Und der katholische Glaube? Wie war das eigentlich mit der Bekehrungsmission der Spanier? Wie kommt es, dass die alten Riten der Aymara und Kechua überlebt haben? Das lässt sich natürlich so ganz kurz nicht klären – mein Kollege Dietmar Müßig hat darüber eine Doktoarbeit geschrieben, die spannend wie ein Krimi ist und extrem aufschlussreich. Echte Mission und Bekehrungen hat es gewiss gegeben, aber, wie in Europa auch, kann nicht einfach die Weisheit und die Religiösität der indigenen Völker weggetauft werden. Es ist ganz anders. Es ist viel subtiler. Denn es gilt ja, dass häufig die Erfahrungen und auch die Rituale der alten Religionen in der Volksfrömmigkeit überlebten, Mischformen eingingen. Dagegen halfen keine Verbrennungsaktionen und Reinigungsversuche der Spanier. Und das wußten sie eigentlich auch.

Zumal sich in den nachfolgenden Jahren immer mehr hybride Theologien zeigten, eben auch in der Kunst, und ganz besonders in der Kunst. Die Jungfrau vom Silberberg ist ein besonderes Kunstwerk, denn sie zeigt Maria als Berg, und wenn man genau interpretiert, wird schnell sichtbar, wie sehr ihr indigenen Religiosität und christliche Überzeugung miteinander gemischt sind. Dieses Bild drückt vieles aus, was auch in ähnlicher Weise bei dem Bild der Jungfrau von Guadalupe zu sehen ist: denn hier konnten die indigenen Völker die christliche Botschaft mit dem eigenen Symbolen und Geschichten verknüpfen und so spontan einen Zugang zum christlichen Geheimnis finden, aus ihrer Kultur heraus. So meine Interpretation. Und das ganze gibt mir weiter zu denken. Denn es ist und bleibt die Grundherausforderung gestern und heute mit „indigenen Kulturen“ (und das können ja auch postmoderne Kulturen sein!), das Evangelium neu zu entdecken. Das muss prinzipiell möglich sein – denn die Inkarnation war und ist immer auch eine Inkulturation, und im Blick auf die Herausforderungen der Zeit muss je neu gefragt werden, wie die Kultur der Gegenwart das Evangelium neu zur Geltung bringt, in der jeweiligen Sprache. Hier ist das Wort von Klaus Hemmerle immer wieder neu zu sagen: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Handeln, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe…“

Ist vielleicht dieses Bild ein Versuch gewesen, dies in die Tat umzusetzen – und was lernen wir hier über Maria, über die Mystik der Natur, über das, was wir „marianisch“ nennen? Wie gesagt – es gibt mir viel zu denken, diese mutige und kreative Theologie und Mariologie….

Auf salzigen Meeren…

Am nächsten Tag, nach einem wunderbaren Abend mit der Partnerschaftsgruppe, geht es früh um 6 mit dem Bus nach Uyuni, dem Salar de Uyuni. Ein kleines Abenteuer, eine ungeheure Erfahrung. Und vielleicht bin ich auch bei einem Dubai des 21. Jahrhunderts. Auf dem Altiplano, auf 4000 Meter Höhe, befindet sich der größte Salzsee der Erde, ein Salzmeer. Besser: eine teilweise siebenmeterdicke Salzkruste über einer Salzlauge, die unendlich viel Lithium (für Autobatterien?) verheißt. Man kann auf diesem See mit dem Auto fahren, auf dieser Kruste. Alles ist sonnig, und der weiße Salzbelag macht alles weiss, hell und reflektierend. Ohne Sonnenbrille geht es nicht. Wir verbringen einen wunderbaren Tag bei oder doch besser auf diesem surreal anmutenden Wunder der Natur. Ich werde diese Erfahrung nicht vergessen, einschließlich des Sundowners auf dem Salzsee. Dann fliegen wir, mit kurzer Nacht in La Paz, wo ich meinem alten Freund Patricio begegne, nach Santa Cruz, zum eigentlichen Ziel der Reise: dem 5. Amerikanischen Missionskongress.

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Mit einem wilden Taxi kommen wir nach Potosí. Offensichtlich hat der Taxifahrer zu oft an der Rennkonsole gespielt, aber es geht alles gut. Wir sind am Abend in der Pfarrei bei Padre Omar, dem Pfarrer. Herzliche Aufnahme von der dortigen Gruppe der Bolivienpartnerschaft. Und gleich geht’s weiter zu einem spannenden Projekt, zu Nat’s…

Dubai in Bolivien

Wir landen bei einem spannenden Sozialprojekt. Dazu muss man aber einiges wissen. Wer nach Potosí kommt, der sieht den Berg. Den Silberberg. Durchlöchert von 400 Jahren und mehr, in denen Millionen von Menschen unter katastrophalen Bedingungen Silber gehoben haben. Inkas hatten diese Silbermine entdeckt, vielleicht schon frühere Zivilisationen. Aber es waren die Spanier, die Potosí zu ihrem Dubai machten. Es war wie eine Geldmaschine, und Potosí war – zu bestimmten Zeiten – die drittgrößte Stadt der Welt. Und das Silber veränderte die Wirtschaftsordnung in ganz Europa. Es war… zur Zeit Karl V. Mit anderen Worten: zur Zeit der Türkenkriege, zur Zeit der Reformation. Mitten in Bolivien also liegt der Schlüssel für zentrale Kapitel der europäischen Geschichte. Ohne dieses Silber von hier – wie wären dann wohl die Türkenkriege finanziert worden, und wie wäre die Reformation weitergegangen, ohne das Silber, mit dem Karl V. Kriege und Auseinandersetzungen finanzierte? Ein spannendes Thema, ein schmerzliches Thema der Ausbeutung, ein Thema der Globalisierung im 16. Jahrhunderts.

Potosí ist heute eine kleine Stadt geworden, und war doch Zentrum der Welt. Doch auch noch heute wird der alte Glanz dieser Stadt am Berg, am Silberberg sichtbar. Hier lässt sich – im Museum della moneda – die Geschichte nachverfolgen. Denn hier wurde das Geld gemacht, dass die Welt gestaltete.

Aber auch heute noch arbeiten tausende im Berg. Eigentlich in Kooperativen, aber ganz eigentlich als kleine Ich-AGs. Jeder (nicht Frauen!, das erzürnt den Gott des Berges), darf im Berg weiterbohren, der inzwischen wie ein Schweizer Käse wirkt. Überall Eingänge, überall Loren, die wertvolle Mineralien fördern. Und im Umfeld arbeiten auch Kinder.

