Ich bin ziemlich sicher, dass der Film „Kirche ohne Priester“ sehr exakt und ohne Polemik die Seelenlage der Ratlosigkeit, Traurigkeit, Aggressivität und Depression spiegelt, die in vielen Christen, in Bischöfen, Rätevertretern und Journalisten lebt. Sie spiegelt auch ein Kirchenbild klerikaler (oder professioneller) Versorgungskirche, von der sich viele – mit Recht – heute absetzen und es doch zugleich fortsetzen wollen, weil es das einzige ist, was sie im Herzen unverlierbar eingeprägt bekommen haben

Was für viele vielleicht eine routinierte und gelungene Beschreibung kirchlicher Abbrüche und Ungeheuerlichkeiten ist, wirft aber zugleich auch viele Fragen auf, die für die Zukunft wichtig werden könnten. Denn auf dem ersten Blick wird schnell deutlich, dass Kirchenkritiker, Weiberaufständler*innen und Zdkler, aber auch Bischöfe mehr eint, als sie trennt.

Mehr als Strukturen?

Zum einen gibt es eine Strukturfixierung, die den Eindruck erweckt, dass die Zusammenlegung von Pfarreien, die weniger werdenden Priester und die (im Film allesamt älteren) Gemeindechristen ein schwieriges Schicksal droht: die einen, weil sie konstitutiv überlastet sind – die anderen, weil ihnen lokale Identität genommen wird.

Ja. Genau. Hier liegt die erste Herausforderung und Provokation: ist Kirche ein gegebenes Strukturensemble der Gemeinde, das aufgelöst werden kann? Können Gemeinden per Verwaltungsbeschluss von oben aufgehoben werden? Sollen Priester in Zukunft statt für 2500 Katholiken nun für 100.000 Katholiken dasselbe tun?  Sollen jetzt Ehrenamtliche das tun, was vorher Hauptberufliche tun? Sollte das ein Zukunftsplan sein? Wer sich ernsthaft mit diesen Fragen beschäftigt, muss auf alle diese Fragen mit „Nein“ antworten. Aber diese Fragen werden in der Regel – und auch in diesem Film – nur im Rahmen des bisherigen Gemeindekirchenbildes gestellt. Und dann wird es absurd.

Und das schwierige: nicht einmal die Bischöfe können in einfachen Worten sagen, dass sie das nicht intendieren… und in den Gemeinden fühlen sich viele nicht ernstgenommen: wie immer. Und manche Verwaltungen meinen tatsächlich, dass sie solche Prozesse in kurzer Zeit – zehn Jahre wären kurz – durchführen könnten. Vor allem aber: dieselben Bilder.

Und aus dem Blick gerät: Kirche ist schon lange nicht mehr vor allem Gemeinde, sondern ein liquides Feld verschiedener Ausdrucksformen des Kircheseins: weder die Caritas, noch die Schule, noch die vielen Orte, an denen Kirche aus der Sendungskraft vieler lebt und sich erneuert, geraten nur ansatzhaft in den Blick – und auch nicht neue und andere Ausdrucksformen von Kirche, in denen es selbstverständlich ist, dass die Christen vor Ort Leitung wahrnehmen.

Aus dem Blick gerät auch, dass es bei all dem auch andere Erfahrungen der Neugestaltung gibt. Wer Gemeindeleitung durch Christen vor Ort nicht unterscheidet von der Leitung einer Pfarrei, der übersieht, dass inzwischen in mehr als 13 Diözesen Deutschlands diese Praxis ins Lebens gebracht wird. Dann aber müsste man doch tatsächlich neu denken, was Pfarrei und Gemeinde heißt… und auch hier fehlt es an echter Theologie.

Es geht… um Macht

Zum anderen scheint es im Kontext der Amtsfrage vor allem um Macht zu gehen: Das Amt hat Macht, und es ist Männern vorbehalten. Priestermänner halt, und es ist nicht einsehbar, warum dann Frauen nicht ebensolche Macht haben müßten.

