„Der Pastoraltheologe Christian Hennecke sieht die Weihe von Frauen oder verheirateten Männern nicht als Patentrezept für einen kirchlichen Neuanfang in Europa. „Dann würde sich die überstrukturierte Versorgungskirche bloß fortsetzen“…

So darf ich lesen. Puh. Es ärgert mich nicht wenig. Und wie schon neulich, im Kontext des ARD-Films über „Kirche ohne Priester“, frage ich, welche redaktionellen Kompetenzen hier ins Spiel kommen. Es ist modern, einzelne Zitate aus Zusammenhängen zu reißen, um polarisierte Positionen hinzubekommen. Und das kriegen wir auch katholisch hin. Nun gut. Enttäuschend, auch wenn ich es hätte wissen können. Ich lerne. Auch von der Resonanzdiskussion. Dass es besser geht, zeigt der Artikel bei kathpress. Danke dafür an die junge Redakteurin, die mich interviewt hat.

Aber vielleicht könnte es ja auch interessant sein, noch einmal den Zusammenhang aufzudröseln. In einem ersten Schritt habe ich das ja auch schon versucht, um noch einmal klarzustellen, worum es mir eigentlich geht, im Kontext mit der Frage nach den ausländischen Mitbrüdern.

Eine überstrukturierte Versorgungskirche?

Jede und jeder weiß: die einzigartige Pastoralgeschichte der Kirche im deutschsprachigen Raum führt zu einer hochdifferenzierten und komplexen Institutionalisierung, mit allen Stärken, die wir hoffentlich gut kennen: eine großartige Caritas, ein beeindruckendes Schulgefüge. Mit vielen engagierten Christinnen und Christen, die in keiner Weise vermitteln, dass diese Kirche diakonisch schwach daherkommt. Das Gegenteil ist der Fall. Und auch die Kirchengemeinden sind beeindruckende lokale Akteure, mit vielen Engagierten. Doch eine der Schwächen ist eher fatal: so wichtig die Ausstattung der Kirche mit Hauptberuflichkeit ist, die hohe Kompetenz und Professionalität in allen Bereichen der Seelsorge, so schwierig ist in diesen Zeiten des Umbruchs, in der weitaus weniger Amtsträger und Mitarbeiter*innen zur Verfügung stehen – das gilt übrigens auch für die Amtsträger*innen in der evangelische Kirche -, die Lösung von einem hochemotionalen inneren Bild der Versorgungskirche. „Wenn der Pfarrer/Mitarbeiter*in nicht vor Ort lebt, dann ist die Kirche tot“. Diese Bilder sind – auch wenn sie ein merkwürdig hierarchiefixiertes Kirchenbild anzeigen – tief prägend. Nicht wundern, das ist die Frucht einer langen Prägegeschichte, die eben leider nicht auf die Höhe des II. Vatikanums führte, sondern diese Erneuerung nur halbiert darstellt, wie Kollege Rainer Bucher immer wieder mahnt. Von daher führt das Ende dieses Gefüges zu unglaublich intensiven emotionalen Reaktionen, zu einer Selbstreferenzialität und zu einer Implosion populistischer Reflexion

Dies ist dort anders, wo – wie in der Weltkirche – nie ein solches Gefüge existierte. Dort erlebte und erlebe ich zu meinem Staunen eine viel größere charismenorientierte und selbstbewußte Selbstverantwortung der Kirche vor Ort, eine Selbstverständlichkeit der lokalen Selbstorganisation, die mich beeindruckte.

Spannend ist nun in diesem Kontext, dass auch Priester der Weltkirche, die hierher eingeladen werden, die Stärke ihrer eigenen Erfahrungen in diesem Kontext nicht ausspielen können. Ich erlebe es jedenfalls zu selten. Von daher die Vermutung: sind sie hierhergekommen, ein Gefüge zu stützen, das sonst nicht mehr halten würde? Darum dürfte es – so denke ich – nicht gehen. Denn das wäre sehr schade.

Soweit zu diesem ersten Thema.