Eine Gewerkschaft für Kinder

Kinderarbeit ist eigentlich verboten. Und es klingt gut, sie zu verbieten. Die UNO ermahnt dazu, fordert diese Verbote ein. Aber… so einfach ist das nicht. In den vielen zerstörten Familien sind Kinder, die unter Gewalt leiden. Und der einzige Ausstieg ist die Arbeit in den Minen. Sollten sie dort rechtlos sein, weil Kinderarbeit ja verboten ist, und sie also dort rechtlos und schwarz arbeiten müssen? Das Projekt, das wir besuchen, geht einen Weg des Empowerment. Und vor uns spielen Kinder Improtheater, und sie erzählen von ihrem Leben in gewalttätigen Familien – sie berichten aber auch vom Kampf um ihre Rechte. Es sind mehr als 10000 in Bolivien, die in Minen arbeiten, nur rund 700 sind organisiert, aber die 15jährige, die uns davon erzählt, ist eine selbstbewußte junge Frau, die deutliche Leadership hat. Ich bin beeindruckt von der Solidarität und der Menschlichkeit, die ich erfahren kann bei den Kindern…. Und ich bin beeindruckt von den Frauen, die dieses Projekt durchführen und begleiten. Großartig.

Im Berg

Und dann… gehen wir am nächsten Tag in den Berg. Natürlich nicht allein. Wir werden geführt von einem Minero – aber da heute Sonntag ist, ist es ruhig. Zuerst kaufen wir Kokablätter, das die Mineros mit Energie ausstattet für ihren harten Job. Jeder Minero kauft sich auch sein eigenes Dynamit, seine eigene Ausrüstung, seine eigene Arbeitskleidung. In einem Schuppen ziehen wir auch unsere Leihklamotten an. Und bekommen einen Schutzhelm mit Berglampe. Wir fahren in die Stollen von Beto, einem eloquenten jungen Mann, der hier offensichtlich sein Glück – Silber – schon gefunden hat. Und weiterarbeitet. Eine ganz spannende Erfahrung liegt vor uns. Mit ihm gehen und klettern wir durch seine Gänge, und er erzählt sehr persönlich Geschichten von sich selbst, seinen Funden, aber auch von Unglücken und dem Leben der Mineros, das häufig schon mit Mitte vierzig Ende, mit einer Staublunge. Am Ende unseres Weges ein religiös anmutendes Ritual für den männlichen Gott des Berges, den Thito. Man kann nachvollziehen, warum die Mineros das tun – ein Leben, das ständig gefährdet ist, ein Leben, das nur dann gelingt, wenn man Silber oder andere Mineralien findet. Ich bin durchaus sehr froh, dass ich aus dem Berg herauskomme, ohne dass ich verschollen gehe, ohne dass ich stürze, oder mich verletze. Wäre alles möglich gewesen…

 

Der Anlass ist der panamerikanische Missionskongress – der Background ist unsere Partnerschaft – „hermandad“ ist das schönere Wort – mit Bolivien. Und eingeladen von Riccardo Sentilla, dem Bischof von Potosí, fahre ich mit einer kleinen Delegation nach Bolivien. Dann aber ist klar: 5 Tage Kongress sind eine zu kurze Zeit, und ich war ja auch erst einmal in Bolivien. So entsteht die Idee, auch ein paar andere Orte zu besuchen und die Partnerschaft zu vertiefen. Und so bin ich schon 4 Tage vor dem Kongress da, und werde zu einer spannenden und ertragreichen Reise eingeladen, die mir viel zu denken gibt.

Vom Wehen des Zeitgeistes

Nach einer langen Reise über Buenos Aires komme ich am Nachmittag in Santa Cruz an. Endlich. Es war sehr entspannend, aber jetzt ist es auch gut. Denke ich! Denn meine Reisebegleiter in Santa Cruz halten eine Überraschung parat. „Wir fliegen heute noch nach Sucre, über Cochabamba“. Zwei weitere Flüge machen mich zum bolivianischen Vielflieger – und um 22h sind wir endlich im Bischofshaus von Sucre angekommen. Sucre, nicht wie viele (und auch ich) denken: La Paz, ist die Hauptstadt Boliviens. Und also wichtig. Das merke ich schnell. Der heilige Reisepapst Johannes Paul II war hier auch, und diese Nacht darf ich in seinem Zimmer schlafen. Doch warum wir nach Sucre kommen, wird mir am nächsten Tag klar.

Eine Revolutionsgeschichte

In Sucre ist Bolivien zu sich selbst gekommen. Schon in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts, parallel und ja, früher als in Frankreich, kam es zu ersten Revolutionen gegen das spanische Regime, und 1830 wird Bolivien endlich unabhängig von der spanischen Herrschaft des Vizekönigs von Peru. Es ist erstaunlich, welche Parallelen zur europäischen Freiheitsgeschichte der liberal-nationalen Revolutionen hier deutlich werden. 1830 war ja auch in Deutschland der erste Versuch. Aber während die Nationenwerdung in Deutschland noch weitere 40 Jahre sich hinzog, entstand in Bolivien schon die erste Republik um 1830. Natürlich ist die politische Geschichte in Bolivien wild und unstetig – aber als Deutscher möge man sich hüten, andere politische Entwicklungsstränge leichtfertig abzuwerten. Demokratie und Partizipation sind Lernprozesse, die lange andauern, und von Generation zu Generation neu eingeübt werden müssen.

Und doch, während ich durch das Geschichtsmuseum gehe, nehme ich staunend wahr, dass offensichtlich der Geist, der in der Zeit weht, immer sehr parallel weht. Politische Aufbrüche und Abbrüche ereignen sich in Europa und Südamerika oft parallel. Und es ist zum Staunen, wie eng verknüpft auch in Vorzeiten der Digitalisierung die Welt ein Dorf war, wie sehr kulturelle Einflüsse und politische Bewegungen, und nicht nur Handel und Kultur, „kreisten“, aufbrechen und ihre Wirkung entfalten. Es gibt, ja, eine Geistkraft, die die Herzen und den Verstand in Europa und Lateinamerika gleichermaßen und zur gleichen Zeit bewegt – und wie zu allen Zeiten ist es unsere Aufgabe, die Zeichen der Zeit zu deuten. „Sende deinen Geist aus, und das Antlitz der Erde wird neu“, singen wir. Hier – im entfernten Bolivien – entdecke ich wieder einmal die Wahrheit und Wirksamkeit dieses Gebetes in allen Zeiten. Auf der einen Seite sind Kultur und Geschichte Boliviens ganz anders als in Europa, auf der anderen Seite weht derselbe Geist, finden dieselben Ideen Resonanz, wandelt sich das Paradigma des Lebens – überall.

