Wir waren uns einig. Die theologische Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern, von Priestern und Pastoralen Mitarbeiterinnen ist – vorsichtig gesagt – suboptimal. Es ist wenig Kraft spürbar, wenig Aufbruch, und das mitten in unserer kirchlichen Situation, die im völligen Umbruch ist. Kann man da ernsthaft denken, dass die Ausbildung und das Theologiestudium davon unberührt bleiben? Betrifft der Paradigmenwechsel, der sich abzeichnet, nicht auch dieses System. Und was wäre, wenn das nicht so wäre?

Kurzum: es braucht auch hier eine mutige kulturellen Revolution oder doch zumindest ein neues Betriebssystem. Und ja, es ist schon klar, was dann passiert: alle guten Gründe zur Bestandswahrung werden der Selbstimmunisierung dienen. Die Bestandswahrung des universitären Gefüges ist gut begründet im Gange. Und deswegen: es geht nicht darum, das bisherige Gefüge in Frage zu stellen – aber: darf und muss man nicht neues versuchen?

Und deswegen sind wir nach England gefahren: katholische und evangelische Geschwister, die wir uns in Fribourg bei den theologischen Studientagen getroffen und gefunden hatten, und jetzt mit weiteren Kolleginnen auf dem Weg nach London waren, um die erstaunliche Erfahrung des Melltius-College zu erleben und zu verstehen. Und: um uns zu fragen, wie so etwas auch bei uns wirklich werden kann, in unseren Kirchen, länderübergreifend und konfessionsübersteigend…

Ein Morgen in Mellitus

Und um 9h geht’s los. Nur 50m von unserem Hotel ist das Mellitus-College. Eine alte Kirche – St. Jude, der Patron für aussichtslose Fälle. Diese Kirche ist umgebaut, und beherbergt heute ein College für 300 Studentinnen und Studenten aus ganz England. Wie die hierherkommen, das ist ein eigenes Kapitel…

Ein fröhliches Hallo, herzliche Begrüßungen, Umarmungen, aber auch wir fühlen uns in dem Gewusel sofort aufgenommen. Kaffee und leckere „Gipfeli“, wie die Schweizer Freunde sagen würden. Und Gespräch ist leicht. Welcome – an diesem Ort leichter und froher Gastfreundschaft

Jeden Montag, und nur an diesem Tag, kommen alle Student*innen zusammen – es ist der Studientag in einem Kolleg, das eine ganz eigene Studienordnung hat: am Montag gemeinsames Studium sowie Coaching und Praxisreflexion in Gruppen, Dienstag und Mittwoch Selbststudium zu Haus, den Rest der Woche Mitarbeit in einem kirchlichen Kontext, mit einem Mentor. Dazu mehrere gemeinsame Wochenenden und eine jährliche gemeinsame Studienwoche. Drei Jahre dauert der Bachelorstudiengang, der eng mit der Praxis verknüpft ist. „Das geht“, sagt später Bischof Graham Tomlin, Oxfordprofessor, „zumal unser Theologiestudium fokussiert ist aus ministry und mission. Wir wollen Pastor*innen ausbilden, keine Universitätstheolog*innen“.

Dann um 9.30 beginnt der Gottesdienst. Schon am Vorabend waren wir in Holy Trinity Brompton, der Gemeinde des Alphakurses, gewesen. Ein hipper Lobpreisgottesdienst, mit Taufe, mit langer Predigt eines kanadischen Gastpredigers. Aber jetzt hier, ganz anders, viel tiefer: ein Psalm und ein Schrifttext – und dann eine Auslegung. Eine Studentin erzählt. Wir sind alle berührt, von der Tiefe, der Offenheit und Geisterfülltheit ihrer Geschichte, ihrer schmerzlichen Erfahrungen, ihres Glaubens, ihres Lebens. Atemlose Aufmerksamkeit, die ins Gebet führt. Beeindruckend. Das prägt den ganzen Tag, der jetzt startet.

Wir können die verschiedenen Vorlesungen besuchen, erleben sehr solide Lehrveranstaltungen, die immer wieder unterbrechen, damit die Studierenden diskutieren und verknüpfen können mit ihren praktischen Erfahrungen. Vor mir sitzt eine Studentin, mit der ich ins Gespräch komme… „Nein, ich habe nicht die Berufung zur Priesterin – ich bin einfach sehr engagiert in meiner Pfarrei, und wollte Theologie vertiefen – und ich bin tieftraurig, dass die drei Jahre jetzt zu Ende sind…“

Und dann ist die Mittagspause. Eine Stunde mit Sandwiches, Gesprächen und Salat. Fröhliches Gelächter. Und dann folgt die 12er-Gruppe, eine Reflexionsgruppe, in der Theologie und Praxis verknüpft werden. Beeindruckend ist ja, wie hier die Studierenden miteinander umgehen, wie persönlich die Beziehungen sind – und wieviel Lernlust zu spüren ist. Für alle geht es hier um etwas, was ihre Leidenschaft ist!

