Notwendige Schritte auf dem Weg zu einer Spiritualität der Zukunft.

Der Christ der Zukunft – ein Mystiker. So lautet ein prophetisches Wort. Der katholische Theologe Karl Rahner, der diesen Satz äußerte, hatte noch eine andere Perspektive für die Zukunft. Er sprach von einer pfingstlichen gemeinsamen Spiritualität, einer Mystik in Gemeinschaft. Auch das war prophetisch. Und vielleicht ein wenig rätselhaft und vielleicht sogar unheimlich. Mystik? In Gemeinschaft? Aber wenn Mystik nichts anderes ist als ein tiefes Eintreten in die Wirklichkeit der Welt, in ihr Geheimnis, dann verliert sie ihre Esoterik. Es geht um dann um wesentliche Tiefenerfahrungen. Und diese Erfahrungen erspüren auch viele, die vielleicht auf den ersten Blick gar nicht „christlich“ zu sein scheinen. Uns erwartet eine Entdeckungsreise in die Tiefe der Wirklichkeit – und Hinweise, wie wir sie leben könnten.

Ich möchte heute nachdenken über eine Dimension geistlicher Erfahrung, die gerne das „Zwischen“ nenne. Mir scheint nämlich, dass die Wirklichkeit, in der wir leben, genau erfordert: dass wir das „Zwischen“ neu bedenken. Es ist das Zeichen unserer Zeit, in Hoffnung und Verheißung, in Scheitern und Gelingen – und zugleich ist es ein urevangelische Erfahrung: der Kern der frohen Botschaft kann hier neu erschlossen werden.

Und indem wir diesen Kern im heute neu entdeckenkönnen, werden wir auch neu entdecken, was eigentlich mit Kirche gemeint ist – und noch weiter: wie wir das Reich Gottes als „existenzielles Territorium der Gottesgegenwart“ entdecken können.

Doch wer von Mystik redet, der darf auch im christlichen Kontext mit Vorbehalten rechnen. Auf der einen Seite gerät er in die spirituelle Ecke – und das ist zwar hipp, aber eben nur eine Randdisziplin echter Theologie. Und natürlich riskiert die Rede von der Mystik hier eher von Dingen zu erzählen, die nicht ganz durchschaulich sind.

Noch riskanter ist es, wenn Mystik eher in den Kontext des Esoterischen gerät: denn dann wird diese Rede mysteriös verschleiernd, betrifft vielleicht einen zu intimen Bereich, wirkt abgehoben und elitär, für religiöse Hochleistungseliten und spirituell Hochbegabte. Und immer mit dem Risiko, spirituelle Nebenwelten zu konstruieren.

Deswegen gilt es, von vornherein Position zu beziehen. Es ist der katholische Jahrhunderttheologe Karl Rahner, der formuliert hat: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfahren hat…“ – einer, der Christus erfahren hat. Zunächst und vor allem erscheint das nun alles andere als spektakulär. Ist es nicht geradezu selbstverständlich?

Ich meine nicht. Eine gute Freundin hat mir neulich davon erzählt, dass sie während ihres Theologiestudiums eigentlich über den Glauben nachgedacht, tief die theologische Tradition reflektiert hat – aber die eigentliche persönliche Christuserfahrung war kein Thema, und wurde auch nicht thematisiert. Ich halte es für möglich, dass die wissenschaftliche Theologie unausgesprochen voraussetzt, was doch heute nicht mehr vorauszusetzen ist: dass jedes Nachdenken über den Glauben untrennbar verknüpft ist mit der Erfahrung des Glaubens. Ist das so?

Die Erfahrbarkeit des Christusgeheimnisses

Wenn wir auf Christus schauen, dann eben nicht aus der Perspektive, dass es um ein vergangenes Ereignis, ein Blick auf eine geschichtliche Persönlichkeit und ihre Ideen, die erforscht und vertieft und verglichen werden können, sondern es geht uns Christen eigentlich immer um Gegenwärtigkeit, um die Gegenwart des Auferstandenen, der mein Leben berührt hat, meinen persönlichen Lebensweg prägen konnte und prägt. Damit wird aber auch klar: ich kann mit Christsein nicht beibringen, ich kann auch nicht jemanden zum Christen erziehen und ihm die Tradition weitergeben – all dies ist nur denkbar, wenn ich mich in dieser Begegnung auf einmal finde: da ist jemand, der – schon lange unbemerkt – mir aufgeht, sich mir schenkt und ich dann wie einen Ruf spüre, der so unwiderstehlich ist, dass ich leicht nachfolgen mag.

Ich denke dabei an Samuel, der nichtsahnend den hartnäckig rufenden Gott begegnet und zum Propheten wird: Samuel lässt sich einführen von seinem altersschwachen Lehrer in die Logik des Rufens und Antwortens, aber: der Ruf ist persönlich und die Antwort muss es unvertretbar auch sein.

