Etwas zu spät kommen wir in die Aula, und doch sind wir nicht die einzigen, die in die riesige Aula so spät noch hereinströmen. Die Halle ist voll – vielleicht 3000, vielleicht auch mehr Personen aus allen Ländern Lateinamerikas, mit ihren Landesflaggen. Und die Stimmung fängt an zu kochen, aus voller Kehle singen alle „America en mision…“ Und der Animator der Band wiederholt dieses Mantra: „America en mision“, worauf alle rufen: „El evangelio es alegria“.

Jeder Morgen beginnt mit einer Wortliturgie, die fein und sinnenhaft gestaltet ist: mit einer riesigen Bibel ziehen am ersten Morgen die Repräsentanten der Nationen und Vorsteher der Liturgie ein, wie hören das Wort Gottes. Wir beten und singen. In den nächsten Tagen wird das Missionskreuz – angelehnt an das Sternbild „Kreuz des Südens“, das im übrigen, in Anlehnung an alle Inkatraditionen hier auch das Bühnenbild beherrscht – zur Mitte der Liturgie, und am Freitag, sehr eindrücklich, wird auf die Heiligen der Welt Bezug genommen, die wie eine „Wolke der Zeugen“ um den Innenraum der Halle ziehen.

Gut durchdacht, ein echter Glaubensweg, der hier ganzheitlich gefeiert wird. Mich beeindruckt dieser Weg, den wir gehen, vom Hören des Wortes zum Leben des Glaubens, dessen Mitte das Geheimnis von Tod und Auferstehung ist.

Aber dennoch bleiben viele Fragen. Was bedeutet bei diesem Kongress eigentlich die Zentralbegriffe?

Alegria

Die Freude – nur eine Emotion? Wer Lateinamerikaner*innen kennt, der kennt ihre Begeisterungsfähigkeit, ihre Freude, ihre Emotionen. Aber hier geht es, so verstehe ich es, um mehr. Der Titel greift ja das Schreiben von Papst Franziskus auf, eigentlich alle Schreiben, denn sie orientieren sich immer an der Freude. Nun ist keine Freude gemeint, die einfach nur überschäumt, sondern ein Umkehrweg, ein neues befreiendes Denken, das aus der Begegnung mit Christus erwächst: die Erfahrung eines befreienden Geliebtseins. Und na klar: das führt zum Überschäumen, aber es ist deutlich mehr gemeint als eine Emotion, die eben der Ausdruck einer inneren Erfahrung ist. Und eigentlich beginnt hier der Paradigmenwechsel – in der Theologie des Glaubens. Es reicht – auch in Lateinamerika – nicht mehr der klassische Zusammenhang zwischen gewachsenen und ererbten Katholischsein und kirchlichen Rahmen. Wie in Europa geht es um die Frage, wie Menschen überhaupt Christen werden, und klar ist: das findet dort seine Mitte, wo Menschen Christus so begegnen, dass ihr Leben in die frohe Freiheit gewandelt wird. Mit anderen Worten: diese Freiheit drückt sich in Freude aus – und in der Tat: das merkt man hier.

Mision

Mission – das ist der Aufbruchsbegriff schlechthin. Aber er ist auch denkbar unklar. Spannend ist in Südamerika, dass er völlig klar und unbelastet zu sein scheint – mindestens in dieser Runde der Abgesandten aus vielen Ländern. Es ist hier klar: es geht darum, neu auf die Menschen zuzugehen, das Evangelium zu verkünden, die frohe Botschaft von der Freiheit allen zugänglich zu machen, „hinauszugehen“, die Peripherien anzusteuern, wie Papst Franziskus sagt. Auch hier ist natürlich nicht ganz klar, wie dies geschehen soll – aber die Dynamik treibt aus einer Kirchenerfahrung heraus, die auch hier in Lateinamerika deutlich an ihr Ende kommt. Es ist verwunderlich, oder auch nicht: dasselbe zentralisierende Kirchenmodell, das von einer einzigen Sozialform ausgeht, die für alle gemeinschaftsstiftend sein soll, existiert nur noch in Köpfen als Rauschen der Vergangenheit. Gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass es sehr lebendige „Gemeinden“ gibt; gar kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Form nur einen kleinen Teil von Katholiken verbindet, maximal 10-15% in konkrete Gemeinschaftsformen einbindet – vor allem in Städten. Da aber die Städte hier beständig wachsen und explodieren, wird hier eine „pastoral urbana“ notwendig: wahrnehmen und antworten auf die Resonanzen der Menschen. Segen, Totengedenken, neue Formen der Nachbarschaftsgemeinden – vor allem aber: Beziehungsorientierung – und hier, im Leben der Menschen, das Evangelium gemeinsam neu entdecken. Oder doch nicht? Offensichtlich geht es um verschiedene Ansätze der Evangelisierung, aber immer steht in der Mitte das eigene Zeugnis von Leben und Freude. Das vor allem meint Mision, der Rest ist sehr unterschiedlich

Resonanzen

Erstaunlich ist vor allem eines während der drei Tage des Kongresses: jeden Morgen gibt es zwei Vorträge von mindestens einer Stunde, meist länger. Und alle sind hochkonzentriert, was man immer dann merkt, wenn die „wunden Punkte“ der Kirche angesprochen werden. Die Vorträge sind fundamentale theologische Katechesen, sehr umfangreich, ohne sehr in die Tiefe zu gehen. Und doch reagiert der Saal vor allem auf zwei Themen.

