Erwägungen zum Umbruch in der Kirche[1]

Wir sind mitten im Wandel, in einem großen Umbruch, in unserer Gesellschaft, in der Welt. Und jeder Wandel, jede größere Veränderung ist auch eine Nacht. Denn die alten Paradigmen versagen, wir haben keine Parameter mehr, um die Situation zu verstehen. Es ist verwirrend und wir bekommen Angst.

Und es ist irgendwie paradox: denn einerseits ersehnen wir diesen Wandel. Wir spüren sehr deutlich, dass unsere Art zu leben an ein Ende gekommen ist. Zuviel Müdigkeit und Hetze, zu viel Depression. Und gleichzeitig wollen wir den Wandel nicht, er ist nicht erwünscht, denn wir müßten uns ja ändern. Insgesamt sind wir also inmitten von ambivalenten Gefühlen, inmitten einer großen Unübersichtlichkeit und Komplexität. Und das merken wir auch daran, dass der Ton der Auseinandersetzung rauh geworden ist. Polarisierung ist ein Stichwort dieser Situation – sie bezeugt den Kampf der Interpretationen um diesen Umbruch. Und so suchen viele nach Orientierung, nach starken Männern, nach populistischer Einfachheit und Lösungsvorschlägen, die simpel zu sein scheinen. Sie alle zielen auf Sicherheit und auf eine Rückkehr zu verheißungsvoll alten Zeiten.

Aber es gibt auch eine andere Suche – eine Suche nach Geist, nach Charisma. Es gibt eine Suche, eine große Suche nach etwas, was mich anrührt und „berührt“, mich mitreißen kann und auf neue Wege führt. Greta Thunberg etwa steht dafür, und ich bin überzeugt, dass auch andere einen große Begeisterung entfachen würden, wenn es diese Menschen gäbe, die glaubwürdig leben und bezeugen. Denn es gibt in den Menschen einen „sensus“ für Authentizität, für Zukunft, für echtes und gutes Leben – wie zu allen Zeiten.

Und die Kirche?

Wir sind als Kirche genau in derselben Situation. Wir leben einen ungeheuren „Klimawandel“, der sich seit mehr als 60 Jahren abzeichnet und in allen Generationen wirksam wird. Glauben wird völlig anders – und so auch Kirche. Glauben, christlich geprägter Glaube liegt nicht mehr einfach vor, ist nicht mehr einfach gegeben. Für niemanden ist Glaube selbstverständlich, für jeden ist Glaube ein Weg, eine Wanderung, eine Spur hin zu einer Begegnung mit dem Geheimnis, das Christus ist. Und wenn Glaube dann wächst aus einer unplanbaren und nicht erziehbaren Begegnung, dann wird auch Kirche ganz anders. Auch sie lässt sich nicht mehr institutionell vorgeben, sie ist kein Rahmen mehr, kein soziologisch vorgegebener Container, in dem „man“ (und „frau“) halt ist und sein muss. Es geht um etwas ganz anderes: um Räume der Erfahrung, um anziehende Gegenwart und Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft, um Atmosphäre der Freiheit und Freude. Das hat allerdings nichts mehr mit vorgegebenen Sozialformen zu tun, sondern mit flüssigen Erfahrungsräumen….

Aus diesem Grund stimmen auch die Zahlen nicht mehr. Ja klar, man kann dann von immer kleineren Zahlen der Kirchenbesucher reden, von der Halbierung der Kirchenmitglieder – aber was sagt das genau? Was sagt das anderes als dass wir in der Wandelnacht sind, in einer tiefgehenden Verwandlung, die wir ersehnen und zugleich fürchten. Denn wie könnte man die Zahlen des Kirchgangs etwa aus dem Jahr 1960 mit den heutigen vergleichen, wenn doch die Art und Weise, wie Menschen glauben, sich komplett verändert hat.

Wir stehen – wie alle unsere Zeitgenossen – also in der nächtlichen Unübersichtlichkeit des Wandels, voller Sehnsucht nach Echtheit und Authentizität, nach Glaubwürdigkeit, nach Charisma und Orientierung, nach Identität, nach einem Verstehen in dieser Situation. Wie kommen wir weiter? Wie können wir das deuten?

„Frag hundert Katholiken, was das wichtigste in der Kirche ist – und sie werden sagen: die Messe.
Frag hundert Katholiken, was das wichtigste in der Messe ist – und sie werden sagen: die Wandlung.
Sag hundert Katholiken, das wichtigste in der Kirche sei die Wandlung – und sie werden sagen: Nein, es soll alles so bleiben wie es ist“.

In dieser Abneigung steckt eine tiefe Wahrheit, eine tiefes Spüren. Denn ja, Wandel ist kein Kinderspiel. Es geht bei diesem Wandel immer auch um ein Sterben, um einen Tod – und eine Auferstehung.

