Der folgende Beitrag entstand – in der herausfordernden Pecha Kucha Methode – für das Podium „Zukunft der Kirche vor Ort – zwischen Dauerzoff und Grabesruh“ auf dem Katholikentag

 

  1. (Blitz)
    Das Leitungsthema ist in der Kirche vielleicht eines der aufgeladensten Themen in der Kirche. Wir ahnen, es geht um etwas Wesentliches. Um eine Grundordnung der Kirche, die ja wesentlich sakramental verfasst ist. Und wenn diese Kirche in einem fundamentalen Umbruchsprozess ist, dann wird die Frage nach der Leitung neu zu stellen sein. Denn die Neukonfiguration der Kirche wird auch die Rolle und den Dienst der Leitung neu konfigurieren. Und das gilt um so mehr, als in diesem neuen Wirklichkeitraum der Kirche auch die Leitung von Gemeinden durch ehrenamtliche Teams ins Leben kommt. Bedroht so etwas die die sakramentalen Leitungsaufgaben des Priesters? Das ist die spannungsreiche Frage. Und es scheint oft so: hier kann man nichts ändern, weil es so sein muss.
  2. (Fusswaschung)
    Geht es um Machterhalt? Oft wird die Frage der Leitung unter dem Stichwort der Macht diskutiert. Dann haben wir ein Problem. Ein ernstes Problem mit dem Evangelium. Denn hier gilt ja: „Bei euch soll es nicht so sein…“; „Nur einer ist euer Meister…“ „Ihr alle seid Geschwister…“ Hoffentlich ist das nicht nur ein ideologisches Füllwort, hoffentlich ist Fusswaschung keine Machtgebrauch verdeckende Sonntagsrede.
    Das muss sogar noch vertieft werden. Die Fusswaschung verweist auf einen tiefen Transformationsprozess, auf das Geheimnis des Kreuzes. Und das meint ja: was bedeutet es für den Dienst der Leitung, wenn Gewalt und Macht in Liebe und Dienst verwandelt wird. Was bedeutet das für ein christliches Leitungsverständnis.
  3. (Pyramide)
    Ja, wir haben eine verdunkeltes und traumatisches Leitungsverständnis. Durch Macht ist es desavouiert. Und dafür steht das Bild von der Pyramide. Zu häufig wurde Vollmacht mit Macht verwechselt. Dienst zum Herrschen gebraucht. Denn Pyramide heißt Oben und Unten, heißt Priester mehr als Laien, heißt Männer über Frauen, heißt Macht und Unterlegenheit. Alltägliche Kirchenerfahrungen, die uns bis heute tief prägen. Aber: solange wir dieses Bild im Kopf, und vor allem im Herz haben, finden wir keine Lösungen für das Leitungsthema.
  4. (Kirche auf dem Kopf)
    Aber die Vision der Kirche und ihre Entwicklung stellt diese Perspektive radikal um. Papst Franziskus schreibt (EG 102): „Die Laien sind schlicht die riesige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit: die geweihten Amtsträger. Das Bewusstsein der Identität und des Auftrags der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien in der Kirche ist gewachsen. Doch die Bewusstwerdung der Verantwortung der Laien, die aus der Taufe und der Firmung hervorgeht, zeigt sich nicht überall in gleicher Weise. In einigen Fällen, weil sie nicht ausgebildet sind, um wichtige Verantwortungen zu übernehmen, in anderen Fällen, weil sie in ihren Teilkirchen… keinen Raum gefunden haben, um sich ausdrücken und handeln zu können.“
    Das stellt die Kirche auf den Kopf. Nicht von der institutionellen Kirchengestalt, zu der auch Laien gehören zu denken, sondern radikal vom Volk Gottes her zu denken – das ist eine Herausforderung für alle Beteiligten, vor allem aber auch für die Priester, für das Verstehen des Amts.
