Und der katholische Glaube? Wie war das eigentlich mit der Bekehrungsmission der Spanier? Wie kommt es, dass die alten Riten der Aymara und Kechua überlebt haben? Das lässt sich natürlich so ganz kurz nicht klären – mein Kollege Dietmar Müßig hat darüber eine Doktoarbeit geschrieben, die spannend wie ein Krimi ist und extrem aufschlussreich. Echte Mission und Bekehrungen hat es gewiss gegeben, aber, wie in Europa auch, kann nicht einfach die Weisheit und die Religiösität der indigenen Völker weggetauft werden. Es ist ganz anders. Es ist viel subtiler. Denn es gilt ja, dass häufig die Erfahrungen und auch die Rituale der alten Religionen in der Volksfrömmigkeit überlebten, Mischformen eingingen. Dagegen halfen keine Verbrennungsaktionen und Reinigungsversuche der Spanier. Und das wußten sie eigentlich auch.

Zumal sich in den nachfolgenden Jahren immer mehr hybride Theologien zeigten, eben auch in der Kunst, und ganz besonders in der Kunst. Die Jungfrau vom Silberberg ist ein besonderes Kunstwerk, denn sie zeigt Maria als Berg, und wenn man genau interpretiert, wird schnell sichtbar, wie sehr ihr indigenen Religiosität und christliche Überzeugung miteinander gemischt sind. Dieses Bild drückt vieles aus, was auch in ähnlicher Weise bei dem Bild der Jungfrau von Guadalupe zu sehen ist: denn hier konnten die indigenen Völker die christliche Botschaft mit dem eigenen Symbolen und Geschichten verknüpfen und so spontan einen Zugang zum christlichen Geheimnis finden, aus ihrer Kultur heraus. So meine Interpretation. Und das ganze gibt mir weiter zu denken. Denn es ist und bleibt die Grundherausforderung gestern und heute mit „indigenen Kulturen“ (und das können ja auch postmoderne Kulturen sein!), das Evangelium neu zu entdecken. Das muss prinzipiell möglich sein – denn die Inkarnation war und ist immer auch eine Inkulturation, und im Blick auf die Herausforderungen der Zeit muss je neu gefragt werden, wie die Kultur der Gegenwart das Evangelium neu zur Geltung bringt, in der jeweiligen Sprache. Hier ist das Wort von Klaus Hemmerle immer wieder neu zu sagen: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Handeln, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe…“

Ist vielleicht dieses Bild ein Versuch gewesen, dies in die Tat umzusetzen – und was lernen wir hier über Maria, über die Mystik der Natur, über das, was wir „marianisch“ nennen? Wie gesagt – es gibt mir viel zu denken, diese mutige und kreative Theologie und Mariologie….

Auf salzigen Meeren…

Am nächsten Tag, nach einem wunderbaren Abend mit der Partnerschaftsgruppe, geht es früh um 6 mit dem Bus nach Uyuni, dem Salar de Uyuni. Ein kleines Abenteuer, eine ungeheure Erfahrung. Und vielleicht bin ich auch bei einem Dubai des 21. Jahrhunderts. Auf dem Altiplano, auf 4000 Meter Höhe, befindet sich der größte Salzsee der Erde, ein Salzmeer. Besser: eine teilweise siebenmeterdicke Salzkruste über einer Salzlauge, die unendlich viel Lithium (für Autobatterien?) verheißt. Man kann auf diesem See mit dem Auto fahren, auf dieser Kruste. Alles ist sonnig, und der weiße Salzbelag macht alles weiss, hell und reflektierend. Ohne Sonnenbrille geht es nicht. Wir verbringen einen wunderbaren Tag bei oder doch besser auf diesem surreal anmutenden Wunder der Natur. Ich werde diese Erfahrung nicht vergessen, einschließlich des Sundowners auf dem Salzsee. Dann fliegen wir, mit kurzer Nacht in La Paz, wo ich meinem alten Freund Patricio begegne, nach Santa Cruz, zum eigentlichen Ziel der Reise: dem 5. Amerikanischen Missionskongress.

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