1. Leidenschaftlich Kirchesein beginnt mit einer ungeheuren Leidenschaft. Paulus ist der Leidenschaftliche, der sich auf den Weg gemacht hat. Überallhin, durch ganz Europa führt sein Weg: Kleinasien, Athen, Korinth, Rom… mit der Perspektive nach Spanien. Vor allem aber ist er in den Spuren Gottes, in der Spur Jesus. Denn der ist Mensch geworden, hat sich selbst entäußert (Phil 2), hat sich verloren, sein Gottsein, damit er vom Menschen her das Evangelium verkünden kann.

    Und so schreibt er dann ja auch den Korinthern. Er möchte allen alles werden, damit er wenigstens einige gewinnt, rettet, wie er schreibt. Das klingt ein wenig aktivistisch, aber es geht um etwas wesentliches: es geht ihm darum, möglichst allen jene Erfahrung zu ermöglichen, jene Begegnung mit Christus zu ermöglichen, die zugleich immer auch Kirche ist: die Verbundenheit mit Christus nämlich stellt mich in eine Gemeinschaft mit Schwestern und Brüdern. Also: Paulus möchte Menschen gewinnen für die Erfahrung radikalen Geliebtseins, aber eben auch für die Erfahrung, was es denn bedeutet, in diesem Geliebtsein den Nächsten zu entdecken, wie er noch nie entdeckt wurde: als Mit-Geliebten. Paulus drückt diese radikale Wirklichkeit im Galaterbrief aus: Es gibt nicht mehr Griechen, noch Juden, Sklaven und Freie, Mann und Frau – ihr seid alle einer in Christus Jesus (Gal 3,28). Im Korintherbrief beschreibt er die Erfahrung des Einen Leibes, des Leibes Christi, zu dem jeder gehört – und im Epheserbrief schreibt der Autor davon, dass in dieser Wirklichkeit wir alle „Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen“ (so Eph 4, alte Einheitsübersetzung).

 

Fragen

  1. Wer eine solche Leidenschaft für die Erfahrung unbedingten Geliebtseins sieht, wer ein solches Bild von werdender Kirche vor Augen hat, dem wird manches zur Frage:

    Wir haben verschiedene Sprachspiele, die im Kontext der heutigen Diskussion irritierend sind und die mit dieser Leidenschaft nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Und gleichzeitig besteht Verwechselungsgefahr. Manche sagen, dass die Kirche in Zukunft nicht mehr flächendeckend präsent sein kann. Und andere sprechen von XXL-Pfarreien, die die Menschen von der Kirche entfernen. Ich verstehe diese Rede nicht, denn sie verwechselt die Ebenen. Sie vertauscht die strukturelle Dienstebene mit dem Leben des Leibes. Es geht bei Strukturveränderungen um diese Dienstebene, nicht aber um das Leben der Kirche.

    Ein Beispiel, das mich sehr beeindruckt hat, mag das illustrieren. In einer anglikanischen Kirchengemeinde blieben nur noch wenige alte Frauen übrig, und der Pfarrer hat deutlich gemacht, dass hier nicht mehr ein normales und gewohntes Gemeindeleben stattfinden wird. Aber: er ermutigte sie zum Gebet für den Ort, an dem sie lebe, und zur Gemeinschaft. Die Frauen taten das und ihnen fiel auf, dass in ihrem Ort viele junge Familien waren, und viele Eltern berufstätig. Sie fingen an, die Kirche zu einem Ort für Familien zu machen. Und siehe da: bald füllte sich die Kirche mit Menschen, Kindern und Eltern, und es kamen eine Menge neue Ideen von Seiten der Eltern, wie dieser wunderbare Raum zu gestalten wäre. Sie waren nicht Konsumenten, sondern Mitschöpfer dieser neuen „Gemeinde“, die da entstand.

    Das ist spannend: denn hier wurden die Gaben und Charismen geweckt und jenseits einer Versorgungskirche entstand hier, mit Blick auf das, was die Leute vor Ort brauchten, eine sich selbst organisierende Gemeinschaft, die Platz für viele Akteure bot.