Ein rascher Weg durch den wunderbaren Markt in Sucre, und ein wundervoll gastfreundliches Gespräch mit dem Bischof von Sucre, und schon sind wir auf dem Weg nach Potosí….

 

 

 

„Der Pastoraltheologe Christian Hennecke sieht die Weihe von Frauen oder verheirateten Männern nicht als Patentrezept für einen kirchlichen Neuanfang in Europa. „Dann würde sich die überstrukturierte Versorgungskirche bloß fortsetzen“…

So darf ich lesen. Puh. Es ärgert mich nicht wenig. Und wie schon neulich, im Kontext des ARD-Films über „Kirche ohne Priester“, frage ich, welche redaktionellen Kompetenzen hier ins Spiel kommen. Es ist modern, einzelne Zitate aus Zusammenhängen zu reißen, um polarisierte Positionen hinzubekommen. Und das kriegen wir auch katholisch hin. Nun gut. Enttäuschend, auch wenn ich es hätte wissen können. Ich lerne. Auch von der Resonanzdiskussion. Dass es besser geht, zeigt der Artikel bei kathpress. Danke dafür an die junge Redakteurin, die mich interviewt hat.

Aber vielleicht könnte es ja auch interessant sein, noch einmal den Zusammenhang aufzudröseln. In einem ersten Schritt habe ich das ja auch schon versucht, um noch einmal klarzustellen, worum es mir eigentlich geht, im Kontext mit der Frage nach den ausländischen Mitbrüdern.

Eine überstrukturierte Versorgungskirche?

Jede und jeder weiß: die einzigartige Pastoralgeschichte der Kirche im deutschsprachigen Raum führt zu einer hochdifferenzierten und komplexen Institutionalisierung, mit allen Stärken, die wir hoffentlich gut kennen: eine großartige Caritas, ein beeindruckendes Schulgefüge. Mit vielen engagierten Christinnen und Christen, die in keiner Weise vermitteln, dass diese Kirche diakonisch schwach daherkommt. Das Gegenteil ist der Fall. Und auch die Kirchengemeinden sind beeindruckende lokale Akteure, mit vielen Engagierten. Doch eine der Schwächen ist eher fatal: so wichtig die Ausstattung der Kirche mit Hauptberuflichkeit ist, die hohe Kompetenz und Professionalität in allen Bereichen der Seelsorge, so schwierig ist in diesen Zeiten des Umbruchs, in der weitaus weniger Amtsträger und Mitarbeiter*innen zur Verfügung stehen – das gilt übrigens auch für die Amtsträger*innen in der evangelische Kirche -, die Lösung von einem hochemotionalen inneren Bild der Versorgungskirche. „Wenn der Pfarrer/Mitarbeiter*in nicht vor Ort lebt, dann ist die Kirche tot“. Diese Bilder sind – auch wenn sie ein merkwürdig hierarchiefixiertes Kirchenbild anzeigen – tief prägend. Nicht wundern, das ist die Frucht einer langen Prägegeschichte, die eben leider nicht auf die Höhe des II. Vatikanums führte, sondern diese Erneuerung nur halbiert darstellt, wie Kollege Rainer Bucher immer wieder mahnt. Von daher führt das Ende dieses Gefüges zu unglaublich intensiven emotionalen Reaktionen, zu einer Selbstreferenzialität und zu einer Implosion populistischer Reflexion

Dies ist dort anders, wo – wie in der Weltkirche – nie ein solches Gefüge existierte. Dort erlebte und erlebe ich zu meinem Staunen eine viel größere charismenorientierte und selbstbewußte Selbstverantwortung der Kirche vor Ort, eine Selbstverständlichkeit der lokalen Selbstorganisation, die mich beeindruckte.

Spannend ist nun in diesem Kontext, dass auch Priester der Weltkirche, die hierher eingeladen werden, die Stärke ihrer eigenen Erfahrungen in diesem Kontext nicht ausspielen können. Ich erlebe es jedenfalls zu selten. Von daher die Vermutung: sind sie hierhergekommen, ein Gefüge zu stützen, das sonst nicht mehr halten würde? Darum dürfte es – so denke ich – nicht gehen. Denn das wäre sehr schade.

Soweit zu diesem ersten Thema.

Und das Priestertum der Frau – eine offene Lerngeschichte 

Da ich nicht – wie katholisch.de behauptet – ein Pastoraltheologe bin, sondern ein Praxisdenker, der sich Schritt für Schritt hineinlebt in neue Fragen, ist die zweite Frage, die mir polemisch entgegenschallt, viel schwieriger: „Heda ihr Frauen – Hennecke ist gegen euch“, schallt es im populistischen Resonanzraum. Hach! Wo bin ich da hineingeraten? Bin ich dafür? Dagegen? Konservativ? Zeitgemäß? Wie hältst du es mit dem Frauenpriestertum? Die postmoderne Gretchenfrage aller Kirchenreform.

Vorweg: ich bin ein Fan von Krisen. Und ich glaube, dass Veränderungen häufig nicht ganz freiwillig und durch Einsicht geschehen, sondern Krisenmomente den Ausgangspunkt für befreienden Neuansätze bilden. Aber dennoch: in der Krise der Versorgungskirche einfach die Krise mit anderen Amtsträger*innen zu perpetuieren, das wäre nicht mein Weg. Das wäre mir zu kurz gesprungen. Es geht schon um eine Erneuerung, nicht nur um eine Fortsetzung mit einer Lösung erster Ordnung. Dafür ist mir das Thema der Frauenordination zu wertvoll – wie auch der Einsatz ausländischer Seelsorger. Denn der Umbruch ist radikaler, sowohl der kirchliche Umbruch insgesamt, wie auch die damit verknüpfbare Frage der Frauenordination. Über den Umbruch kann man weiterlesen bei mir – etwa bei „Kirche steht Kopf – Unterwegs zur nächsten Reformation“.