Ja. Genau. Das stimmt zweifellos. Aber nur in diesem Rahmen einer soziologischen und eventuell auch philosophisch verbrämten oder sogar sogar theologisch überzuckerten Sichtweise. Und so eng diese Betrachtung ist, und so wenig sie etwas über den hierarchischen Dienst aussagt, so schrecklich ist doch andererseits, dass manche Hierarchen der Kirche sich auch in diesem Film so darstellen lassen – und noch viel schlimmer: dass diese Über-macht heute so erlebt werden kann und nicht zu wenig erlebt wird, allerdings nicht nur von Priestermännern, sondern überall dort, wo Ämter und Dienste von Hauptamtlichen wie auch ehrenamtlichen Verantwortungsträgern in Anspruch genommen werden.

Das macht jede Diskussion zum Thema schwach. Denn der Machtdiskurs misst sich hier nicht am Evangelium, sondern an einem Kirchenbild und einer Kirchenerfahrung, die jeder theologischen Überlegung nicht standhält. Die theologisch dünne Rede von der Letztverantwortung verwandelt jeden Dienst in Macht. Verwandlung der Macht in Dienst darf aber nicht nur ein ideologisches Rechtfertigungsthema werden, sondern will erfahrbar sein. Umgekehrt lebt die derzeitige Pastoralkonstellation aus unerträglichen Machtgefällen – hier aber liegt kein hinreichender Grund für die Veränderung von Zulassungsbedingungen. Schlicht: auf dieser Grundlage kann man gar nicht Kirche sein.

Die Weihe von Frauen und Verheirateten jenseits des bisherigen Paradigmas, die Weihe von lokalen Presbyterien, wie Fritz Lobinger, einer der Pioniere der basiskirchlichen Bewegung sie vorschlägt, will weiter ausgelotet werden – und halte ich durchaus für denkbar und klug. Aber all das setzt auf ein erneuertes Verständnis von Kirche, auf Prozesse der Selbstorganisation und Mündigkeit, die im Kontext des volkskirchlichen wie theologischen Mainstreams noch nicht einmal ansatzhaft bedacht sind.

Zukunft der Priester

Wie unkritisch über Priesterausbildung und dem „Import“ (!) ausländischer Priester gesprochen wird, das ist unerträglich. Sollen sich junge Männer in einer sterbenden Kirche verdingen? Kann man Inder und Afrikaner als letzte Rettung der Gemeindekirche verwenden? Auch hier geht es, geheim oder nicht – um dasselbe Kirchenbild.

Das gilt auch noch dann, wenn man die Frage der Amazonassynode auf „viri probati“ reduziert. Denn es ist leicht zu übersehen: die Wirklichkeit der Kirchen in Lateinamerika, in Asien und Afrika ist geprägt durch pastorale Entwicklungsprozesse,  die die Mündigkeit und Leitung durch Teams gemeinsam verantwortlicher Christen ermöglichten, und dort eine Kultur des Kircheseins ausgebildet haben, die von dem gemeinsamen Engagement der Christen vor Ort lebt. Es gilt eben: wo eine solche Kultur einer Kirche der Teilhabe entfaltet wird, dort lebt Kirche nicht da, wo ein Priester ist, sondern wo Menschen aus der Kraft des Glaubens Kirche gestalten. Und wo diese Kultur seit Jahrzehnten eingeübt wird, wird die Frage nach der Weihe anders gestellt als bei uns.

Es schmerzt

Und ja, es schmerzt. Ein doppelter Schmerz. Auf der einen Seite wird deutlich, dass mit hoher Sensibilität ein Film wiedergibt, was Mainstream-Katholizismus heute sieht:  und dann ist alles halbwegs stimmig, und provoziert nicht im mindesten. Der Film „Kirche ohne Priester“ wiederholt dann eine Endlosschleife, die verdächtig eintönig ist. Zustimmung ist gewiß – aber in die Zukunft weist das leider nicht.
Und auf der anderen Schmerzseite: wieso eigentlich gelingt es nicht, in den vergangenen Jahren – den schon begonnenen Zukunftsweg an vielen Orten sichtbar zu machen? Der lange Schatten der Vergangenheit verdunkelt, dass wir als Kirche viel weiter gekommen sind. Und diese Unsichtbarkeit ist es, die eigentlich schmerzt.

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