Björn Odendahl hat in seinem Beitrag in katholisch.de Fragen an die Priesterausbildung gestellt. Ziemlich radikale Fragen. Aber ob das reicht? Er vermutet, dass junge Männer in besonderen Häusern privilegiert werden, und dafür eine Kontrolle möglich wird. Wörtlich: „Wer Priester wird, dem zeigt man schon hier: Du bist etwas Besonderes. Dass man dadurch wichtige Schritte auf dem Weg zum „Erwachsenwerden“ eliminiert, scheinen die Verantwortlichen in Kauf zu nehmen. Was man dafür bekommt? Kontrolle. Im abgeschotteten Raum des Priesterseminars potenziert sich jedoch weitere Gefahren: die der männerbündischen Strukturen, der Tabuisierung von Sexualität, der Denunziation derer, die auch einmal an den moralisch hohen Ansprüchen der Kirche scheitern.“

Björn Odendahl stellt wichtige Fragen. Aber ich glaube, dass die Fragen eher noch radikaler zu stellen sind. Es geht um viel mehr.

Es geht zunächst um die Frage, ob in Seminaren möglicherweise eine Mentalität wächst, die – durch eine relative Geschlossenheit und Besonderheit der Ausbildung – so etwas wie ein klerikales Überlegenheitsgefühl hervorbringen könnte. Dort, wo die Ausbildung nicht eng verknüpft ist mit dem Leben im Volk Gottes, kann eine Mentalität des Oben-Unten wachsen, die deutlich von einem Kompetenzgefälle gekennzeichnet ist. Zu fragen ist: hilft die Priesterausbildung im Seminar, dass – mit einem Blick auf die Geistesgegenwart im Volk Gottes – das Priestertum als „Priestertum des Dienstes“ (LG 10) verstanden wird? Denn: Hierarchie meint eben nicht ein Oben-Unten, sondern einen Dienst am Ursprung, oder?

Es gibt auch noch andere Fragen: ist es wirklich so, dass die Ausbildung als gemeinsamer Bewahrheitungsweg der Berufung gesehen wird. Zu oft habe ich erlebt, dass im Seminar – burschikos formuliert – galt: „Der Regens ist der natürliche Feind des Seminaristen“. Mit allen Konsequenzen. Am Ende wussten die Seminaristen untereinander sehr genau, was bei einem Kollegen falsch war und nicht ging – aber sie hätten das nie dem Regens gesagt. Nennt man das nicht „omertà“ (eine Art Schweigespirale) – man hält dicht gegenüber den „Mächtigen“ und Verantwortlichen, denn man will ja niemand verunmöglichen, dass er vielleicht doch Priester wird? Ich kann mich – mit Erfahrungen – des Eindruck nicht erwehren.

Und noch mehr riskiert eine relativ geschlossene und kleine Gemeinschaft eine Art Selbstreferenzialität, die unvermeidlich und erschreckend ist. Auf einmal werden Fragen relevant, die den Blick verengen:  auf einmal wird eine internetbasierte traditionalistische „liturgical correctness“ zum Katholizitätskriterium – und Seminaristen werden von Kollegen und Professoren belächelt, wenn sie etwa nach Taizè oder anderen Orten ökumenischer Spiritualität fahren und von ihren – anderen – Erfahrungen berichten. Katholizität wird zur Enge – ist das ein Ziel der Ausbildung? Wohl nicht…

Dient das Seminar wirklich zur Persönlichkeitsreifung? Schon in meiner eigenen Ausbildungserfahrung habe ich da eine fragwürdige Erfahrung gemacht. „Kontrolle durch die Regenten“ habe ich eigentlich wenig erfahren – eher eine gewisse Hilflosigkeit und eine zu geringe Steuerung. Mächtig und stark war hingegen eine negative Gruppendynamik, die nur in Notfällen von der Leitung thematisiert wurde. Und das hat sich nicht verändert. Es gibt so etwas wie eine „Formation“ durch wechselseitige Sozialkontrolle der Stärkeren. Es gibt „dos und Don-ts“, die nichts mit den Wachstumsprozessen zu tun haben, die jede ratio fundamentalis anmahnt, die aber im System unbewußt oder bewußt eingeübt werden.