    Dasselbe Bild findet sich in Flüchtlingsinitiativen. In Hildesheim ist eine entstanden, in der viele Christen, aber auch viele Flüchtlinge sich mit ihren Ideen einsetzen – und so eine Gemeinschaft entsteht, die wirklich Zeugnis einer Leidenschaft für Menschen ist. Und weitere Beispiele ließen sich leicht nennen: die evangelischen Christen, die in Köln eine Ladenkirche gründen (Motoki-Kollektiv), oder auch die Gemeinde e/motion in Essen, die im Umkreis von Christina Brudereck entstanden ist. Überall dasselbe Bild: Leidenschaft für Menschen wird Kirche. Und das ist ein wichtiger Hinweis: es braucht diese Leidenschaft, damit Neues entsteht; es braucht Leidenschaft der Liebe zu Menschen, damit Kirche wächst. Und klar wird damit auch: diese charismatische Dimension der Kirchwerdung unterscheidet sich von einer rein strukturellen und institutionellen Perspektive.

    Natürlich geht beides zusammen: Man denke nur an die Transformation der Pfarrei St. Ursula in Oberursel, aber auch dort war klar. Eine Restrukturierung greift zu kurz: nur in der Leidenschaft für den Menschen, so wie er ist, mit seinen Bedarfen und Nöten, geschieht neues.

    Damit wird klar: wir müssen noch einmal neu auf das Binom Sammlung und Sendung schauen. Zu oft denken wir daran, dass wir „sammeln“, indem wir Menschen in unsere Gemeinschaften hineinholen wollen: wir wollen sie abholen, und fragen uns, wie wir sie kriegen. Aber auch das ist eine Verwechslung, denn: wir sammeln nicht – es geht nämlich gar nicht zuerst um die Kirche, es geht um den leidenschaftlichen Eifer des Herrn, der sammeln will. Und er tut dies durch Menschen, die an dieser Leidenschaft Anteil nehmen, seine Sendung leben.

  2. Noch einmal: Wir sind nicht Kirche oder eine Institution, die dann noch eine Sendung hat, sondern es gilt: weil wir uns senden lassen, und dort, wo dies geschieht, dort sammelt Gott auch Menschen – das ist die Verheißung, von der Paulus spricht. Dann geht es also darum, sich – wie Bonhoeffer sagt – in den Weg Jesu hineinreißen zu lassen. Er formuliert: „Das ist metanoia, nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sondern sich in den Weg Jesu mithineinreißen lassen, in das messianische Ereignis…“. Ja, denn das befreit von Selbstreferenzialität. Und genau das ist ja das Risiko. Es ist das Risiko, sich selbst bewahren zu wollen. Das drückt sich dann aus in der Frage, welche Angebote wir noch machen können, sich die Frage zu stellen, warum sie nicht kommen oder bleiben. Hier gilt das Evangelium: wer sein Leben retten will, der wird es verlieren.

    Diese „Wende“ fordert auch Bonhoeffer ein: Er spricht davon, dass dass „alles Reden, Beten und Tun“ in der Kirche neugeboren werden muss. Es  geht eben nicht um die Kirche als Ziel, es geht um die Leidenschaft der Sendung, aus der Kirche – in unterschiedlichsten Formen ! – wachsen wird, erfahrbar wird, und so das Reich Gottes als Vorgeschmack erfahrbar.

Leidenschaft überall

  1. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“. Vor der Renovierung des Doms von Hildesheim stand dieses bekannte Gebetswort über dem Bogen, der in den Altarbereich führt. Alle konnten es sehen. In dieser wunderbaren romanischen Kirche wird deutlich, dass die Kirche und die Perspektive ihrer Erneuerung gar nicht das Ziel der Wege Gottes ist. Es geht um viel mehr: es geht um die Erde, die Gesellschaft, den Kosmos. Und das bedeutet ja dann auch, dass der leidenschaftliche Gott überall mit seinem Geist wirkt, Menschen ergreift. Und das ist es, was wir ja auch überall erkennen können: wie Leidenschaft etwa Menschen bewegt hat zur Gründung der Hospizbewegung. Oder ich denke an Uwe Lübbermann. Er ist zum Unternehmer aus Ärger geworden. Aus Ärger über einen Colaproduzenten, der einfach das Rezept der Cola änderte. Lübbermann ärgerte es, dass er als Kunde nicht gefragt worden war – und er gründete ein eigenes Unternehmen, das Cola – „Premium Cola“ – produziert. Aber er macht alles anders. Für ihn sind alle Beteiligten auch Mitwirkende. Und sein Unternehmen ist – so sagt er – keine Organisation, sondern ein Organismus, der aus radikaler Beteiligung aller, vom Kunden bis zum Zulieferer, lebt, und so werden hier alle Entscheidungen des Unternehmens in radikaler Gleichwürdigkeit getroffen, in Gesprächen, im Konsensverfahren. Und das funktioniert – das Unternehmen wächst. Als ich von dieser Erfahrung hörte, habe ich mir gedacht: wahnsinn, was hier geschieht, denn das, was Lübbermann tut, das ist doch das, was wir als „Kirche der Beteiligung“ voranbringen wollen – aber so habe ich es noch nie erlebt, so radikal. Lernen von Lübbermann!