Zum Thema der Frauenordination habe ich mich bislang nicht öffentlich geäußert, einfach weil ich für mich noch keine Position gefunden habe, die mich überzeugt. Ich bin in einer nach vorne offenen Lerngeschichte. Und ich möchte hier einfach in vier Episoden Anteil geben an meinem Weg. Das mag der einen oder dem anderen nicht reichen, aber ich bin ja auch nicht da, um andere zufriedenzustellen, die Parteigänger suchen.

  1. Ich war noch Regens des Priesterseminars, und um das Jahr 2013 sitzen wir im Michaeliskloster zusammen: evangelische Theolog*innen und „meine“ Seminaristen. Wir planen eine Reise zu den „fresh expressions“ in bewährt ökumenischer Manier. Und die evangelischen Theologinnen fragen: „Und was sagt ihr zur Frauenordination?“ Klare Frage. Die meisten der Seminaristen sagen zu mir: „Auf diese Frage können wir nichts sagen, der Papst hat doch das letzte Wort schon gesagt. Die Diskussion ist zu Ende…“. Nein, so denke ich – das ist sie ja offensichtlich nicht. Bei allen Machtworten, die mindestens in unserem Sprachraum nichts bewirkt haben. Und also versuche ich eine andere Antwort, die vielleicht mit der Hermeneutik unterschiedlicher Kirchenverständnisse zu tun haben: während es der zeitsensiblen evangelischen Kirche in Deutschland leichter fällt, diese Frage zu beantworten (wie vielen anderen Kirchen auch – etwa der anglikanischen), fällt es der katholischen Kirche als plurikulturelle Weltkirche sehr viel schwerer… es dauert länger, sich dem Thema zu stellen. Keine überzeugende Antwort – aber ich habe keine andere. Denn zu fragen wäre ja wie immer und alle Zeit: brauchen wir hier Antworten, die für eine ganze Weltkirche gelten?
  2. Ich finde mich wieder in einer Arbeitsgruppe, die an einem Text über die Ekklesiologie des II. Vatikanums arbeitet. Es geht um Lumen Gentium 10 – um den vielzitierten wesenhaften Unterschied zwischen gemeinsamen Priestertum und dem Priestertum des Dienstes. Und ich traue meinen Ohren nicht. Denn ein Theologe mein, dieser wesenhafte Unterschied sei in den Untiefen der Metaphysik zu verorten und auf die ontologische Differenz zwischen Mann und Frau im Schöpfungsplan. Wir sind empört und halten dagegen. Aber: „Das könnt ihr – aber es geht um die Wahrheit“, wird entgegengesetzt. Fein: das Priestertum des Dienstes ist von der Schöpfung her mit dem Mann verknüpft. Dann ist ja alles klar. Mir war nicht klar, dass dies theologisch überhaupt denkbar ist. Ob von solchen Spekulationen in metaphysischen Abgründen Gott selbst überhaupt weiß – das möchte ich mehr als bezweifeln. Nicht nur ich – zum Glück setzt sich eine solche Argumentation nicht durch. Sie hat mit dem Sinn des Konzilstext ohnehin nichts zu tun. Die Frage bleibt deswegen aber offen.
  3. Ein langes Gespräch mit Christiane Florin. Lange Gespräche, nicht ganz einfache, mit Freundinnen und Bekannten über den Weiberaufstand. Ich merke, ich kann meine Gedanken zu Kirche und Veränderung, zu Amt und Dienst kaum verständlich machen. Warum? Geht es beim Amt um Macht? Erfahrungen von Frauen, mit denen ich mich sehr verbunden fühle, öffnen mir – dem Mann und Priester – eine neue Welt erniedrigender Erfahrungen mit der Hierarchie, mit einer als ungerecht erfahrenen Herrschaftsstruktur. Da nützt meine Theologie nichts. Ich kann sie nicht kommunizieren, und das tut auch mir sehr weh. Ein wirklich emotionales und schmerzliches Thema. Es macht mir nochmal deutlich: eine echte Reform der Kirche muss die Frage nach dem ordinierten Amt auch der Frauen wesentlich mitbedenken. Aber dann muss überhaupt bedacht werden, wie das Amt auch für Männer, eben insgesamt neu durchdacht wird. Die bisherigen geschichtlich gewachsenen Konstellationen sind so ambivalent, so wenig theologisch aufgeklärt. Ich bin dabei zu verstehen.
  4. Ich erlebe – gerade auch im ökumenischen Kontext – sehr viele Liturgien in evangelischen Kirche, ich erlebe viele sehr glaubwürdige Pastorinnen. Und ich erlebe für mich nicht, dass dies in irgendeiner Weise „nicht ginge“. Aber diese Erfahrungen sind in sich ja noch kein Argument. Und ich bin auch zu katholisch, dass ich nicht das lange Nachdenken über die andere Traditionsgeschichte ernstnehmen wollte. Was mir klar ist: neue Zeiten und eine andere Wahrnehmung werden auch die alte Tradition neu sehen lassen. Mein Zugang zur Frauenordination fällt mir am leichtesten, wenn ich der Spur folge, die Fritz Lobinger gelegt hat: in Afrika, in Lateinamerika und Asien sind in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrungen von Gemeindeleitungsteams gewachsen, als Frucht von Kirchenentwicklungsprozessen, die das Volk Gottes in den Mittelpunkt rücken, Männer wie Frauen. Die „leadership“ von Männern und Frauen hat das Volk Gottes profiliert. Sollte man, so Lobinger, nicht diese Team zu lokalen Presbyterien ordinieren? Ähnliches denkt Bischof Kräutler seit Jahren laut – und wird Thema der Amazonassynode. Männer und Frauen als ordinierte Prebyterien, als Frucht einer basisorientierten Kirchenentwicklung – das könnte ein Zugang sein?

Für mich ist also die Frage noch nicht beantwortet. Wie nirgendwo in der Geschichte und in keinem Entwicklungsprozess lassen sich Hebel einfach umlegen. Sonst würde man nur das alte in neuem Gewand präsentieren. Aber ein wahrhaft offener – und vielleicht auch öffentlicher – Prozess des ehrlichen Miteinander-Ringens wäre an der Zeit. Wenn der in Gang käme und dabei einer dem anderen die Ernsthaftigkeit und Ergebnisoffenheit glaube könnte, dann wäre das mehr als wünschenswert. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit würde sich im Stil des Miteinanders zeigen (und was diesen Stil anbetrifft, da sehe ich unsere römische Kirche in der Tat in einer Bringeschuld!) und so könnten sich neue Wege öffnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zu einem Artikel in katholisch.de

Da wird man interviewt von kathpress. Über die Perspektiven und Dimensionen der Erneuerung – vielleicht auch in Österreich. Es geht nicht um Priester, zumal um ausländische Mitbrüder. Es geht um die inneren Bilder, die weiterhin das Bild einer bekannten volkskirchlichen Versorgungskirche in sich tragen; über die Herausforderungen der Kirche, die darin bestehen, sich auf ganz neue Paradigmen einzulassen, und vor allem: dass es darum geht, sich neu auf Christus einzulassen.

