Am Freitagabend endet der eigentliche Kongress. Für Samstag werde ich schon wieder starten, wenn in den Pfarreien noch ein kleines Exposure ansteht, und am Nachmittag die Abschlussmesse gefeiert wird. Da werde ich schon via Lima wieder nach Hannover zurückkehren.

Aber um 19h am Freitag ist die Messe in der Pfarrei. Eine Messe, die ich nicht vergessen werde… Schon zwei Tage vorher waren wir abends bei der Messe dabei. Der Pfarrer stand ihr vor, etwa 50 Kongressteilnehmende waren dabei – und mit einer kleinen Band, kleinen Vorstellungen und einem anschließenden Abendessen feierten wir ganz friedlich und normal…. So etwas erwartete ich auch heute.

Padre Nacho…

… ist aus Uruguay, mit einem feinen spanischen Dialekt. Kaum zu verstehen. „Willst du vorstehen?“ fragt er mich. Nein, sage ich – und das ist nicht nur wegen des Spanisch gut so. Denn er hat vom Pfarrer, der wahrscheinlich nichts von dem erahnt, was gleich passiert, den Auftrag bekommen, vorzustehen.

Es fängt schon zu Beginn an. Nach dem ersten Song der kleinen Band, hebt Nacho so an: „Wir haben bei diesem Kongress nicht umsonst von einer anderen Kirche gesprochen. Können wir nicht mehr miteinander um den Altar die Messe feiern, nicht wir hier vorne, und ihr auf den Stühlen. Ich lade alle ein, mit ihren Stühlen um den Altar zu kommen…“ Ein ungläubiges Aufblicken…, aber dann ruckt und ruckelt es. Alle setzen sich näher heran. Wir stellen auch äußerlich die „um den Altar Versammelten dar“. Und es geht weiter. „Wir erfahren Vergebung durch Gott, er erbarmt sich unser, er versöhnt uns – aber wir erfahren das durch den Nächsten. Und so lade ich euch, einander eine Umarmung der Versöhnung zu schenken“ „…“. Nach dem Loblied und dem Tagesgebet, das Nacho frei formuliert, setzen wir uns, um die Lesung und das Evangelium zu hören. „Halt“, sagt Nacho, „auch die Priester, Diakone und Minis sollen doch das Wort Gottes mit allen hören. Wir sind doch alle das Volk Gottes“ Und alle – einige etwas ungläubig – setzen sich zu den anderen. Wir hören die Lesung, singen das Halleluja, hören das Evangelium, um dann die Predigt zu erwarten.

Einmal im Jahr…

Hier lässt Nacho eine junge Frau erzählen. Sie ist Ordensschwester, stammt aus einem kleinen Dorf am Titicacasee. „Ich habe bis zu meinem 20.Lebensjahr nie eine Eucharistiefeier erlebt. In meinem kleinen Dorf war nie Messe – einmal im Jahr, zu Fronleichnam, gab es in einem 3 Stunden entfernten Dorf eine Messe, aber da bin ich nie hingekommen… Erst in meiner Ausbildung kam ich in die Stadt, und damit in Berührung mit der Eucharistiefeier… Sie ist mir wichtig geworden“. Das Zeugnis berührt mich sehr, auch weil ich darüber nachdenke, wie leichtfertig wir vom Priestermangel in Deutschland sprechen. Aber auch darüber denke ich nach, wie wohl das christliche Leben sich in diesem kleinen Dorf entfaltet hat….

„Und du, Christian“, fährt Nacho fort, „was habt ihr denn abends um diese Zeit zu Hause gemacht, als du ein kleiner Junge warst?“. Ich glaub, ich hör nicht recht, aber… ich bin gemeint. Und so stottere ich in meinem italo-spanisch: „Wir haben abends immer zu Hause miteinander gegessen, daran erinnere ich mich. Wir waren um den Tisch versammelt, alle…“

Essen ist eucharistisch

Nach den freien Fürbitten führt Nacho in das Hochgebet und die Eucharistiefeier ein: „Jedes Essen ist ein Hinweis auf die Eucharistie. Es ist immer mehr als Essen und Trinken. Es verweist immer auf das große Geschenk der Nähe Gottes, Hinweis und Vorgeschmack der Begegnung mit Gott – jedes Essen ist eucharistisch. Deswegen bitte ich all die, die heute mittag gekocht haben, hier zum Altar zu kommen zum Hochgebet…“ Zögernd kommen drei Frauen nach vorne, während wir Konzelebranten stehen bleiben an unseren Plätzen. Das Hochgebet beginnt, und dann lädt Nacho ein: „Ihr wisst ja, als Papst Franziskus zum ersten Mal auf der Loggia kam, um sich vorzustellen, da bat er das Volk Gottes, für ihn zu beten, damit er es segnen könnte. Will sagen, der Geist Gottes ist in jedem Christen. Und so können wir das Hochgebet auch mitbeten. Legt bitte eure linke Hand auf euer Herz, denn da ist ja der Heilige Geist zu Hause, und mit der rechten segnet mit mir die Gaben, über die ich das Hochgebet spreche…“

So feiern wir weiter, und die Atmosphäre wird immer feierlicher, und die Teilhabe aller wird immer tiefer und froher. Bis zum Schluss. „Ich habe den Pfarrer gebeten, zum Abschluss zu segnen. Aber ihr wisst ja, die alten Menschen haben am meisten Weisheit, und ihr Segen ist Lebenserfahrung. Ich bitte euch Alte, nach vorne zu kommen. Und jeder und jede kann sich dann von euch einzeln segnen lassen…“ So geschieht es – und es ist schon wunderschön, sich von meiner Gastgeberin Carmen segnen zu lassen. Mit viel Freude und Gesängen geht die Messe zuende… Nein, denn noch nicht ganz. Es ist ja der letzte Abend. Und viele danken ihren Gasteltern, die so viel Gastfreundschaft geschenkt haben. Und natürlich mit vielen Fotos, auch die Ministranten tauchen wieder irritiert auf J

Ich bin sehr berührt und beeindruckt. Denn die Messe, die ich hier – in diesem doch oft streng rituellen Kontext erlebt habe – gibt mir Fantasie für ein lebensrelevante Eucharistie. Nicht alles scheint mir schon ausgereift, aber – und das ist doch das Entscheidende – die Frage der Zukunft wird sein, wie Eucharistie und Lebensvollzug der Gemeinschaft zusammenfinden, zusammenklingen und Ausdruck der unglaublichen Liebe Gottes für die Welt sein können – und nicht nur eine gut festgelegte sakramentale Liturgie, die natürlich immer der Kern des Feierns ist. Danke, Nacho!

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