So ist es bei Jesus auch. Ein junger Mann mit einem Geheimnis, das wohl alle um ihn herum spüren, und er auch selbst. Man denke an seine Erfahrung als Zwölfjähriger, wo er in Jerusalem wie auf Identitätssuche im Tempel landete – und seine Unruhe, die ihn zu Johannes dem Täufer treibt. Seine Unruhe ist aber noch nicht die Erfahrung Gottes selbst, die ihn verwandelt.

So ist es aber auch bei den Aposteln, ja eigentlich bei allen Heiligen. Es geht exakt um jenen existenziellen Moment, der eine ungeheure Resonanz im eigenen Ich auslöst und mein Leben wendet: in eine Beziehung, in die Nachfolge, in die Sendung.

Eine brisante Theologie

Solche Erfahrung führen ganz notwendig ins Denken. Wer in einer solchen Begegnung sich wiederfindet, der muss nach-denken, was ihm oder ihr widerfahren ist. Denn auf einmal werde ich mitten in meiner Alltagswelt mit einer Tiefendimension der Wirklichkeit gebracht, die ich erahnte, aber nicht erreichen konnte – werde ich in eine Beziehung gebracht, die ich vielleicht ersehnte, aber nie schaffen konnte.

Das ist nicht wenig brisant. Ich erinnere mich an mein eigenes Theologiestudium und an einen Kurs, den ich bei einem Meister spiritueller Theologie belegen konnte. Pater Deblaere war ein Belgier, und er war Experte für mittelalterliche Mystik. Es war ein faszinierender Kurs, den ich besuchen durfte. Er erzählte uns vom Drama des Auseinanderdriftens von Theologie und Spiritualität, dass sich im frühen Mittelalter bis heute wirksam abspielte. Was passierte damals? Auf einmal gab es theologisch geprägte Denksysteme, die von der Erfahrung des Glaubens selbst absahen. Und umgekehrt wurde Spiritualität und Mystik zu einem Thema subjektiver Innerlichkeit. Diese „Scheidung“, dieses Auseinandergehen beider Dimensionen des Christseins, des Denkens und des Fühlens, geht nur zum Schaden beider, so Deblaere: denn auf der einen Seite wurde Theologie zum Gedankenspiel, und Mystik eigentlich nur noch Sache des frommen Individuums.

Spannend. Und am Ende sollten wir Studierende eine kurze Arbeit schreiben. Das habe ich auch getan und mir ein Traktat des mittelalterlichen Mystikers Richard von Sankt Victor vorgenommen: „Über die vier Grade der Liebe“. Ich habe es eingereicht und zwei Wochen später saß ich vor dem Professor. „Ich gebe ihnen die maximale Punktzahl“, so begann er. „Es ist eine exzellente Arbeit, aber sie haben nichts verstanden. Es ist alles falsch“. Deutliche Worte. Ich war verblüfft. „Wissen Sie, Sie sind verdorben durch ihr Theologiestudium. Sie legen Kategorien und Muster an die Erfahrung von Richard – und können deswegen seine Erfahrung nicht mehr richtig wahrnehmen“. „Was müßte ich tun?“ Er lächelte: „Sie müssten einige Kurse mit mir machen“.

Das war ein leuchtend rotes Signal für mich. Eine gute Warnung. Sie macht die Brisanz deutlich: Auf der einen Seiten gilt es, die Erfahrung wahrzunehmen und ernstzunehmen, so wie sie ist. Aber sie muss ja bedacht werden. Und jetzt stellt sich die Frage, ob mein Denken demütig genug ist, die Kategorien dieser Erfahrung aus ihr selbst zu gewinnen – denn erst dann kann die Erfahrung selbst ihre eigene theologische Tiefe gewinnen, und wird nicht eingeebnet in meine Denksysteme. Sie bringt sich selbst durch mich ins Wort – und so wird das Ungeahnte, überraschend abgrundtiefe in mir zum Wort, zur Rede von Gott. Vielleicht ist es eine Rede zu Gott, ein schwacher Antwortversuch – aber eben keine selbstsichere Antwort. Eine „knieende Theologie“, die sich der Ungeheuerlichkeit der Begegnung bewußt ist.

Während also die Mystik jenes Eintreten in einen Wirklichkeitsraum ist, den ich dann erst Schritt für Schritt erschließen darf und der sich mir eröffnet, muss mein Denken, meine Theologie ebenso Schritt für Schritt mitgehen und Leben und Denken neu konfigurieren.