Aber übrig bleiben ein paar Bemerkungen über Priester anderer Muttersprache, die im deutschen Sprachraum reichlich eingesetzt werden. Und es scheint so, als ob ich ausländischen Priestern nicht zutraue, in Deutschland oder im deutschsprachigen Raum einen wichtigen und guten Dienst zu tun. Das ist aber ganz und gar nicht meine Meinung, die hier – durch sinnentstellende Kurzzitate – zum Ausdruck kommt.

Die Not-wendende Weltkirche

Die wichtigsten Impulse meiner pastoralen Lernkurve kommen aus Afrika, Asien und Lateinamerika. Von pastoralen Prozessen, von Priestern mit einer großen Vision, von Ortskirchen mit pastoralem Weitblick. Sie kommen aus der anglikanischen, der evangelischen, reformierten Kirche, aus Freikirchen. Und immer sind es Pastorinnen und Pastoren, Pfarrer und Gemeindeleiterinnen, die mich zutiefst berührt haben. Wann immer sie – über Missio oder Adveniat – kamen (oder wir hinfuhren), um von ihren Wirklichkeiten zu erzählen, wann immer ich Gast sein durfte in ihren Pfarreien, habe ich unheimlich viel gelernt: was eine Vision, was ein pastoraler Prozess ist.

Und nicht zuletzt verdanke ich vieles Ordensleuten wie dem Pallotiner P. Thomas Vijay, wie Mark Lesage CICM und vielen anderen. Was lokale Kirchenentwicklung ist, ist ohne sie,  ohne die Priester und Ordensmänner und -frauen aus den USA, aus England und Frankreich, nicht erklärbar. Ich bin unendlich dankbar. Darum also geht es nicht, hier Stoppschilder aufzubauen. Ganz im Gegenteil. Würden wir doch mit Ihnen und von Ihnen noch viel mehr lernen.

Herzliche Brüderlichkeit

In meinem Bistum und in vielen anderen Bistümern bin ich Mitbrüdern aus Polen, und vor allem Indien begegnet. Und es ist eine Freundlichkeit und Herzlichkeit erfahrbar, die mich tief bereichert. Viele Fragen und viele Offenheit, gemeinsam zu lernen. Und Offenheit und spirituelle Tiefe durfte ich in Indien und mit denen erfahren, die dann in unser Bistum gekommen sind. Auch darum geht es also nicht.

Worum es aber geht

Und dennoch: ich habe erlebt und erlebe, auch mit Bewunderung, aber auch mit Schmerz, dass diese meine Mitbrüder in einer Weise herausgefordert sind, die sie sich nicht vorstellen konnten. Sie geraten nicht einfach in eine fremde Kultur, sie geraten in einer fremde Kultur, die gesellschaftlich wie kirchlich in einem Umbruch ist, der mit dem Begriff „Paradigmenwechsel“ korrekt, aber harmlos beschrieben wird.

Wir selbst, die wir hier kirchlich geprägt sind, verstehen ja im Augenblick nicht wirklich, wie sehr die Glaubenswelt, die kirchliche Praxis sich wandelt, wie sehr revolutionär umbrüchig sich die Strukturen der Seelsorge zeigen, wie herausfordernd das alles ist – und wie sehr sich die Rolle des Priesters dann ändert, und ändern wird.

Wir hier groß Gewordenen versuchen ja oft noch, weiter zu machen, es „irgendwie“ noch hinzukriegen. Gestaltungsprozesse hingegen sind erst langsam sichtbar, und setzen einen Mentalitätswandel voraus, den wir kaum erahnen, in dem wir aber mittendrin stecken. Postmoderne, postmoderne Kirche, charismatische Aufbrüche, Abbrüche der Volkskirche, Neukonfiguration des Glaubens – all diese Stichworte kennen wir gut.

Und dann aber kommen aus Indien, aus Polen, aus anderen Kontinenten Priester zu uns, die mehrfach herausgefordert sind. Sprache ist wichtig, und sie kann man lernen. Und dennoch weiß jeder: Sprache ist auch Kultur, Sprache ist mehr als Worte, Kodierungen des Alltags, Mentalitäten, kirchliche Entwicklungen sind darin nicht enthalten, selbst wenn man darum „weiß“: im Kopf.

Vieles ist fremd, nicht nur Kultur und Sprache, sondern auch die Art und Weise, wie wir katholische Praxis entwickelt haben, eine Praxis, die gerade zerbricht. Diese Herausforderungen werden noch größer, wenn man – wie oft – aus funktionierenden und reichhaltigem volkskirchlichen Lebenszusammenhängen kommt, wo die kirchliche Praxis selbstverständlich ist. Dann fehlen einem alle Werkzeuge, um sich hier zurechtzufinden. Alles ist anders. Nur in wenigen Fällen gelingt es hier, sich heimisch zu fühlen, mindestens dauert es aber wohl mehr als 10 Jahre, bis das gelingen kann. Das sind lange Wege, und immer mehr bewundere ich meine Brüder.

Und dennoch: Die Untersuchungen zu Priestern aus der Weltkirche belegen schmerzlich – für alle Beteiligten, wie selten dies eine Erfolgsgeschichte ist. Darum geht es, aber nicht zuerst.

Worum es eigentlich geht

Aber was war dann mein Plädoyer? Vor kurzem habe ich eine Meldung im Newsletter von Radio Vatikan über die Entwicklung der Priesterzahlen gelesen. Als erstes fast stand da: der Priestermangel in Europa sei am geringsten. Ja, in der Tat: in Lateinamerika, in Afrika, in Asien sind erheblich weniger Priester für die Glaubenden da, und dennoch ist hier ein Weg gefunden worden, wie Kirche vor Ort lebt – aus der Kraft der Getauften, die gut begleitet und unterstützt und genährt werden von Priestern, die viel weniger präsent sein können. Das ist eine beeindruckende Entwicklung.

