ungeheure Erfahrung. Und vielleicht bin ich auch bei einem Dubai des 21. Jahrhunderts. Auf dem Altiplano, auf 4000 Meter Höhe, befindet sich der größte Salzsee der Erde, ein Salzmeer. Besser: eine teilweise siebenmeterdicke Salzkruste über einer Salzlauge, die unendlich viel Lithium (für Autobatterien?) verheißt. Man kann auf diesem See mit dem Auto fahren, auf dieser Kruste. Alles ist sonnig, und der weiße Salzbelag macht alles weiss, hell und reflektierend. Ohne Sonnenbrille geht es nicht. Wir verbringen einen wunderbaren Tag bei oder doch besser auf diesem surreal anmutenden Wunder der Natur. Ich werde diese Erfahrung nicht vergessen, einschließlich des Sundowners auf dem Salzsee. Dann fliegen wir, mit kurzer Nacht in La Paz, wo ich meinem alten Freund Patricio begegne, nach Santa Cruz, zum eigentlichen Ziel der Reise: dem 5. Amerikanischen Missionskongress.

Mit einem wilden Taxi kommen wir nach Potosí. Offensichtlich hat der Taxifahrer zu oft an der Rennkonsole gespielt, aber es geht alles gut. Wir sind am Abend in der Pfarrei bei Padre Omar, dem Pfarrer. Herzliche Aufnahme von der dortigen Gruppe der Bolivienpartnerschaft. Und gleich geht’s weiter zu einem spannenden Projekt, zu Nat’s…

Dubai in Bolivien

Wir landen bei einem spannenden Sozialprojekt. Dazu muss man aber einiges wissen. Wer nach Potosí kommt, der sieht den Berg. Den Silberberg. Durchlöchert von 400 Jahren und mehr, in denen Millionen von Menschen unter katastrophalen Bedingungen Silber gehoben haben. Inkas hatten diese Silbermine entdeckt, vielleicht schon frühere Zivilisationen. Aber es waren die Spanier, die Potosí zu ihrem Dubai machten. Es war wie eine Geldmaschine, und Potosí war – zu bestimmten Zeiten – die drittgrößte Stadt der Welt. Und das Silber veränderte die Wirtschaftsordnung in ganz Europa. Es war… zur Zeit Karl V. Mit anderen Worten: zur Zeit der Türkenkriege, zur Zeit der Reformation. Mitten in Bolivien also liegt der Schlüssel für zentrale Kapitel der europäischen Geschichte. Ohne dieses Silber von hier – wie wären dann wohl die Türkenkriege finanziert worden, und wie wäre die Reformation weitergegangen, ohne das Silber, mit dem Karl V. Kriege und Auseinandersetzungen finanzierte? Ein spannendes Thema, ein schmerzliches Thema der Ausbeutung, ein Thema der Globalisierung im 16. Jahrhunderts.

Potosí ist heute eine kleine Stadt geworden, und war doch Zentrum der Welt. Doch auch noch heute wird der alte Glanz dieser Stadt am Berg, am Silberberg sichtbar. Hier lässt sich – im Museum della moneda – die Geschichte nachverfolgen. Denn hier wurde das Geld gemacht, dass die Welt gestaltete.

Aber auch heute noch arbeiten tausende im Berg. Eigentlich in Kooperativen, aber ganz eigentlich als kleine Ich-AGs. Jeder (nicht Frauen!, das erzürnt den Gott des Berges), darf im Berg weiterbohren, der inzwischen wie ein Schweizer Käse wirkt. Überall Eingänge, überall Loren, die wertvolle Mineralien fördern. Und im Umfeld arbeiten auch Kinder.