    Und so ähnlich die Ärztin Mechthild Reinhards. Sie gründet eine Klinik – die Systelios-Klinik -, und organisiert sie als Leib selbständiger und sich selbstorganisierender Einheiten, die um ein „Feuer“, eine gemeinsame Sendung kreisen, und die aus dem Vertrauen lebt, dass alle Beteiligten sich von diesem Feuer bewegen lassen.

    Das erinnert mich an Papst Franziskus, der in Evangelii Gaudium davon spricht, dass wir nicht Gott in die Städte bringen müssen, weil er schon da ist. Es gilt ihn zu entdecken. Damit wird aber auch etwas anderes deutlich, was schon im Konzil, in der Pastoralkonstitution Gaudium et spes formuliert worden ist: Wir selbst, wir Christen, haben zu lernen vom Geist dieser Zeit: „Es ist jedoch Aufgabe des ganzen Gottesvolkes, vor allem auch der Seelsorger und Theologen, unter dem Beistand des Heiligen Geistes auf die verschiedenen Sprachen unserer Zeit zu hören, sie zu unterscheiden, zu deuten und im Licht des Gotteswortes zu beurteilen, damit die geoffenbarte Wahrheit immer tiefer erfaßt, besser verstanden und passender verkündet werden kann.“ (GS 44

  2. Das ist spannend. Wir können das Evangelium heute nur dann richtig verstehen, wenn wir es neu lernen von dem, was der Geist in dieser Welt hervorbringt, wirkt, ins Leben entläßt. Und damit stellt sich eine doppelte Herausforderung: auf der einen Seite geht es darum, sich – wie Paulus und Jesus – zu riskieren, sich zu entleeren von den eigenen Gotteserfahrungen, den eigenen Traditionen, und sich senden zu lassen – aus einer geerdeten leidenschaftlichen Liebe. Und auf der anderen Seite gilt es demütig und selbstbewußt zugelich zu lernen, damit wir heute die Botschaft verkünden können.

    Wem fällt da nicht das berühmte Wort von Klaus Hemmerle ein: „Lass mich dich lernen, dein Denken und Sprechen, dein Fühlen und Reden, damit ich daran die Botschaft neu lernen kann, die ich dir auszurichten habe“, so ungefähr sagt er es im Blick auf die Jugend – aber das gilt im Blick auf alle gesellschaftliche Zeitgenossenschaft.

Kirche neu denken

  1. Was folgt daraus? Wenn wir Kirche aus dieser Perspektive neu sehen wollen, wenn es uns vor allem um die Leidenschaft für das Reich geht, und wir demütig lernend das Evangelium neu ins Leben bringen und so wir selbst sind. Dann zeigt sich Kirche neu. Ich bin kein Futurologe, aber ich kann vielleicht den Frühling erkennen, das langsamer Aufbrechen einer neuen Gestalt. Darum geht es nämlich: natürlich können wir auch das Sterben des Herbstes anschauen, und die Trauer und Depression des Winters pflegen, aber eigentlich ist unsere Aufgabe die, der Verheißung des Frühlings zu trauen, einem Gott also, dessen Eigenschaft es ist, immer neu Neues aufbrechen zu lassen.

