„Aber die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh 4, 23)

Er ist da. Er ist voller Liebe da. Er geht voller Liebe jeden Weg und Irrweg meines Lebens mit. Er ist mit mir in meinen Nächten der Verzweiflung und Ausweglosigkeiten – er ist da in den Momenten großen Glücks und tiefer Freude, in der Stille und auch mitten unter den Menschen, in Kunst und Musik. Und er ist auch da, wenn ich die Ahnung habe, dass er weg ist. Das ist die Voraussetzung meines Betens. Wie sollte ich sonst beten?

Er ist da. Eines Tages begann ich, den zu entdecken, den ich vorher irgendwie gesucht, vielleicht schon empfunden, aber immer ersehnt hatte. Oder war es eigentlich umgekehrt? Ja, genau, es war umgekehrt: er kam ins Spiel, er „meldete“ sich in meinem Leben – und ich wußte instinktiv, dass Er es war, denn nur Er konnte so tief mein Herz berühren, tiefer in mir sein, als ich selbst in mir sein konnte. Und damit wollte ich ihn antworten – ich sehnte mich nach Gebet. Und suchte nach Wegen des Gebetes.

Natürlich habe ich als kleines Kind beten gelernt. Und ja, ich glaube auch, dass kleine Kinder sehr stark erspüren, dass es ein Geheimnis gibt, das sie umgibt, trägt, im Leben hält – und dass das „die ganze Welt in seiner Hand hält“. Nur: es fehlt natürlich eine Art und Weise, mit diesem Geheimnis umzugehen. Und das hat mich damals meine Mutter gelehrt. Noch heute kann ich Gebete sprechen, die wir damals jeden Tag gebetet haben. Das war normal, und das war schön. Ich bin in die Schule des Betens meiner Eltern gegangen. Und ich glaube, das ist eine erste wichtige Erkenntnis: Beten lerne ich von Betern, von Erfahrenen, denen ich glaube und mit denen ich glaube. Ohne diese erste Erfahrung – wie hätte ich gelernt, dem Geheimnis einen Namen zu geben und so hineinzuwachsen in handhabbare Formen und Rituale, in Feiern des Gebetes und der Liturgie.

Meine Gebetserfahrungen sind von Anfang an katholisch, also relativ. Denn es gibt unendlich viele Formen – aber sie sind alle Versuche, einen Raum zu gestalten für jene Wirklichkeit einer unglaublichen Begegnung in mir, einer Liebe, einer Kraft, einer Stimme, eines Lichtes. Diese Erfahrung, die jedem Leben geschenkt ist, kann auch verstummen, wenn ich keine Möglichkeit finde, auf sie zu antworten – wenn mir niemand hilft, mit der überwältigenden Liebe und Nähe umzugehen, die dieser Gott ist.

Ich bin also katholisch konfiguriert, habe Gebete gelernt. Aber das war erst der Anfang. Denn auch das, was ich gelernt habe, trägt mich zwar auch durch die Zeit, aber irgendwann in meiner Jugend begann etwas Neues. Immer wieder beginnt etwas Neues. Er kommt neu ins Spiel, er entzieht sich schmerzhaft – und ich streife vielleicht bestimmte Formen ab, entdecke immer mal wieder neue Formen und Gestalten des Gebetes, die diese tiefe Begegnung schützen und eröffnen. Ich lerne – und werde weiter lernen. Von erfahrenen Christen, von Gemeinschaften in Klöstern, von den Brüdern von Taizé, von evangelischen Geschwistern. Und manches, was ich erlebe, bleibt mir fremd – anderes ist genau richtig für mich. Aber ich weiß – wir sind verbunden nicht in den Formen des Gebetes, sondern in dem Raum, den die verschiedenen Weisen des Gebets eröffnen und schenken. Und dort begegnen wir ihm…

Wie können wir denn beten? Ich habe in den letzten Jahren vor allem drei Weisen des Gebetes tiefer entdecken dürfen.

Mein Infinitiv

Lesen, Schweigen und Hören: Vielleicht sind das die tiefsten Momente der vergangenen Jahre, ja Jahrzehnte. Schon als Jugendlicher habe ich mich morgens hingesetzt, um in der Schrift zu lesen – aber nicht nur zu lesen, sondern beim Lesen auch zu hören, mich anrühren zu lassen durch sein Wort. Für mich ist das eine Grundform geworden, die mich durch alle Jahre trägt – eine Art Gebetsinfinitiv: still werden – ein wenig in der Schrift lesen, bis mich etwas anrührt – warten auf sein Licht. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Es braucht einen Rahmen, eine halbe Stunde. Und es kann ganz schön anstrengend sein, wenn diese Stille leer zu bleiben scheint. Und es ist ein Weg der Treue, weil Ablenkungen innerlich und äußerlich mich dazu treiben, nicht mehr zu warten. Denn es geht beim Beten ums wachsame Warten, um die Begegnung in der Tiefe meines Seins: Gott ist mir näher als ich mir selbst – und ihn in mir sprechen zu hören, in lauten und leisen Zeichen, ist die Sehnsucht meines Lebens. Insofern besteht dieses Beten eben gerade darin, ganz „da“ zu sein. Mein geistlicher Guru erschloss es mir so. Im suchenden Gespräch mit der Samariterin fragt die Samariterin, wo denn der richtige Ort des Gebetes sei. Und wenn Jesus von der Anbetung „im Geist und in der Wahrheit“ spricht, dann meint er diese Wirklichkeit absoluter Präsenz im Präsens: in diesem Augenblick geschieht ewige Begegnung. Das ist es, worauf ich warte…

Mein Infinitiv im Plural

Beten hat für mich viel mit Gemeinschaft im Wort Gottes zu tun. Für mich ist das „Gospelsharing“ zu einer gemeinsamen Grundform des Betens geworden. Es war Oswald Hirmer, späterer Bischof von Umtata in Südafrika, der diese einfache und doch so tiefe Weise des gemeinsamen Hörens auf die Schrift entfaltet hat. Es ist deswegen viel zu wenig, von den sieben Schritten des Bibelteilens zu sprechen. Denn es geht um viel mehr.