Eine Gewerkschaft für Kinder

Kinderarbeit ist eigentlich verboten. Und es klingt gut, sie zu verbieten. Die UNO ermahnt dazu, fordert diese Verbote ein. Aber… so einfach ist das nicht. In den vielen zerstörten Familien sind Kinder, die unter Gewalt leiden. Und der einzige Ausstieg ist die Arbeit in den Minen. Sollten sie dort rechtlos sein, weil Kinderarbeit ja verboten ist, und sie also dort rechtlos und schwarz arbeiten müssen? Das Projekt, das wir besuchen, geht einen Weg des Empowerment. Und vor uns spielen Kinder Improtheater, und sie erzählen von ihrem Leben in gewalttätigen Familien – sie berichten aber auch vom Kampf um ihre Rechte. Es sind mehr als 10000 in Bolivien, die in Minen arbeiten, nur rund 700 sind organisiert, aber die 15jährige, die uns davon erzählt, ist eine selbstbewußte junge Frau, die deutliche Leadership hat. Ich bin beeindruckt von der Solidarität und der Menschlichkeit, die ich erfahren kann bei den Kindern…. Und ich bin beeindruckt von den Frauen, die dieses Projekt durchführen und begleiten. Großartig.

Im Berg

Und dann… gehen wir am nächsten Tag in den Berg. Natürlich nicht allein. Wir werden geführt von einem Minero – aber da heute Sonntag ist, ist es ruhig. Zuerst kaufen wir Kokablätter, das die Mineros mit Energie ausstattet für ihren harten Job. Jeder Minero kauft sich auch sein eigenes Dynamit, seine eigene Ausrüstung, seine eigene Arbeitskleidung. In einem Schuppen ziehen wir auch unsere Leihklamotten an. Und bekommen einen Schutzhelm mit Berglampe. Wir fahren in die Stollen von Beto, einem eloquenten jungen Mann, der hier offensichtlich sein Glück – Silber – schon gefunden hat. Und weiterarbeitet. Eine ganz spannende Erfahrung liegt vor uns. Mit ihm gehen und klettern wir durch seine Gänge, und er erzählt sehr persönlich Geschichten von sich selbst, seinen Funden, aber auch von Unglücken und dem Leben der Mineros, das häufig schon mit Mitte vierzig Ende, mit einer Staublunge. Am Ende unseres Weges ein religiös anmutendes Ritual für den männlichen Gott des Berges, den Thito. Man kann nachvollziehen, warum die Mineros das tun – ein Leben, das ständig gefährdet ist, ein Leben, das nur dann gelingt, wenn man Silber oder andere Mineralien findet. Ich bin durchaus sehr froh, dass ich aus dem Berg herauskomme, ohne dass ich verschollen gehe, ohne dass ich stürze, oder mich verletze. Wäre alles möglich gewesen…

 

Der Anlass ist der panamerikanische Missionskongress – der Background ist unsere Partnerschaft – „hermandad“ ist das schönere Wort – mit Bolivien. Und eingeladen von Riccardo Sentilla, dem Bischof von Potosí, fahre ich mit einer kleinen Delegation nach Bolivien. Dann aber ist klar: 5 Tage Kongress sind eine zu kurze Zeit, und ich war ja auch erst einmal in Bolivien. So entsteht die Idee, auch ein paar andere Orte zu besuchen und die Partnerschaft zu vertiefen. Und so bin ich schon 4 Tage vor dem Kongress da, und werde zu einer spannenden und ertragreichen Reise eingeladen, die mir viel zu denken gibt.

Vom Wehen des Zeitgeistes

Nach einer langen Reise über Buenos Aires komme ich am Nachmittag in Santa Cruz an. Endlich. Es war sehr entspannend, aber jetzt ist es auch gut. Denke ich! Denn meine Reisebegleiter in Santa Cruz halten eine Überraschung parat. „Wir fliegen heute noch nach Sucre, über Cochabamba“. Zwei weitere Flüge machen mich zum bolivianischen Vielflieger – und um 22h sind wir endlich im Bischofshaus von Sucre angekommen. Sucre, nicht wie viele (und auch ich) denken: La Paz, ist die Hauptstadt Boliviens. Und also wichtig. Das merke ich schnell. Der heilige Reisepapst Johannes Paul II war hier auch, und diese Nacht darf ich in seinem Zimmer schlafen. Doch warum wir nach Sucre kommen, wird mir am nächsten Tag klar.