Umkehren

„Weil ihr Gottes reiche Barmherzigkeit erfahren habt, fordere ich euch auf, liebe Brüder und Schwestern, euch mit eurem ganzen Leben Gott zur Verfügung zu stellen. Seid ein lebendiges Opfer, das Gott dargebracht wird und ihm gefällt. Ihm auf diese Weise zu dienen ist der wahre Gottesdienst und die angemessene Antwort auf seine Liebe. Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.“ (Röm 12, 1-2 – Hoffnung für alle)

Es ist Paulus, der in seinem Römerbrief genau diese Erfahrung beschreibt. Es geht um eine grundlegende Erfahrung, die das Leben verändert. Die Barmherzigkeit, die heilende Liebe Gottes, führt zu einer Umkehr des Lebens. Geprägt durch eine ungeahnte Erfahrung der Liebe Gottes, verändert sich die Bewegungsrichtung des Lebens. Es wird zur Hingabe. Und – das ist das spannende an dieser Bibelstelle, die mich seit meinen ersten Studienjahren umtreibt – ist ja die Ansage eines neuen Denkens, das gewissermaßen von Gottes Gegenwart geprägt wird.

Theologie wird hier neu geboren. Und so ist es bis heute. Es sind solche tiefgreifenden Berührungen und Begegnungen, die das theologische Nachdenken erneuern. Solche tiefgehenden mystischen Erfahrungen, die es auch heute gibt, sie führen den notwendig Nachdenkenden in eine Neugeburt des eigenen Denkens über Gott – und führen zugleich in eine ungeheure Konsonanz mit den Frauen und Männern, die durch die Jahrhunderte in ebensolchen Dynamiken mystischer Erfahrung steckten und ihnen nachdachten.

Und vielleicht muss man sagen: große Theologie entspringt großer Mystik, entspringt immer einer tiefen Erfahrung der Begegnung mit dem Christusgeheimnis.

Vielleicht ist das ein langes Vorwort – aber es war notwendig. Denn es will den Raum bereiten für die Frage, die uns jetzt eigentlich beschäftigt. Eine Theologie und Spiritualität der Zukunft wird in diesem Raum der Begegnung und des Nachdenkens geboren. Diesen Raum möchte ich jetzt ausleuchten-

Die Mystik des Zwischen

Die Erfahrung mit dem Christusgeheimnis ist nun eben nicht nur, oder nur zum Teil, eine höchst individuelle, persönliche und persönlichkeitsverändernde. Denn wenn ich Gott als tiefstes Geheimnis dieser Welt mit meinem Leben entdecke, verändert das ja nicht nur mein Leben, sondern auch die Welt – oder besser: meinen Blick auf die wirkliche Wirklichkeit dieser Welt. Es lässt mich die Welt neu sehen. Ich sehe mehr von der Wirklichkeit, ich sehe Gottes Gegenwart und Wirklichkeit in den Menschen, in der Welt, in den Beziehungen. Und so sind wir, zugleich und gleich ursprünglich mit der personalen Dimension dieser mystischen Grunderfahrung, auch schon im „Zwischen“ gelandet.

Das möchte ich biblisch in einigen Skizzen erschließen. Ausgangspunkt ist die im Evangelium beschriebene Tauferfahrung Jesu. Wir sehen Jesus als einen, der wie viele der Anziehung des Täufers nachfolgt. Ja, es geht um Umkehr des Lebens, um eine fundamentale Neuausrichtung, eine Restart jenseits des Jordans. Die Zeichenhandlung ist das Untertauchen im Jordan. Aber genau in diesem religiösen Ritual geschieht etwas ganz unreligiöses. Oder sagen wir: es übersteigt jedes Denken von Religion: Der Himmel öffnet sich und eine Stimme nimmt Beziehung auf. Und Jesus erfährt eine Nähe und Liebe, die ihn neu geboren sein lässt: er ist der Sohn – und er entdeckt die Liebe des Vaters für sein Leben. Kein Zweifel, das ist keine religiöse Suche, sondern es ist ein Aufbrechen der Wirklichkeit. Dafür steht dieses wunderschöne Bild vom sich öffnenden Himmel. Denn Religion ist die Suche nach dem Weg zum Himmel, Mystik eröffnet einen neuen Wirklichkeitsraum hier auf dieser Erde.

Und genau das passiert in dieser Erfahrung. Sehr wohl spürt Jesus, dass diese Nähe Gottes ihn neu in die Wirklichkeit stellt. An ihm wird sichtbar, was schon der Römerbrief formuliert wird: sein Leben wird Hingabe.

Aber hier geschieht und wird noch mehr: Jesus zieht sich in die Wüste zurück. Er braucht Zeit, um zu verstehen, was ihm geschehen ist und was die Welt in ein neues Wirklichkeitslicht stellt. Das wird deutlich und sichtbar, als er dann die Frohe Botschaft verkündet. Die Summe dieser Botschaft findet sich bei Markus gleich am Anfang seines „Evangeliums“: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe! Kehrt um und glaubt an das Evangelium“, so seine Botschaft (Mk 1,15).

