Immer noch Mellituscollege… Schon bei meinem ersten Besuch fragte ich mich, wie denn die Priester*innenkandidaten in England ausgesucht werden. Und dieses Mal – bei unserem Besuch am College und beim Mitleben mit dieser fantastischen Gruppe motivierter junger Leute, voller Leidenschaft für den Glauben und Lernlust für Theologie – stellte sich mir die Frage noch mal mehr. Woher kommen diese Studierenden – wie findet ihr die?

Ein faszinierender Weg der Berufungsfindung

Natürlich. Wenn neue Formen von Gemeinschaft und Kirche aufbrechen, aber auch wenn in gewachsenen Pfarreistrukturen begeisterte Priesterinnen und Priester, Pastoralworkers oder Engagierte wirken, dann werden auch junge Menschen aufmerksam. Und vor allem dann, wenn der Glaube in Wachstumsprozesse treten kann: wenn „discipleship“ zu einer Kultur des Christwerdens führt, dann werden Menschen aller Altersgruppen sich nach ihrem Weg, nach ihrer Berufung fragen.

Aber wie funktioniert das dann in England bei den Anglikanern? Es ist – so wurde uns im Gespräch mit Graham Tomlin deutlich – ganz anders als bei uns. Und es hat schon überrascht, von ihm zu hören, dass ein Berufungsprozess nach klaren Kriterien verläuft, und die haben es in sich…

Das ist die erste kleine Bombe, die Tomlin bei uns zündete… Und in der Tat. Wer diese Kriterien liest (https://www.churchofengland.org/sites/default/files/2017-10/selection_criteria_for_ordained_ministry.pdf), der kann nur erstaunt und begeistert sein: Detaillierte, aber transparente Kriterien zur Berufungsfrage (1), zum Engagement in der Kirche von England (2), und damit zur Frage der Inkardination in einen spezifischen kirchlichen Kontext, die Frage nach der eigenen Spiritualität (3), nach Persönlichkeit und Charakter (4), nach Beziehungsfähigkeit (5), Selbstwirksamkeit und Leadership, aber eben auch nach einer Teamfähigkeit (6), dem eigenen Glauben und der „generous orthodoxy“ (7), nach einer missionalen Ausrichtung (8) und dem eigenen Mindset und dem Denkvermögen (9), bilden einen Kranz von Wachstumskriterien der Berufung, der allen Kandidat*innen die Ernsthaftigkeit, aber auch die Objektivierbarkeit ihrer Eignung oder Nichteignung vermitteln.

Was für ein Unterschied das macht, ist mir beim Besuch in Mellitus aufgefallen, auch dem Regens, der mit uns war: soviel Freude und Energie und Leidenschaft ist nicht überall zu finden…

Ein längerer Weg… 

Und wie geht das nun konkret? „18 Monate dauert es in der Regel, unser Assessment“, so erzählt Graham Tomlin. Und wie genau, berichtet er uns in kurzen Skizzen.

  • Ein Kandidat, eine Kandidatin meldet sich bei Ihrem Pfarrer/Pfarrerin. Die Begegnung setzt voraus, dass die Kandidat*innen schon in einem kirchlichen Zusammenhang mitleben, denn die Frage nach der Berufung ist auch immer eine Frage, ob die jeweilige community die Berufung entdecken kann. Fragen wie diese: „Ist eine echte Lebensveränderung mit der Berufung einhergegangen?“, machen deutlich, dass hier auch vorausgesetzt ist, dass jemand eine gewisse Reife im Glauben und in seinem kirchlichen Leben hat, und auch andere ihn und seinen Charakter erkennen können. Das Gespräch mit dem Pfarrer kann zu einer Empfehlung führen, den Assessmentweg weiter zu gehen.
  • Auf diözesaner Ebene gibt es einen Verantwortlichen, der im Namen des Bischofs das Gespräch mit dem möglichen Kandidat*innen führt. Die Kriterien sind immer dieselben, aber es gibt eine intensivere Begleitung der Kandidat*innen auf ihrem Weg. Erfolgt hier ein „go“, empfiehlt der Bischof den Kandidaten der anglikanischen Kirche als ganzer.
  • Der dritte Schritt ist deswegen ein Assessment auf nationaler Ebene. Ein dreitägiger Prozess mit Kandidat*innen aus den verschiedenen Diözesen der Kirche von England findet mehrmals im Jahr statt. Ausgebildete Begleiter*innen gestalten diesen Kurs, bei dem auch die Teamfähigkeit eine wichtige Rolle spielt. Dieses Ausbildungsteam meldet dann an den Bischof zurück, ob es eine Empfehlung oder Ablehnung, oder eine eingeschränkte Empfehlung gibt…

Natürlich ist der Bischof frei, auch abgelehnte Kandidat*innen studieren zu lassen, klug wäre es in keinem Fall. Die Kandidat*innen haben in den meisten Fällen die Freiheit, Ihren Studienweg frei zu wählen – es gibt sehr unterschiedlich profilierte Colleges in der Kirche von England, von sehr akademischen hin zu sehr pastoralen, von evangelikalen über liberale hin zu katholisch geprägten. Oder eben zu Mellitus…

Wenn von 700 Student*innen fast 300 Mellitus wählen – was sagt das dann aus. Sehr beeindruckend ist diese Resonanz, und sie zeigt die Attraktivität eines Studienwegs, der schon längst nicht mehr in den Anfängen ist… Und was bedeutet das für uns?

Und wir?

Die Frage nach der Berufung und der Eignung der Kandidatinnen ist die Kernfrage. Und bislang erlebe ich hier eine theologische Unsicherheit, die es in Zukunft so nicht geben darf. Von daher inspiriert mich das Beispiel aus England – und eigentlich ist es nicht so schwer, hier einen neuen Weg zu bahnen, der allerding emotionale Muster sprengt.

Und ich erlebe, dass die Suche nach neuen Wegen der Ausbildung auch verknüpft ist mit weiteren grundlegenderen Fragen: sind wir als Kirche weiterhin im Bestandssicherungsmodus, oder darf man nach vorne träumen zu einer mixed economy verschiedenster Formen der Kircheseins, nach neuen Rollen für Pfarrerinnen und pastoralen Mitarbeitern, nach mehr Gemeinschaft und mehr Individualität in Ausbildungswegen, nach mehr Vertrauen in den Geist der Lernlust.

In England hat sich unsere ökumenische Gruppe anstecken lassen. Aber – es geht nicht nur um Ausbildung, es geht um eine andere kirchliche Kultur, andere Haltungen, andere Perspektiven. Es geht um Mut, und um geduldiges und zugleich kraftvolles Weitergehen.

Ich hoffe, dass angesichts kollektiver Ratlosigkeit und auch einer bestimmten Zurückhaltung zur Veränderung, neue Schritte möglich werden…

 

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