Vom Chaos zum Kosmos – Der Göttinger ICE

 

Die Idee war gar nicht schlecht. Wenn wir schon alle Pfarreien unserer drei südlichen Dekanate im Frühjahr 2016 besuchen werden, könnte man dann nicht auch ein größeres Treffen veranstalten, zu dem die Interessierten der Südregion eingeladen werden – ein Treffen, bei dem es möglich wird, die Interessierten und ersten Akteure Lokaler Kirchenentwicklung zu versammeln, zu ermutigen, zu stärken?

Das war schon 2014 im Frühsommer so gewesen. Das erste ICE -Treffen fand in der VIP- Lounge des VfL Wolfsburg statt, und hatte das Thema der Berufung und der Charismen zum Schwerpunkt. Es gehört zur Kultur dieser Treffen, dass von einer „Außenperspektive“ dieses Thema in den Blick gerät. Damals also trafen sich 180 Personen, und hörten vom Leiter des Fußballinternats, wie Talente gefunden, ausgebildet und begleitet werden. Und dazu kamen Vertiefungen aus Poitiers, Impulse zum Thema Taufwürde und viele Workshops, die gute Erfahrungen und Impulse setzen konnten.

Und jetzt 2016? Am 18. Juni fand das zweite Treffen im Max Plank Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen statt. Thema: Kirche zukunftsfähig gestalten – Im Vertrauen Schritte wagen.

Wo zwei oder drei…?

Entscheidend für die 150 Teilnehmenden war thematisch der „Genius Loci“ – es ging um Chaosforschung. Hat Chaosforschung für Kirchenentwicklung etwas zu sagen? Reiner Engelken, Mitarbeiter am Institut führte uns praktisch und theoretisch in die Wege der Chaosforschung ein und wagte vorsichtige Überträge:

  • „Eine wichtige Bedingung für Selbstorganisation ist, dass mehrere Elemente zusammenarbeiten… Oft ist es so, je stärker die einzelnen Elemente miteinander zusammenwirken, desto interessanter wird die Systemdynamik. Ein wichtiges Theorem sagt, dass ein kontinuierliches System mindestens drei Freiheitsgrade haben muss, damit Chaos entstehen kann. Ich würde jetzt nicht soweit gehen, dass dies die säkulare Version von Matthäus 18,20 ist… aber ohne Zweifel ist es wichtig, dass für die Zukunftsentwicklung der Kirche sich viele Menschen mit ihren vielfältigen Hintergründen einbringen und mitdenken, mitreden und mitphantasieren, ohne dass ihnen gleich von außen vorgeschrieben wird, was sie zu tun und zu lassen haben…“ Genau darin besteht die Herausforderung der Kirchenentwicklung, das hat der Kollege richtig gesehen…
  • „Damit Selbstorganisation gedeihen kann, ist es wichtig, dass ein System nicht zu stark von außen angetrieben wird. Ansonsten folgt seine Dynamik einfach nur den von außen vorgegeben Wegen. Das heißt konkret, wer mehr Selbstorganisation möchte, der muss die Autonomie der Subsysteme fördern. Das bedeutet, dass Vertrauen notwendig ist…“ Bingo! Der zentrale Kern der Kirchenentwicklung
  • „Instabilität bedeutet immer auch eine Chance zur Veränderung…“

Wow – wir waren alle beeindruckt von der Treffsicherheit der Überträge. Sie machen einfach Mut, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – sie machen allerdings auch deutlich, dass Lokale Kirchenentwicklung „am Rande des Chaos“ gelingen kann, wenn wir uns einlassen auf eine neue Kultur des Kircheseins.

Darf der Dialog mich verändern?

Genau diesen Faden griff Dr. Estela Padilla auf. Wandel geschieht in ptoentiell chaotischen Situationen, in eienm echten Dialog. Aber sind wir auch dazu bereit, auf Augenhöhe im Dialog zu sein, an dem Rand unserer Ordnung zu gehen. Sind wir bereit für die Überraschungen des Lebens? Denn das geschieht, genau das, wenn wir im Dialog sind. Ohne Wandel kein echter Dialog. Padilla machte das deutlich an der Episode zwischen Jesus und der Samaritanerin. Hier geschieht echter Dialog.

Was so harmlos daherkommt, verbirgt massive Provokation. Denn die Frage ist ja, ob wir uns wirklich durch die Welt, in der wir leben, verwandeln lassen wollen. Die Gestalt der Kirche verändert sich durch echten Dialog.

Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern um neue Identität

Aha also: Lokale Kirchenentwicklung ist kein Bestandswahrungsprogramm, und die zukunftsfähige Gestaltung der Kirche verändert ihr Gesicht. Und das können wir wollen? In den Gesprächen und Dialogen, die darauf folgten, wurde deutlich, wie sehr wir am Anfang sind. Es zeigt sich immer mehr, dass der Aufbruch zunächst einmal mit neuen inneren Freiheitsgraden und der Lust für neue Initiativen verknüpft ist. Aber immer dann, so wurde auf dem „pastoralen Marktplatz“ am Nachmittag deutlich, wenn Christen sich wirklich in den Dialog mit der Welt begeben, kommen „neue“ Dinge hervor. Und das führte – auch an diesem Nachmittag – immer wieder zu Irritation: müssen wir nicht für uns selbst sorgen? Was trägt das für die Kirche bei? Ist das denn unsere Aufgabe? Ist das spirituell genug? Solche und ähnliche Fragen machen deutlich: das genau passiert, wenn wir uns auf die Welt mit unserer Botschaft einlassen. Irritation braucht es also dringend!

 

Der Anfang vom Anfang des Wandels

Ein beeindruckender Tag. Vorbereitet von Akteuren vor Ort, mit viel Energie und Leidenschaft – und pastoraler Intelligenz. Doch gleichwohl gibt es viele Fragen. Denn wie kommt es, dass aus vielen Pfarreien keine Menschen gekommen sind? Eine These wäre: das Thema der Lokalen Kirchenentwicklung ist noch ganz am Anfang. Und in vielen Pfarreien beginnt es erst langsam das Bewußtsein dafür zu wachsen, was sich alles hinter Lokaler Kirchenentwicklung verbirgt. Bislang denken viele ja nur daran, dass wahrscheinlich nur wieder Strukturen verändert werden sollen… und wenige spüren, wie sehr hier ein Wind des Aufbruchs spürt.

Und zugleich: wie wichtig ist es, dass diejenigen zusammenkommen, die sich schon haben anstecken lassen. Bei den Besuchen in den Pfarreien haben ich immer bemerkt, dass es überall sehr interessierte, engagierte und konstruktive Mitdenkerinnen und Mitdenker gibt – und die muss man stützen.

Vielleicht braucht es nicht so große Treffen wie den ICE in Göttingen, aber unbedingt braucht es einen Weg, die Protagonisten und Vordenker weiter mit Informationen zu nähren und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu treffen und zu versammeln. Ja, und es braucht einen Weg, Impulse weiterzugeben und zu stärken

Einen Weg mit Christus gehen lernen

Es ist ja ein Weg des Glaubens, und auch das wurde beim ICE-Treffen noch einmal wichtig. Wir sind auch erst am Anfang, als Gemeinschaft des Glaubens wirklich unseren Glauben zu feiern. In einer Weise, die ergreift, die bewegt.

Vor einigen Wochen bin ich bei dem Auftakt des diözesanen Aufbruchsprozesses im Bistum Limburg dabei gewesen. Im Vorfeld war die Frage, welche spirituellen Momente es für diesen Tag braucht – nicht abgetrennt von anderen Impulsen, vom Essen, vom Austausch. Wir kamen in der Vorbereitung auf ein simples Teilen der Schrift – mit 500 Leuten ging das sehr gut. Und der Abschluss dieses Tages griff in einem Segensgottesdienst diesen Schrifttext – wir wählten Kohelet: „Alles hat seine Zeit“ – noch einmal auf. Und es wurde in den vielen Echos zu diesem Tag deutlich, wie bedeutsam und wichtig diese Begegnung mit dem Wort – und in dem Wort mit dem lebendigen Gott – ist.

Denn ein solcher Impuls ist wie ein roter Faden, der dann alles begleitet und durchdringt, was an diesem Tag zu diskutieren, zu teilen und zu bedenken ist. Ja, es braucht das Wort Gottes – und es braucht eine angemessene und partizipative Liturgie, sonst unterbieten wir die Sehnsucht der Menschen, und vor allem berauben wir unserem Tun jenen „Geist“, jenen „Spirit“, aus dem alles wachsen will.

Mehr zu ICE Göttingen
http://www.katholische-kirche-goettingen.de/bho/dcms/sites/bistum/pfarreien/goettingen/ice/index.html/