    Was dürfen wir also sehen? Zum einen wird immer mehr deutlich, dass Kirche dort ist, wo die Gegenwart des Herrn erfahrbar wird: „wo zwei oder drei in seiner Sendung sich sammeln…“, das ist Kirche, an ungeahnten Orten. Es gibt keinen ort, der sich besser oder schlechter eignet.
    Aber das bedeutet – in unseren Kontexten – auch gleichzeitig, dass Kirche der Zukunft ökumenisch ist. Es geht nicht darum, die eigene Konfession aufzugeben, sondern die Bereicherung und das Zusammengehören in der Sendung zu sehen. Das geschieht in der nächsten Generation gewissermaßen selbstverständlich, und fordert dazu heraus, dieses Gefüge der Konfessionalität neu zu denken. Dazu braucht es keine große Fantasie, es ist schon so. Aber um sich wichtiger ist dann die innere Substanz, die Christusförmigkeit der eigenen Tradition will ans Licht kommen – denn das ist gesucht.
    Und schließlich geht es darum, katholisch zu werden. Die Spannungen und Polarisierungen innerhalbt der eigenen Kirche fordern dazu heraus. Ich habe das von einem Anglikaner gelernt, der mir eine formidable Lektion in Sachen Katholizität gegeben hat. Es war in London. Ich wollte die Alphakurs-Gemeinde, Holy Trinity Brompton besuchen. Aber vorher ging ich in die Messe – nebenan ist das Brompton oratory, in dem John Henry Newman wirkte. Wie gut, dass sie nebeneinander liegen, dachte ich. Doch dann war ich irritiert. Die Messe, wie sie dort gefeiert wurde, kannte ich nicht. Was war da los? Ich erfuhr, dass es eine tridentinische Messe war. Schon begann ich mich ein wenig zu ärgern, aber gut. Ich ging dann zum worship-Gottesdienst der anglikanischen Gemeinde. Am Ende fragte ich Nick Gumble, den Pastor der Anglikaner dort: „Wie siehst du denn deine Nachbarn hinter dem Zaun?“ Er lächelte mich groß an: „We love them!“, antwortete er. „Wie denn das, die sind doch völlig anders als ihr?“, entfuhr es mir verwirrt. „Ja, sagte er, aber jeder von uns macht seinen Teil. Wir gehören alle zum Leib Christi… Und wenn unsere Kirche zu klein ist, dann leihen die uns ihre – nice guys“. Ich war geplättet – aber: so ist es. Und wir werden in Zukunft von dieser Wirklichkeit der Vielfalt her die Einheit des einen Leibes neu sehen lernen.

Hausaufgaben

  1. Es bleibt noch eine offene Frage: Am Anfang meines Nachdenkens sprachen wir davon, dass die strukturelle und institutionelle Komponente eine neue Bedeutung bekommen muss. Welche Rolle spielen sie in einem Setting wie diesem? Welche Rolle spielen Bischöfe, Generalvikariate, Priester und Hauptberufliche? Der Papst, wieder in Evangelii Gaudium, formuliert deutlich: „Die Laien sind schlicht die rieseige Mehrheit des Gottesvolkes. In ihrem Dienst steht eine Minderheit – die geweihten Amtsträger“ (EG 102). Eigentlich ist also alles ganz einfach: es geht um einen Dienst, um den sakramentalen Dienst. Er besteht darin, dass Christus, dass sein Geist ins Spiel kommen kann und die Getauften nährt. Denn das bleibt entscheidend: dass Christus die Menschen erfüllen kann, dass sie wachsen können in seiner Gegenwart, nachfolgen können, dass das Wort sie nährt, Christus sie verwandeln kann, und dann sie sehen lernen, wie Gott heute in seiner Herrlichkeit da ist, wie das Tagesgebet am 2. Fastensonntag formuliert. Das ist wirklich eine Leitungsaufgabe, die orientiert auf Christus hin, und ermöglicht, dass alle in gleicher Würde die Zukufnt gestalten.
  2. Die Felder sind reif zur Ernte, sagt Jesus den verdutzten Jüngern nach der Begegnung mit der Samaritanerin. Es geht auch und wesentlich darum, dass die, die in der Kirche Verantwortung tragen, selbst genährt werden, und so die Frühlingssicht des Aufbruchs tragen. Und dass wir wissen um die Paschdimension der Kirche: dass nämlich dieser Frühling dort anbricht, wo etwas stirbt. Und schließlich geht es darum, dass alle in die Leidenschaft der Sendung hineingenommen werden.

 

 

 

 

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