  5. (Priesterweihe)
    Es geht um einen Dienst, einen Dienst der Leitung. Deswegen lautet ja die erste Frage der Priesterweihe, die der Kandidat beantwortet: „Bist du bereit, das Priesteramt als zuverlässiger Mitarbeiter des Bischofs auszuüben und so unter der Führung des Heiligen Geistes die Gemeinde des Herrn umsichtig zu leiten?“ Es geht ja um Leitung, die gemeinschaftliche gelebt wird. Es geht um Leitung, die aber im Hören auf dem Geist, in geistlichen Unterscheidungsprozessen besteht – aber vor allem hat der Leitungsdienst den Auftrag, dass das Volk Gottes seine Mündigkeit immer tiefer erlebt und erfährt und auslebt. So formuliert der programmatische Einführungstext zum sakramentalen Dienstamt in Lumen Gentium 18: „Um Gottes Volk zu weiden und immerfort zu mehren, hat Christus der Herr in seiner Kirche verschiedene Dienstämter eingesetzt, die auf das Wohl des ganzen Leibes ausgerichtet sind. Denn die Amtsträger, die mit heiliger Vollmacht ausgestattet sind, stehen im Dienste ihrer Brüder, damit alle, die zum Volke Gottes gehören und sich daher der wahren Würde eines Christen erfreuen, in freier und geordneter Weise sich auf das nämliche Ziel hin ausstrecken und so zum Heile gelangen.“
    Es kann kaum deutlicher formuliert werden, worum es gehen soll: der Text macht mehr als deutlich, dass das Subjekt der Leitung Christus selbst ist, und dass der Dienst darin besteht, den Brüdern und Schwestern Wege zu eröffnen.
  6. (Konzilsaula)
    Das Konzil hat dies in einem memorablen Text verdeutlicht: Lumen Gentium 10 formuliert: Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen (vgl. Hebr 5,1-5), hat das neue Volk „zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht“ (vgl. Offb 1,6; 5,9-10). Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften zu einem geistigen Bau und einem heiligen Priestertum geweiht, damit sie in allen Werken eines christlichen Menschen geistige Opfer darbringen und die Machttaten dessen verkünden, der sie aus der Finsternis in sein wunderbares Licht berufen hat (vgl. 1 Petr 2,4-10)
    Das gemeinsame Priestertum der Gläubigen aber und das Priestertum des Dienstes, das heißt das hierarchische Priestertum, unterscheiden sich zwar dem Wesen und nicht bloß dem Grade nach. Dennoch sind sie einander zugeordnet: das eine wie das andere nämlich nimmt je auf besondere Weise am Priestertum Christi teil.“

    Damit wird deutlich: es geht um das gemeinsame Priestertum aller Getauften, um die Sendung, das Evangelium zu verkünden. Und schon im Namen wird deutlich, worum es beim sakramentalen Dienst geht: um ein Priestertum des Dienstes, das nicht mehr oder weniger als das gemeinsame Priestertum ist, sondern „anders“! – eben nicht in einer graduellen Abstufung. Damit ist neuerlich klar: das Volk Gottes als ganzes kann nicht in irgendeiner Weise graduell abhängig beschrieben werden. Kurz und knapp: Priester stehen nicht über Laien, Leitung des Priesters ist grundsätzlich anders als die Leitung, die Laien tun. Sie stehen nicht in Konkurrenz. Sie ist auch nicht zuerst delegiert.

  7. (Baum mit Wurzel)
    Und deswegen ist es irreführend, im Kontext unterschiedlicher Leitungsdienste von einer Letztverantwortung des Pfarrers zu sprechen. Darin steckt ja weiterhin ein „oben – unten“. Theologisch hält diese Ausdrucksweise nicht stand. Besser ist es, von einer „Grundverantwortung“ zu sprechen: eine Verantwortung für den Grund, die Wurzel, für Christus also. Es geht bei dieser Verantwortung um den Verweis auf Christus, auf seine führende Gegenwart im Geist. Das genau ist dann nämlich der sakramentale Leitungsdienst: es ist der Dienst daran, dass die Kraft Christi allen zur Verfügung steht, damit sie mit ihren Gaben leiten und führen können. Der sakramentale Dienst besteht im Dienst an der Mündigkeit der Christen.
