Ich bin aufgewachsen in meiner katholischen Tradition. Und ich bin aufgewachsen in ökumenischer Gemeinschaft. Immer waren wir wenige Katholiken unter vielen evangelischen Geschwistern. In meiner Klasse am Gymnasium waren wir vielleicht zwei oder drei.

Und dann habe ich angefangen, Theologie zu studieren. Schon damals war ich existenziell gepackt von zwei Grunderfahrungen: dass Er, Christus, uns zur Gemeinschaft ruft, zu einer Liebe zueinander, deren innerste und erfahrbare Mitte Er selbst ist – und Er selbst Einheit stiftet – und dass Er, gerade auch durch sein Kreuz, diesen Weg eröffnet. Das hat mich innerlich bewegt.

Und siehe da: die Theologen, auf die ich stieß, waren allesamt evangelisch: Kazoh Kitamori, Jürgen Moltmann und Eberhard Jüngel wurden die, mit denen ich meine Grunderfahrung ins Wort bringen konnte, denken lernte und immer mehr begeistert war. Und dann stieß ich auf Dietrich Bonhoeffer – und der begeisterte mich vollends: ich kann wirklich sagen, dass er mein Kirchenvater wurde.

Und weil das, was mich zuinnerst bewegt, begeistert und führt, gar nicht konfessionell ist, sondern ursprünglich und präkonfessionell, habe ich immer darauf gehört, hingespürt, ob ich die ursprünglich einende Grundwirklichkeit in den Begegnungen, Aktionen, Veranstaltungen erfahren kann. Immer dort, wo es so war, wo die Geistkraft der Liebe verbindet, wo wir hingerissen werden von der Leidenschaft für die Menschen, wo sich diese Mystik des Zwischen ereignet, der heilige Raum der Begegnung von seinem Licht erhellt wird – da habe ich ursprünglich Kirche erfahren, da gab es keine Trennung mehr.

Das wurde später konkreter. Immer wieder konnte ich die Erfahrung dieser ursprünglichen Verbundenheit machen: bei den Leitungskongressen von Willow Creek, bei den Begegnungen auf evangelischen Kirchentagen – und vor allem ab dem Moment, wo wir gemeinsam entdeckten, dass uns Christen dieselben Fragen bewegen – oder eigentlich nur eine einzige: wie können wir heute das Evangelium verkünden, leben, bezeugen? Denn da wurde deutlich, dass die Energie der Tiefe in unserem Zwischen die Leidenschaft für diese Fragen befeuerte.

Das befeuerte unseren Weg hin zu dem wunderbaren Kongress Kirchehoch2 – und wir erfuhren, dass unsere Erfahrung eben nicht nur unsere Erfahrung ist – sondern eigentlich die Erfahrung und Sehnsucht vieler, die aufbrechen wollen in eine weitere Zukunft. Dieser Weg geht immer weiter, auch in neuen Formen

Amt? Eucharistie? Kirche?

Ich erinnere mich noch wie heute, als wir im Kloster Wülfinghausen diesen Kongress reflektierten. Wir spürten, dass wir am Anfang eines Weges stehen, und wir spürten auch, dass dieser Kongress uns auch geistvoll zusammengebunden hat. Fast spürten so etwas wie einen Gründungsmoment: sind wir nicht so etwas wie eine neue monastische Gemeinschaft? Dieser Geist durchzog unser Reden, Beten, Teilen und auch die Feier der Liturgie. Als ich erlebte, wie Nora Steen das Abendmahl feierte, wurde mir noch einmal tiefer deutlich, dass wir gewiss unterschiedliche Zugänge zum Abendmahl, zur Eucharistie, zu Amt und Kirche haben – aber eigentlich, in den unterschiedlichen Perspektiven und Gedankengefügen immer auf die gleiche Grunderfahrung zielen: auf den Herrn, der uns beschenkt mit sich selbst, dem wir danken und preisen.