Hier im deutschsprachigen Raum klagen wir hingegen kontinuierlich. Und mir kommt ein Verdacht: wir können und wollen ein volkskirchliches Gefüge weiter erhalten, weiter fortführen in derselben priesterzentrierten Versorgungskirche, die sich uns emotional ins Herz eingebrannt hat, ohne die – so scheint es – wir gar nicht Kirche sein können.

Es ist klar, dass wir ohne Eucharistie und ohne ordiniertes Amt nicht Kirche sein können. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Wär ich dann katholisch, wenn ich anders denken würde? Das ist also klar. Und dennoch gilt es zu fragen, ob wirklich Motive der förderlichen Entwicklung die Gedanken derjenigen geleitet haben, die viele Priester aus anderen Welten zu uns eingeladen haben. Worum ging es dabei? Und: Ist es eine Gerechtigkeit, dass wir das können, weil wir Geld haben? Und andere noch viel weniger Priester haben dürfen? Ich erinnere mich, dass die römische Kleruskongregation zu diesem Punkt sich sehr kritisch geäußert hat. Sich die Verlängerung des volkskirchlichen Bildes zu erkaufen, mag möglich sein, sinnvoll ist es doch eher nicht. Und eben: es ist ungerecht, allen gegenüber: den anderen Ortskirchen, die Priester viel nötiger hätten; den Mitbrüdern, die möglicherweise in anderen Kulturen viel intensiver ihre Stärken ausspielen können; und unseren eigenen Ansprüchen an kirchlicher Transformation, die so kaum gelingt.

Anders ist dies bei Ordensgemeinschaften, die weltkirchlich verankert sind: hier ist Internationalität von vornherein Wirklichkeit, und hier ist das wechselseitige Lernen, sich austauschen Wesensvollzug. Interkulturalität ist Programm. Wo das so ist, ist dies eine gute Möglichkeit, die Weltkirche heute zu gestalten. Aber das gilt auch nicht überall.

Zulassungsbedingungen zu ändern, bringt in diesem Zusammenhang nicht wirklich viel. Viel aber würde eine Kirchenentwicklung bewirken, die das Volk Gottes, Männer wie Frauen, ermöglicht, ihre Gaben, ihre Kompetenz und ihre Begeisterung mit Verantwortung einzubringen.

Wenn in mehr als der Hälfte der deutschen Diözesen Leitungsmodelle für ehrenamtliche Leitung eingeübt werden, dann scheint mir das ein wichtiger Schritt zu sein. Bischof Fritz Lobingers Vorschlag von der Ordination solcher Teams, die als spannende Überlegung auch im Kontext der Amazonassynode wieder in den Blick kommt, ist mehr als spannend, aber er setzt eben Kirchenentwicklungsprozesse voraus, die eine zu einseitige Fixierung auf vergangene volkskirchliche Paradigmen hinter sich gelassen hat.

Und darauf kommt es eigentlich an. Und darum geht es auch.

 

Ich hatte von dieser unglaublichen Geschichte gehört. Vom Pfarrer der evangelischen Gemeinde im Osten Stuttgarts, der nach einem Chorleiter suchte, darum betete, um dann Thomas Dillenhöfer zu begegnen: dem leidenschaftlichen Chorleiter. Und dann passierte es: ein Gospelprojektchor entstand, der immer größer wurde (und schon mehrere Ausgründungen hat). Inzwischen singen in den Projekten über 500 Leute mit, und sie proben jeden Donnerstag in der evangelischen Friedenskirche. „Da sind jede Woche unheimlich viele Leute“, sagt der Hotelier, der mich für eine Nacht in Stuttgart beherbergt. „Und Sie sind heute abend da zum Konzert? Ich will auch kommen – kostet das Eintritt?“ „Nein“, sage ich, „es ist ein Gottesdienst, und ich soll predigen, aber ich weiß noch gar nicht worauf ich mich einlasse…“

In der Tat. So ist es. Als ich um 18h zur Vorbesprechung komme, wird gerade geübt. Ca 100 Sänger, oder? Es wirkt so echt, so beeindruckend lebendig, schon diese Probe. Die Kirche füllt sich. Um 19h beginnts. Nach dem Einsingen zuvor, bei dem die Begeisterung überschwappt in die gefüllte Kirche, nun Stille. Zum Ankommen. Die Glocken läuten. Und 19.05 beginnt es mit Liedern und einer Einführung von Thomas Dillenhöfer.  Ich sehe zu, wie er das macht. Nein, er macht es nicht – er ist es. Der Chor und die Menschen in der Kirche, werden da hineingezogen in ein Miteinander, das echt die Herzen öffnet. Es wird gesungen, und sehr volle Stimmen, vielstimmig und schön.

Und was kann ich da noch predigen? Das, was ich erlebe, ist doch schon eine Predigt, oder? Aber – das hatte mir Tom gesagt: normalerweise eine halbe Stunde…  „Und predige über das, was dir am Herzen liegt“. Und so predige ich nicht über Kirchenentwicklung, sondern… über Pfingsten und den Geist.

Energy beats everything

Ich war in Edingburgh. Und stieß auf diese Werbung. David und Goliath. Der kleine starke gegen den Großen Mächtigen. Er steht oben, mit seiner Zwille – und trinkt einen Energydrink. Und dann dieser Spruch. „Energy beats everything – yours, theirs, the universe’s“. Und ich musste an den Geist Gottes denken. Er ist doch die Energie, das Wirken Gottes in dieser Welt. Eine ganz andere Energie als die physischen Energien, als Atom und Licht. Gottes Wirken eben – in allem.

Mir fiel einer der großen alttestamentlichen Texte ein, eins der großen prophetischen Bilder des Ezechiel. Es erzählt von der Auferweckung des Volkes Gottes. Eine Erzählung wie ein Horrorfilm. In der Ebene liegen die Knochen, alles verloren, alles tot. „Kann daraus noch Leben werden?“ „Das weißt alleine du, Herr!“ Und dann geschieht es, dass durch das Wort des Propheten, durch den Geist Gottes das Volk wieder lebendig wird – voller Geist. Voller Kraft.

