Urbi et orbi! Die Bilder waren eindrücklich. Die Bilder vom Petersplatz. Sie spiegelten das Evangelium vom Seesturm wieder – und in all dem spiegelte sich die Herausforderung des Coronasturms, die – ja – die Kirchen tiefgreifend verändern wird. Der Papst auf einem leeren Petersplatz und doch verbunden mit der ganzen Kirche weist mit kraftvollen Worten darauf hin.

Aber wie? Daniel Bogner hat in seinem engagierten Beitrag Szenarien beschrieben. Und wenn ich die Diskussion in den letzten Tagen verstanden habe, gibt es in der Tat mehrere „Ausgänge“, eine Gesellschaft und eine Kirche in den Postcoronazeiten – falls es eine solche Situation überhaupt in absehbarer Zeit gibt – zu denken.

Autoritäre Regression, sich selbstverschließene Tendenzen, trotziges Weitertanzen auf den Vulkanen, das Vergessen der anderen – all das gibt es ja schon – und wird nur in unserem Coronaalltag greller sichtbar… als Horrorszenario einer Zukunft, die in der Tat offen ist. Neue Kleider, aber nichts Neues. Reale Möglichkeit.

Und auch kirchlich könnten wir weitermachen, Worte wiederholen, eine Praxis weiterführen, ein bestimmtes Gefüge weiterverwalten, so gut es eben geht – und uns zögerlich auf neue Horizonte hin entwickeln. Wie schwierig ist es, aufzubrechen, wissen wir. Denn wir sind gefangen in Gefügen des Denkens, der prägenden Erinnerungen – und die sind stark.

Aber die Veränderungsstürme, die uns Angst machen, und uns herausreißen aus einem Gefüge restvolkskirchlicher Praxis, sind stark. Es kann gut sein, dass mit einem solchen Sturm vieles sich verändern kann. Endlich.

Nicht dass uns das nur gefallen wird: die finanziellen Spielräume werden kleiner sein – und das beschleunigt schon in Gang gekommene Auflösungsprozesse einer hochstrukturierten Kirche. Ob sich eine in tiefer Krise befindliche Gemeindehauskirche fortsetzt, das ist mindestens sehr fraglich – schon länger als wir wahrnehmen wollten. Wofür brauchen wir so viele eigene Räume, wenn doch Kirche überall dort hervorwachsen kann, wo die Leidenschaft für das Evangelium sich Raum schafft? An jeder Ecke, in jedem Haus, mitten im Leben? Und das gilt auch für die Feier der Eucharistie – und für die Sakramente, die wir feiern. Es wird kein selbstverständliches Zurück geben, zumal ja schon lange deutlich wird, dass die Feier der Christusgegenwart, seiner Hingabe, seines sich-schenkens und seines Menschensammelns und Sendens nach einer inneren Qualität und Tiefe verlangt, die sich – in allen Konfessionen – nicht einfach dadurch zeigt, dass man es Gottesdienste veranstaltet und streamt.

So wird es wahrscheinlich eine liturgische Scheidung geben zwischen denen, die eigentlich gar nichts vermisst haben, und nun auch konsequent bleiben – und denen die voller Hunger und Sehnsucht warten – warten auf die Feier ihres Glaubens, auf die Erfahrung, neu genährt zu werden in der dreifachen Kommunion von Wort, Leib und Gemeinschaft. Und das fordert heraus, Liturgie so zu feiern, dass das Geheimnis der Begegnung mit Gott erfahrbar wird. So hat Liturgie eine Zukunft. Eine große Zukunft.

