Alle Pfarreien besuchen. Es sind in unserem Bistum 119. Die Lage ist herausfordernd. Denn in 10 Jahren spätestens werden wir mit 40 Pfarrern für diese Pfarreien auskommen. Und ab heute wird und will deutlich werden, dass es Entwicklungsprozesse braucht, um nicht irgendwie einfach nur weiterzumachen. Und das geht nicht über Briefe. Das geht nur durch Begegnungen.

Und also Besuche, bei denen möglichst viele Christinnen und Christen dabei sind. Das ist eine gute Idee, aber gar nicht so einfach. Zusammen mit meiner Kollegin haben wir allen Pfarreien geschrieben, besser: an alle Pfarrer. Und alle Pfarrer haben unterschiedlich verstanden, was wir geschrieben haben. Denn wir sind auf ganz unterschiedliche Gruppen gestoßen: von 10 – 60 Personen. Mal waren die Räte anwesend, mal hatte der Pfarrer darüber hinaus alle Interessierten (incl. Bürgermeister und evangelische Pastoren) eingeladen.

Interessant. Merke: was immer du in deinem Brief schreibst, was immer du dir wünschst, wie weit so ein Abend reicht, entscheidest nicht du – sondern der Pfarrer. Wollten wir also ein Maximum an Teilhabe… dann entscheidet der Pfarrer, ob es Leute überhaupt erfahren. So viel zum Thema Bedeutungsverlust der Pfarrer – das Gegenteil ist der Fall.

Die Abende waren ähnlich geplant. Nach einem Gebet zu Beginn oder einem BibelTeilen  (und einer Vorstellungsrunde) war der erste Schritt ein Bewußtwerden der Situation vor Ort: was sind Stärken, was wird schwächer, was wächst und welche Herausforderungen – also eigentlich der Versuch, eine erste Wahrnehmung zu teilen, um ins Gespräch zu kommen.

Das war meistens superspannend. Denn hier begannen dann die ersten Gespräche und Diskussionen. Hier kommt vieles ans Licht: der Vertrauensverlust, der sich in den letzten Jahren eingestellt hat im Kontext der „Fusion“ von Pfarreien; die Dialektik mit „Hildesheim“ und der Bedarf, sich einerseits Versorgung zu sichern, andererseits immer wieder zu klagen… Aber auch viele Mißverständnisse können ins Gespräch kommen… Und Aggressivität.

Aber eines wird schon hier deutlich: wenn man so hört, was die Brüder und Schwestern, die Schwestern und Brüder so wahrnehmend erzählen, wird eigentlich evident, dass das klassische Bild der Gemeinde bestenfalls noch virtuell existiert. In vielen Pfarreien sterben klassische Gruppen aus: „Die Älteren werden auch immer älter und haben keinen Nachwuchs mehr“, das ist das Bonmot der Stunde. Es zeigt sich auch, dass oft eines fehlt: eine produktive und kreative Wahrnehmung. Am stärksten spürbar in Sätzen wie: „Wir haben keine jungen Familien mehr“ (um gleichzeitig von drei Kindergärten in katholischer Trägerschaft zu berichten, in denen 200 Kinder sind – und wieviele Familien). Oder: „Sie wollen doch keine Kirchenentwicklung, sondern Kirchenabwicklung“. Meine Antwort: „Ja, einer bestimmte Form von Kirche wickelt sich ab… aber es könnte ja neues entstehen“. In jedem Fall sind die Gespräche intensiv, und auch kreativ, selbst wenn das dann manchmal lange dauert, bis jemand merkt: „Das sind ja ganz neue Töne aus Hildesheim“.

Allerdings ist das alles nur ein Anfang. Nach diesem ersten Gespräch füge ich einen kleinen Impuls bei über das, was Lokale Kirchenentwicklung bedeuten könnte. Wirklich ein Paradigmenwechsel.

Frucht Nummer zwei ist: in jeder der Pfarreien, die wir jetzt bisher besucht haben, ist Leben, sind Engagierte und Begabte. In jeder Pfarrei ist genug Energie für den Aufbruch. In fast allen Pfarreien fehlt es an hinreichender Begleitung und Förderung der Engagierten… und vor allem hat mit ihnen noch kaum jemand mit einer inhaltlichen Perspektive über eine Zukunft gesprochen, die ihre Gaben und ihre Herausforderungen vor Ort zuerst in den Blick nimmt und fruchtbar macht.

Was auch auffällt: die „Fusionen“ gingen einher mit einem merkwürdigen soziologischen Reduktionismus, der überhaupt nicht katholisch ist. Wenn nämlich mehrere Pfarreien zu einer neuen Pfarrei zusammengeführt werden, heißt das einerseits zwar, dass von der Struktur „eine Gemeinde“ begleitet wird von einem Pfarrer mit seinem Team – zugleich aber bleiben ja die lokalen Gemeinden bestehen, und sind kein Betriebsunfall der Pastoralgeschichte. Ich höre ständig davon, dass sie alle „zusammenwachsen“ müssen. Aber das stimmt im soziologischen Sinne nur begrenzt. Zusammenwachsen geschieht durch die Taufe und die Eucharistie. Überall dort,wo Sakramente gefeiert und wirksam werden, wächst die Einheit in Christus, an jedem Ort, mit allen.

Zusammen wachsen geschieht, wenn gemeinsame Ziele ausgemacht werden. Aber auch dann nur dann, wenn es ersehnt wird.

Das Zielbild wird immer klarer: aus der Gemeinschaft mit Gott in unterschiedlichen Formen und als Antwort auf unterschiedlichste Herausforderungen wächst Zusammengehörigkeit im Glauben, und bilden sich Gemeinschaftsformen in der Verantwortung der Getauften – und sie werden verknüpft durch das Christus_Band der Einheit, die dann Kirche wird, katholisch und weit, im Netzwerk der Pfarrei.

Das Plädoyer am Ende heißt klar: belastet die Christgläubigen nicht mit den Strukturen. Denn die Strukturen haben nur einen Zweck: sie sollen dafür dienen, dass die Christen mit ihren Gaben Kirche sind und in der Welt bezeugen und das Evangelium verkünden. Umgekehrt: die Priester und Hauptberuflichen dürfen neu verstehen lernen, dass ihre Rolle Dienst an diesem Wachsen der Getauften ist. Nicht mehr. Nicht weniger.

Die siebzehn Besuche waren anstrengend. Aber voller Kraft und ziemlich begeistert bin ich oft zurückgekommen. Mit einer Frage: wird es uns gelingen, dem Geist Gottes, der oft so machtvoll weht, zu entdecken und zu fördern.