Mit einem wilden Taxi kommen wir nach Potosí. Offensichtlich hat der Taxifahrer zu oft an der Rennkonsole gespielt, aber es geht alles gut. Wir sind am Abend in der Pfarrei bei Padre Omar, dem Pfarrer. Herzliche Aufnahme von der dortigen Gruppe der Bolivienpartnerschaft. Und gleich geht’s weiter zu einem spannenden Projekt, zu Nat’s…

Dubai in Bolivien

Wir landen bei einem spannenden Sozialprojekt. Dazu muss man aber einiges wissen. Wer nach Potosí kommt, der sieht den Berg. Den Silberberg. Durchlöchert von 400 Jahren und mehr, in denen Millionen von Menschen unter katastrophalen Bedingungen Silber gehoben haben. Inkas hatten diese Silbermine entdeckt, vielleicht schon frühere Zivilisationen. Aber es waren die Spanier, die Potosí zu ihrem Dubai machten. Es war wie eine Geldmaschine, und Potosí war – zu bestimmten Zeiten – die drittgrößte Stadt der Welt. Und das Silber veränderte die Wirtschaftsordnung in ganz Europa. Es war… zur Zeit Karl V. Mit anderen Worten: zur Zeit der Türkenkriege, zur Zeit der Reformation. Mitten in Bolivien also liegt der Schlüssel für zentrale Kapitel der europäischen Geschichte. Ohne dieses Silber von hier – wie wären dann wohl die Türkenkriege finanziert worden, und wie wäre die Reformation weitergegangen, ohne das Silber, mit dem Karl V. Kriege und Auseinandersetzungen finanzierte? Ein spannendes Thema, ein schmerzliches Thema der Ausbeutung, ein Thema der Globalisierung im 16. Jahrhunderts.

Potosí ist heute eine kleine Stadt geworden, und war doch Zentrum der Welt. Doch auch noch heute wird der alte Glanz dieser Stadt am Berg, am Silberberg sichtbar. Hier lässt sich – im Museum della moneda – die Geschichte nachverfolgen. Denn hier wurde das Geld gemacht, dass die Welt gestaltete.

Aber auch heute noch arbeiten tausende im Berg. Eigentlich in Kooperativen, aber ganz eigentlich als kleine Ich-AGs. Jeder (nicht Frauen!, das erzürnt den Gott des Berges), darf im Berg weiterbohren, der inzwischen wie ein Schweizer Käse wirkt. Überall Eingänge, überall Loren, die wertvolle Mineralien fördern. Und im Umfeld arbeiten auch Kinder.

Eine Gewerkschaft für Kinder

Kinderarbeit ist eigentlich verboten. Und es klingt gut, sie zu verbieten. Die UNO ermahnt dazu, fordert diese Verbote ein. Aber… so einfach ist das nicht. In den vielen zerstörten Familien sind Kinder, die unter Gewalt leiden. Und der einzige Ausstieg ist die Arbeit in den Minen. Sollten sie dort rechtlos sein, weil Kinderarbeit ja verboten ist, und sie also dort rechtlos und schwarz arbeiten müssen? Das Projekt, das wir besuchen, geht einen Weg des Empowerment. Und vor uns spielen Kinder Improtheater, und sie erzählen von ihrem Leben in gewalttätigen Familien – sie berichten aber auch vom Kampf um ihre Rechte. Es sind mehr als 10000 in Bolivien, die in Minen arbeiten, nur rund 700 sind organisiert, aber die 15jährige, die uns davon erzählt, ist eine selbstbewußte junge Frau, die deutliche Leadership hat. Ich bin beeindruckt von der Solidarität und der Menschlichkeit, die ich erfahren kann bei den Kindern…. Und ich bin beeindruckt von den Frauen, die dieses Projekt durchführen und begleiten. Großartig.

Im Berg

Und dann… gehen wir am nächsten Tag in den Berg. Natürlich nicht allein. Wir werden geführt von einem Minero – aber da heute Sonntag ist, ist es ruhig. Zuerst kaufen wir Kokablätter, das die Mineros mit Energie ausstattet für ihren harten Job. Jeder Minero kauft sich auch sein eigenes Dynamit, seine eigene Ausrüstung, seine eigene Arbeitskleidung. In einem Schuppen ziehen wir auch unsere Leihklamotten an. Und bekommen einen Schutzhelm mit Berglampe. Wir fahren in die Stollen von Beto, einem eloquenten jungen Mann, der hier offensichtlich sein Glück – Silber – schon gefunden hat. Und weiterarbeitet. Eine ganz spannende Erfahrung liegt vor uns. Mit ihm gehen und klettern wir durch seine Gänge, und er erzählt sehr persönlich Geschichten von sich selbst, seinen Funden, aber auch von Unglücken und dem Leben der Mineros, das häufig schon mit Mitte vierzig Ende, mit einer Staublunge. Am Ende unseres Weges ein religiös anmutendes Ritual für den männlichen Gott des Berges, den Thito. Man kann nachvollziehen, warum die Mineros das tun – ein Leben, das ständig gefährdet ist, ein Leben, das nur dann gelingt, wenn man Silber oder andere Mineralien findet. Ich bin durchaus sehr froh, dass ich aus dem Berg herauskomme, ohne dass ich verschollen gehe, ohne dass ich stürze, oder mich verletze. Wäre alles möglich gewesen…

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