Wächst im Seminar die Christusbeziehung? Sicher ist auf jeden Fall, dass Formen der Spiritualität eingeübt werden. Und Liturgie spielt eine wichtige Rolle. Aber ob das Vertrauen zum Erzählen eigener Glaubenserfahrungen gestärkt wird, ob existenzielle Christuserfahrungen dort wachsen können? Das ist nicht so sicher, wie es scheint. Aber nur darum muss es zuerst gehen: mit Christus zu leben.

Und schließlich ist die Frage zu stellen, ob die bisherige theologische Architektur des Themas Berufung wirklich überzeugend begründet ist. Es scheint oft so, als ob die persönliche Berufungsgewissheit das Übergewicht hat gegenüber der kirchlichen Frage nach der Berufung. Und das bedeutet, dass die Gewichte hier verschoben sind in das forum internum. Und genau das halte ich für schwierig und fragenswert. Natürlich gibt es so etwas wie eine innere Berufung – aber gerade im Kontext der Priesterberufung, aber auch in anderen Kontexten der Sendung, geht es ja darum, dass die Kirche – das Volk Gottes und die Verantwortlichen – „rufen“ aufgrund von Eignung. Die „Resonanz“ des Volkes Gottes ist jedenfalls höchstwichtig, und spiegelt sich in der Bereitschaft und inneren Resonanz der Kandidaten.  Welche Pastoral und Kultur des Rufens es braucht, das ist eine Herausforderung der Stunde. Und sie wird im bisherigen Modus der Berufungspastoral und auch der Annahme und Prüfung der Kandidaten unterboten. Oder täuscht mich dieser Eindruck?

Deutlich anzufragen ist auch, ob die Ausbildung im Seminar Priester hervorbringt, die eine positive und geistvolle Erfahrung christlicher Gemeinschaft haben. Erfahren und erleben Seminaristen im Seminar „Kirche“ als Christusgegenwart, die ihr Handeln prägt? Wie kommt es eigentlich, dass Teamarbeit, gemeinsamer geistvolle Dienstgemeinschaft so wenig bezeugt werden? Denn das steht doch im Zentrum: mit anderen den Auferstandenen zu bezeugen und so dem Volk Gottes zu dienen.

Ich war selbst lange Jahre Regens, ich habe selbst 5 Jahre meiner Ausbildung im Seminar zugebracht. Und zwischen Ausbildung und Aufgabe liegen 25 Jahre. Ich habe nicht erkennen können, dass sich wesentliches verändert und verbessert hätte. Und ich denke, dass auch jetzt – bei der Frage nach der Größe der Seminargemeinschaften, nach der Zusammenlegung von Ausbildungen – die Grundfrage viel tiefer reicht. Braucht es vielleicht auch hier einen Systemwechsel, einen Paradigmenwechsel? Die Idee des Seminars als einem Wachstumsraum menschlicher, persönlicher und christlicher Reifung ist charmant, aber die Form scheint nicht mehr passend. Die Ergebnisse sind nicht überzeugend, die Regenten – wie ich seiner Zeit auch – eher etwas ratlos, und die Seminaristen nicht begeistert.

Es gilt sich umzuschauen. Es gilt nach Erfahrungen zu fahnden, die vielleicht neue Wege weisen. Gibt es etwa in Pionierausbildungen der anglikanischen Kirche oder auch in der von den Alpha-Kurs Gemeinden inspirierten Ausbildung im Mellitus College in London etwas zu lernen? Auch in Südamerika konnte ich eine sehr im Volk Gottes verwurzelte andere Ausbildungsform im Bistum Ciudad Guzman kennenlernen, die mich sehr beeindruckt hat. Man denke auch an die beeindruckende Ausbildungsgestaltung im Seminar der Vinzentiner in Manila

Die Fragen reichen tiefer als es scheint. Es geht nicht darum, Seminare abzuschaffen; es geht darum zu fragen, wie Berufung zum Dienst in der Postmoderne gelingen kann – und wie Leidenschaft und Begeisterung für den Dienst in der Kirche in Gemeinschaft mit dem ganzen Volk Gottes wachsen können. Danke für den Impuls von katholisch.de, aber möglicherweise ist das erst der Anfang einer fundamentaleren, aber notwendigen Diskussion.

 

 

 

 

Werbeanzeigen