Eine Revolutionsgeschichte

In Sucre ist Bolivien zu sich selbst gekommen. Schon in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, parallel und ja, früher als in Frankreich, kam es zu ersten Revolutionen gegen das spanische Regime, und 1830 wird Bolivien endlich unabhängig von der spanischen Herrschaft des Vizekönigs von Peru. Es ist erstaunlich, welche Parallelen zur europäischen Freiheitsgeschichte der liberal-nationalen Revolutionen hier deutlich werden. 1830 war ja auch in Deutschland der erste Versuch. Aber während die Nationenwerdung in Deutschland noch weitere 40 Jahre sich hinzog, entstand in Bolivien schon die erste Republik um 1830. Natürlich ist die politische Geschichte in Bolivien wild und unstetig – aber als Deutscher möge man sich hüten, andere politische Entwicklungsstränge leichtfertig abzuwerten. Demokratie und Partizipation sind Lernprozesse, die lange andauern, und von Generation zu Generation neu eingeübt werden müssen.

Und doch, während ich durch das Geschichtsmuseum gehe, nehme ich staunend wahr, dass offensichtlich der Geist, der in der Zeit weht, immer sehr parallel weht. Politische Aufbrüche und Abbrüche ereignen sich in Europa und Südamerika oft parallel. Und es ist zum Staunen, wie eng verknüpft auch in Vorzeiten der Digitalisierung die Welt ein Dorf war, wie sehr kulturelle Einflüsse und politische Bewegungen, und nicht nur Handel und Kultur, „kreisten“, aufbrechen und ihre Wirkung entfalten. Es gibt, ja, eine Geistkraft, die die Herzen und den Verstand in Europa und Lateinamerika gleichermaßen und zur gleichen Zeit bewegt – und wie zu allen Zeiten ist es unsere Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu deuten. „Sende deinen Geist aus, und das Antlitz der Erde wird neu“, singen wir. Hier – im entfernten Bolivien – entdecke ich wieder einmal die Wahrheit und Wirksamkeit dieses Gebetes in allen Zeiten. Auf der einen Seite sind Kultur und Geschichte Boliviens ganz anders als in Europa, auf der anderen Seite weht derselbe Geist, finden dieselben Ideen Resonanz, wandelt sich das Paradigma des Lebens – überall.

Ein rascher Weg durch den wunderbaren Markt in Sucre, und ein wundervoll gastfreundliches Gespräch mit dem Bischof von Sucre, und schon sind wir auf dem Weg nach Potosí….

 

 

 

„Der Pastoraltheologe Christian Hennecke sieht die Weihe von Frauen oder verheirateten Männern nicht als Patentrezept für einen kirchlichen Neuanfang in Europa. „Dann würde sich die überstrukturierte Versorgungskirche bloß fortsetzen“…

So darf ich lesen. Puh. Es ärgert mich nicht wenig. Und wie schon neulich, im Kontext des ARD-Films über „Kirche ohne Priester“, frage ich, welche redaktionellen Kompetenzen hier ins Spiel kommen. Es ist modern, einzelne Zitate aus Zusammenhängen zu reißen, um polarisierte Positionen hinzubekommen. Und das kriegen wir auch katholisch hin. Nun gut. Enttäuschend, auch wenn ich es hätte wissen können. Ich lerne. Auch von der Resonanzdiskussion. Dass es besser geht, zeigt der Artikel bei kathpress. Danke dafür an die junge Redakteurin, die mich interviewt hat.

Aber vielleicht könnte es ja auch interessant sein, noch einmal den Zusammenhang aufzudröseln. In einem ersten Schritt habe ich das ja auch schon versucht, um noch einmal klarzustellen, worum es mir eigentlich geht, im Kontext mit der Frage nach den ausländischen Mitbrüdern.

Eine überstrukturierte Versorgungskirche?