Aber dann heißt das auch, dass wir Christen uns fragen dürfen, ob wir das glauben: Glauben wir, dass Gott mit uns auf dem Weg ist, durch die Nacht, durch Tod und Auferstehung – dass er mit seinem Volk, mit uns, auf dem Weg durch die Wüste der Deutungen geht? „Meine Wege sind nicht eure Wege“, ja, aber er ist mit uns auf solchen Wegen. Und die gilt es zu erkennen.

Und deswegen gilt es – zweitens – zu hören: auf die Zeichen der Zeit, und auf das Evangelium. Denn in diesem Hören kann entdeckt werden, welche Wege er mit uns geht. So formuliert es das II. Vatikanische Konzil: „Im Glauben daran, dass es vom Geist des Herrn geführt wird, der den Erdkreis erfüllt, bemüht sich das Volk Gottes, in den Ereignissen, Bedürfnissen und Wünschen, die es zusammen mit den übrigen Menschen unserer Zeit teilt, zu unterscheiden, was darin wahre Zeichen der Gegenwart und Absicht Gottes sind.“ (GS 11)

Gottes Geist ist in der Welt, die Welt ist voll von Gott. Sie ist nicht gottlos, mitten in ihr, im Engagement, in der Leidenschaft für das gute Leben, für die Liebe, für Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden ist der Geist wirksam. Und ja, es wäre jetzt spannend, sich zu fragen, wie wir das merken. Wir könnten es  – so der Text – in uns merken, in den Menschen der vielen Glaubenswege und Lebenskonzepte, in den aufbrechenden Megatendenzen, in der Resonanz der Klimabewegung. Überall. Nun ist das Konzil nicht naiv. Es braucht einen gemeinsamen, einen synodalen Horizont: gemeinsam will zusammengetragen werden, was an Erfahrungen und Entdeckungen gemacht wird, welche Forderungen und Wünsche es gibt – und dann gilt es zu hören, was das Evangelium dazu sagt, und zu entscheiden. Kein leichter Weg. Aber unvermeidlich.

Denn es geht um mehr als nur um die Absichten Gottes: es geht auch um unser eigenes Glaubensverständnis. So formuliert es Gaudium et spes 44. Hier wird deutlich, dass diese Unterscheidungsarbeit für uns sehr viel bedeutsamer ist. Denn sie verändert uns. Ja noch mehr: das Konzil sagt, dass wir nur so unseren Glauben richtig und neu entdecken können – und auch sagen. Mit anderen Worten: nur wenn wir den Geist entdecken, der in allem und in allen wirkt, entdecken wir unseren Glauben heute. Es geht eben nicht darum, die alten Formeln immer zu wiederholen, nein: es geht um eine Verheutigung, um die Neuheit unseres Glaubens, den wir nur mit dem Anderen entdecken.

Genial formuliert das der verstorbene Bischof Klaus Hemmerle aus Aachen. Im Blick auf die Jugend und ihre Fremdheit formuliert er genial (und man muss es mehrmals hören): „Lass mich dich lernen, deine Denken und Handeln, dein Spüren und Glauben, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe“. Ja, wir sollen unseren Glauben verkünden – aber wie geht das? Wenn wir lernen! Lernen von den Menschen, mit denen wir leben. Aber eben nicht oberflächlich – ihre Trends und Schwächen. Sondern indem wir ihre Kultur lernen, ihr Fühlen, ihre Sprache, ihr Leben und darin und im Hören auf die Frohe Botschaft neu lernen, was unser Glaube ist, seinen heutigen Reichtum – dann können wir ihn bezeugen und sogar sagen.

Wenn das so ist, dann wird unser Wandeln durch die Nacht natürlicherweise Momente enthalten, in denen wir neue Orientierung suchen – und sie finden wir, wenn wir achtsam die Stimmen der Mitmenschen und des Evangelium hören und verstehen lernen. Wir verstehen dann auch, dass Wandel wesentlich zu diesem Weg gehört, und wir als Christen neu denken lernen, neu sehen lernen.

Das ist nicht neu. Das geschieht in jeder Zeit, in jeder Krise. Und ja, in jeder Krise des Volkes Gottes. Und die sind eher häufig. Wenn man so im Alten Testament und im Neuen liest, dann stellt man fest: es geht um Krisen, immer wieder, von Krise zu Krise geht Gott mit seinem Volk.