Und das Priestertum der Frau – eine offene Lerngeschichte 

Da ich nicht – wie katholisch.de behauptet – ein Pastoraltheologe bin, sondern ein Praxisdenker, der sich Schritt für Schritt hineinlebt in neue Fragen, ist die zweite Frage, die mir polemisch entgegenschallt, viel schwieriger: „Heda ihr Frauen – Hennecke ist gegen euch“, schallt es im populistischen Resonanzraum. Hach! Wo bin ich da hineingeraten? Bin ich dafür? Dagegen? Konservativ? Zeitgemäß? Wie hältst du es mit dem Frauenpriestertum? Die postmoderne Gretchenfrage aller Kirchenreform.

Vorweg: ich bin ein Fan von Krisen. Und ich glaube, dass Veränderungen häufig nicht ganz freiwillig und durch Einsicht geschehen, sondern Krisenmomente den Ausgangspunkt für befreienden Neuansätze bilden. Aber dennoch: in der Krise der Versorgungskirche einfach die Krise mit anderen Amtsträger*innen zu perpetuieren, das wäre nicht mein Weg. Das wäre mir zu kurz gesprungen. Es geht schon um eine Erneuerung, nicht nur um eine Fortsetzung mit einer Lösung erster Ordnung. Dafür ist mir das Thema der Frauenordination zu wertvoll – wie auch der Einsatz ausländischer Seelsorger. Denn der Umbruch ist radikaler, sowohl der kirchliche Umbruch insgesamt, wie auch die damit verknüpfbare Frage der Frauenordination. Über den Umbruch kann man weiterlesen bei mir – etwa bei „Kirche steht Kopf – Unterwegs zur nächsten Reformation“.

Zum Thema der Frauenordination habe ich mich bislang nicht öffentlich geäußert, einfach weil ich für mich noch keine Position gefunden habe, die mich überzeugt. Ich bin in einer nach vorne offenen Lerngeschichte. Und ich möchte hier einfach in vier Episoden Anteil geben an meinem Weg. Das mag der einen oder dem anderen nicht reichen, aber ich bin ja auch nicht da, um andere zufriedenzustellen, die Parteigänger suchen.

