Der Beamer wirft seinen Text auf die Bibel: empowering people – so lautet der Text, der sich quer auf der Bibel befindet, die Steve in der Hand hält. Damit ist viel, damit ist fast alles gesagt. Zumindest über die Quelle, aus der hier alles kommt. Denn in der Tat: sie ist der Ur-Sprung.

Wir sind hier in einer leergeräumten Kirche, die aber alles andere als leer ist. Das war vor 10 Jahren noch anders. Da hatte die evangelische Pfarrei in Moabit diese Kaiser-Wilhelm-II-Kirche geräumt und aufgegeben, unter großen Schmerzen und Druck. Vieles drumherum, das Pfarrhaus und das Pfarrzentrum waren baufällig, der Kindergarten geschlossen. Mitten im sozialen Brennpunkt Berlin Moabit. Und als alle Zeichen schon kurz vor Verkauf standen, da stand Steve vor der Tür…

Und sah. Hinter ihm schon ein langer Weg: Ausstieg aus dem Beruf, Einstieg in ein theologisches Studium. Und das alles angetrieben durch eine Vision und eine klare Richtungsentscheidung: eigentlich braucht es eine neue Art des Christseins, des Kircheseins – eine Gemeinschaft, die anders die Sendung Jesu lebt. Nein, es kann nicht einfach in das „normale“ Pfarramt gehen. Und so bildete sich eine kleine Gemeinschaft schon während des Studiums. Sie wollten in Gemeinschaft weitergehen.

Und Steve erzählt spannend von der Ursprungsvision: es geht um die Kraft de Gegenwart Christi, die Menschen verbindet – und um den Geist, der antreibt. Es geht um die Kirche! Es geht ihm die Präsenz des Auferstandenen in seinem Leib.

Wie oft mir das begegnet: in ganz vielen Aufbrüchen. Es geht eben nicht Strukturreformen, es geht um den Ursprung, die gründende Wirklichkeit, den Geist, der spürbar ist, verbindet und sendet. Also um den pfingstlichen Grundimpuls.

Steve und Ellen erzählen, und es ist, als könne man erkennen, wie sehr alles ineinanderfließt: die tiefe Ursprünglichkeit des Osterglaubens und seiner Erfahrung, die Begabung zur weiten Vision und die Erdung am konkreten Ort. Das gehört zusammen. Und das zeigt sich auch: in einer wunderbaren und feinen Willkommenskultur, in der intensiven Verortung im Stadtteil, die dazu geführt hat, dass dieses Projekt weit mehr ist als eine „Kirche“: sie wird zum Ort, an dem Menschen, Initiativen und Bewegungen andocken können; hier entstehen neue Projekte, die dem Stadtteil zu Gute kommen; hier wird ein Kindergarten neu gebaut, der Kindern neue Chancen gibt. Und… es entsteht ein „Konvent“, eine Community, die ein gemeinsames Leben wagt.

Das Wort: empowering People…

Inspiriert… durch das Wort Gottes. Das nämlich nimmt Steve zur Hand, und es ist in der Tat ein Grundzug der Innovation an diesen Ort und an allen Orten, dass immer wieder die Schrift, das gemeinsame Hören, das Unterscheiden der Wege im Licht des Wortes  eine konstitutive Rolle spielt.

Wir sind beeindruckt! Die Referent*innen der Pastoralabteilung meines Bistums sind berührt von diesen Anfängen, und es wird auch klar, dass wir dieses gemeinsame Vergewissern des Ursprungs auch brauchen, dass auch wir ne gemeinsame Sendung haben, dass auch wir teilen wollen. Das wird auch uns verändern.

Merkmale eines Aufbruchs

Aber noch mal zurück. Vor 10 Jahren haben wir in England die freshX Bewegung kennen gelernt und waren fasziniert. „Mind the gap“, sagten wir damals. Man kann es nicht einfach übertragen… und man kann es nicht machen, das war sofort auch klar. Und deutlich war ja auch, dass es hier einen Prozess über lange Jahre gab, auch sehr schmerzhaft, weil nämlich am Anfang keineswegs nur Jubel da war über die verrückten Aufbrüche. Mehr und mehr aber machten sich Bischöfe diese Aufbrüche zu eigen, öffneten Räume und schufen ein Klima, in dem diese Perspektive frischer neuer Kirchenformen sich entwickeln konnte.

Und zu vergessen war auch nicht: dass es neue Formen der Kirche gibt, hängt auch damit zusammen, dass vieles „Klassische“ in der anglikanischen Kirche gestorben war… Schon länger…

Aber 10 Jahre später stehen wir mitten in Berlin. Und ja, man könnte sagen, dass hier inzwischen, wie in vielen anderen Städten, eine Welle von kirchlichen Aufbrüchen zu spüren ist. Und ihre Entstehung ist – immer auch – komplex: ein Kairòs, ein Zusammentreffen vieler „Zu-fälle“, die erst zusammen das Puzzle der Innovation bilden

  • Begeisterte Visionär*innen und Charismatische Menschen, die miteinander einen Traum in die Welt bringen
  • Verwurzelung und Inkulturation in einem bestimmten Kontext – sich gesendet wissen zu den Menschen
  • Der leere Raum, der durch das Sterben klassischer Modelle frei wird
  • Die „richtigen“ Leute, die sich dann um den Kern dazugesellen mit ihren Talenten
  • Das Commitment eines „Bundes“, der Menschen verbindet
  • Und schließlich: andere „Erlaubnisgeber*innen“ und Sympathisant*innen in der größeren Organisation, die durch die kritischen Synodenjungel leiten.
  • Es ist immer die Schrift, die Menschen ermutigt, in Bewegung bringt und verwandelt.

Das ist alles nicht ausrechenbar, aber es geschieht immer wieder. Und es zeigt eines an: Es ist nicht das Geld, das Erneuerung machen kann – aber ohne Geld geht es nicht. Es ist nicht die Institution und Organisation, die es planen kann – aber ohne sie geht es nicht. Man braucht kein Politiker sein – aber ohne Sympathisanten in diesem Bereich geht es nicht.

Und schließlich: es fordert alle Gaben und Kräfte – aber es ist immer ein Geschenk. Das ist das Faszinierende an der Erneuerung, die schon da ist, mitten unter uns. Und wir haben vor allem eine Aufgabe: uns selbst zu fragen, welches unser spezifischer Dienst daran ist (Charismatiker, Erder, Wegöffner, Ermöglicher, Pionier, Geschichtenerzähler, Vernetzer) – und alles dafür zu tun, dass das, was Gott schenken will, auch angenommen wird.

1… 2… 3

Und schließlich spricht Steve davon, dass hier ein dritter Ort des Kircheseins entstanden ist. In der Diskussion in der Berliner Kirche ist das ein geläufiges Reden: Dass neben den 1. Orten (Kirchengemeinden) auch 2. Orte (Einrichtungen) existieren und neue (3.) Orte entstehen können. Das macht deutlich: die vielen unterschiedlichen und nicht aufeinander reduziblen Orte bilden zusammen jenen „Polyeder“, jenen viel-seitigen Diamanten ab, der Kirche ist – und der nur gemeinsam jenen Christus bezeugt, um den es ja geht.