Im Vorfeld gab es ein „Instrumentum Laboris“: dort war am Ende intensiv über einen neuen Dienst nur für Frauen nachgedacht worden, der den verschwurbelten Titel Gynaikolatho trägt, eine Zusammenführung der griechischen Wörter für „Frau“ und „Akolyth“. Nun ja, die Aufgaben dieses neuen Dienstes sind die eines Diakons, ohne dass hier ein Zugang zu einer hierarchischen Stufe benannt würde: es ist ein Dienst im Volk Gottes. Wer immer die Frage der Rolle der Frau in der Kirche, die männliche wenn nicht oft machistische Herrschaftsstrukturen hat, andeutete, wurde frenetisch bejubelt. Auch ein zweites Thema fand dieselbe Resonanz. Mehrere Redner plädierten für eine nichtklerikale Kirche – sofort brandete der Applaus auf, ohne das klarer würde, wie eine solche Kirche aussieht.

Identität

Und ja: am spannendsten aber auch am herausforderndsten war ein Beitrag, der sehr fulminant ansetzte: bei Jesus, dem am Rand stehenden, der alle Denkgewohnheiten durchbricht. Wir folgen jemandem nach, der das klassischen Gottesbild und das klassische Familienbild aufbrach, und sich aus dem Zentrum an die Peripherie versetzte. Dieses Aufbrechen Jesu, in dessen Nachfolge wir stehen, das fordert aber auch zu einer anderen Mission heraus, zu einer radikalen Infragestellung bisheriger Gewohnheiten – es öffnet den Raum für eine postmoderne Anschlussfähigkeit. So schien es mir. Jesus, so die Kernthese, hat eine neue Identität geschaffen, und genau darum geht es ihm – müßte es uns als Kirche nicht neu zu unserer Identität führen?

Die Verheißungen der Amazonassynode

Wir kennen unseren Papst, wir Deutschen. Er hat die deutschen Bischöfe daran erinnert, dass in einer postmodernen Weltkirche nicht alle Lösungen gesamtkirchlich zu entwickeln sind, sondern dass es auch hier eine „heilsame Dezentralisierung“ geben muss, mit dem Mut von Bischöfen, angemessene Lösungen vor Ort zu finden, zu entscheiden und zu verantworten. Mehr Mut zur Ortskirche…

 

Genau das aber ist auch eine große Hoffnung der kommenden Synode über die Fragen des Amazonas. Spannend ist sie schon von ihrer Zusammensetzung, denn hier kommen Bischöfe aus Peru, Kolumbien, Venezuela, Brasilien, Bolivien und Uruguay zusammen… keine Kontinentalsynode, keine Bischofskonferenz, sondern Betroffene. Ein Bischof aus Venezuela sprach in meiner Arbeitsgruppe von der Hoffnung auf eine nichtklerikale Kirche…. ohne das näher zu beschreiben. Aber mir scheint, nach diesen verstreuten Hinweisen, dass hier etwas möglich wäre, dass das Paradigma bisherigen Kirchenverständnis sprengen könnte. Warum eigentlich muss man immer um das Binom „Kleriker-Laien“ herum diskutieren. Das ist doch ein altes Paradigma – vielleicht veraltet. Es ist einfach Unsinn, nach einer stärkeren Beteiligung und Partizipation der Laien in der Kirche zu fragen, denn dann hat man in Kopf und Herzen immer noch das Bild einer Kirche, die vor allem klerikal ist. Löst die Rede von der nichtklerikalen Kirche nicht dieses Bild auf? Wäre das nicht der eigentliche Fortschritt.

 

Hier wurde es immer besonders engagiert, in der Arbeitsgruppe, in der ich an den Nachmittagen war: bei der Frage der Dienste für Frauen. Genau hier ist nämlich die Schneise zwischen einem Kirchenbild, dass weithin auf dem Betriebssystem Kleriker-Laien läuft, und damit die Frage der Dienste der Frauen nur in der Alternative Kleriker*innen oder nicht lesen kann. Und in meiner AG waren einige Frauen strikt dagegen, sich in diese machtklerikal-männliche Kirche eingliedern zu lassen. Für andere war es hingegen wichtig, dies als Ausdruck der Gleichwürdigkeit der Kirche zu sehen.

Erneuerung von der Peripherie?

Ich erinnere mich an einen spannenden Tag Kirche2 in Hannover, im Vorfeld des Willowkongresses von 2016. In einem der Workshops vertrat der Vortragende die These, dass Erneuerung oft „vom Rand her“ geschieht, „from the margins“. Immer mehr bin ich davon überzeugt. Nicht aus den Zentren der Aufmerksamkeit, vielleicht noch nicht mal in den Metropolen, sondern im vergessenen Peripheren, weil dort der Geist des „am Rand lebenden“ Christus neues ermöglicht.

Und so wie die Kommunion von Evangelischen in der kirchlichen Peripherie Deutschlands beginnt (jaja – wir sind weltkirchlich Peripherie!) und beginnen muss, so kann vielleicht in der Peripherie des Amazonas ein neues Kirchenverständnis geboren werden, dass das Evangelium und die kirchliche Tradition ganz neu leuchten lässt. Darauf ist zu hoffen, dafür ist zu beten!

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