Will sagen: wir sind alle eingetreten in eine andere Wirklichkeit. Denn der geöffnete Himmel gilt nicht nur Jesus, sondern allen. Alle sind Söhne und Töchter, Geliebte des einen Vaters. Seine Wirklichkeit konstiuiert unsere Wirklichkeit – ist die wirkliche Wirklichkeit. Es geht nicht mehr darum, Gott zu suchen – er hat sich uns geoffenbart, mitten in dieser unserer Wirklichkeit, in unserer Welt. Und das Reich Gottes ist kein fernes Morgen, sondern ein nahes Heute. Das Evangelium ist, noch bevor es eine neue Lehre ist, eine Ansage über die neu entdeckte Wirklichkeit, die zwischen uns „ist“. Denn sie betrifft Mensch und Welt, und sie schafft eine neue Wirklichkeit zwischen uns.

Der Weg Gottes mit seinem Volk

Von daher fällt ein helles Licht auf die Logik des Weges Gottes mit seinem Volk. Es wird noch einmal der rote Faden sichtbar, der sich durch das ganze Erste Testament zieht. Nur in Kürze kann dies angedeutet werden. Gott erwählt sich ein Volk, er konstituiert beim Exodus eine Gemeinschaft, die er dann mit den 10 Geboten beschenkt. Zehn Gebote, die nichts anderes sein wollen als Lebensworte für das Miteinander der Menschen. So selbstverständlich sie sind, so wenig sind sie oft gelebt. Immer geht es ihm um Gerechtigkeit. Und schon von Anfang an ist es seine Freude, unter den Menschen zu sein. Seine Gegenwart formt sein Volk zu einer Gemeinschaft, die ihrerseits jenen Gott bezeugt, der Leben will.

Und das genau ist die Vision, auf die hin die Geschichte zielt, so wie sie die Propheten hervorsagen: denn wenn das Ziel der Wege Gottes das Fest auf dem Zionsberg ist, bei dem Gott selbst der Gastgeber ist, wie es etwa bei Jesaja gesagt wird, dann wird deutlich, dass es hier um eine Gottesgegenwart geht, die sich auf das Zwischen der Menschen auswirkt.

Genau das haben die jüdischen Theologen entdeckt, und es in der Schöpfungsgeschichte ausführlich beschrieben. Denn das ist doch die Grundwirklichkeit der Wirklichkeit, die vielfach verstellt und verletzt uns prägt: Dass Gott eben nicht nur kreativ die Welt geschaffen hat, sondern die Beziehung zwischen ihm und allem, was ist, in sie eingeprägt hat. Deswegen ist der Mensch als Mann und Frau erschaffen, gibt es eine fundamentale Gleichwürdigkeit, ist Einheit das Ziel der Wege Gottes. Die Kreativität Gottes zielt auf eine reiche Welt der Beziehungen – und die Grundverletztheit des Menschen betrifft vor allem diese Beziehungswirklichkeit: das Zwischen zwischen Mensch und Gott, Mensch und Mensch, Mensch und Welt.

Der Blick nach vorne

Es fällt von dieser Grundwirklichkeit auch nach vorne. Natürlich. Denn wenn unsere Ursprungswirklichkeit eine beziehungreiche Welt der Gegenwart Gottes mitten zwischen den Menschen ist – und wenn die Verletzung dieser Wirklichkeit gerade die Beziehungen betrifft, dann wird es möglich, in dieser Logik auch noch einmal genauer zu beschreiben, was dann eigentlich mit Erlösung gemeint ist. Vielleicht darf und kann man sagen: das Zwischen wird erlöst und so auch der Einzelne nie ohne Beziehung zum Anderen.

Im Neuen Testament lässt sich hier der rote Faden des Zwischen weiterführen. Der Schlüssel für die Zeichenhandlung der Fusswaschung (Joh 13), für das Neue Gebot Jesu (Joh 13,34) und für das in allen Variationen konjugierte „einander“ in den Paulusbriefen ist die Erfahrung, dass in der Begegnung mit dem lebendigen Gott, in der Begegnung mit dem Auferstandenen neue Beziehungsverhältnisse ermöglicht und wirklich werden, die als tiefe Ursehnsucht im Ursprung unseres Lebens ersehnt aber nicht erreicht werden können.

Das meint Erlösung: das Zwischen wird erlöst, Menschen können sich neu verstehen und kommunizieren (Pfingsten), entdecken sich als „ein Herz und eine Seele“. Und so können wir das Neue Testament durchschreiten und entdecken die paulinische Revolution der Gleichwürdigkeit aller jenseits sozialer und geschlechtlicher Unterschiede (Gal 3,28) – und zugleich illustriert die Geschichte schon der frühen Christen bis heute, welche revolutionäre Umkehr darin steckt, diese Wirklichkeit ernst zu nehmen, zu leben. Die Erlösung des Zwischen bleibt der normative Stachel für jede christliche Lebenspraxis.

