Ich bin überrascht. Und ich bin neugierig. Sehr neugierig. Denn was M7, so kürzt sie sich ab, mir erzählt, lässt mich staunen und fasziniert sein. So etwas gibt es? Sie erzählt mir von einem wachsenden Netzwerk. In einem der großen Beratungsunternehmen hat sich ein christliches Netzwerk gebildet. Menschen, viele jüngere, Männer und Frauen aus unterschiedlichsten Kirchen, verbinden sich, um ihr Christsein in ihrem Unternehmen, bei ihrer Arbeit zu leben. Eine sehr herausfordernde Arbeit, eigentlich fast immer Arbeit.

Und da kommt dieses Netzwerk in den Blick: wie können wir Zugehörigkeit erfahren? Wie können wir unseren Glauben leben, in Gemeinschaft? Wie kann dieser Glaube wachsen?

„Fast jeden Monat machen wir einen Bible-call“, erzählt M7. „Wir treffen uns am Telefon, jemand gibt einen kurzen biblischen Impuls, und dann tauschen wir uns aus… Eine halbe Stunde. Und wer dabei sein kann, logt sich ein in die Telefonkonferenz.“ Bibelteilen am Telefon. „Würden Sie einmal das mit uns machen?“ Na klar. Und schon wenig später darf ich – ich fühle mich sehr geehrt – einmal einen kleinen Impuls geben. Ich bin ein wenig erstaunt, wie still und ruhig diese agilen Beraterinnen und Berater sind. Am Ende beten wir. „Mögen sie uns segnen?“ Und so schließt dieser Call mit einem Segen.

In Rom…

Aber das ist noch nicht alles. „In Abständen treffen wir uns auch für zwei Tage, zu geistlichen Tagen. Würden Sie das einmal mit uns machen?“ Ich bin begeistert. Natürlich, wenn es möglich ist. Und so bin ich jetzt mit 20 Beraterinnen und Beratern in Rom. Ich habe nichts organisiert, aber die Vorbereitungsgruppe hatte mich um Tipps gebeten. In welcher Stadt? „Genf, Rom und London könnte ich mir vorstellen“, hatte ich zurückgegeben. Weil es ja eine ökumenische Gruppe ist, dachte ich an diese Orte. Und siehe da: die Wahl fiel auf Rom.

Und eine Vorbereitungsgruppe überlegte – auch mit mir -, was alles vorzubereiten ist. Beziehungen kamen ins Spiel, Talente und Connections. Und so entstand ein wahnsinnig dichtes Programm. Auch ich konnte mich einbringen. Ich organisierte einen ökumenischen Gottesdienst in St. Peter (was schon der Überzeugungsarbeit bei den Verantwortlichen bedurfte, aber dann problemlos war), und eine theologisch-geistliche Führung durfte ich auch gestalten. Und es kamen andere Orte und Treffen dazu: Begegnung und Gottesdienst mit San Egidio, Gartenarbeit im Projekt der „ecumenical gardens“ und eine Begegnung mit Erzbischof Gänswein, den jemand recht gut kannte.

Und schließlich sollte das Treffen dazu dienen, über die Zukunft des Netzwerkes nachzudenken, dass immer mehr wächst und inzwischen über 100 Personen zählte. Summa summarum: in knapp zwei Tagen ganz große Dichte, voller Erfahrungen, voller Begegnungen und reichen Gesprächen.

Freude

Schon am ersten Abend, ja schon im Vorfeld bei der reichen Mailkorrespondenz, fiel ein Wort immer wieder. Ein typisch christliches Wort, das aber in vielen christlichen Kontexten so oft gar nicht fällt. „Freude“, „Vorfreude“ – und das passte zu den Gesichtern, zur Energie und Kraft, die diese Gemeinschaft verströmte. Und das beeindruckte mich durchgängig in diesen Tagen direkt vor Pfingsten. Ja, der Geist der Freude, der Geist des Aufbruchs, der war hier immer wieder spürbar. Und eine Grundhaltung, die diese Tage als Geschenk entgegennahm. Das Staunen und das Sich-einlassen auf neue Erfahrungen, die Offenheit für ungewohntes, die Lust am Entdecken und Verstehen – eine solche kreative und pfingstliche Atmosphäre machte aus diesen Tagen eine tiefe geistliche Erfahrung.