Jede und jeder weiß: die einzigartige Pastoralgeschichte der Kirche im deutschsprachigen Raum führt zu einer hochdifferenzierten und komplexen Institutionalisierung, mit allen Stärken, die wir hoffentlich gut kennen: eine großartige Caritas, ein beeindruckendes Schulgefüge. Mit vielen engagierten Christinnen und Christen, die in keiner Weise vermitteln, dass diese Kirche diakonisch schwach daherkommt. Das Gegenteil ist der Fall. Und auch die Kirchengemeinden sind beeindruckende lokale Akteure, mit vielen Engagierten. Doch eine der Schwächen ist eher fatal: so wichtig die Ausstattung der Kirche mit Hauptberuflichkeit ist, die hohe Kompetenz und Professionalität in allen Bereichen der Seelsorge, so schwierig ist in diesen Zeiten des Umbruchs, in der weitaus weniger Amtsträger und Mitarbeiter*innen zur Verfügung stehen – das gilt übrigens auch für die Amtsträger*innen in der evangelische Kirche -, die Lösung von einem hochemotionalen inneren Bild der Versorgungskirche. „Wenn der Pfarrer/Mitarbeiter*in nicht vor Ort lebt, dann ist die Kirche tot“. Diese Bilder sind – auch wenn sie ein merkwürdig hierarchiefixiertes Kirchenbild anzeigen – tief prägend. Nicht wundern, das ist die Frucht einer langen Prägegeschichte, die eben leider nicht auf die Höhe des II. Vatikanums führte, sondern diese Erneuerung nur halbiert darstellt, wie Kollege Rainer Bucher immer wieder mahnt. Von daher führt das Ende dieses Gefüges zu unglaublich intensiven emotionalen Reaktionen, zu einer Selbstreferenzialität und zu einer Implosion populistischer Reflexion

Dies ist dort anders, wo – wie in der Weltkirche – nie ein solches Gefüge existierte. Dort erlebte und erlebe ich zu meinem Staunen eine viel größere charismenorientierte und selbstbewußte Selbstverantwortung der Kirche vor Ort, eine Selbstverständlichkeit der lokalen Selbstorganisation, die mich beeindruckte.

Spannend ist nun in diesem Kontext, dass auch Priester der Weltkirche, die hierher eingeladen werden, die Stärke ihrer eigenen Erfahrungen in diesem Kontext nicht ausspielen können. Ich erlebe es jedenfalls zu selten. Von daher die Vermutung: sind sie hierhergekommen, ein Gefüge zu stützen, das sonst nicht mehr halten würde? Darum dürfte es – so denke ich – nicht gehen. Denn das wäre sehr schade.

Soweit zu diesem ersten Thema.

Und das Priestertum der Frau – eine offene Lerngeschichte 

Da ich nicht – wie katholisch.de behauptet – ein Pastoraltheologe bin, sondern ein Praxisdenker, der sich Schritt für Schritt hineinlebt in neue Fragen, ist die zweite Frage, die mir polemisch entgegenschallt, viel schwieriger: „Heda ihr Frauen – Hennecke ist gegen euch“, schallt es im populistischen Resonanzraum. Hach! Wo bin ich da hineingeraten? Bin ich dafür? Dagegen? Konservativ? Zeitgemäß? Wie hältst du es mit dem Frauenpriestertum? Die postmoderne Gretchenfrage aller Kirchenreform.

Vorweg: ich bin ein Fan von Krisen. Und ich glaube, dass Veränderungen häufig nicht ganz freiwillig und durch Einsicht geschehen, sondern Krisenmomente den Ausgangspunkt für befreienden Neuansätze bilden. Aber dennoch: in der Krise der Versorgungskirche einfach die Krise mit anderen Amtsträger*innen zu perpetuieren, das wäre nicht mein Weg. Das wäre mir zu kurz gesprungen. Es geht schon um eine Erneuerung, nicht nur um eine Fortsetzung mit einer Lösung erster Ordnung. Dafür ist mir das Thema der Frauenordination zu wertvoll – wie auch der Einsatz ausländischer Seelsorger. Denn der Umbruch ist radikaler, sowohl der kirchliche Umbruch insgesamt, wie auch die damit verknüpfbare Frage der Frauenordination. Über den Umbruch kann man weiterlesen bei mir – etwa bei „Kirche steht Kopf – Unterwegs zur nächsten Reformation“.