Und schließlich schauen wir ganz nach vorne – auf Gottes Vision der absoluten Zukunft, wie sie uns präsentiert wird in der Offenbarung des Johannes. Es ist die Stadt, es ist das Miteinander der Vielen. Und wer aufmerksam diese spektakulären Visionen am Ende der Offenbarung des Johannes liest, dem wird schnell deutlich, dass hier die Mystik des Zwischen eindrücklich beschrieben wird: Es ist eine Stadt, die erleuchtet ist von der Gegenwart Gottes: Seine Wirklichkeit prägt das Miteinander – es ist die Alltäglichkeit des Miteinander, nicht eine spezifische Religiösität, die die Zukunft prägt: die Wohnung Gottes unter den Menschen. Es geht nicht um eine bestimmte Religion, um einen oder viele Tempel, sondern um eine erlöste Sozialität

Der biografische Hintergrund

Warum lese ich die Schrift so? Warum wird sie mir so zum Lebensbuch? Warum ist mir die Perspektive des Zwischen und die Mystik der Gotteserfahrung, die sich inmitten der Beziehungen zeigt, so wesentlich – und warum glaube und behaupte ich, dass hier der Schlüssel für eine Spiritualität der Zukunft liegt?

Ich gebe es gerne zu: weil es letztlich meine Ursprungserfahrung des Christseins ist, aus der ich lebe und in der ich mich entdecke und finde. Und nicht nur ich: ich würde mal behaupten, dass wir alle uns in dieser Ursprungserfahrung bewegen und sind – egal wie wir das merken.

Natürlich braucht es dafür eine wichtige Unterscheidung: es geht bei der Mystik des Zwischen nicht um eine bestimmte spirituelle Praxis, sondern um das Erfahren und Mitleben einer Erfahrung, die uns alle berühren kann.

Und davon kann ich nur von mir erzählen: natürlich habe ich klassische Formen meiner Konfession gelernt und eingeübt, und sie sind mir wichtig. Aber zugleich steckte in mir die Sehnsucht nach mehr – doch mit den erlernten und gelebten Formen berührte ich nur den Himmel. Und nur sehr flüchtig spürte ich seine Nähe.

Aber ich erinnere mich wie heute an die überwältigenden Entdeckungen des Zwischen. Überwältigend waren sie deswegen, weil ich denke, dass ich natürlich – wie jeder und jede – Verletzungen des Zwischen in mir prägend trage, die Selbstvertrauen und Vertrauen erschweren. Die Erfahrungen, die all dies durchkreuzten, sind deswegen um so tiefer. Ich erinnere mich an eine Jugendfreizeit auf dem Wohldenberg wie heute. Zufällig war ich dort bei einem Jugendtreffen dabei und erahnte dort, am Abend, inmitten vieler Jugendlicher eine Dimension, die ich so nicht kannte: Ich entdeckte das zwischen uns etwas war, das mich verband. Ich war fasziniert und konnte es nicht deuten. Nur eins wußte ich: hier werde ich so oft herkommen, wie ich kann.

Und genau in derselben Zeit geschah mir dies in Hannover, bei einem Treffen. Ich glaube, ich darf sagen, dass dies eine Offenbarung war. Denn ja: ich kannte niemanden und kam zu diesem Treffen mit der Angst des Schüchternen, allein zu bleiben. Das Gegenteil trat ein. Da war eine Atmosphäre, die alles in mir löste – mich in Beziehung und Gespräch führte. Ohne Anstrengung. Und hier, zum ersten Mal, entdeckte ich den Gott des Zwischen. Denn als ich damals nach Hause fuhr, wurde mir klar, dass ich alles geben würde, um in dieser Wirklichkeit zu bleiben. Eben: hier war mir mitten unter den Menschen Gott irgendwie begegnet, und wer ihm begegnet, will mit ihm bleiben. So ging es auch mir. Und das war für mich geradezu paradox: denn ich bin und war ein Einzelgänger, der auf einmal bereit war, Gottes Gegenwart inmitten der Beziehungen und Menschen zu leben.

Wenn ich ehrlich bin: von da an habe ich versucht zu leben, was ich erlebt habe. Aber dieses Ereignis machte mich auch zum Theologen. Und bis heute, in immer wieder neuen Anläufen, versuche ich dieses Geheimnis zu denken – und zu entdecken, was dies für die Gestaltung der Kirche der Zukunft bedeutet.

