Das Wort ist Fleisch geworden

Vor etwa drei Wochen etwa, war ich bei einem Workshop. Und ich saß neben einem pastoralen Mitarbeiter des Bistums. Und auf seinem Arm las ich die Worte – auf Griechisch: „Im Anfang war das Wort“. Das hat mich tief beeindruckt. Denn diese Worte, mit denen das Johannesevangelium beginnt, die waren in sein Fleisch geritzt, die waren eintätowiert. Und natürlich, ich dachte sofort an das, was ein paar Zeilen weiter beim Johannes steht: „Und das Wort ist Fleisch geworden“. Ja, genau. In diesem Kollegen ist es Fleisch geworden, buchstäblich, für immer. Und ich habe ihn dann gebeten, dass ich seinen Arm fotografieren darf. Klar, und jetzt werde ich dieses Bild weiterverwenden.

Und genau das feiern wir ja heute. Das ist das Geheimnis des Weihnachtsfest. Wir können ja im Hebräerbrief, ganz am Anfang, das noch einmal lesen: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten – in dieser Endzeit hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1).

Gott hat immer schon gesprochen, von Anfang an, zu uns Menschen, auf vielerlei Weise. Und wir haben das gehört in dieser Adventszeit und jetzt auch zu Weihnachten: „Das Volk, das im Dunkeln ist, hat ein helles Licht gesehen“ oder: „Jubelt, ihr Trümmer Jerusalems“. Gott spricht immer hinein in die dunklen Stunden seines Volkes und verheißt eine Zukunft. Er spricht hinein in ein Volk, das erschüttert und sprachlos ist – ob der entsetzlichen Kriege, ob des Verlustes des Heimat – oder gerade auch im Angesicht des zerstörten Tempels. In diesen Situationen absoluter Katastrophe, die auch sprachlos vor Entsetzen machen, da verheißt er eine Zukunft.

Aber das war nicht nur vor 2500 Jahren so, in der Zeit der Propheten. Das ist auch heute so. Auch heute sind wir häufig sprachlos – ich bin sprachlos.

Ich bin sprachlos, wenn ich an unsere Gesellschaft denke. Wenn wir nicht mehr miteinander reden können, wenn wir uns polarisieren, wenn wir nicht mehr zuhören und uns gemeinsamer Werte versichern können. Ich bin sprachlos, wenn ich daran denke, wie Flüchtlinge Tag für Tag im Mittelmeer ertrinken, wenn in Syrien ein schrecklicher Krieg seit Jahren stattfindet. Ich bin sprachlos, wenn ein Pfarrer verstirbt in der Depression und die Nacht seiner Dunkelheit nicht mehr aushält. Ich bin sprachlos, wenn ich mitbekomme, dass dieses Weihnachten für eine Familie wahrscheinlich das letzte ist, weil sie sich trennen. Wenn Missbrauch geschieht, Macht eingesetzt wird. Das macht sprachlos, dass lässt uns ohnmächtig und zerbrochen zurück.

Und wir erwarten vielleicht, dass Gott etwas sagt, mehr als nur Verheißungen. Aber er spricht nicht so wie Dumbledore oder Harry Potter, die mit Ihrem Zauberstab und einem „Expelliamus“ die Welt verändern.

Nein genau so ist es nicht. Gott verheißt ein Kind. Und damit wird alles ungeheuerlich, wunderbar anders: Gott der Allmächtige, Gott, das Wort, wird sprachlos, macht sich sprachlos, wird Kind, wird wie wir.

Er wird in Jesus sprachlos, denn Babys können nicht sprechen. Er wird zerbrechlich statt hart, er wird machtlos und ganz angewiesen auf uns. Angewiesen auf Worte der Liebe, auf umarmende Zärtlichkeit, auf heilende Liebe – er eröffnet uns die Möglichkeit, wieder die zu sein, die wir von der Schöpfung her sind: Liebende. „Allmächtiger Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen… und noch wunderbarer wiederhergestellt“, so haben wir gebetet am Anfang, im Tagesgebet. Und verstehen jetzt: ja, er wird Kind, damit wir wieder wir selbst sein können, wie wir von Anfang an sind.

Aber eben noch mehr: indem er sprachlos wird, nimmt er unsere Sprache und sie kann Sprache der Liebe werden. Er wird zerbrechlich, und nun ist jede Zerbrochenheit sein Ort – er ist da mit uns. Und ja, er macht sich machtlos, mit einem einzigen Ziel. Wir hören noch einmal in den Johannesprolog: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden“. Er will, dass wir Er sind. In uns lebt jetzt die Liebe, die Gott ist. Genau so beten wir heute am Ende der Messe: „Barmherziger Gott, in dieser heiligen Feier hast du uns deinen Sohn geschenkt, der heute als Heiland der Welt geboren wurde. Durch ihn sind wie wiedergeborene zu göttlichen Leben…“

Wahnsinn. Wir haben eine neue DNA bekommen. Von nun an geht es darum, immer wieder zurückzukehren zu dieser neuen Wirklichkeit, die sich in uns ereignet hat, weil er so sprachlos wie wir geworden ist, weil er zerbrechlich wurde und zerbrochen ist, weil er machtlos war, um uns die Macht der Liebe zu schenken. Er. Christus. Die Liebe.

Aber wie geht das praktisch? Ich habe mich an eine Geschichte erinnert, die mir d. Giuseppe erzählt hat. Vor einigen Jahren war ich jedes Jahr in seinem Haus in Apulien, mit diesem alten Priester, der in den 70er Jahren auf italienischen Kreuzfahrtschiffen Schiffskaplan war. Er war ein einfacher Mann, der nur italienisch konnte. Irgendwann wurde es Vorschrift, dass er auch Deutsch und Englisch können müßte. Und d. Giuseppe begann zu lernen. Aber – er schaffte es nicht. Er war in London und Süddeutschland. Es brachte nichts. Und dann kam der Tag der Sprachprüfung. Und er ging in die Prüfung und sagte: „Ich kann eine Sprache, die alle verstehen. Und dann begann er seine Erfahrungen zu erzählen, wie er Menschen auf seinen Reisen durch seine Art und Weise über die Worte hinaus und jenseits, nahe war, ihnen geholfen hat, sie geliebt hat. „Ich kann die Sprache der Liebe“. Der Prüfer blieb lange still. Dann sagte er: „Ich wünschte, dass alle Schiffskapläne diese Sprache sprechen können – Sie haben bestanden“.

Darauf kommt es an: Nicht auf die Sprache, das Sprechen, nicht auf die Macht – sondern auf die Liebe, die Sprache der Liebe. Das ist Weihnachten. Zum Glück.

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