Ich hatte von dieser unglaublichen Geschichte gehört. Vom Pfarrer der evangelischen Gemeinde im Osten Stuttgarts, der nach einem Chorleiter suchte, darum betete, um dann Thomas Dillenhöfer zu begegnen: dem leidenschaftlichen Chorleiter. Und dann passierte es: ein Gospelprojektchor entstand, der immer größer wurde (und schon mehrere Ausgründungen hat). Inzwischen singen in den Projekten über 500 Leute mit, und sie proben jeden Donnerstag in der evangelischen Friedenskirche. „Da sind jede Woche unheimlich viele Leute“, sagt der Hotelier, der mich für eine Nacht in Stuttgart beherbergt. „Und Sie sind heute abend da zum Konzert? Ich will auch kommen – kostet das Eintritt?“ „Nein“, sage ich, „es ist ein Gottesdienst, und ich soll predigen, aber ich weiß noch gar nicht worauf ich mich einlasse…“

In der Tat. So ist es. Als ich um 18h zur Vorbesprechung komme, wird gerade geübt. Ca 100 Sänger, oder? Es wirkt so echt, so beeindruckend lebendig, schon diese Probe. Die Kirche füllt sich. Um 19h beginnts. Nach dem Einsingen zuvor, bei dem die Begeisterung überschwappt in die gefüllte Kirche, nun Stille. Zum Ankommen. Die Glocken läuten. Und 19.05 beginnt es mit Liedern und einer Einführung von Thomas Dillenhöfer.  Ich sehe zu, wie er das macht. Nein, er macht es nicht – er ist es. Der Chor und die Menschen in der Kirche, werden da hineingezogen in ein Miteinander, das echt die Herzen öffnet. Es wird gesungen, und sehr volle Stimmen, vielstimmig und schön.

Und was kann ich da noch predigen? Das, was ich erlebe, ist doch schon eine Predigt, oder? Aber – das hatte mir Tom gesagt: normalerweise eine halbe Stunde…  „Und predige über das, was dir am Herzen liegt“. Und so predige ich nicht über Kirchenentwicklung, sondern… über Pfingsten und den Geist.

Energy beats everything

Ich war in Edingburgh. Und stieß auf diese Werbung. David und Goliath. Der kleine starke gegen den Großen Mächtigen. Er steht oben, mit seiner Zwille – und trinkt einen Energydrink. Und dann dieser Spruch. „Energy beats everything – yours, theirs, the universe’s“. Und ich musste an den Geist Gottes denken. Er ist doch die Energie, das Wirken Gottes in dieser Welt. Eine ganz andere Energie als die physischen Energien, als Atom und Licht. Gottes Wirken eben – in allem.

Mir fiel einer der großen alttestamentlichen Texte ein, eins der großen prophetischen Bilder des Ezechiel. Es erzählt von der Auferweckung des Volkes Gottes. Eine Erzählung wie ein Horrorfilm. In der Ebene liegen die Knochen, alles verloren, alles tot. „Kann daraus noch Leben werden?“ „Das weißt alleine du, Herr!“ Und dann geschieht es, dass durch das Wort des Propheten, durch den Geist Gottes das Volk wieder lebendig wird – voller Geist. Voller Kraft.

Was geschieht hier eigentlich? Die Geistkraft erfüllt die Einzelnen, und belebt, erneuert. Die Geistkraft ist vor allem „Auferstehungsenergie“: sie holt uns ins Leben zurück – aber das heißt auch: alles, was vielleicht tot ist, alles was daniederliegt, darauf läßt sie sich ein, die „ruach“, um von innen her neues Lebens zu schenken. Aber sie ist noch mehr – und vor allem das: sie ist soziale Energie. Denn sie führt Menschen zu einem Volk zusammen, sie erlöst das verwundete, verletzte Zwischen-uns. Das „Zwischen-uns“ wird der Raum seiner Herrlichlichkeit, also seiner Gegenwart, die strahlt…

Der Pfingstgeist live

Aber all das, was da zu predigen ist, das erfahre ich live. In der Friedenskirche ereignet sich – vielleicht oft? – diese Wirklichkeit. Menschen werden in Seinem Geist in einen Leib zusammengefügt, als Schwestern und Brüder. Das ist das Wunder und das Wundern von Pfingsten. Nicht nur hier. Ich erlebe es ja an vielen Orten, bei Zeitfenster in Aachen, in der Seminarkirche bei Familiengottesdiensten.

Hier wird Kirche, hier wächst Gemeinde – aber nur dann, wenn man die scheinbare Normativität einer Kirchengemeinde hinter sich lässt. Denn hier wächst Kirche neu heran, in neuen Formen, aber genau aus der Mitte dessen, was sie ausmacht. Aus der erlebbaren Christusgegenwart, der Gegenwart des verbindenden Geistes, der das Zwischen der Menschen bewohnt.

Müssen nicht alle Strukturen einfach nur als Dienst daran verstanden werden, dass dieser Geist sich auswirken kann? Nicht der Geist muss sich an Strukturen anpassen, sondern jede institutionelle Gestalt der Kirche braucht jene Erfahrungen des Geistes, um lebendig zu sein…. und hat die vornehme Aufgabe diesem Werden der neuen Welt zu dienen. Wie sagte schon der orthodoxe Patriarch Athenagoras: „Ohne den Heiligen Geist ist Gott ferne, bleibt Christus in der Vergangenheit, ist das Evangelium toter Buchstabe, die Kirche eine gewöhnliche Organisation, die Autorität Herrschaft, die Mission Propaganda, der Kult Beschwörung, und das christliche Handeln Sklavenmoral. Aber in Ihm: ist der Kosmos erhoben und seufzt im Gebären des Königsreiches, ist der auferstandene Christus da, ist das Evangelium Macht des Lebens, bedeutet die Kirche trinitarische Gemeinschaft, die Mission ein Pfingsten, die Liturgie Gedächtnis und Vorgeschmack, wird das menschliche Handeln vergöttlicht.“

Und dem ist nichts hinzuzufügen. Vor allem, wenn man es immer wieder erleben darf. Wie ich zu Pfingsten im Gospelhaus.

 

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