Die spirituelle Vision

Wir können so die Geschichte der Spiritualität lesen. Der heilige Franziskus gehört mit seiner Entdeckung gleichwürdiger Geschwisterlichkeit und kosmischer Beziehungswirklichkeit (Bruder Sonne, Schwester Mond) genau so in diese Perspektive, wie der heilige Ignatius, dessen mystische Umkehrerfahrung ihn sehen ließ, dass Gott Licht ist. Und dieses Leuchten erfüllt Welt und alle Beziehungen, und alles Leben.

Ich kann es wiederfinden in meinen Begegnungen mit der Gemeinschaft San Egidio. Mich hat einfach zutiefst berührt, mit welcher Einfachheit und Selbstverständlichkeit alle Armen zu Freunden werden. Und schließlich ist meine eigene Spiritualität gegründet im Charisma der Einheit, das mir Chiara Lubich erschlossen hat: von Gott her auf die Welt zu schauen und die Gegenwart des Auferstanden in und zwischen allen und allem zu entdecken, das ist nicht nur eine Vision, sondern eben die erlöste Wirklichkeit, die selbst dann, wenn sie im Dunkel der Verlassenheit und Verlorenheit ist, hier einen Weg sieht.

Von daher ist es nicht verwunderlich, dass mir das Nachdenken über die Kirche so wertvoll wurde, und ich bei Dietrich Bonhoeffer in einzigartiger Weise fündig wurde: Bonhoeffer ist ein nüchtern-leidenschaftlicher evangelischer Christ aus Berlin, als er auf seiner Romreise eine mystische Grunderfahrung macht: er entdeckt Gott im Zwischen und kann so existenziell Kirche erleben und erfahren, mitten in der ambivalenten katholischen Kirchenwirklichkeit. Mich hat mehr als erstaunt, dass sich das weitere Nachdenken Bonhoeffers immer wieder um diese Wirklichkeit dreht.

Von hier aus erwächst auch sein leidenschaftlicher Appell und seine großartige Vision für die Erneuerung der Kirche. Wenn er – in dem bekannten Taufbrief, der in „Widerstand und Ergebung“ veröffentlicht ist – das Ende einer bekannten Kirchenwirklichkeit beschreibt, dann sieht er den Aufbruch zu einer neuen Wirklichkeit nichtreligiösen Christentums vor allem im „Beten und Tun des Gerechten“, aus dem das Christsein neu geboren werden muss, aus dem eine neue Form des Kircheseins mitten unter den Menschen hervorwächst.

Dies kann hier nur skizziert werden – aber es wird deutlich, dass in der Mystik des Zwischen das Programm einer neuen Theologie und einer neuen Wirklichkeit des Kirchenverständnisses steckt, ein Paradigmenwechsel, wie er kaum radikaler gedacht werden kann.

Lehramtliche Prophetie

Karl Rahner, von dem wir am Anfang sprachen, hat nicht nur davon gesprochen, dass der Christ der Zukunft ein Mystiker ist. In seinen Schriften vermutet er, dass eine Spiritualität der Zukunft deutlich mehr als in der Vergangenheit eine gemeinschaftlich gelebte Spiritualität ist.

Diese Vision findet sich auch bemerkenswert deutlich in einem wirklich prophetisch anmutenden Schreiben von Papst Johannes Paul II. Im Anschluss ans Heilige Jahr 2000 spricht er in „Novo Millenio Ineunte“ von einer „Spiritualität der Gemeinschaft“ (NMI 43), die letztlich die eigentliche Erwartung von Welt und Gesellschaft im dritten Jahrtausend sei. Er formuliert eindrücklich: „Die Kirche zum Haus und zur Schule der Gemeinschaft machen, darin liegt die große Herausforderung, die in dem beginnenden Jahrtausend vor uns steht, wenn wir dem Plan Gottes treu sein und auch den tiefgreifenden Erwartungen der Welt entsprechen wollen. Was bedeutet das konkret? Auch hier könnte die Rede sofort praktisch werden, doch es wäre falsch, einem solchen Anstoß nachzugeben. Vor der Planung konkreter Initiativen gilt es, eine Spiritualität der Gemeinschaft zu fördern, indem man sie überall dort als Erziehungsprinzip herausstellt, wo man den Menschen und Christen formt, wo man die geweihten Amtsträger, die Ordensleute und die Mitarbeiter in der Seelsorge ausbildet, wo man die Familien und Gemeinden aufbaut. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet vor allem, den Blick des Herzens auf das Geheimnis der Dreifaltigkeit zu lenken, das in uns wohnt und dessen Licht auch auf dem Angesicht der Brüder und Schwestern neben uns wahrgenommen werden muß. Spiritualität der Gemeinschaft bedeutet zudem die Fähigkeit, den Bruder und die Schwester im Glauben in der tiefen Einheit des mystischen Leibes zu erkennen, d.h. es geht um »einen, der zu mir gehört«, damit ich seine Freuden und seine Leiden teilen, seine Wünsche erahnen und mich seiner Bedürfnisse annehmen und ihm schließlich echte, tiefe Freundschaft anbieten kann. Spiritualität der Gemeinschaft ist auch die Fähigkeit, vor allem das Positive im anderen zu sehen, um es als Gottesgeschenk anzunehmen und zu schätzen: nicht nur ein Geschenk für den anderen, der es direkt empfangen hat, sondern auch ein »Geschenk für mich«. Spiritualität der Gemeinschaft heißt schließlich, dem Bruder »Platz machen« können, indem »einer des anderen Last trägt« (Gal 6,2) und den egoistischen Versuchungen widersteht, die uns dauernd bedrohen und Rivalität, Karrierismus, Mißtrauen und Eifersüchteleien erzeugen. Machen wir uns keine Illusionen: Ohne diesen geistlichen Weg würden die äußeren Mittel der Gemeinschaft recht wenig nützen. Sie würden zu seelenlosen Apparaten werden, eher Masken der Gemeinschaft als Möglichkeiten, daß diese sich ausdrücken und wachsen kann.“

