Ich kenne WillowCreek seit 2002. Damals und dort in Oberhausen durfte ich zum ersten Mal staunen: über die Professionalität und geistliche Tiefe, über die Themen, über das gemeinsame Anliegen – und schon damals: über die gemeinsame Christlichkeit. Immerhin sind dort Vertreter so vieler Freikirchen, der Landeskirchen und – ja – auch einige der katholischen Kirche.

Nie hätte ich gedacht, dass ich selbst eingeladen würde, bei einem solchen Kongress zu sprechen. Aber nun bin ich beschenkt und eingeladen – über die Zukunft der Kirche soll ich sprechen. Und ich genieße diesen Kongress.

Im vergangenen Jahrzehnt war ich seltener bei diesen Treffen, und es hat sich einiges weiter entwickelt. Ich empfinde ein echtes Bemühen, eine Plattform für Leitende aus allen Konfessionen und Denominationen zu werden. Diese weite Ökumene ist beeindruckend. Beeindruckend ist der Versuch, eine große Breite an Referentinnen ins Spiel zu bringen – aus verschiedenen Bereichen.

Und dann: die Zukunft der Kirche – darüber zu erzählen, das war der Auftrag an mich. Aber eigentlich erzählte ich diese Zukunft im Angesicht der Zukunft. Denn alle sieben Aspekte meines kleinen Impulses sind wie im Spiegel beim Kongress in Dortmund zu finden.

  1. Sehen lernen

Denn genau darum geht es, wenn ich über die Zukunft der Kirche erzähle. Ich erzähle einen Traum, eine Vision nicht etwa, weil ich über besondere Gaben verfügen würde, die Zukunft vorherzusehen – es ist anders: man kann sie hervorsehen, wenn ich mich einlasse auf die Wirklichkeit Gottes im heute. „Schaut nicht mehr auf das, was längst vergangen ist, auf das, was früher war, sollt ihr nicht achten… Seht, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf, merkt ihr es nicht.

Das ist eine Herausforderung. Weil wir alle geprägt sind, mit Mustern wahrnehmen, und eine Vorliebe für die Vergangenheit haben. So wird dann aus unserem Hinschauen immer ein wertender Vergleich: weil die Wirklichkeit nicht mehr passt mit der Vergangenheit. Und auch nie mehr so wird. Und umgekehrt gilt: wenn ich mit den Augen des Liebenden schaue, mit Augen, die sich erfüllen lassen von dem, was mir begegnet, dann begegne ich manchem Fremden, manchem Neuen – aber ich begegne auch jenem Gott, der auch heute, wie zu allen Zeiten, mit seinem Geist Menschen erfüllt und Neues schafft.

  1. Kirche neu entdecken

Meine Erfahrung mit der Kirche ist ganz einfach. Es geht nicht um Institution, es geht nicht um Struktur, es geht nicht um Konfession, es geht um Christus, der Menschen verbindet. Es geht um eine Gegenwart, die erfahrbar und spürbar uns mit einer Kraft, mit einer Liebe zusammenbringt, die Gott selbst ist, und uns mit seinem leidenschaftlichen Geist verknüpft. Deswegen fällt es auch so einfach, auf diesen Kongressen zu sein: denn hier ist eben dieser Christus, der mitten unter den Seinen ist. Der Christus von Emmaus, der Christus, der sendet, der Christus, der eint. Und das merke ich, als Jörg Ahlbrecht mit mir betet, bevor ich rede, das merke ich in den verschiedenen Begegnungen mit Technikern und Engagierten. Danke für diese lebendige Erfahrung des Glaubens.

  1. Christ werden mit Leidenschaft

Zukunft der Kirche lebt aus der Leidenschaft, aus der leidenschaftlichen Liebe Gottes, die uns zu leidenschaftlich Liebenden verwandelt. Aber nicht als Endprodukt, sondern als Weggestalt. Ja, denn es nicht selbstverständlich, Christ zu sein – selbstverständlich ist nur das Christwerden. Und dann gibt es hier keine „Normen“, sondern Wachstumshorizonte. Das scheint mir wichtig. Es ist heute einfach so, dass Menschen anfangen, sich auf Christus einzulassen. Und der Weg zur Mündigkeit will begleitet werden.

Und genau darin besteht ja die Idee des Kongresses: es geht darum Menschen entdecken zu lassen, welche Gaben sie haben, wie sie weiterwachsen können im Glauben und damit auch in ihren Gaben, in ihrer Einzigartigkeit zum Nutzen aller. Denn das ist allüberall zu beobachten: Menschen, die sich einbringen, Menschen, die Hunger nach mehr haben – auf ihrem Weg.