  1. Ich war noch Regens des Priesterseminars, und um das Jahr 2013 sitzen wir im Michaeliskloster zusammen: evangelische Theolog*innen und „meine“ Seminaristen. Wir planen eine Reise zu den „fresh expressions“ in bewährt ökumenischer Manier. Und die evangelischen Theologinnen fragen: „Und was sagt ihr zur Frauenordination?“ Klare Frage. Die meisten der Seminaristen sagen zu mir: „Auf diese Frage können wir nichts sagen, der Papst hat doch das letzte Wort schon gesagt. Die Diskussion ist zu Ende…“. Nein, so denke ich – das ist sie ja offensichtlich nicht. Bei allen Machtworten, die mindestens in unserem Sprachraum nichts bewirkt haben. Und also versuche ich eine andere Antwort, die vielleicht mit der Hermeneutik unterschiedlicher Kirchenverständnisse zu tun haben: während es der zeitsensiblen evangelischen Kirche in Deutschland leichter fällt, diese Frage zu beantworten (wie vielen anderen Kirchen auch – etwa der anglikanischen), fällt es der katholischen Kirche als plurikulturelle Weltkirche sehr viel schwerer… es dauert länger, sich dem Thema zu stellen. Keine überzeugende Antwort – aber ich habe keine andere. Denn zu fragen wäre ja wie immer und alle Zeit: brauchen wir hier Antworten, die für eine ganze Weltkirche gelten?
  2. Ich finde mich wieder in einer Arbeitsgruppe, die an einem Text über die Ekklesiologie des II. Vatikanums arbeitet. Es geht um Lumen Gentium 10 – um den vielzitierten wesenhaften Unterschied zwischen gemeinsamen Priestertum und dem Priestertum des Dienstes. Und ich traue meinen Ohren nicht. Denn ein Theologe mein, dieser wesenhafte Unterschied sei in den Untiefen der Metaphysik zu verorten und auf die ontologische Differenz zwischen Mann und Frau im Schöpfungsplan. Wir sind empört und halten dagegen. Aber: „Das könnt ihr – aber es geht um die Wahrheit“, wird entgegengesetzt. Fein: das Priestertum des Dienstes ist von der Schöpfung her mit dem Mann verknüpft. Dann ist ja alles klar. Mir war nicht klar, dass dies theologisch überhaupt denkbar ist. Ob von solchen Spekulationen in metaphysischen Abgründen Gott selbst überhaupt weiß – das möchte ich mehr als bezweifeln. Nicht nur ich – zum Glück setzt sich eine solche Argumentation nicht durch. Sie hat mit dem Sinn des Konzilstext ohnehin nichts zu tun. Die Frage bleibt deswegen aber offen.
  3. Ein langes Gespräch mit Christiane Florin. Lange Gespräche, nicht ganz einfache, mit Freundinnen und Bekannten über den Weiberaufstand. Ich merke, ich kann meine Gedanken zu Kirche und Veränderung, zu Amt und Dienst kaum verständlich machen. Warum? Geht es beim Amt um Macht? Erfahrungen von Frauen, mit denen ich mich sehr verbunden fühle, öffnen mir – dem Mann und Priester – eine neue Welt erniedrigender Erfahrungen mit der Hierarchie, mit einer als ungerecht erfahrenen Herrschaftsstruktur. Da nützt meine Theologie nichts. Ich kann sie nicht kommunizieren, und das tut auch mir sehr weh. Ein wirklich emotionales und schmerzliches Thema. Es macht mir nochmal deutlich: eine echte Reform der Kirche muss die Frage nach dem ordinierten Amt auch der Frauen wesentlich mitbedenken. Aber dann muss überhaupt bedacht werden, wie das Amt auch für Männer, eben insgesamt neu durchdacht wird. Die bisherigen geschichtlich gewachsenen Konstellationen sind so ambivalent, so wenig theologisch aufgeklärt. Ich bin dabei zu verstehen.
  4. Ich erlebe – gerade auch im ökumenischen Kontext – sehr viele Liturgien in evangelischen Kirche, ich erlebe viele sehr glaubwürdige Pastorinnen. Und ich erlebe für mich nicht, dass dies in irgendeiner Weise „nicht ginge“. Aber diese Erfahrungen sind in sich ja noch kein Argument. Und ich bin auch zu katholisch, dass ich nicht das lange Nachdenken über die andere Traditionsgeschichte ernstnehmen wollte. Was mir klar ist: neue Zeiten und eine andere Wahrnehmung werden auch die alte Tradition neu sehen lassen. Mein Zugang zur Frauenordination fällt mir am leichtesten, wenn ich der Spur folge, die Fritz Lobinger gelegt hat: in Afrika, in Lateinamerika und Asien sind in den vergangenen Jahrzehnten die Erfahrungen von Gemeindeleitungsteams gewachsen, als Frucht von Kirchenentwicklungsprozessen, die das Volk Gottes in den Mittelpunkt rücken, Männer wie Frauen. Die „leadership“ von Männern und Frauen hat das Volk Gottes profiliert. Sollte man, so Lobinger, nicht diese Team zu lokalen Presbyterien ordinieren? Ähnliches denkt Bischof Kräutler seit Jahren laut – und wird Thema der Amazonassynode. Männer und Frauen als ordinierte Prebyterien, als Frucht einer basisorientierten Kirchenentwicklung – das könnte ein Zugang sein?

Für mich ist also die Frage noch nicht beantwortet. Wie nirgendwo in der Geschichte und in keinem Entwicklungsprozess lassen sich Hebel einfach umlegen. Sonst würde man nur das alte in neuem Gewand präsentieren. Aber ein wahrhaft offener – und vielleicht auch öffentlicher – Prozess des ehrlichen Miteinander-Ringens wäre an der Zeit. Wenn der in Gang käme und dabei einer dem anderen die Ernsthaftigkeit und Ergebnisoffenheit glaube könnte, dann wäre das mehr als wünschenswert. Die Frage der Geschlechtergerechtigkeit würde sich im Stil des Miteinanders zeigen (und was diesen Stil anbetrifft, da sehe ich unsere römische Kirche in der Tat in einer Bringeschuld!) und so könnten sich neue Wege öffnen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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