Zum Thema der Frauenordination habe ich mich bislang nicht öffentlich geäußert, einfach weil ich für mich noch keine Position gefunden habe, die mich überzeugt. Ich bin in einer nach vorne offenen Lerngeschichte. Und ich möchte hier einfach in vier Episoden Anteil geben an meinem Weg. Das mag der einen oder dem anderen nicht reichen, aber ich bin ja auch nicht da, um andere zufriedenzustellen, die Parteigänger suchen.

  1. Ich war noch Regens des Priesterseminars, und um das Jahr 2013 sitzen wir im Michaeliskloster zusammen: evangelische Theolog*innen und „meine“ Seminaristen. Wir planen eine Reise zu den „fresh expressions“ in bewährt ökumenischer Manier. Und die evangelischen Theologinnen fragen: „Und was sagt ihr zur Frauenordination?“ Klare Frage. Die meisten der Seminaristen sagen zu mir: „Auf diese Frage können wir nichts sagen, der Papst hat doch das letzte Wort schon gesagt. Die Diskussion ist zu Ende…“. Nein, so denke ich – das ist sie ja offensichtlich nicht. Bei allen Machtworten, die mindestens in unserem Sprachraum nichts bewirkt haben. Und also versuche ich eine andere Antwort, die vielleicht mit der Hermeneutik unterschiedlicher Kirchenverständnisse zu tun haben: während es der zeitsensiblen evangelischen Kirche in Deutschland leichter fällt, diese Frage zu beantworten (wie vielen anderen Kirchen auch – etwa der anglikanischen), fällt es der katholischen Kirche als plurikulturelle Weltkirche sehr viel schwerer… es dauert länger, sich dem Thema zu stellen. Keine überzeugende Antwort – aber ich habe keine andere. Denn zu fragen wäre ja wie immer und alle Zeit: brauchen wir hier Antworten, die für eine ganze Weltkirche gelten?
  2. Ich finde mich wieder in einer Arbeitsgruppe, die an einem Text über die Ekklesiologie des II. Vatikanums arbeitet. Es geht um Lumen Gentium 10 – um den vielzitierten wesenhaften Unterschied zwischen gemeinsamen Priestertum und dem Priestertum des Dienstes. Und ich traue meinen Ohren nicht. Denn ein Theologe mein, dieser wesenhafte Unterschied sei in den Untiefen der Metaphysik zu verorten und auf die ontologische Differenz zwischen Mann und Frau im Schöpfungsplan. Wir sind empört und halten dagegen. Aber: „Das könnt ihr – aber es geht um die Wahrheit“, wird entgegengesetzt. Fein: das Priestertum des Dienstes ist von der Schöpfung her mit dem Mann verknüpft. Dann ist ja alles klar. Mir war nicht klar, dass dies theologisch überhaupt denkbar ist. Ob von solchen Spekulationen in metaphysischen Abgründen Gott selbst überhaupt weiß – das möchte ich mehr als bezweifeln. Nicht nur ich – zum Glück setzt sich eine solche Argumentation nicht durch. Sie hat mit dem Sinn des Konzilstext ohnehin nichts zu tun. Die Frage bleibt deswegen aber offen.
  3. Ein langes Gespräch mit Christiane Florin. Lange Gespräche, nicht ganz einfache, mit Freundinnen und Bekannten über den Weiberaufstand. Ich merke, ich kann meine Gedanken zu Kirche und Veränderung, zu Amt und Dienst kaum verständlich machen. Warum? Geht es beim Amt um Macht? Erfahrungen von Frauen, mit denen ich mich sehr verbunden fühle, öffnen mir – dem Mann und Priester – eine neue Welt erniedrigender Erfahrungen mit der Hierarchie, mit einer als ungerecht erfahrenen Herrschaftsstruktur. Da nützt meine Theologie nichts. Ich kann sie nicht kommunizieren, und das tut auch mir sehr weh. Ein wirklich emotionales und schmerzliches Thema. Es macht mir nochmal deutlich: eine echte Reform der Kirche muss die Frage nach dem ordinierten Amt auch der Frauen wesentlich mitbedenken. Aber dann muss überhaupt bedacht werden, wie das Amt auch für Männer, eben insgesamt neu durchdacht wird. Die bisherigen geschichtlich gewachsenen Konstellationen sind so ambivalent, so wenig theologisch aufgeklärt. Ich bin dabei zu verstehen.
  4. Ich erlebe – gerade auch im ökumenischen Kontext – sehr viele Liturgien in evangelischen Kirche, ich erlebe viele sehr glaubwürdige Pastorinnen. Und ich erlebe für mich nicht, dass dies in irgendeiner Weise „nicht ginge“. Aber diese Erfahrungen sind in sich ja noch kein Argument. Und ich bin auch zu katholisch, dass ich nicht das lange Nachdenken über die andere Traditionsgeschichte ernstnehmen wollte. Was mir klar ist: neue Zeiten und eine andere Wahrnehmung werden auch die alte Tradition neu sehen lassen. Mein Zugang zur Frauenordination fällt mir am leichtesten, wenn ich der Spur folge, die Fritz Lobinger gelegt hat: in Afrika, in Lateinamerika und Asien sind in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrungen von Gemeindeleitungsteams gewachsen, als Frucht von Kirchenentwicklungsprozessen, die das Volk Gottes in den Mittelpunkt rücken, Männer wie Frauen. Die „leadership“ von Männern und Frauen hat das Volk Gottes profiliert. Sollte man, so Lobinger, nicht diese Team zu lokalen Presbyterien ordinieren? Ähnliches denkt Bischof Kräutler seit Jahren laut – und wird Thema der Amazonassynode. Männer und Frauen als ordinierte Prebyterien, als Frucht einer basisorientierten Kirchenentwicklung – das könnte ein Zugang sein?