Auf der Suche nach dem Geheimnis

Wir aber löchern Graham Tomlin. Mit Fragen. Wie ist dieses College eigentlich entstanden? In England gibt es viele Colleges, mit sehr unterschiedlichen Profilen, von evangelikalem Ende der anglikanischen Kirche bis zu Highchurch Colleges, die katholisch sind. Warum noch eins mehr. Es war im Jahr 2005. Tomlin war seit 15 Jahren Uniprofessor in Oxford und bemerkte die außergewöhnliche Distanz zwischen Praxis und der akademischen Theologie. Und suchte nach etwas Neuem. Und der Beginn war ein kleiner theologischer Grundkurs für Engagierten aus Pfarreien. Mit neun Leuten fing es an – es war eine praxisorientierte Theologie, erfahrungssatt und missionsorientiert. Und schon bald kamen Studierende dazu, die in der anglikanischen Kirche ordiniert werden wollten. Immer mehr. Die Resonanz ist ungeheuerlich, denn in der Kirche von England können die Kandidat*innen in der Regel ihren Studienort selbst wählen.

„Und weil wir nicht und niemals sagen, dass wir besser und neuer sind als andere, weil wir immer nur unser Profil schärfen, weil wir niemanden ersetzen wollen – deswegen geht es“, lächelt Tomlin. Und inzwischen entscheiden sich 300 von 700 Studierenden für Mellitus. Und das liegt bestimmt an der klaren Vision, die dem Studium zugrunde liegt. Natürlich kann man – hier und an anderen Orten – auch akademisch weiterstudieren, aber hier geht es vor allem um den pastoralen Dienst. Und klar ist auch hier, dass es natürlich unterschiedliche Rollen und Dienste gibt, von Pfarrer*in bis zum Pastoral worker, von Jugendseelsorger*in bis Gemeindegründerin – aber immer um den Dienst an der Mission. Und während auch während des Studiums geht es darum die Perspektive der Kandidat*innen zu schärfen – und zu entdecken, wie ihre Sendung sich am besten verwirklichen kann. Nicht jeder muss Pfarrer*in werden – es gibt besondere Wege für jede und jeden, und gerade die Mentor*innen sollen dafür sorgen, dass sich das im Studium herauskristallisieren kann.

Aber, so Tomlin, alles hängt an der Vision einer Kirche, die „healthy“ ist: ABCDE – so heißen die Faktoren: Anbetung, Zugehörigkeit in einer Gemeinschaft, Bei den Armen sein, Nachfolge und Evangelisierung (Adoration – Belonging – Compassion – Discipleship  – Evangelism). „Solche Pfarreien gibt es genug…“, sagt Tomlin, „und unsere Kandidat*innen werden hier mit einer halben Stelle angestellt, schon während des Studiums. Das ist ein echtes „Win-Win“ – denn: die Pfarreien haben eine jungen, motivierten Mitarbeiter, und die Studentinnen haben ein tolles Lernfeld“.

„Generous orthodoxy“

Ja, es stimmt. Das Mellituscollege ist ursprünglich vom evangelikalen Flügel der anglikanischen Kirche geprägt. HTB Brompton und der Alphakurs stehen dafür. Aber – so erzählt Tomlin – es ist wichtig, dass die Kandidatinnen alles kennen lernen, und schätzen lernen können: vom Lobpreis bis zur Highchurch – alles gehört zur Weite der anglikanischen Kirche. Und wer ein Amt in dieser Kirche wahrnimmt, braucht ein weites Herz, braucht eine „weitherzige Orthodoxie“, eine Liebe zur ganzen Kirche.

Sehr beeindruckend, was Tomlin uns erzählt. Und wer nach dem Geheimnis fragt, wie all das entstehen konnte, der bekommt eine klare Antwort von Bischof Tomlin: „Es war und ist ein langer Weg, den wir gehen. Und er beginnt mit einer tiefen Krise, mit einer Situation großer Schwäche, wo wir neu über unsere Rolle als Kirche nachdenken mussten… Und Mellitus ist einer der Versuche, auf die postmoderne Herausforderung zu antworten, postmodern und radikal zu sein…“

Begeistert

Dass wir begeistert sind, „angefixt“, wie einer der reformierten Freunde sagt, versteht sich. Und wir beginnen deswegen, an einem anderen Ausbildungsweg rumzudenken, ökumenisch und landesübergreifend, radikal und profiliert, für alle, die Theologie in anderer Weise leben und lernen wollen – für die Christinnen und Christen, die sehnsüchtig nach einer anderen Weise des Kircheseins Ausschau halten. Und wer mag mitmachen?

 

 

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