Im Januar dieses Jahres war ich bei einem Workshop über Kirchenentwicklung. Und mit meinem Team haben wir erneut eine biblisch-liturgische Leiterzählung für diese Tage zugrunde gelegt. Intensiv haben wir über den kirchlichen Wandel nachgedacht und Wege zur Gestaltung dieses Wandels eingeübt.

Die Leiterzählung durch diese Tage war „Der Weg des Moses“. Schon oft haben wir diese Erzählung genutzt zum Innehalten, zur Vertiefung: die Berufung des Moses lenkt den Blick auf unser eigenes Feuer, auf meine Berufung; die Geschichte mit der Sehnsucht nach den ägyptischen Fleischtöpfen verweist auf unseren Umgang mit den eigenen Prägungen und unseren Revisionen. Die Geschichte mit dem goldenen Kalb – fragt sie nicht danach, welchen Ersatzgöttern wir nachgehen? Und schließlich: der Ausblick Moses auf dem Berg Nebu macht deutlich: ja, wir dürfen die Zukunft schon sehen, aber … eintreten werden wir vielleicht nicht.

Genial – der Weg des Mose eröffnet einen differenzierten Horizont, der Schlaglichter auf unsere gegenwärtige kirchliche Umbruchssituationen und ihre Herausforderungen wirft. Und gerade die kleinen Liturgien, die dann einzelne Reflexionsschritte vertiefen, sie sind es, die am meisten die Teilnehmenden berühren.

Mich hat dieses Mal eine Station auf diesem Weg am meisten berührt – und daran muss ich denken, wenn ich in unserer aktuellen Situation der Pandemie frage, wie es weitergehen kann und wird.

Jeder kennt die Geschichte der ägyptischen Plagen. Mose bittet den Pharao um den Auszug in die Wüste, damit das Volk Gott verehren kann. Der Pharao verweigert dies. Und nun kommen die Plagen, viele Plagen. Und immer wieder bleibt der Pharao hart. Und diese Härte, dieses Bleibenmüssen ist wie eine Fessel. Das Volk kommt nicht los…

Als wir dieses Mal diese Station auf dem Weg des Mose durchwanderten und durchbeteten, hatte ich plötzlich einen Gedanken: Wieviele Plagen braucht es eigentlich, bis wir uns aufmachen können und auf neue Wege gehen? Ein erschreckender Gedanke…

Aber ein Gedanke, der nicht unrealistisch ist. Denn wie oft bleiben wir doch lieber da, wo wir waren. Und keine Einsicht, keine Erkenntnis, keine noch so schwierige Situation bringt uns wirklich in Bewegung. In den vielen Situation kirchlicher Bestandswahrung habe ich erlebt, wie oft Wirklichkeit, geschichtliche und soziologische Entwicklungen, Fakten und Zahlen verdrängt werden und immer wieder die Fixierung auf das Vergangene durchscheint.

Wie viele Plagen braucht es eigentlich, um loszuziehen? Diese Frage gewinnt auf einmal eine herausfordernde und auch schrecklich-erschreckende Bedeutung. Die Coronapandemie stellt alles bisher Gewohnte auf den Kopf. Sie ist einschneidend. Und sie fordert uns im Kern heraus, neue Wege zu gehen. Die Fragen gehen an die Substanz unseres Menschseins und unseres Glaubens. Denn dieser Virus fordert ein Paradox: wir können in der gewohnten Weise nicht mehr zusammenkommen, keine Gottesdienste mehr feiern, das ganze klassische Leben in Gemeinschaft nicht mehr weiterführen – und entdecken zugleich neu, wie wichtig Beziehung ist, wie sehr wir gar nicht anders leben können. Als Menschen und als Christen.

Löst uns diese Pandemie von unseren Blockierungen, in denen wir uns leidenschaftlich und leidend eingerichtet haben? Erzwingt sie die Zukunft, weil es eben wirklich nicht mehr geht? Können wir in die Zukunft gehen, weil auf einmal bestimmte Fragestellungen, die sich auf den Erhalt bestehender Gefüge und Sozialgestalten, überflüssig werden? Könnten sich jetzt Erfahrungen durchsetzen, die unsere Gesellschaft und die Kirchen in ihr von innen, aus der Substanz her erneuert. Diese Substanz heißt Liebe, sie heißt Beziehung. Eben Gott.

Das wäre ein einschneidender Wandel. Kaum denkbar. Oder doch? Der Zukunftsforscher Matthias Horx schlägt in seinem Blog „Die Welt nach Corona“ (www.horx.com) einen Perspektivwechsel vor: keine Pro-gnose für die Zukunft, sondern eine „Re-gnose“. Und er mutmaßt, dass gerade durch diese Krise die Kraft und Bedeutung der echten Beziehungen zum Vorschein kommt und in die Mitte rückt. Und wir endlich aus den Schneckenhäusern fixierender Fragestellungen ausgezogen ist. Ich mag es glauben.