Für mich ist also die Frage noch nicht beantwortet. Wie nirgendwo in der Geschichte und in keinem Entwicklungsprozess lassen sich Hebel einfach umlegen. Sonst würde man nur das alte in neuem Gewand präsentieren. Aber ein wahrhaft offener – und vielleicht auch öffentlicher – Prozess des ehrlichen Miteinander-Ringens wäre an der Zeit. Wenn der in Gang käme und dabei einer dem anderen die Ernsthaftigkeit und Ergebnisoffenheit glaube könnte, dann wäre das mehr als wünschenswert. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit würde sich im Stil des Miteinanders zeigen (und was diesen Stil anbetrifft, da sehe ich unsere römische Kirche in der Tat in einer Bringeschuld!) und so könnten sich neue Wege öffnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu einem Artikel in katholisch.de

Da wird man interviewt von kathpress. Über die Perspektiven und Dimensionen der Erneuerung – vielleicht auch in Österreich. Es geht nicht um Priester, zumal um ausländische Mitbrüder. Es geht um die inneren Bilder, die weiterhin das Bild einer bekannten volkskirchlichen Versorgungskirche in sich tragen; über die Herausforderungen der Kirche, die darin bestehen, sich auf ganz neue Paradigmen einzulassen, und vor allem: dass es darum geht, sich neu auf Christus einzulassen.

Aber übrig bleiben ein paar Bemerkungen über Priester anderer Muttersprache, die im deutschen Sprachraum reichlich eingesetzt werden. Und es scheint so, als ob ich ausländischen Priestern nicht zutraue, in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum einen wichtigen und guten Dienst zu tun. Das ist aber ganz und gar nicht meine Meinung, die hier – durch sinnentstellende Kurzzitate – zum Ausdruck kommt.