Denn genau diese Sehnsucht haben viele: schon vor Corona waren Gottesdienste immer vielfältiger und postkonfessioneller, gab es die unterschiedlichsten Formen von Segenshandlungen, wurde der Kontext immer wichtiger – und die Erfahrung, dass sich das Geschenk der Gemeinschaft und der Berührung mit dem Geheimnis, das wir Gott-Liebe zu nennen wagen, in unterschiedlichster Weise unseren postmodernen Zeitgenossen zuspielt. Das wird sich deutlich zeigen. Und das gilt für alle Lebensvollzüge unseres Menschseins, unseres Christseins, unserer Kirchen. Eigentlich sehnen wir uns alle nach dem Neuen. Aber das Neue, das ist nicht das „Weiter so“, das „Mehr, mehr, mehr“ desselben, sondern tiefe Sehnsucht nach einem anderen Leben.

Eine neue Kultur

Genau hier setzt der Papst scharfsichtig an. Worauf kommt es eigentlich an, woraus leben wir eigentlich, und wozu sind wir gerufen? „Wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weiter gemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden…. Es ist die Zeit, den Kurs des Leben wieder neu auf dich, Herr, und auf die Mitmenschen auszurichten.“

Darum geht es eigentlich! Es geht um eine echte und gelebte Geschwisterlichkeit, es geht um die Leidenschaft für den Menschen, für den Anderen. Hier und jetzt. Hier und jetzt können wir auch sehen, wie das geht. Papst Franziskus sieht das mächtige Wehen des Geistes in all jenen, die in dieser Krise ihr Leben einsetzen, für die Menschen, die in ihrer Arbeit und in ihren Familien ihren stillen Dienst für andere tun. „Angesicht des Leidens, an die wahre Entwicklung unserer Völker gemessen wird, entdecken und erleben wir das Hohepriesterliche Gebet Jesu: „Alle sollen eins sein“.

Das ist die durch die Stürme freigelegte Perspektive: eine verletzliche und doch getragene und geschenkte Gemeinschaft aller, die wir spüren wollen, die wir immer wieder selbst verdecken und zerstören, aber die doch voller Leben ist, mitten in der Einfachheit der Sorge füreinander. Unsere Geschwister: in den Supermärkten, auf den griechischen Inseln, in den Kriegsgebieten, in den Krankenhäusern, in unseren Familien, bei den arbeitslos und lohnlos gewordenen Brüdern und Schwestern, bei den alten Menschen, die besonders ausgesetzt sind.

Und deswegen: „Der Herr fordert uns heraus, uds inmitten des Sturms lädt er uns ein, Solidarität und Hoffnung zu wecken, die diesen Stunden, in denen alles unterzugehen scheint, Festigkeit, Halt und Sinn geben“. Genauso. Denn dort, wo wir diese echte Mitmenschlichkeit leben, überall, wächst jener Raum, in dem auch Gottes Wohnung unter den Menschen ist, wo niemand egal ist, und alle, wirklich alle, geliebt. Das ist die Coronachance: Es geht darum, „der Kreativität Raum zu geben, die nur der Heilige Geist zu wecken vermag. Es bedeutet, den Mut zu finden, Räume zu öffnen, in denen sich alle berufen fühlen, und Formen der Gastfreundschaft, Geschwisterlichkeit und Solidarität zuzulassen.“ Immer, an jedem Ort – so sagt der Papst, denn genau hier wird das Geheimnis von Ostern freigelegt, das Geheimnis dessen, der durch den Tod uns den Raum zu Leben eröffnete.

Von dorther zu schauen und zu beten, und deswegen genauso zu leben, mit allen Menschen, die diese Sehnsucht spüren, das ist das Neue, das werden will, schon da ist und nicht wieder verdeckt werden darf.

Neugeburt der Kirche?

Aber dann gilt uns die Prophetie Bonhoeffers. Wir würden unfähig für diese Zukunft, wenn wir weiterhin um Selbsterhalt kämpfen. Dann nämlich, so Bonhoeffer, sind wir unfähig, der Welt das Evangelium wirksam zu verkünden. „Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: Im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun… Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – , an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert. Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu…, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und Wahrheit, die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündigt“ (DBW 8, 435f).

Sie spiegeln sich, der Papst und der evangelische Prophet. Und gemeinsam erwarten wir die Neugeburt. Nach den Stürmen der Veränderung.