Papst Franziskus greift diese Gedanken auf. Sein programmatisches Antrittsschreiben „Evangelii Gaudium“ ist – aus der ignatianischen Grunderfahrung, die ich oben angedeutet habe – geprägt vom Gedanken einer Mystik des Zwischen. Er überschreibt dies mit einem „Ja zu den von Christus gebildeten Beziehungen (EG 87) und formuliert: „Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung! Aus sich selbst herausgehen, um sich mit den anderen zusammenzuschließen, tut gut. Sich in sich selbst zu verschließen bedeutet, das bittere Gift der Immanenz zu kosten, und in jeder egoistischen Wahl, die wir treffen, wird die Menschlichkeit den kürzeren ziehen“.

Diese Mystik des Zwischen weitet sich in die Dimensionen eines kosmischen Miteinanders und einer Mystik der Schöpfung, die er ausführlich in „Laudato si“ beschreibt: mehr als eine Umweltenzyklika geht es um das Gute Leben – und dieses Leben lässt sich nicht abtrennen von eben jener tiefen Mystik, die Wirklichkeit umfassend in Gott neu werden lässt. „Das Universum entfaltet sich in Gott, der es ganz und gar erfüllt. So liegt also Mystik in einem Blütenblatt, in einem Weg, im morgendlichen Tau, im Gesicht des Armen.159 Das Ideal ist nicht nur, vom Äußeren zum Inneren überzugehen, um das Handeln Gottes in der Seele zu entdecken, sondern auch, dahin zu gelangen, ihm in allen Dingen zu begegnen, wie der heilige Bonaventura lehrte: „Die Kontemplation ist umso vollkommener, je mehr der Mensch die Wirkung der göttlichen Gnade in sich verspürt, oder auch je besser er versteht, Gott in den äußeren Geschöpfen zu begegnen.“ (Lsi 233).“

Die kulturelle und ökologische Revolution gründet in einer spirituellen Revolution, die in der Mystik wurzelt.

In Zeiten von Corona

All dies ist hochaktuell und wird für die Zukunft des Christentums und die spirituelle Lebenspraxis eine entscheidende Rolle spielen. Was schon Bonhoeffer 1944 als einen Transformationsprozess zu einem nichtreligiösen Christentum erahnte (vgl. Widerstand und Ergebung), das wird freigelegt im Heute: es verbietet sich, in religiöse Extra- und Nebenwelten zurückzukehren: Nein, die Wirklichkeit dieser Welt ist die Wirklichkeit der Gegenwart des auferstandenden Herrn, der jede Dunkelheit und jede Verletztheit mit seiner Liebe erlösen wollte und will und wirkte. Und dieser Gott lebt deswegen im Zwischen, näher, als wir uns selbst sind, Nähe schaffend und ermöglichend. Die Welt ist das existenzielle Gebiet Seiner Gegenwart.

So wird immer mehr deutlich, dass wir jetzt schon in einer postkonfessionellen und multireligiösen Welt leben, und der christliche Glauben sich in der Perspektive einer Mystik des Zwischen als jene Wirklichkeitserfahrung, Wirklichkeitspraxis und -denken erweisen kann, die Beziehung ins Zentrum rückt und Gottes beziehungsstiftende Nähe überall entdeckt. Noch einmal Papst Franzikus: „Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Brüderlichkeit und das Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Gegenwart muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht vor denen, die ihn mit ehrlichem Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf unsichere und weitschweifige Weise tun.“ (EG 71).

Und deswegen gilt es, ohne Angst und Bange, diese Wirklichkeit zu entdecken: Das macht eine Evangelisierung nötig, welche die neuen Formen, mit Gott, mit den anderen und mit der Umgebung in Beziehung zu treten, erleuchtet und die grundlegenden Werte wachruft. Es ist notwendig, dorthin zu gelangen, wo die neuen Geschichten und Paradigmen entstehen, und mit dem Wort Jesu den innersten Kern der Seele der Städte zu erreichen.“ (EG 74).