Was geschieht hier eigentlich? Die Geistkraft erfüllt die Einzelnen, und belebt, erneuert. Die Geistkraft ist vor allem „Auferstehungsenergie“: sie holt uns ins Leben zurück – aber das heißt auch: alles, was vielleicht tot ist, alles was daniederliegt, darauf läßt sie sich ein, die „ruach“, um von innen her neues Lebens zu schenken. Aber sie ist noch mehr – und vor allem das: sie ist soziale Energie. Denn sie führt Menschen zu einem Volk zusammen, sie erlöst das verwundete, verletzte Zwischen-uns. Das „Zwischen-uns“ wird der Raum seiner Herrlichlichkeit, also seiner Gegenwart, die strahlt…

Der Pfingstgeist live

Aber all das, was da zu predigen ist, das erfahre ich live. In der Friedenskirche ereignet sich – vielleicht oft? – diese Wirklichkeit. Menschen werden in Seinem Geist in einen Leib zusammengefügt, als Schwestern und Brüder. Das ist das Wunder und das Wundern von Pfingsten. Nicht nur hier. Ich erlebe es ja an vielen Orten, bei Zeitfenster in Aachen, in der Seminarkirche bei Familiengottesdiensten.

Hier wird Kirche, hier wächst Gemeinde – aber nur dann, wenn man die scheinbare Normativität einer Kirchengemeinde hinter sich lässt. Denn hier wächst Kirche neu heran, in neuen Formen, aber genau aus der Mitte dessen, was sie ausmacht. Aus der erlebbaren Christusgegenwart, der Gegenwart des verbindenden Geistes, der das Zwischen der Menschen bewohnt.

Müssen nicht alle Strukturen einfach nur als Dienst daran verstanden werden, dass dieser Geist sich auswirken kann? Nicht der Geist muss sich an Strukturen anpassen, sondern jede institutionelle Gestalt der Kirche braucht jene Erfahrungen des Geistes, um lebendig zu sein…. und hat die vornehme Aufgabe diesem Werden der neuen Welt zu dienen. Wie sagte schon der orthodoxe Patriarch Athenagoras: „Ohne den Heiligen Geist ist Gott ferne, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium toter Buchstabe, die Kirche eine gewöhnliche Organisation, die Autorität Herrschaft, die Mission Propaganda, der Kult Beschwörung, und das christliche Handeln Sklavenmoral. Aber in Ihm: ist der Kosmos erhoben und seufzt im Gebären des Königsreiches, ist der auferstandene Christus da, ist das Evangelium Macht des Lebens, bedeutet die Kirche trinitarische Gemeinschaft, die Mission ein Pfingsten, die Liturgie Gedächtnis und Vorgeschmack, wird das menschliche Handeln vergöttlicht.“

Und dem ist nichts hinzuzufügen. Vor allem, wenn man es immer wieder erleben darf. Wie ich zu Pfingsten im Gospelhaus.

 

Der folgende Beitrag entstand – in der herausfordernden Pecha Kucha Methode – für das Podium „Zukunft der Kirche vor Ort – zwischen Dauerzoff und Grabesruh“ auf dem Katholikentag

 

  1. (Blitz)
    Das Leitungsthema ist in der Kirche vielleicht eines der aufgeladensten Themen in der Kirche. Wir ahnen, es geht um etwas Wesentliches. Um eine Grundordnung der Kirche, die ja wesentlich sakramental verfasst ist. Und wenn diese Kirche in einem fundamentalen Umbruchsprozess ist, dann wird die Frage nach der Leitung neu zu stellen sein. Denn die Neukonfiguration der Kirche wird auch die Rolle und den Dienst der Leitung neu konfigurieren. Und das gilt um so mehr, als in diesem neuen Wirklichkeitraum der Kirche auch die Leitung von Gemeinden durch ehrenamtliche Teams ins Leben kommt. Bedroht so etwas die die sakramentalen Leitungsaufgaben des Priesters? Das ist die spannungsreiche Frage. Und es scheint oft so: hier kann man nichts ändern, weil es so sein muss.
  2. (Fusswaschung)
    Geht es um Machterhalt? Oft wird die Frage der Leitung unter dem Stichwort der Macht diskutiert. Dann haben wir ein Problem. Ein ernstes Problem mit dem Evangelium. Denn hier gilt ja: „Bei euch soll es nicht so sein…“; „Nur einer ist euer Meister…“ „Ihr alle seid Geschwister…“ Hoffentlich ist das nicht nur ein ideologisches Füllwort, hoffentlich ist Fusswaschung keine Machtgebrauch verdeckende Sonntagsrede.
    Das muss sogar noch vertieft werden. Die Fusswaschung verweist auf einen tiefen Transformationsprozess, auf das Geheimnis des Kreuzes. Und das meint ja: was bedeutet es für den Dienst der Leitung, wenn Gewalt und Macht in Liebe und Dienst verwandelt wird. Was bedeutet das für ein christliches Leitungsverständnis.
  3. (Pyramide)
    Ja, wir haben eine verdunkeltes und traumatisches Leitungsverständnis. Durch Macht ist es desavouiert. Und dafür steht das Bild von der Pyramide. Zu häufig wurde Vollmacht mit Macht verwechselt. Dienst zum Herrschen gebraucht. Denn Pyramide heißt Oben und Unten, heißt Priester mehr als Laien, heißt Männer über Frauen, heißt Macht und Unterlegenheit. Alltägliche Kirchenerfahrungen, die uns bis heute tief prägen. Aber: solange wir dieses Bild im Kopf, und vor allem im Herz haben, finden wir keine Lösungen für das Leitungsthema.
  4. (Kirche auf dem Kopf)
    Aber die Vision der Kirche und ihre Entwicklung stellt diese Perspektive radikal um. Papst Franziskus schreibt (EG 102): „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger. Das Bewusstsein der Identität und des Auftrags der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien, die aus der Taufe und der Firmung hervorgeht, zeigt sich nicht überall in gleicher Weise. In einigen Fällen, weil sie nicht ausgebildet sind, um wichtige Verantwortungen zu übernehmen, in anderen Fällen, weil sie in ihren Teilkirchen… keinen Raum gefunden haben, um sich ausdrücken und handeln zu können.“
    Das stellt die Kirche auf den Kopf. Nicht von der institutionellen Kirchengestalt, zu der auch Laien gehören zu denken, sondern radikal vom Volk Gottes her zu denken – das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem aber auch für die Priester, für das Verstehen des Amts.
  5. (Priesterweihe)
    Es geht um einen Dienst, einen Dienst der Leitung. Deswegen lautet ja die erste Frage der Priesterweihe, die der Kandidat beantwortet: „Bist du bereit, das Priesteramt als zuverlässiger Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten?“ Es geht ja um Leitung, die gemeinschaftliche gelebt wird. Es geht um Leitung, die aber im Hören auf dem Geist, in geistlichen Unterscheidungsprozessen besteht – aber vor allem hat der Leitungsdienst den Auftrag, dass das Volk Gottes seine Mündigkeit immer tiefer erlebt und erfährt und auslebt. So formuliert der programmatische Einführungstext zum sakramentalen Dienstamt in Lumen Gentium 18: „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus der Herr in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind. Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen.“
    Es kann kaum deutlicher formuliert werden, worum es gehen soll: der Text macht mehr als deutlich, dass das Subjekt der Leitung Christus selbst ist, und dass der Dienst darin besteht, den Brüdern und Schwestern Wege zu eröffnen.
  6. (Konzilsaula)
    Das Konzil hat dies in einem memorablen Text verdeutlicht: Lumen Gentium 10 formuliert: Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebr 5,1-5), hat das neue Volk „zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht“ (vgl. Offb 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat (vgl. 1 Petr 2,4-10)
    Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil.“