Die Not-wendende Weltkirche

Die wichtigsten Impulse meiner pastoralen Lernkurve kommen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Von pastoralen Prozessen, von Priestern mit einer großen Vision, von Ortskirchen mit pastoralem Weitblick. Sie kommen aus der anglikanischen, der evangelischen, reformierten Kirche, aus Freikirchen. Und immer sind es Pastorinnen und Pastoren, Pfarrer und Gemeindeleiterinnen, die mich zutiefst berührt haben. Wann immer sie – über Missio oder Adveniat – kamen (oder wir hinfuhren), um von ihren Wirklichkeiten zu erzählen, wann immer ich Gast sein durfte in ihren Pfarreien, habe ich unheimlich viel gelernt: was eine Vision, was ein pastoraler Prozess ist.

Und nicht zuletzt verdanke ich vieles Ordensleuten wie dem Pallotiner P. Thomas Vijay, wie Mark Lesage CICM und vielen anderen. Was lokale Kirchenentwicklung ist, ist ohne sie,  ohne die Priester und Ordensmänner und -frauen aus den USA, aus England und Frankreich, nicht erklärbar. Ich bin unendlich dankbar. Darum also geht es nicht, hier Stoppschilder aufzubauen. Ganz im Gegenteil. Würden wir doch mit Ihnen und von Ihnen noch viel mehr lernen.

Herzliche Brüderlichkeit

In meinem Bistum und in vielen anderen Bistümern bin ich Mitbrüdern aus Polen, und vor allem Indien begegnet. Und es ist eine Freundlichkeit und Herzlichkeit erfahrbar, die mich tief bereichert. Viele Fragen und viele Offenheit, gemeinsam zu lernen. Und Offenheit und spirituelle Tiefe durfte ich in Indien und mit denen erfahren, die dann in unser Bistum gekommen sind. Auch darum geht es also nicht.

Worum es aber geht

Und dennoch: ich habe erlebt und erlebe, auch mit Bewunderung, aber auch mit Schmerz, dass diese meine Mitbrüder in einer Weise herausgefordert sind, die sie sich nicht vorstellen konnten. Sie geraten nicht einfach in eine fremde Kultur, sie geraten in einer fremde Kultur, die gesellschaftlich wie kirchlich in einem Umbruch ist, der mit dem Begriff „Paradigmenwechsel“ korrekt, aber harmlos beschrieben wird.

Wir selbst, die wir hier kirchlich geprägt sind, verstehen ja im Augenblick nicht wirklich, wie sehr die Glaubenswelt, die kirchliche Praxis sich wandelt, wie sehr revolutionär umbrüchig sich die Strukturen der Seelsorge zeigen, wie herausfordernd das alles ist – und wie sehr sich die Rolle des Priesters dann ändert, und ändern wird.

Wir hier groß Gewordenen versuchen ja oft noch, weiter zu machen, es „irgendwie“ noch hinzukriegen. Gestaltungsprozesse hingegen sind erst langsam sichtbar, und setzen einen Mentalitätswandel voraus, den wir kaum erahnen, in dem wir aber mittendrin stecken. Postmoderne, postmoderne Kirche, charismatische Aufbrüche, Abbrüche der Volkskirche, Neukonfiguration des Glaubens – all diese Stichworte kennen wir gut.

Und dann aber kommen aus Indien, aus Polen, aus anderen Kontinenten Priester zu uns, die mehrfach herausgefordert sind. Sprache ist wichtig, und sie kann man lernen. Und dennoch weiß jeder: Sprache ist auch Kultur, Sprache ist mehr als Worte, Kodierungen des Alltags, Mentalitäten, kirchliche Entwicklungen sind darin nicht enthalten, selbst wenn man darum „weiß“: im Kopf.

Vieles ist fremd, nicht nur Kultur und Sprache, sondern auch die Art und Weise, wie wir katholische Praxis entwickelt haben, eine Praxis, die gerade zerbricht. Diese Herausforderungen werden noch größer, wenn man – wie oft – aus funktionierenden und reichhaltigem volkskirchlichen Lebenszusammenhängen kommt, wo die kirchliche Praxis selbstverständlich ist. Dann fehlen einem alle Werkzeuge, um sich hier zurechtzufinden. Alles ist anders. Nur in wenigen Fällen gelingt es hier, sich heimisch zu fühlen, mindestens dauert es aber wohl mehr als 10 Jahre, bis das gelingen kann. Das sind lange Wege, und immer mehr bewundere ich meine Brüder.

