Was genau geschieht hier, bei der Tötung des Heiligen Stephanus? Und was macht die Provokation aus, die zur Tötung des Stephanus führt. Und warum provoziert Stephanus ohne Unterlaß? Worum geht es ihm?

Stephanus war einer der sieben, die das Volk Gottes auswählte, als es zum ersten Mal zu einer Wachstumskrise der jungen Gemeinde kam. Sie sollten vor Ort die kleinen Gemeinden begleiten und ihnen vorstehen. Er war, so sagt die Schrift, ein Mann des Wortes, der Begeisterung – „voll Gnade und Kraft“ steht in der Schrift. Und er legt lange, sehr lange, die Schrift aus. Und das erregt und erzürnt die Leute total. Er ist auch nicht sanft: Ihr Halststarrigen, so wirft er ihnen entgegen. Und provoziert also nachdrücklich, indem er ihnen erklärt, dass sie keinen echten Einblick in das erste Testament haben. Kein Wunder, dass die Reaktion dann nicht auf sich warten lässt: „Als sie seine Rede hörten, waren sie aufs äußerte über ihn empört und knirschten mit den Zähnen…“

Und jetzt, spätestens jetzt, hätte er ja schließlich aufhören können. Es wäre die Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Und dann hätte er ja, wenn es ruhiger geworden wäre, noch einmal weiterreden können. Aber er tut es nicht. Er redet weiter, er provoziert unerträglich. Warum tut er das?

Wir hören im Evangelium:: „Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist wird durch euch reden“. Genau das passiert hier: Stephanus wählt nicht eine bestimmte Taktik, er „muss“ reden, er ist nicht politisch unterwegs, sondern erzählt, was er sieht. „Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen und rief: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen“.

Das reicht, und auf einmal beschleunigt sich die Geschichte: da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los, trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn.“ In einem Vers. Ist er tot.

Aber was ist es, dass darin so provoziert. Warum regt das die Juden so auf? Und kann das noch uns erreichen, und vielleicht sogar provozieren? Oder ist es so selbstverständlich normal für uns?

Was sieht Stephanus? Er sieht Jesus, den Menschensohn, zur Rechten Gottes. Er sieht nicht einen Gott, der von oben sich um die Menschen kümmert, er sieht nicht einen einzigartigen, allmächtigen und herrlichen Gott, der sich der Menschen erbarmt – er sieht Gott, der den Menschen ihm ebenbürtig macht, der mit dem Menschen in derselben Wirklichkeit steht, der in eine gleichwürdige Beziehung tritt – und wo jetzt die Herrlichkeit im Zwischen liegt, eben in der Beziehung.

Herrlichkeit ist nicht mehr Gottes Größe, die den Menschen zum sterben bringt, weil sie so hell leuchtet, dass der Menschen es nicht mehr aushält. Herrlichkeit – das ist jetzt die Beziehung zwischen Gott und den Menschen.

Ganz klar: für die Juden ist das Gotteslästerung, und es ist genau jene Gotteslästerung, wegen der Jesus stirbt. Und jetzt Stephanus. Das ist der totale Umbruch. Nicht mehr ein Oben Gottes und ein Unten der Menschen, sondern eine Miteinander in derselben Herrlichkeit, auf Augenhöhe.

Von daher ist Stephanus Tod eine Spätkonsequenz von Weihnachten: denn hier genau geschah es ja: Gott wird Mensch, und seitdem ist Mensch und Gott auf Augenhöhe, in Beziehung. Und seitdem geht es um die gleichwürdige Beziehung.  Der Himmel ist offen, weil wir alle in diesem Himmel leben können: Mensch und Gott, Mensch und Mensch.

Und das provoziert. In diesen Wochen hat unser Bischof ein Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger gegeben, in dem er angesichts des Missbrauchsskandals davon sprach, dann dies mit der DNA der Kirche zu tun habe. Genau so ist es: Denn wenn in den Beziehungen in der Kirche, in den Gemeinden, in den Beziehungen ein Oben-Unten ist, dann steckt darin eine tiefe Fehlinterpretation des Gottesverhältnisses, dann ist damit jene Grundprägung völlig unterboten und verfälscht, für die Stephanus gestorben ist. Sie entspricht in keiner Weise dem Evangelium vom Kind, von Weihnachten, von der Liebe, die den Menschen zur Rechten Gottes erhöht.

Die innere Gestalt der Kirche, die innere Prägung alles dessen, was wir Kirche nennen, ist nur in dieser Provokation authentisch: in unserem Ursprung, in unserem Werden steht diese neue gleichwürdige partizipative Beziehung zu Gott. Und „Herrlichkeit“ meint genau jene Erfahrung des Zueinander, des Miteinander, der Gegenwart des Geistes zwischen uns.

Im Hören auf diese Botschaft habe ich mich an ein Gespräch mit einer Krankenschwester erinnert. Sie erzählte mir, und ich hörte staunend und beeindruckt zu, wie sie mit Patienten umgeht: es geht um eine Umkehrung der Situation. Denn normalerweise ist der kranke ausgeliefert, ohnmächtig, eben krank. „Mir geht es darum, dass er oder sie erfahren kann, welche Möglichkeiten sie hat, ich eröffne den Raum, in dem sie sich als würdig und wirksam erfahren kann, mitten in ihrer Ohnmacht…“ Im Hören dieser Praxis ist mir der Philipperbrief in den Sinn kommen, wo Paulus schreibt: „Ein jeder schätze den anderen höher ein als sich selbst“, ja: es geht darum, dass wir den anderen groß machen, uns in eine gleichwürdige Beziehung mit ihm stellen.

Dafür wird heute keiner mehr gesteinigt? Vielleicht nicht. Aber dennoch gibt es die Normalität dieses Fehlverständnisses von Hierarchie, von oben-unten, von Macht und ihrem Missbrauch, von Zementierung von Machtverhältnissen, vom Kleinmachen. Und ja, hier ist die Botschaft des Evangeliums für jede Beziehung, für unsere Gemeinde, und für unsere Kirche eine Provokation, die uns erinnern will, wo wir sind: im Raum der Gleichwürdigkeit, der Beziehungen, die das Wohl des Anderen sucht, die die Macht der Kompromisse schätzt, und nicht die Macht der Fakenews und der Überwältigung.

Das ist unsere frohe Botschaft – das ist die Hoffnung auf Herrlichkeit zwischen uns, wie Paulus es formuliert: „Christus ist unter uns, er ist die Hoffnung auf Herrlichkeit“ (Kol 1,27).

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