Anders, als würde man in ein Kloster gehen und schweigen: wenn ich hier als geistlicher Begleiter eingeladen worden war, dann vor allem darum, um als „Mystagoge“ mitzuwirken: auszuleuchten, welches Geheimnis uns umgibt, welche Geschichte der Gegenwart des Auferstandenen uns bewegt, durch alle Zeiten, im Rom des Petersdoms wie in der Erfahrung einer Aufbruchsbewegung wie San Egidio. Aber das war gar nicht schwierig, weil alle Antennen dieser beeindruckenden Christinnen und Christen auf Empfang standen – und empfingen.

Mehr als erwartet: denn so ist es ja immer. Am Mittwoch vorher, auf dem Petersplatz, konnte die Vorhut dem Papst eine „Netzwerkbibel“ zeigen: die Lieblingsstellen aller Netzwerker*innen gemarkert. Und Papa Francesco segnete diese Bibel, und hörte kurz die kleine Geschichte des Netzwerkes. „Go weiter“, kommentierte er. Ich hörte diese Geschichte und dachte: das ist wie eine Gründungsgeschichte, die sich hier zeigt: die Wortes des Papstes als ungeheure Ermutigung zum Weitergehen, und die Bibel als Grund des Weges.

Die Zukunft der Kirche

Und wenn wir am Samstagmorgen uns auf der herrlichen Terrasse von Santa Maria Bambina direkt am Petersdom trafen, um über die Zukunft der Kirche und des Netzwerkes nachzudenken, dann geschah dies in einer Atmosphäre voller Kraft, voller Energie und voller Gebet. Und ja, dann ist es überhaupt nicht mehr schwer, von der Zukunft zu reden. Denn sie ist ja schon Gegenwart. Alle meine Erfahrungen, die ich erzählen sollte, vom Bibelteilen, von den Small Christian Communities bis zu den Fresh expressions of church – sie waren nichts als eine konsonante Erzählung zu allem, was wir schon gemeinsam in diesen Tagen erfahren hatten: das gemeinsame Essen im inklusive Restaurant der Gemeinschaft San Egidio, die Gebete auf der Terasse, die Liturgie in S. Maria in Trastevere, das Gärtnern in einer ökumenischen Initiative.

Und natürlich die Audienz mit Bischof Gänswein, und eine unerwartete Viertelstunde allein in der Sixtina…

Und ich? Ich war im „Wir“. Denn der Geist Gottes ist ja so: wo er wirkt, verbindet er Menschen. Ich war eigentlich nicht mehr Begleiter, ich war einer unter Brüdern und Schwestern. Alles also ganz einfach, und mit pfingstlicher Geistkraft. Und ja, ich genoss diese Gemeinschaft, und sobald ich dann wieder nach Hause flog, vermisste ich diese wunderbaren und feinen Menschen.

Pfingstliche Rosen

Am Pfingstsonntag war ich wieder zu Haus, aber einige waren am Morgen zum Pantheon unterwegs. Ich konnte es über die Whatsapp-Gruppe verfolgen. Im Pantheon regnet es Rosenblüten im Gottesdienst zu Pfingsten. Und ich sah die Christen@Rom, wie sie die Rosenblätter genossen. Und einfach glücklich waren. So ist das Geschenk von Pfingsten, durch das Kirche entsteht. Ganz frisch, ganz einfach, ganz ursprünglich.

Und das ist schon Gegenwart in dieser neuen Form gelebter Kirche, in deren Mitte die Geistkraft ihre Stärke zeigt, Heimat schenkt, ermutigt. So ist Kirche der Zukunft. Schon jetzt. Und eigentlich immer.