Eine dieser Krisen ist das Exil. Das Volk Israel ist verzweifelt, in der Deutungsnacht. Wie soll man den Verlust verstehen, das Verlieren aller Sicherheiten, und eine neue Situation mitten in der Fremde… In dieser Situation spricht Gott durch den Propheten Jesaja: „Schaut nicht mehr auf das, was früher war, auf das, was vergangen ist, sollt ihr nicht mehr schauen. Seht, ich schaffe Neues – schon sprosst es auf! Merkt ihr es nicht?“ (Jes 43, 18).

Ein bemerkenswertes Wort! Vorher hatte Gott durch Jesaja gesagt, dass in der Vergangenheit es immer Gott war, der sein Volk gerettet hatte – und es führte durch die Wüste, und durch alle Probleme hindurch. Und jetzt sagt er: darauf sollt ihr nicht mehr schauen. Und nicht etwa, weil das Vergangene schlecht war – im Gegenteil! Aber es ist nicht heute! Heute will Gott erfahren und gesehen werden – und heute schafft er Neues. Nicht wir müssen neues schaffen, das tut er, mitten vor unseren Augen. Gott fragt deswegen: „Merkt ihr das gar nicht?“ Nun ist es für Gott kein Problem: das Neue wächst durch ihn, auch wenn wir es nicht merken. Aber er möchte es mit uns sehen. Und damit das geschehen kann, können wir uns einlassen auf das, was er uns heute zeigt…

Die Ernte ist groß

Jesus sendet seine Jünger aus. Sie haben eine Wirklichkeit erlebt und im Herzen. Das Reich Gottes, das sie ergriffen hat, werden von Jesus gesandt: sie sind gesandt, diese Wirklichkeit anzukündigen („Das Reich Gottes ist nah“) und Kranke zu heilen. Spannend aber ist dabei der Kontext. Jesus sendet die Jünger „ohne alles“, ohne Mittel. Sie sind ausgesetzt, ausgesetzt den Begegnungen, die sie haben werden. Und Jesus fügt hinzu: „Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeitet… Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte zu senden…“

Das ist spektakulär. Denn die Sicht Jesu auf die Wirklichkeit sieht in den Menschen schon den Sinn und die Grunderfahrung für das Reich Gottes angelegt. Und damit spricht er von „Ernte“: es ist schon so viel da, und es will gehoben werden.

Das ist auch unsere Situation. Es geht nicht darum, ein bestimmtes Gefüge und System des Kircheseins wiederherzustellen, zurück in eine Vergangenheit zu gehen, sondern eher entspricht unsere Situation der der frühen Christen und damit der Apostelgeschichte: wir wissen nicht genau, wie „Kirche“ geht, sondern es geht darum, sich vom Geist aus führen zu lassen und zu entdecken, wie der Geist heute wirkt. Und er wirkt.

Ich möchte einige solcher Erfahrungen erzählen…

  • Mich hat vor einiger Zeit eine junge Frau gebeten, eine Gruppe von Christen zu begleiten. Eine spannende Erfahrung: sie gehören alle zu einem christlichen Netzwerk einer großen internationalen Beratungsfirma. Sie sind immer unterwegs, an ganz unterschiedlichen Beratungsorten. Und sie treffen sich monatlich am Telefon, zu einem „biblecall“: am Telefon findet dann für eine halbe Stunde eine Bibelgespräch mit Gebet statt. Und zweimal im Jahr treffen sie sich, um an einem Ort geistliche Tage zu verbringen. Ich war und bin immer noch begeistert: die Sehnsucht nach Tiefe und die Freude, die ich bei diesen meist jungen Menschen erlebt habe, als wir und in Rom für zwei Tage trafen, hat mich berührt. Hier wächst Kirche in einer neuen Form und einer neuen Dynamik – aber ohne dass das für irgendjemanden sichtbar werden würde.
  • Ich denke an meine Erfahrungen in Taizé. Hier begegne ich einem neuen Paradigma von Kirche. Ja, denn hier können alle auf ihrem Weg ein Stück weiterkommen.; hier geschieht Tiefe des Gebets und alltägliches Leben. Hier wächst Gemeinschaft in intensiver Weise – und hier zeigt sich Identität des Christlichen, die offen ist für alle. All dies geschieht in einer Atmosphäre, die Menschen verändert und prägt. Und ja: natürlich ist dies nur eine Woche, und es scheint nur ein Event – aber in Wirklichkeit ist es wirklich eine Schule des Evangeliums, die jeden und jede freilässt undden Raum zum Wachstum schenkt.
  • Ich denke an katholische Kindertagesstätten, die ich kenne: selten so wie dort habe ich erlebt, was Kirche in Zukunft heißen kann: wie Menschen nach einer Atmosphäre für ihre Kinder suchen, die sie wachsen lässt – und wie in diesem Kontext Erzieherinnen im Team miteinander und mit Kindern ihren Glauben leben. Denn Kirche ist nicht an einen Ort gebunden, der einen Kirchtumr hat, sondern an Menschen, die im Namen Jesu verbunden sind und aus dieser Kraft leben. Hier zeigt sich, wie lebensraumorientiert Kirche in Zukunft sein will und wie ökumenisch sie ist – aber hier zeigt sich auch, wie – an einem solchen Ort etwas von der Kraft des Evangeliums bezeugt werden kann, dass Menschen berührt und weiterführen kann – auch wenn es manchmal nur wenige Jahre sind.