    Damit wird deutlich: es geht um das gemeinsame Priestertum aller Getauften, um die Sendung, das Evangelium zu verkünden. Und schon im Namen wird deutlich, worum es beim sakramentalen Dienst geht: um ein Priestertum des Dienstes, das nicht mehr oder weniger als das gemeinsame Priestertum ist, sondern „anders“! – eben nicht in einer graduellen Abstufung. Damit ist neuerlich klar: das Volk Gottes als ganzes kann nicht in irgendeiner Weise graduell abhängig beschrieben werden. Kurz und knapp: Priester stehen nicht über Laien, Leitung des Priesters ist grundsätzlich anders als die Leitung, die Laien tun. Sie stehen nicht in Konkurrenz. Sie ist auch nicht zuerst delegiert.

  7. (Baum mit Wurzel)
    Und deswegen ist es irreführend, im Kontext unterschiedlicher Leitungsdienste von einer Letztverantwortung des Pfarrers zu sprechen. Darin steckt ja weiterhin ein „oben – unten“. Theologisch hält diese Ausdrucksweise nicht stand. Besser ist es, von einer „Grundverantwortung“ zu sprechen: eine Verantwortung für den Grund, die Wurzel, für Christus also. Es geht bei dieser Verantwortung um den Verweis auf Christus, auf seine führende Gegenwart im Geist. Das genau ist dann nämlich der sakramentale Leitungsdienst: es ist der Dienst daran, dass die Kraft Christi allen zur Verfügung steht, damit sie mit ihren Gaben leiten und führen können. Der sakramentale Dienst besteht im Dienst an der Mündigkeit der Christen.
  1. (Landkarte)
    Egal wie groß pfarrlichen Strukturen sind, egal wie pfarrliche Strukturen geschaffen werden – diejenigen, die in einer Pfarrei Dienst als Priester und Hauptamtliche tun, wird es um die Befähigung und Ermöglichung des Wachsen der christlichen Verantwortung und Mündigkeit, der Freiheit und der Selbständigkeit der ureigenen christlichen Identität und Sendung aller gehen.
  2. (Bischof Wüstenberg in Aliwal)
    Was bei uns noch Diskussionen auslöst, weil es ungewohnt ist, ist seit Jahrzehnten Praxis der Weltkirche. In Afrika, Lateinamerika und Asien werden örtliche Gemeinden selbstverständlich von Teams Getaufter geleitet. Sie werden beauftragt vom Bischof, tragen Verantwortung und nehmen Leitung wahr. Sie sind Repräsentanten der Gemeinde, „teams of elders“ (Ältestenteam) oder – wie in Frankreich – eine „equipe d’animation“: eine Gemeinschaft derer, die dem Leben der Gemeinde eine Seele einhaucht.
  3. (Team)
    Ganz selbstverständlich geschieht hier Leitung vor Ort. Nicht als Delegation, sondern im Interesse und als Ausdruck des christlichen Lebens vor Ort. Überall, wo Gemeinden sind, wo neue Gemeinden entstehen, wachsen – in letzter Zeit auch in deutschen Diözesen (in mehr als 13) – Formen ehrenamtlicher Leitung, die gemeinsame Kennzeichen haben: sie sind Teamleitungen, sie sorgen für das, was vor Ort gelebt und getan werden kann (Subsidiarität), sie werden gut begleitet und evtl auch weitergebildet, sie sorgen für eine charismenorientierte Pastoral.
  4. (Rufsignet)
    Im Hintergrund steht eine Theologie des Rufens. Es geht nicht darum, jemanden für einen Dienst zu gewinnen, damit er getan wird. Es geht vielmehr darum, Menschen zu „rufen“, ihnen eine Möglichkeit zu geben, ihren Ruf zu leben. Zugleich aber braucht es die Antwort des Einzelnen, und die Resonanz und Akzeptanz der Gemeinschaft, die ihn aussendet.
  5. (Ohne Vision verkommt das Volk)
    Doch dazu braucht es eine Vision. Ja, denn wir wären immer in der Lage, den hier begründeten Paradigmenwechsel zu verpassen, der in diesem Verständnis von Leitung steckt. Dann ginge es nur darum, auf dem Rücken der Getauften weiterzumachen, was bisher im Kontext der Versorgermentalität (und auch der Machtübernahme) geschah.
    Es geht nicht um die Frage, wie man das System retten kann. Es geht um die Herausforderung, die im Konzil gründet: Kirche zu verstehen als Volk Gottes, das aus der Kraft der Taufe selbstsorgend und selbstleitendes Volk ist, dem durch den sakramentalen Dienst des Priesters und den Dienst der Hauptberuflichen ermöglicht wird, es selbst zu sein. Es geht darum, dass der Geist Christi dieses Volk leitet.
    Und ja, das ist ein Prozess, ein längerer Weg zum Ziel. Es braucht Zeit. Ich denke, dass der Anfang schon da ist. Ich genieße diese Anfänge, sie bedeuten für alle eine Umkehr.
    Aber wir werden entdecken: sakramentaler Dienst der Leitung wird mehr er selbst, wenn Christen vor Ort ihre in der Taufe gegründete Leitung in den verschiedenen Feldern wahr-nehmen.