Nachdenken über ein gemeinsames Thema zwischen Gericht und Gnade

Wer über das Thema nachdenken will, und wer dies theologisch tun will,  der kommt auf ganz wesentliche Grundfragen: wie steht Gott zur Welt? Und wie steht die Kirche in der Welt – die Kirche, die ja nichts anderes sein darf, als Zeichen und Werkzeug der Sehnsucht Gottes nach dem Menschen, Verleiblichung seiner Leidenschaft der Liebe für jeden.

Aber noch mehr ist wichtig: diese Welt, wie sehen wir die? Und die Kirche, wie sehen wir die? Wir schauen nämlich nicht ganz einfach neutral darauf, sondern haben unsere Muster und Bilder, die sich dann auswirken. Es ist deswegen ein erster Schritt, meine Perspektive kenntlich zu machen:

Mission in der Diaspora – ein gelassener Blick

1943 schrak der damalige Kardinal Suhard in Paris auf. Henri Godin, ein französischer Priester hatte ein Buch geschrieben, das zutiefst erschreckte: France – pays de mission… Suhard war überrascht von den Daten und Analysen. Godin beschrieb ein nachchristliches Frankreich. Und in der Tat – seine Einschätzung war ja richtig. Und sie wurde auch in Deutschland geteilt. 1948 redete Ivo Zeiger SJ auf dem ersten Nachkriegskatholikentag ebenfalls davon.

Und es gibt einen spannenden Wahrnehmungskonses zweier Propheten derselben Zeit. Auch Alfred Delp SJ und Dietrich Bonhoeffer erahnten unabhängig voneinander einen tiefgreifenden Wandel. Sicher nicht unabhängig von ihrer Situation der Gefangenschaft formulierten sie Gedanken für eine Zukunftsgestalt der Kirche, die radikal waren: er spricht von einen Neubeginn, von der Notwendigkeit, sich vom Glauben neu ergreifen zu lassen, nicht mehr als Kirche um sich selbst zu kreisen. Das „Beten und Tun des Gerechten“ ermöglicht ein radikales Neuwerden, das aber nicht „machbar“ ist: im Gegenteil, es geht um eine Umkehr und Busse, und das Warten auf den Tag eines neuen Anfangs.

Wenn nun Thomas Großbölting („Der verlorene Himmel“) als Historiker analysiert, dass schon 1948 die Verantwortlichen katholischer Jugendpastoral eine grundlegende Veränderung des Glaubenszugangs bemerkten, ahnten und… fürchteten, und deshalb nicht öffentlich damit umgingen, dann wird nur 10 Jahre später auch an Zahlen deutlich, wie irreversibel sich die Situation geändert hat. Christlicher Glaube wird freie Entscheidung, Ausdruck selbst gewählter Überzeugung – und das zeigt sich an den sinkenden Zahlen der kirchlichen Praxis seither, die dann seit 1968 auch in den Austrittszahlen überdeutlich werden.

Wer dann hier vom drohenden Untergang der Kirche redet, der hat ein bestimmtes „Muster“ im Kopf: ist es tatsächlich normativ, dass viele Christen in einem Land leben? Ist tatsächlich die parochiale Gemeindestruktur vom Evangelium her zu begründen? Muss Christentum ein mehrheitliches Phänomen in unserem Land sein? Wie kommt es eigentlich zur theologisch nicht gedeckten These, dass man den „Glauben an die nächste Generation (methodisch intelligent) weitergeben“ könne?

Aber wir wissen alle: die Gesellschaft und die Kirche in ihr haben sich völlig verändert. Das Paradigma einer Volkskirche stimmt nicht mehr. Gar nicht mehr. Und so ist auch Achtsamkeit geboten: Wer einfach so von Neuevangelisierung oder Evangelisation redet, der kann auf dem alten Muster einer Volkskirchlichkeit ja immer noch denken, dass man mit Anstrengungen endlich Europa, Deutschland oder eine Kirche wieder christlich machen könne, und Menschen zurückgewinnt, für was? Für eine Eingliederung in eine vergehende Gestalt christlichen und kirchlichen Lebens? Nein – wir sind an einer anderen Stelle.

Mission vom Ursprung her denken

Klar ist ja: nur derjenige, nur diejenige, die leidenschaftlich ergriffen ist von Christus, nur „missionarische Jünger“ (Papst Franziskus) werden glaubwürdig das Evangelium bezeugen und den Menschen unserer Zeit eindrücklich vom Evangelium erzählen. Aber dabei gilt es genau, diese unsere Zeit zu bedenken. Es ist Christoph Theobald, der französische Jesuit und Theologe, der dies in eindrücklicher Weise tut:

„Müssen wir als Katholiken und Theologen – um zunächst nur von uns zu reden, nicht ein neues Verhältnis zu unserem Kontinent finden? Als Menschen in einem Land, das wir zwar gerne bewohnen, das uns aber nicht als Christen gehört? Ein Missionsland eher, in dem wir – wie die ersten Christen – für unseren Glauben um Gastfreundschaft werben müssen. Geht es doch darum, Herzen zu gewinnen und frei Mitbürger davon zu überzeugen, dass im Glauben an das Evangelium ungeahnte Lebenskraft verborgen ist.“

Es geht Theobald also nicht um eine Mission, die Menschen „wieder“ zurückgewinnt, und Europa „wieder“ christlich macht. Es geht eher um eine Situation, die der Apostelgeschichte ähnelt: Christen sind am Anfang des Weges, hoffen auf Resonanz, aber leben aus einer inneren Sendung und fragen sich, wie das Evangelium den Menschen der Zeit nahekommen kann. Sie vertrauen dabei auf die Verheißung Jesu: „Die Ernte ist groß“ – und deswegen ist die Rede von der Diaspora auch nicht eine Mangelbeschreibung, sondern die Grundwirklichkeit der Christen in der Welt von heute.