Und ja, es ist Kirche – überall da, wo er unter uns ist, wo wir sein Wort hören. Und in diesen Erfahrungen, die in letzten Jahren immer mehr und immer dichter wurden, wurde mir ein deduktiver theologischer Zugang immer fragwürdiger, der die Defizienz zum eigenen Modell zum Maß der Wahrheit macht. Das kann nicht stimmen – oder besser: es stimmt nur, wenn ich einen einzigen Denkweg für den richtigen halte. Klar, wenn ich die scholastisch denke, dann werden andere Gedanken demgegenüber nicht genau dieselbe Aussagekraft haben – aber: muss ich so denken

Und umgekehrt sagt mir meine Erfahrung: wenn ich in Liturgien meiner evangelischen Geschwister bin, etwa im Wal in Hannover, oder in Laucha an der Unstrut, in Drübeck und anderswo – wie könnte ich ernsthaft auf den Gedanken kommen, dass hier nicht mit großer Tiefe und Ernsthaftigkeit Eucharistie gefeiert wird? Dass hier nicht ein sakramentales Grundverstehen vorliegt – und dass die Ordination eine Theologie des Amtes beinhaltet, die ich stimmig finde und nachvollziehen kann, auch wenn ich zutiefst eingegründet und überzeugt von der Theologie des Amtes meiner Tradition. Ja, und das habe ich genauso auch erlebt mit meinen orthodoxen und freikirchlichen Freunden und Geschwistern.

Wie begeistert ich war, als ich das neue Dokument des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen las, das brauche ich kaum zu sagen: die sorgfältige Theologie, die ich hier lesen kann, eröffnet weite Horizonte. Ich lese: „Jesus Christus hat den Menschen, die in seinem Namen zusammenkommen, seine Gegenwart versprochen (vgl. Mt 18,20). Er ist mitten unter ihnen, wenn auch nur zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln. Er vergegenwärtigt sich ihnen, wenn sie Gottesdienst feiern und sich ihm hörend, singend und betend zuwenden. Er verbindet sich mit ihnen, wenn Menschen die Taufe im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes empfangen, und macht sie zu Gliedern an seinem Leib. Er schenkt sich ihnen in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut, wenn sie sich unter dem Wort seiner Verheißung das Brot und den Wein in der eucharistischen Feier des Abendmahls reichen lassen. Die Zusage seiner Gegenwart überschreitet und umgreift die konfessionellen Grenzen und Grenzziehungen, die der sichtbaren Einheit der Christenheit im Wege stehen – sie ist in tiefstem Sinn ökumenisch. Sie ist der tragende Grund jedes einzelnen Schrittes der Ökumene. Wo auch immer Katholiken, Orthodoxe, Lutheraner, Reformierte, Anglikaner, Baptisten, Methodisten in seinem Namen versammelt sind, erfüllt Christus sein Versprechen, mitten unter ihnen zu sein. Sie sind und werden in Christus geeint, lange bevor sie sich über die konkreten Formen ihrer Einheit verständigt haben und zu konkreten Verabredungen ihres Miteinanders gelangt sind.“ (2.1f)

Neu zu denken wagen

Wir leben in neuen Zeiten. Die Coronapandemie wird uns verändern. Auch in diesem Zusammenhang. Klar ist doch, dass sich die Gestalt der Kirche wandelt. Von einer stark amtsorientierten und kleruszentrierten Versorgungskirche mit einer bestimmten Amtstheologie und einem institutionsfixierten Kirchenverständnis entwickelt sich viel in Richtung einer stärker von Partizipation und Taufwürde geprägten Christsein, das ein viel fluideres Kirchenverständnis in den Vordergrund rückt: kommt es doch darauf an, die lebensspendende Erfahrung Seiner Gegenwart heute in Erfahrung zu bringen und zu bezeugen. Amt und Ordination, Eucharistie und Sakrament werden aber gerade nicht überflüssig, ganz im Gegenteil: angesichts der Erfahrungen neuer Aufbrüche, angesichts der Zeichen der Zeit und angesichts der Erfahrungen, die im Volk Gottes in den letzten Jahren hervorgewachsen und gereift sind, könnte die Entwicklungsbeschleunigung, die diese ungeahnte Corona-Katastrophe bewirkt, dazu herausfordern, unsere eigenen wertvollen theologischen Traditionen von der Wurzel neu zu denken: ja, denn Radikalität und Tiefe werden gesucht werden, wenn wir uns weiter auf dem Weg machen, Christsein in die Zukunft zu entwerfen.