Und dennoch: Die Untersuchungen zu Priestern aus der Weltkirche belegen schmerzlich – für alle Beteiligten, wie selten dies eine Erfolgsgeschichte ist. Darum geht es, aber nicht zuerst.

Worum es eigentlich geht

Aber was war dann mein Plädoyer? Vor kurzem habe ich eine Meldung im Newsletter von Radio Vatikan über die Entwicklung der Priesterzahlen gelesen. Als erstes fast stand da: der Priestermangel in Europa sei am geringsten. Ja, in der Tat: in Lateinamerika, in Afrika, in Asien sind erheblich weniger Priester für die Glaubenden da, und dennoch ist hier ein Weg gefunden worden, wie Kirche vor Ort lebt – aus der Kraft der Getauften, die gut begleitet und unterstützt und genährt werden von Priestern, die viel weniger präsent sein können. Das ist eine beeindruckende Entwicklung.

Hier im deutschsprachigen Raum klagen wir hingegen kontinuierlich. Und mir kommt ein Verdacht: wir können und wollen ein volkskirchliches Gefüge weiter erhalten, weiter fortführen in derselben priesterzentrierten Versorgungskirche, die sich uns emotional ins Herz eingebrannt hat, ohne die – so scheint es – wir gar nicht Kirche sein können.

Es ist klar, dass wir ohne Eucharistie und ohne ordiniertes Amt nicht Kirche sein können. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Wär ich dann katholisch, wenn ich anders denken würde? Das ist also klar. Und dennoch gilt es zu fragen, ob wirklich Motive der förderlichen Entwicklung die Gedanken derjenigen geleitet haben, die viele Priester aus anderen Welten zu uns eingeladen haben. Worum ging es dabei? Und: Ist es eine Gerechtigkeit, dass wir das können, weil wir Geld haben? Und andere noch viel weniger Priester haben dürfen? Ich erinnere mich, dass die römische Kleruskongregation zu diesem Punkt sich sehr kritisch geäußert hat. Sich die Verlängerung des volkskirchlichen Bildes zu erkaufen, mag möglich sein, sinnvoll ist es doch eher nicht. Und eben: es ist ungerecht, allen gegenüber: den anderen Ortskirchen, die Priester viel nötiger hätten; den Mitbrüdern, die möglicherweise in anderen Kulturen viel intensiver ihre Stärken ausspielen können; und unseren eigenen Ansprüchen an kirchlicher Transformation, die so kaum gelingt.

Anders ist dies bei Ordensgemeinschaften, die weltkirchlich verankert sind: hier ist Internationalität von vornherein Wirklichkeit, und hier ist das wechselseitige Lernen, sich austauschen Wesensvollzug. Interkulturalität ist Programm. Wo das so ist, ist dies eine gute Möglichkeit, die Weltkirche heute zu gestalten. Aber das gilt auch nicht überall.

Zulassungsbedingungen zu ändern, bringt in diesem Zusammenhang nicht wirklich viel. Viel aber würde eine Kirchenentwicklung bewirken, die das Volk Gottes, Männer wie Frauen, ermöglicht, ihre Gaben, ihre Kompetenz und ihre Begeisterung mit Verantwortung einzubringen.

Wenn in mehr als der Hälfte der deutschen Diözesen Leitungsmodelle für ehrenamtliche Leitung eingeübt werden, dann scheint mir das ein wichtiger Schritt zu sein. Bischof Fritz Lobingers Vorschlag von der Ordination solcher Teams, die als spannende Überlegung auch im Kontext der Amazonassynode wieder in den Blick kommt, ist mehr als spannend, aber er setzt eben Kirchenentwicklungsprozesse voraus, die eine zu einseitige Fixierung auf vergangene volkskirchliche Paradigmen hinter sich gelassen hat.

Und darauf kommt es eigentlich an. Und darum geht es auch.