Aber wie geht dann Mission? Welchen Ursprung kann man bebildern? Der Ausgangspunkt wird schon im Johannesprolog eindrücklich reflektiert: Am Anfang war das Wort…, so sagt der Autor. Und damit ist ja gemeint, dass die gesamte Wirklichkeit Gottes und der Welt geprägt ist von einer Logik des Lichtes und der Liebe. Dieses Licht, diese Liebe ist das Leben der Menschen. Aber genau hier wird – schon zu Beginn des Evangeliums – der Weg beschrieben, den diese Logik der Liebe geht: das Wort wird Fleisch, lässt sich ein auf die Menschen seiner Zeit – wird Mensch wie sie. Mission ist also eine eigenartige Erfahrung des Hineinspringens in die Welt, aus Liebe, um ganz bei denen zu sein, die die Liebe erfahren könnten. Viel deutlicher wird das dann bei der Taufe Jesu: wenn Jesus die tiefe Liebe des Vaters unfasslich nah erfährt, wird ja auch deutlich: diese Erfahrung gilt allen.  Und Jesus versucht von Anfang an, dies in der Sprache der Menschen auszudrücken, in ihren Bildern und ihren Erfahrungen. Die Rede vom Reich Gottes, die Rede vom Samenkorn macht deutlich: Jesus ist ganz in der Welt der Menschen seiner Zeit, und lehrt die Jünger einen Blick, der das Leben des Reiches Gottes entdeckt mitten unter den Menschen: Ja, die Felder sind reif zur Ernte, die Welt ist gottvoll.

Theologisches Innehalten

Hier beginnt die Herausforderung im Denken über die Mission. Denn ja, eigentlich geht es bei dieser Frage um das Weltverhältnis: Denn es ist die Frage, wie Gott die Welt sieht, und wie deswegen wir als Gesandte den Menschen begegnen. Hier liegen die Kontroversen: ist denn wirklich die Welt gottlos, geistlos? Und sind wir deswegen dazu da, die verlorene Welt für Christus zu gewinnen, weil sonst alle dem Gericht und dem Unheil geweiht sind?

Genau das lässt sich kaum mit dem Evangelium von der Liebe her lesen, es wird der Wirklichkeit der Leidenschaft Christi, seinem Sterben für die Menschen nicht gerecht. Ja, denn weil Gott die Welt so geliebt hat, dass er seinen Sohn hingab, lässt sich – im Blick auf Jesu Sterben und seinem Weg durch die Gottverlassenheit – die Weltwirklichkeit nur verstehen als geliebte und gerettete. Das ist die Gnade, die geschenkt ist – und das Gericht bleibt wichtig, weil hier ja erst die Dramatik und Radikalität der erlösenden Liebe offenbar wird, die den Menschen ausrichtet und ihm doch die Wahl gibt, sich dieser Wirklichkeit zu öffnen.

Hier liegt – sicher – die entscheidende Frage an die Mission. Wenn sie nicht deswegen sein muss, weil der Liebe noch etwas fehlt, dann werden wir dennoch innerlich gedrängt, bei den Menschen zu sein – in der Radikalität der Inkarnation, in der Radikalität der Hingabe,

Genau so beschreibt die anglikanische Missionslogik den Weg der missionarischen Ekklesiogenesis: es geht nur so, dass leidenschaftlich Liebende sich einlassen auf die Menschen ihrer Zeit, um mit ihnen das Evangelium neu zu entdecken. So beschreibt es genial auch der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle im Blick auf die jungen Menschen – aber das gilt für jede Gruppe von Menschen. Er formuliert: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Handeln, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe…“ Damit greift Hemmerle auf, was schon das II. Vatikanum im Blick auf die Sendung sagte. In Gaudium et spes, der Pastoralkonstitution, die das Verhältnis der Kirche zur Welt reflektiert, formuliert das Konzil deutlich, dass es notwendig ist, immer wieder neu die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten, die Sprachen der Zeit zu lernen und zu unterscheiden, was hier vom Geist Gottes kommt. Doch zugleich ist diese Missionsleidenschaft ein großes Lernen: nur so, im Hinhören, im Lernen der Sprachen der Zeit, wird das Evangelium überhaupt auch selbst verstehbar und tiefer zu erkennen. Es strahlt gerade so in seiner Radikalität in jeder Zeit je neu auf.

Hier wird dann noch tiefer verständlich, was die anglikanische Kirche im Begriff der „mission shaped church“ so genial in Worte fassen konnte. Dahinter steckt eine Erfahrung, die deutlich macht, dass gerade dann, wenn wir mit Menschen unserer Zeit das Evangelium neu entdecken, wir auch das Evangelium neu entdecken und Kirche neu werden kann.

Es wird dabei sehr deutlich, das diese kenotische Mission aus dem Ursprung immer geprägt ist von einer tiefen Absichtslosigkeit: es geht um eine Liebe, die ohnmächtig bleibt, aber gerade so einen Raum eröffnet, in dem Gottes Gegenwart Menschen berühren kann.