Alles beginnt hier mit dem Gebet. Und dieses freie und einfache Beten in Worten, die jeder und jede in die Gemeinschaft der Teilenden sagen kann, hat nicht umsonst das Ziel, Ihn – den Herrn – in unserer Mitte zu begrüßen. Denn Er ist ja schon da – Er hat uns schon zusammengerufen, und nun können wir uns an Ihn wenden. Ich habe ergreifende Erfahrungen gemacht, in diesen Momenten der einfachen Gebete und Begrüßungen – und sie bedeuten doch einen radikalen Ortswechsel, einen Standortwechsel: denn jetzt sind wir nicht mehr eine Gruppe von Menschen, sondern gesammelt von ihm, wir hören seinem Wort zu, wir schweigen und lauschen und wir werden – wie die Emmausjünger – erleuchtet und entzündet, und tauschen uns aus darüber, was wir verstanden haben. Das schenkt mir so oft eine ungeheure Fülle, macht so reich – an Erkenntnis und an Energie. Und es schenkt die Erfahrung des Kirchewerdens.

Die Bischöfe Ostafrikas haben deswegen auch formuliert, dass diese Erfahrung in „small christian communities“ eine veritable Kirchenerfahrung ist: „the most local incarnation of the one holy catholic and apostolic church“ – und diese Kirchenerfahrung, die mir so kostbar ist, ist auch und gerade eine Gebetsschule, eine Schule des Hörens Seines Wortes, eines Schule der Gemeinschaft in seiner Gegenwart, eine Schule der Sendung. Und das alles ist einfach, grundlegend… – für meine alltägliche Praxis des Kircheseins.

Mein Futur zwei

Die mich am meisten überraschende Erfahrung der letzten Jahre war Taizé. Hier zeigt sich für mich die Fülle des Gebetes als gemeinschaftliche Lebensform und als Weg. In der Tat ist die Mitte von Taizé das Gebet, das gemeinschaftliche Gebet. Zuerst und vor allem ist es ein Mitbeten und Mitsingen mit den Brüdern von Taizé. Sie führen Woche für Woche immer wieder Menschen ein in ihr Beten, in einer einfachen Weise und Form des Hörens, des Singens, der Stille, die mich und viele berührt und erfüllt. Woran liegt das? Es wirkt alles so einfach – und alle können mitwirken, wie sie mögen: wir singen miteinander und preisen Gott in allen Sprachen, wir hören miteinander auf Gottes Wort, wir schweigen miteinander und hören, was er sagen will. Ich habe wirklich den Eindruck, dass die drei Gebetszeiten es immer mehr möglich machen, auch eine eigene Form des Betens zu finden.

Aber dieses Gebet setzt sich im Leben fort. Für mich – und für viele andere – prägt es auch die Stunden der Stille in den verschiedenen Kirchen. Für mich und andere prägt es die Begegnungen, aber auch die Arbeit. Gebet hat hier natürlich eine einfache liturgische Form in den Gottesdiensten, aber es wird zur Grundhaltung den ganzen Tag über. Und so wird deutlich, dass Gebet mehr als irgendeine Gebetsform: es beschreibt eben jene Existenz im Geist und in der Wahrheit – gemeint ist ein Leben in Seiner Gegenwart, die dann alles lebendig macht: sogar das Putzen der Klos, aber eben auch die Begegnungen in Gemeinschaft, das Essen, das Arbeiten – und die Zeit des Betens, bei denen ich den ganzen Tag mitten unter 3000 Menschen schweige und gut schweigen kann. Denn mir begegnet in diesem Alleinsein und in diesem Schweigen, aber auch in der Gemeinschaft immer… Er.´

Keine Frage. Das ist mein „Futur zwei“ – meine vollendete Zukunft, natürlich nur als Vorgeschmack und Anfang jener Wirklichkeit, von der der Seher in der Offenbarung spricht: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott heraus aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Da hörte ich eine laute Stimme vom Thron her rufen: Seht die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen, und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein…“ (Offb 21, 2f).

Dann also ist Beten nicht ein speziell religiöser Akt. Es ist nicht das Suchen nach einer Verbindung mit einem fernen Gott – sondern umgekehrt: da dieser Gott da ist, als Licht, das alles erleuchtet, als Liebe, die alles zum Leben bringt, gehen und leben wir in Seiner Gegenwart: beim Bügeln, beim Kochen, beim Essen, bei den Hausaufgaben – immer stehen wir in Seiner Gegenwart.

Kein Wunder ist es dann, wenn am Ende der Bibel ein Gebetsruf steht: „Amen, Komm, Herr Jesus“ (Offb 22,20). Es macht deutlich, dass dieser Ruf nur eines will: dass wir in dieser Gegenwart existieren und dass sich das Leben aller entfalten kann – und so „Gebet“ ist: Stehen und Leben in der Gewissheit Seiner Nähe.

Und kein Wunder ist es dann, wenn Paulus im 1. Brief an die Thessalonicher am Ende sagen kann: „Betet ohne Unterlass“ (1. Thess 5,17). Klar, denn das macht unser Leben „echt“: Geist wird spürbar, Wahrheit und Echtheit erlebbar, wenn Er da ist.