Aber was ist das für ein Weg? Es zeigt sich als ein induktiver und partizipativer Suchweg, der Gott findet, weil er sich finden lässt, und gerade in den menschlichen Sehnsüchten und Abgründen sein Zelt aufgeschlagen hat.

Schritte auf dem Weg zu einer Spiritualität der Zukunft

Was sind dann die notwendigen Schritte, das dürfen wir uns fragen. Es geht nicht darum, etwas zu erzeugen, es geht nicht ums Machen, es geht nicht um eine gewohnte oder neue Frömmigkeitspraxis, die gleichwohl auch darin Raum finden könnte. Es geht vielmehr um fundamentale Entdeckungszusammenhänge, die für die Zukunft unserer Welt und unserer Gesellschaft, für die Zukunft der einen Menschheit wesentlich und notwendend sind. Denn das tiefste Geheimnis dieser Welt, die Gegenwart Gottes, der „Himmel zwischen uns“ (Klaus Hemmerle) wird von allen gespürt und ersehnt.

Drei Elemente dieser Spiritualität möchte ich kurz skizzieren

  • Neu sehen lernen
    Es geht darum, neu zu sehen. Schon in der Begegnung Jesu mit Jüngern wie Nathanael oder mit Nikodemus ging es ihm darum, dass das „Heute“ so gotterfüllt ist, dass es ein Leben völlig umprägt. Diese Welt ist gottvoll, das Reich Gottes ist da. Eine der wichtigsten spirituellen Aufgaben ist es deswegen, eine neue Praxis des Sehens einzuüben. Nicht umsonst sind etwa „Strassenexerzitien“ so resonant für die Menschen von heute.

  • Begegnung wagen
    Jesus begegnet Menschen wie der Samaritanerin, der Syrophönizierin oder dem römischen Hauptmann. Und all diesen Begegnungen offenbart sich Neues, auch für ihn selbst. Der Schlüssel für die offenbarenden Begegnung ist das Zwischen. Jesus selbst spricht davon, wenn er die Praxis einer zukünftigen Spiritualität der Samaritanerin zum Abschluss ihrer Begegnung erschließt (Joh 4,23f): „Es kommt aber die Stunde und ist jetzt, da die wahren Anbeter den Vater im Geist und Wahrheit anbeten werden; denn auch der Vater sucht solche als seine Anbeter. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen im Geist und Wahrheit anbeten“. Es geht um eine Existenzform, nicht um einen Tempel – es geht um die Entdeckung des Geistes in uns und zwischen uns, damit die unverhüllte Wirklichkeit („Wahrheit) zum Grund des Handelns machen. So eröffnet sich ein Raum der Begegnung, der die Fülle des Lebens vorerfahren lässt.

  • Glauben lernen
    Das heißt dann in dieser Perspektive, sich einzulassen auf diese Wahrheit und Wirklichkeit der liebenden Gegenwart Gottes und ihr vertrauen. Darauf macht vor allem Christoph Theobald aufmerksam in seinen verschiedenen  Veröffentlichungen (zuletzt Christentum als Stil, Freiburg 2018). Dieses tiefe sich-anvertrauen ist sicher der Weg, fähig zu werden für eine neue Zukunft des Christentums.

Christoph Theobald ist es, der in seiner packenden Zeitanalyse die Situation des Christentums als neue Anfangssituation in einer neuen Zeit beschreibt und dabei die Apostelgeschichte zur Referenzerfahrung dieses neuen Anfangs macht. Wir Christen sind gesandt in diese gottvolle Welt, um ihn zu entdecken in den vielen Menschlichkeiten und Unmenschlichkeiten von heute, von ihm zu erzählen und gastfreundlich Räume des Entdeckens einer gemeinsamen Leidenschaft für das Leben zu eröffnen. Solche Räume sind, es, in denen das Zwischen erfahrbar wird und damit alle Möglichkeiten und Potentiale in ihre Fülle bringt, sie wirklich werden lässt.

Das ist zweifellos ein kenotischer Weg. Er kommt nicht von oben, eher demütig von unten. Klaus Hemmerle steht dafür mit seinem programmatischen Satz: „Lass mich dich lernen,dein Denken und Sprechen, dein Fragen und Dasein, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir zu überliefern habe“ (Klaus Hemmerle, Spielräume Gottes und der Menschen, 329)

Aber vielleicht gilt es, noch weiter zu gehen: Lass uns uns entdecken, unser Zwischen, unsere Sehnsucht, unsere Menschlichkeit, damit wir die Botschaft neu entschlüsseln und die Wirklichkeit, die du uns geschenkt hast.

Christian Hennecke/19.09.20