  1. (Landkarte)
    Egal wie groß pfarrlichen Strukturen sind, egal wie pfarrliche Strukturen geschaffen werden – diejenigen, die in einer Pfarrei Dienst als Priester und Hauptamtliche tun, wird es um die Befähigung und Ermöglichung des Wachsen der christlichen Verantwortung und Mündigkeit, der Freiheit und der Selbständigkeit der ureigenen christlichen Identität und Sendung aller gehen.
  2. (Bischof Wüstenberg in Aliwal)
    Was bei uns noch Diskussionen auslöst, weil es ungewohnt ist, ist seit Jahrzehnten Praxis der Weltkirche. In Afrika, Lateinamerika und Asien werden örtliche Gemeinden selbstverständlich von Teams Getaufter geleitet. Sie werden beauftragt vom Bischof, tragen Verantwortung und nehmen Leitung wahr. Sie sind Repräsentanten der Gemeinde, „teams of elders“ (Ältestenteam) oder – wie in Frankreich – eine „equipe d’animation“: eine Gemeinschaft derer, die dem Leben der Gemeinde eine Seele einhaucht.
  3. (Team)
    Ganz selbstverständlich geschieht hier Leitung vor Ort. Nicht als Delegation, sondern im Interesse und als Ausdruck des christlichen Lebens vor Ort. Überall, wo Gemeinden sind, wo neue Gemeinden entstehen, wachsen – in letzter Zeit auch in deutschen Diözesen (in mehr als 13) – Formen ehrenamtlicher Leitung, die gemeinsame Kennzeichen haben: sie sind Teamleitungen, sie sorgen für das, was vor Ort gelebt und getan werden kann (Subsidiarität), sie werden gut begleitet und evtl auch weitergebildet, sie sorgen für eine charismenorientierte Pastoral.
  4. (Rufsignet)
    Im Hintergrund steht eine Theologie des Rufens. Es geht nicht darum, jemanden für einen Dienst zu gewinnen, damit er getan wird. Es geht vielmehr darum, Menschen zu „rufen“, ihnen eine Möglichkeit zu geben, ihren Ruf zu leben. Zugleich aber braucht es die Antwort des Einzelnen, und die Resonanz und Akzeptanz der Gemeinschaft, die ihn aussendet.
  5. (Ohne Vision verkommt das Volk)
    Doch dazu braucht es eine Vision. Ja, denn wir wären immer in der Lage, den hier begründeten Paradigmenwechsel zu verpassen, der in diesem Verständnis von Leitung steckt. Dann ginge es nur darum, auf dem Rücken der Getauften weiterzumachen, was bisher im Kontext der Versorgermentalität (und auch der Machtübernahme) geschah.
    Es geht nicht um die Frage, wie man das System retten kann. Es geht um die Herausforderung, die im Konzil gründet: Kirche zu verstehen als Volk Gottes, das aus der Kraft der Taufe selbstsorgend und selbstleitendes Volk ist, dem durch den sakramentalen Dienst des Priesters und den Dienst der Hauptberuflichen ermöglicht wird, es selbst zu sein. Es geht darum, dass der Geist Christi dieses Volk leitet.
    Und ja, das ist ein Prozess, ein längerer Weg zum Ziel. Es braucht Zeit. Ich denke, dass der Anfang schon da ist. Ich genieße diese Anfänge, sie bedeuten für alle eine Umkehr.
    Aber wir werden entdecken: sakramentaler Dienst der Leitung wird mehr er selbst, wenn Christen vor Ort ihre in der Taufe gegründete Leitung in den verschiedenen Feldern wahr-nehmen.
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