Solche Erfahrungen gibt es viele. Erfahrungen, die eine „flüssige Kirche“ zeigen, die starke Erfahrungen und eine dichte tiefe Identität bezeugen – aber eben nicht in den bisherigen Gefügen und nicht institutionell, sondern eher ereignisbezogen und immer ausgerichtet auf die Wirklichkeit der Menschen, mit denen zusammen das Evangelium entdeckt wird.

Bonhoeffers Prophetie

Diesen Wandel kann man schon lange sehen, und Dietrich Bonhoeffer hat ihn schon ihn schon 1944 gesehen. In einem beeindruckenden Brief schreibt er an sein eben geborenes Patenkind, bei dessen Taufe er nicht sein konnte:

„Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an dir vollzogen, ohne dass du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können. Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen frühere Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur aus zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bist du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert…“ (Widerstand und Ergebung, DBW 8, 435).

„Beten und Tun des Gerechten“, das beschreibt den Horizont christlicher Identität, auch heute. Klar wird hier auch, dass wir von dieser sehr existenziellen Perspektive aus neu denken und handeln müssen. Bonhoeffer sieht eine neues Paradigma des Christseins wachsen, das auch die Gestalt der Kirche und das Verstehen des Christseins prägt.

Grundorientierungen der Zukunft

Was Bonhoeffer geahnt hat, das wird heute bedeutsam, wenn wir uns abschließend fragen, welche Charakteristika eine Christsein der Zukunft haben wird.

  1. Zunächst und vor allem glaube ich, dass wir einen neuen Blick auf den Kern des Christseins werfen müssen. Und dieser Kern ist mystisch. Denn es geht darum, in uns und zwischen uns die Wirklichkeit Gottes zu entdecken. Mystik meint ja nicht zuerst eine bestimmte spirituelle Praxis oder intime Versenkung, sondern viel grundsätzlicher: es ist eine Einsicht in die Wirklichkeit, ein sich anvertrauen an diese Wirklichkeit, die Christus ist und die zwischen und lebt. Zu entdecken, dass dies die Mitte des Kircheseins ist, ist wesentlich: nicht eine Struktur, sondern eine lebendigmachende Wirklichkeit, die uns und unsere Beziehungen lebendig und erfüllt macht. Natürlich ist damit eine Praxis verbunden, die zugleich mystisch und alltäglich ist, sich überall ereignen kann, wo Menschen in tiefer Solidarität füreinander und miteinander leben. Wenn die Papst Franziskus von einer Mystik der Gemeinschaft spricht, dann meint er das.
  2. Ich denke, dass Glauben und Christsein in Zukunft nur im Werden gedacht werden kann. Glauben zu lernen, Schritte im Glauben zu gehen, das ist in Zukunft keine Sache von Kindern, sondern ist die Grundwirklichkeit aller, die „auf dem Weg sind“. Es sind keine planbaren Wege, wohl aber Schritte und Wege, die wirklich aus der Kraft des Geistes wachsen. Das hat aber Konsequenzen für die Gestalt der Kirche: sie wird weniger fertig sein, als vielmehr eine Kirche im Werden, die in vielfältiger Gestalt immer wieder anders und neu wird.
  3. Ein dritter Akzent: es geht immer um die Sendung, in der wir stehen. Und diese Sendung führt zu den Menschen. Und immer geht es darum, den Menschen nahe zu sein: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen, besonders der Armen und Bedrängten jedweder Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“, so schreibt es das Konzil. Dort also, wo wir uns einlassen auf die Menschen und ihre Sehnsüchte und Fragen, wächst die Glaubwürdigkeit der Botschaft Christi, und wachsen auch neue und vielfältige Formen der Kirche – neue Formen des Miteinanders, die an unterschiedlichsten Orten wachsen können.

Das wird viele Konsequenzen haben. Viele Grundfragen des Christentums müssen neu bedacht, neu interpretiert werden – genau wie es Bonhoeffer ahnte. Kirche will neu verstanden werden, Glaube gewinnt eine neue Gestalt.

Das ist ein großes Abenteuer – es ist das Abenteuer des Wandels. Es ist das Abenteuer der Wandelnacht. Gehen wir los!

[1] Vortrag zur „Wandelnacht“ im Kloster Lüne am 30. Oktober 2019.