In den letzten Jahren mache ich eine spannende Erfahrung. Immer mal wieder bin ich zur Vertretung in einer Pfarrei, und wenn ich in die Sakristei zur Messvorbereitung komme, dann werde ich in der Regel sehr freundlich begrüßt. Der Küster oder die Küsterin wenden sich dann an mich: „Wie wollen sie es denn machen?“ Ich antworte immer: „Ich bin hier zur Gast – wie machen Sie es denn?“ „Hier macht es jeder anders…“ „…“ Will sagen: der Priester entscheidet über die Feier der Liturgie, selbst dann, wenn es in der Gemeinde eine ausgeprägte Liturgie gibt.

Szenenwechsel: am Ostermontag darf ich bei den Benediktinerinnen von Herstelle mitfeiern. Eine Ordensschwester wendet sich an mich: „Hier zeige ich Ihnen, wie wir hier die Eucharistiefeier feiern…“ Keine Frage: niemand würde auf die Idee kommen, ihr zu sagen: „Aber ich möchte es lieber so“. Zu profiliert ist die liturgische Kultur der Gemeinschaft der Schwestern.

Finde den Unterschied. Während auf der einen Seite eine Gemeinschaft eine liturgische Kultur und Prägung entwickelt hat, die mit Selbstverständlichkeit und Selbstbewußtsein den Vorsteher der Liturgie begegnet, und so deutlich wird, dass der priesterliche Dienst eben ein Dienst ist – ist das in vielen Kirchengemeinden nicht so. Der Priester bestimmt die Liturgie? Klerikale Willkür? Natürlich ist das böse gesagt, aber dahinter verbergen sich einige Probleme.

Zum einen wird deutlich: bei vielen Gläubigen, die unterschiedliche Priester erlebt und zuweilen auch erlitten haben, setzt sich genau dieser Gedanke durch. Jeder machts auf seine Weise, Liturgie ist irgendwie willkürlich – auch wenn es eine Grundordnung gibt. Es liegt irgendwie im Belieben der Priester… Zum anderen ist es ja so: es wäre mehr als dringend, dass in den Gemeinden ein gemeinsames Bewußtsein der gefeierten Liturgie wächst und ausgebildet wird – und ich finde, eine liturgische Bildung, die die kompetente Ausbildung einer liturgischen Kultur hervorbringt, ein absolutes „Muss“: denn wenn auch in Zukunft eher weniger Messen von weniger (und unterschiedlichen) Priestern gefeiert werden, kommt es für die Mitfeiernden vor Ort darauf an, dass sie in dieser Liturgie, gerade in den sakramentalen Feiern, genährt werden – und das Volk Gottes hier auch mit Recht eine Verläßlichkeit erwarten darf, die nicht von klerikalen Eigenheiten überlagert wird. Die Verschiedenheit der Zelebranten kann bereichern, aber auch dazu führen, dass Menschen einfach nicht wiederkommen. Weil sie die Ungewißheit in Stil und Feier, die von einer Person abhängig sind, nicht ertragen.

Es ist also umgekehrt ein dringendes Desiderat, Christen vor Ort eine Liturgiemündigkeit zu ermöglichen. Warum findet so wenig liturgische Bildung vor Ort statt? Ein Schelm, wer böses denkt.

In die Zukunft gedacht

Immer dann, wenn ein Pfarrteam mehrere Pfarreien übernimmt, kommt es zum Schwur. Eine neue Messordnung muss her… Und dann passiert es. Die neuen Messordnungen, die oft in komplexen Abstimmungen erarbeitet werden, gleichen überkomplexen Rätseln: wo und wann und mit wem? Oder sie werden nicht abgestimmt, sondern vom Team vorgelegt. Und mit einigen Mühen wird man verhindern, dass man ständig neu vor verschlossenen Kirchentüren steht, weil man was verwechselt hat.

Viele Fragen stellen sich. Die Messordnungen haben immer noch den Geschmack der Notordnungen: wie können alle gleich schlecht versorgt werden. Ist das die Zukunft? Fragen stellen sich auch für die feiernden Priester und die feiernden Gemeinden. Sie geraten in die Messhatz, so dass in der Tat vom „Einfliegen“ geredet werden kann. Das wird absurd, wenn „Quelle und Höhepunkt“ als Stress gefeiert werden – und das, was gefeiert wird, nicht mehr erfahrbar werden kann: die Communio, die in der Feier gestiftet wird und Communio konstituiert.

Hier möchte ich nicht die fundamentalen Fragen stellen – auch das wäre wichtig. Aber zu fragen ist schon, ob nicht auch hier ein zu enges Verständnis von Liturgie, Kirche und Gemeinde existiert. Heißt „sakramentale Versorgung“ mehr als das Vorhandensein von Priestern am Sonntag zwischen 8-11.30? Und werden dann notwendige Wortgottesfeiern abgewertet als vorübergehende Notsituation, die sie nicht sein werden?

Die Gefahr ist auch hier: weil wir die Vergangenheit in einer veränderten Situation noch irgendwie retten wollen, wird es auch hier absurd. Es gilt doch, dass die Eucharistiefeier in Zukunft wirklich Quelle und Höhepunkt der kleiner werdenden Gemeinden sein wird – aber wenn das so ist, dann wären Erfahrungen der Missionsgebiete oder in anderen Kontinenten ernst zu nehmen: dass nämlich die Eucharistie und ihre Erfahrung nicht zwischen 10-11 stattfindet, sondern in einer Erfahrung der Gemeinschaft des Glaubens, bei der die Präsenz, die Begegnung, das Teilen, das Essen, das Austauschen über wichtige Fragen eine zentrale Bedeutung für das Selbstverständnis der Kirche haben. Ja, wir brauchen eine neue Sonntagskultur, und die fängt da an, wo wir verwirrende Liturgiepläne eintauschen gegen die Frage, was es uns wert ist, als Gemeinschaft des Glaubens sakramental konstituiert zu werden.

Wer in Deutschland in muttersprachlichen Gemeinden mitfeiert, kann das schon erleben. Ohne Fest, Feier, Kommunion, Essenteilen – wie soll Gemeinde sich erfahren als geschenkte Gemeinschaft. Auch hier braucht es mutige Schritte einer eucharistischen Weiterbildung, die dann auch ermöglichen, dass die Erfahrung der Gemeinschaft auch am Sonntag in kleinen Gemeinden möglich wird – in neuen Formen der Wortliturgien und anderen Weisen der eucharistischen Verbindung wie in anderen Teilen dieser Welt, wo diese Kultur längst gewachsen ist.

Und warum denken wir hier nicht mutiger weiter?

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