Aber dann stehen wir auch kirchlich vor einer einschneidenden Veränderung. In einem nur auf italienisch verfügbaren Artikel (http://www.settimananews.it/chiesa/chiesa-italiana-occasione/) denkt Francesco Cosentino über diese Frage nach. Er spricht davon, dass diese Krise, die für die Kirche eine einzigartige Gelegenheit ist, auch die „Büchse der Pandora“ öffnet: Fragen, die sich schon lange stellen, stehen dringend vor uns: welche Art von Spiritualität, welche Art von Kirche leben wir? Welche Fragen drängen?

Nur die Messe – egal wie?

Ist die Kirche eine Messfabrik, fragt Cosentino, und sollte etwa die Spiritualität sich ganz auf die Messe verengt haben? Dann hieße es jetzt: Messe oder nichts? Cosentino zitiert den deutschen Theologen und Benediktiner Elmar Salmann: „Bis heute haben wir eine Pfarrei oder nichts, einer wird Priester oder hat keine wichtige Rolle, entweder man heiratet in der Kirche oder es gibt nichts. Man wird getauft oder es bleibt nichts“. In der Tat, so kann es nicht weiter gehen: die Sakramentalisierung dominiert die Evangelisierung, wie Franziskus in Evangelii Gaudium richtig diagnostiziert.

Ohne die Tiefe sakramentalen Lebens aus den Blick zu verlieren: Müßte in dieser Zeit nicht eine breite Spiritualität des Wortes in den Mittelpunkt rücken? Und wenn ich richtig sehe: genau das passiert. Wer wie ich den Abend in Taizé mit 4000 Mitbetern verbringt, wer im Netz die fantastischen Initiativen spiritueller Telefonkonferenzen oder Facebook-Events verfolgt, der merkt: hier ist ganz viel im Werden.

Mystik in der Zeit des Netzes

Auch in Evangelii Gaudium hat es der Papst ans Licht gebracht: „Heute, da die Netze und die Mittel menschlicher Kommunikation unglaubliche Entwicklungen erreicht haben, spüren wir die Herausforderung, die „Mystik“ zu entdecken und weiterzugeben, die darin liegt, zusammen zu leben, uns unter die anderen zu mischen, einander zu begegnen, uns in den Armen zu halten, uns anzulehnen, teilzuhaben an dieser etwas chaotischen Menge, die sich in eine wahre Erfahrung von Brüderlichkeit verwandeln kann, in eine solidarische Karawane, in eine heilige Wallfahrt. Auf diese Weise werden sich die größeren Möglichkeiten der Kommunikation als größere Möglichkeiten der Begegnung und der Solidarität zwischen allen erweisen. Wenn wir diesen Weg verfolgen könnten, wäre das etwas sehr Gutes, sehr Heilsames, sehr Befreiendes, eine große Quelle der Hoffnung!“ (EG 87).

Auch wenn dies in Zeiten von Corona oft nicht physisch geht – ist denn diese Mystik weniger real, wenn sie sich im Netz zeigt? Ich erfahre das nicht – und es wäre auch merkwürdig, wenn wir Kirche nur physisch, in Bauwerken und Vereinen erleben könnten. Im Gegenteil. Wird diese Krise nicht auch hier Neues zeigen: welche Art von Gemeinschaft, welche Formen des Kircheseins, welche Begegnungsweisen mit Gott rücken nach vorne.

Die samaritanische Revolution

Das Evangelium der Samariterin am Jakobsbrunnen führt zu einer Klärung, die dringend ist, für uns heute, mit all den theologischen und soziologischen Scheinnormen: „Glaub mir Frau, die Stunde kommt, zu der ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbetet… die Stunde kommt und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden in Geist und in Wahrheit: denn so will der Vater angebetet werden“ (Joh 4,24). Gott, so twittert meine Kollegin Maria Herrmann, ist eben auch vor den leeren Regalen im Supermarkt, in zu engen Wohnungen, im Paketlieferwagen und an Europas Grenzen. Er geht mit uns diesen Weg, eben nicht nur in der Krisenzeit. Und Kirche wächst dort, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind – und das ist eine Kirche, die aus der Kraft der Taufe lebt. Es geht darum, so Franco Cosentino, „in allen Dingen Gott zu suchen und zu finden“ Er spricht von einer Theologie des Alltäglichen, die „das ewige Wunder und das schweigende Geheimnis verbirgt, das wir Gott nennen“ (Karl Rahner).

Die Felder sind reif

Die Geschichte der Samaritanerin geht weiter. Und Jesus konfrontiert die Jünger mit seiner so ganz anderen Weltsicht. Er sieht nämlich schon, gerade bei den so heterodoxen Samaritanern, einen großen Aufbruch: „Erhebt eure Augen und seht, dass die Felder schon weiß sind zur Ernte“ (Joh 4,35). Ja, und genau das sehe ich auch. Es könnte ja sein, dass wir – nach den erzwungenden Einschnitten der Coronakrise – endlich loskommen und aufbrechen in eine Kirche, die aus der Kraft der Getauften lebt. Wir stehen vor einem einschneidenden Wandel. Ich hoffe, dass wir nicht noch mehr Plagen brauchen, um endlich loszuziehen.