  1. Von der Sammlung zur Sendung

Immer denken wir schnell: Kirche ist eine Sammlungsbewegung – aber wir deuten es einseitig: wir sammeln ein. Wir laden ein – aber oft kommen die Leute nicht. Ich glaube, wir haben uns vertan: ist es nicht Gott, der sammelt? Er sucht uns, lässt sich ein auf die Menschen aller Zeiten und fügt sie zusammen. Und deswegen: Er sammelt, wenn wir uns senden lassen von ihm, wenn wir uns einlassen auf die Kulturen und Sprachen unserer Zeit. Das englische Reden von der „mission shaped church“ hat mich immer bewegt: nicht eine Kirche hat eine Aufgabe, sondern die Sendung, die Leidenschaft für die Menschen führt dazu, dass Gott Menschen sammelt…

Und ja, Sammlung zur Kirche ist immer eine Überraschung. Und es berührt sehr, wenn beim Kongress von dem „Global leadership summit“ erzählt wird: von der immer größer werdenden Bewegung von Christen und nicht nur, die sich sammeln, weil die Leidenschaft von Christen sie berührt.

  1. Von der Konfession zum Ursprung

Nein, ich mag Kirche nicht mehr konfessionell denken. Kirche der Zukunft wird wesentlich ökumenisch sein. Das kann man sehen, überall. Und das ist gut so. Aber nein, damit leiten wir nicht den Untergang des katholischen Abendlandes ein, und auch nicht das Dahinschwinden so wertvoller Traditionen, die ich liebe. Aber die Konfessionen verlieren ihre trennende Bedeutung, und gewinnen ihre Bedeutung als Gemeinschaften, die Traditionen neu ins Licht rücken. Denn ja, es geht immer um den Ursprung, es geht immer um die Begegnung mit Christus, aber diese Begegnung wird Gegenwart nie in abstrakter Weise, sondern im Kontext von Traditionen und Gemeinschaft. Also werden diese Traditionen neu wichtig, sie muss man neu in die Gegenwart bringen und sie zum Ausdruck des Lebens zu machen, durch das Christus scheint. Es geht nicht darum, alles gleich zu machen und zu nivellieren, sondern als vielfältiges Geschenk an den je Anderen zu profilieren.

Insofern ist der Willowkongress eine Zukunftsansage: Christen aller Konfessionen und Denominationen lernen zusammen, mit Respekt. Nicht allen fällt das einfach: darf man Katholiken trauen – darf man? Muss man polarisierend dem Anderen den wahren Glauben, die rechte Gesinnung absprechen, sogar innerhalb seiner eigenen Konfession? Ich habe es bei Willow nie erlebt, und der Respekt vor dem Weg des Anderen verbindet ja zum gemeinsamen Handeln.

  1. Wandlung und Ostergeheimnis

Sich wandeln, Wandlung gehört zum Wesenszug des Christseins. Umkehr ist tiefgreifende und nicht nur äußerliche Erneuerung. Und deswegen sind wir Menschen der Wandlung, nicht nur im Gottesdienst. Es dürfte uns nicht verwundern, dass sich etwas verändert. Ja, und auch nicht, dass es stirbt. Denn die Wandlung, die wir leben, ist eingetaucht in das Geheimnis von Tod und Auferstehung. Und deswegen braucht es die Gelassenheit und Freiheit, Dinge sterben zu lassen, weil genau da das neue Leben beginnt.

Auch das gibt es ja in Willow, auch das zeigt sich mir immer wieder: in der Achtsamkeit auf die Wirklichkeit, in der Achtsamkeit auf das, was geht, und das, was misslingt, sich nicht entmutigen zu lassen, sondern den neuen Weg zu finden, der sich zeigt. Ich habe es erlebt!

  1. Vom Dienen

Kirche steht auf dem Kopf, sie lebt von der Erfahrung der Umkehr, des Wandels – und in diesen Wandel sind auch die einbezogen, die die Kirche leiten. Das gehört zusammen: Leitung und Dienst. Und wenn es Professionalität gibt, die Hierarchie erzeugt, wenn es Positionen gibt, die zu einem oben-unten führen, wenn es Versorgung gibt, die andere nicht mit einbezieht, dann wird die Kirche keine Zukunft haben – denn das Hauptwort für die, die Leitungsverantwortung haben, das ist Dienst: ein Dienst er Ermöglichung und Befähigung für das bunte Volk Gottes, mit seinen Gaben und Talenten.  Hierarchie meint nie oben und unten, sondern Dienst am Ursprung, an der Vergegenwärtigung des Geistes, der in allen wirken will. Das ist die eigentliche kritische Stelle der Kirche: wir sinds, die Verantwortlichen, denn durch uns kann die Erneuerung gestärkt werden – oder eben auch verhindert. Wenn Kontrolle über Vertrauen siegt, Herrschaft über Gleichwürdigkeit, dann kann sie nicht gelingen.

So entsteht eine Kirche auf dem Kopf… eine Kirche, in der es darum geht, dass alle ihre Gaben selbstbewußt einbringen, damit Christus erfahrbar werden kann in dieser Welt. Eine „Blumentopf-church“ (John Finney) und keine Hierarchiepyramide. Ein Traum von Kirche, in dem alles dazu dient, dass die Blumen des Evangeliums blühen…

Wie bei Willow in Dortmund…