Nein, es stört mich nicht, wenn mich ein evangelischer Kollege fast jedes Mal kommentiert, wenn ich ihm auf Tagungen begegnet: „Das ist ja evangelisch – da muss ich jetzt mal die katholische Tradition vertreten“. Was so scherzhaft daherkommt, hat ja einen ernsten Hintergrund. Es liegt nicht daran, dass mein Denken und Fühlen nicht katholisch wäre und tief in unserer katholischen Kirche und Tradition verwurzelt wäre. Ganz im Gegenteil: ich würde schon für mich in Anspruch nehmen, dass ich meine katholische Theologie gut durchdacht habe – aber vielleicht geht es ja um eine andere Dimension des Ganzen.

Das wird mir immer deutlich, wenn wir – wie zuletzt – unterschiedliche Beurteilungen in Sachen wechselseitiger Zulassung zur Kommunion haben. Zweifellos bündeln sich hier Herausforderungen, die aber, so mein Eindruck, gar nicht in den tiefen Gründen unserer Theologie liegen, sondern in der Wahrnehmungslogik und in der Grundarchitektur des Denkens.

Ich möchte es versuchen zu erklären. Alles beginnt für mich mit einer Erfahrung. In Anschluss an den Kongress Kirche2 haben wir mit dem ökumenischen Team einen Klausurtag im evangelischen Kloster Wülfinghausen gemacht. Und natürlich haben wir auch Liturgie gefeiert. Nora Steen, die den Kongress so wundervoll moderiert hatte, stand dem evangelischen Abendmahl vor. Und ich war beeindruckt von der Tiefe, Einfachheit und Freude dieser Liturgie. „Das ist Abendmahl, das ist eucharistische Feier“, dachte ich. „Wir Katholiken können nicht ernsthaft denken, dass das nicht so ist“. Es war eine wunderbare Feier, die uns gemeinsam tiefer verbunden hat, in Seiner Geistkraft.

Von dieser tiefen existenziellen Erfahrung aus begann ich mich zu fragen, wieso wir immer wieder sagen, dass wir uns in vielen Fragen noch nicht einig sind. Es stimmt sicher, dass die evangelischen Brüder und Schwestern ein anderes Ordinationsverständnis haben, einen anderen Blick auf die Kirche werfen und auch Sakramentalität in andere Kategorien fassen – aber das tun wir ja auch. Jede Konfession, jede Kirche hat ihren eigenen Denkweg, ihre eigenen theologischen Muster und Architekturen. Es ist eben anders, ob ich Theologie mit scholastischen oder existenziellen Denklogiken betreibe und welches der philosophische Abgrund meines Denkens ist. Natürlich kann ich anderen vorhalten, dass sie nicht so wie ich denken – und das ist zunächst nur dann problematisch, wenn ich die Denkform verknüpfe mit dem Geheimnis, dass wir doch alle nur stotternd zu Ausdruck bringen: ja, es geht um das Geheimnis der Gegenwart Gottes und wie es uns erreicht in Brot und Wein und uns verwandelt (Eucharistie); es geht darum, dass niemand es machen kann, denn es ist uns geschenkt (Sakramentalität); und es geht darum, dass niemand die Macht hat, das zu bewirken, außer Gott selbst in seiner Geistkraft (Ordination). Ja, wir haben unterschiedliche Zugänge, aber wir leben alle aus derselben Erfahrung – eine Erfahrung, die uns eint und verbindet in der einen Wirklichkeit der Liebe (Kirche).

Was wir brauchen, ist die Demut und das Staunen vor dem Geheimnis, das uns prägt. Und was wir brauchen ist die Demut und Neugier, zu verstehen, wie der Bruder und die Schwester unser Lebensgeheimnis durchdenken – in anderer und ungewohnter Weise.

Und nun kommt es darauf an, dass der eine – wie Paulus im Philipperbrief schreibt – den anderen höher einschätzt als sich selbst.

Das ist ein anderes Denkmuster. Es geht nicht um richtig und wahr, falsch und defizient, sondern um das ehrliche voneinaner und miteinander lernen. Man kann diese Weise des ökumenischen sentire cum ecclesia ähnlich formulieren wie Klaus Hemmerle: Lass mich dich Lernen, Dein Denken und Spüren, Deine Tradition und Deine Denkwege, damit wir gemeinsam entdecken können, welcher Reichtum uns geschenkt ist und was uns eint. Es geht darum, die Weite des Denkens zu lieben.