Über das Phänomen der Kirchenerneuerung

Es ist spannend, die neuen Thesen zu lesen. Das Jahr 2018 scheint vielen ereignet, auf die notwendigste Reform der Kirche abzuzielen. Die Thesen – ob nun die von  „Christ in der Gegenwart“ oder von Eric Flügge oder auch das im Kontext der Mehr-Konferenz veröffentlichte Mission Manifest – sind ja alle interessant zu lesen. Sie wollen mehr oder weniger Wege in die Zukunft eröffnen, leben aber alle auch von einer bestimmten Fähigkeit zur Nichtwahrnehmung. Und vielleicht ist das in Zeiten einer postmodernen Milieuperspektive sogar konstitutiv.

  1. Denn ich frage mich etwa, ob die Initiatoren des Mission-Manifest die Entwicklungen hin zu einer missionarischen Kirche und ihrer Initiativen, wie sie seit dem Beginn des Jahrtausends in ökumenischer Verschiedenheit und Verbundenheit stattfinden, überhaupt wahrnehmen konnten? Die intensiven Versuche einer Adaption der „fresh expressions of church“ Initiativen, die ökumenische Bewegung „Kirche2“ oder die vielfachen Experimente mit Gemeindegründungen und evangelisierenden Initiativen sind sie einfach unsichtbar? Man denke dabei auch an die Kongresse der Willow Creek Association, wie demnächst in Dortmund, die einen hohen Einfluss auf viele Verantwortliche habe. Und wieso ist wohl unbekannt, was die Arbeitsgemeinschaft Missionarischer Dienste seit Jahren voranbringt?

    Das wird bestimmt kein böser Wille sein. Ich kann mir das nur so erklären: es gibt eine etwas reduzierte Wahrnehmung der katholischen wie der evangelischen Kirche, weil möglicherweise etwa das charismatisch-katholische Milieu des Gebetshauses unterschiedliche andere Strömungen nie wahrgenommen hat, und deswegen immer noch denken kann, die Institution der Kirche säße in ihren Vikariatsbunkern und dreht sich um sich selbst. Während die ekklesiale Apokalypse naht. So nett dieses Bild ist, so ungerecht und sogar falsch ist es.

    Es wäre heute der Moment, wahrzunehmen, dass es nicht nur den einen Weg gibt, dass katholisch wie evangelisch der Geist vielsprachig weht – und wir nicht weiterkommen, wenn wir Bilder voranbringen, die im „gut-schlecht“ oder „alt-neu“ Muster beschrieben werden können. Und es ist der Moment, katholischer zu werden: die Vielfalt und den Reichtum des Ganzen wahrzunehmen, seinen eigenen Beitrag zum Nutzen aller einzuspielen, Leib Christi zu sein.

  2. Wer die Thesen des Redaktionsteams von Christ in der Gegenwart liest und meditiert, dem wird die innere Schlüssigkeit der Thesen für das Milieu, für das sie geschrieben sind, auffallen. Ganz deutlich setzen diese Thesen einen vergangenen Normalzustand christlicher Existenz in Kirche, Gesellschaft und Gemeinde voraus, der aber unwiderruflich in einem tiefen Transformationsprozess steht – von der Moderne zur Postmoderne. Aber – mir will scheinen, dass hier noch ein wenig zu sehr die „Kirche“ der Ausgangspunkt alles Denkens ist: Und „Kirche“ ist hier nicht ganz präzise, sondern changiert zwischen den institutionellen und amtlichen Kulturen und den „Gemeinden“ in ihrer klassischen Gestalt – und im Gesamtgefüge kirchlichen Lebens in Deutschland, dass sich allerdings in den nächsten Jahren radikal transformieren wird.
    Spektakulär ist dabei schon der zweite Satz der Thesen: „Von den Worten der Kirche werden immer weniger Menschen angesprochen. Somit ist weniger Gott in der Welt.“ Das ist steil – und wird so nicht stimmen, es sei denn, Gott wäre in kirchliche Sprachgewohnheiten einsperrbar. Dabei stimme ich solchen und ähnlichen Thesen durchaus zu, wenn es um die Frage geht, wie wir den Glauben heute sagen können. Dennoch bleibt ein Unbehagen: gerade in den letzten Jahren wird deutlich, dass es nicht die „eine“ Sprache des Glaubens gibt. Schon gar nicht geht es darum, andere Worte hoffähig zu machen. Es geht, und das wird in den Thesen auch angedeutet, um tiefgreifenderes. Es geht um eine mystische Wende, eine Neuaneignung der Tradition, um einen neuen Zugang zum lebendigen Wort Gottes – die aber weit über die in diesen Thesen intendierten Versuche hinausgehen: es geht nicht um ein immer mühsameres Mehr an intellektueller Glaubensarbeit, wie etwa in These 2 gefordert: „Gleichzeitig müssen die Glaubenden bereit sein, sich auf mühsame Textarbeit einzulassen…“. Zuerst geht es um etwas anderes. Es geht um die Begegnung mit dem leidenschaftlich liebenden Gott, der nicht mühsam gesucht werden muss, weil er es ist, der den Menschen mühsam gesucht und gefunden und erlöst hat. Die Mühsamkeitenlehre überzeugt mich nicht, weil sie im Bewußtseinsparadigma hängen bleibt. Dann wird es darum gehen, Theologie und Inhalte des Glaubens neu aus der Erfahrung der Gegenwart Gottes zu beschreiben.

    Keine Frage, wir sind als Kirchen massiv selbstreferenziell. Die These über Glaubensverkündigung, kontextueller Liturgien, über Ökumene und auch Partizipation, die doch nun wirklich nicht alleine um das Amt kreisen sollten, thematisieren diese Thesen allerdings auch, ohne wahrzunehmen, dass es hier – an anderen Orten und auch in Gemeinden – schon eine Fülle von Beispielen gibt, und eine intensive Aufbruchsbewegung. Auch hier also ein Defizitblick. So sehr dies alles stimmt, so sehr ist sie von Erfahrungen geprägt, die viele andere Perspektiven ausblenden. Schade.

  3. Und Eric Flügge? Ich glaube, er hat recht, wenn er die letzten Jahrzehnte analysiert: Das Ergebnis ist eine pastorale Depression, die von Generation zu Generation vererbt wird. Man kann eh nichts machen, die Leute bleiben sowieso fort. Wenn man so denkt, dann stimmt das sogar. Die Leute bleiben fort. Nicht automatisch, sondern weil der innerkirchliche Dauerfrust sie treibt.“ Kirchliche Dauerapokalyptik ist auch mir zuwider und ein Zeichen des Unglaubens, noch mehr: ein Mangel an Wandlungslust, weil man denkt, nur eine bestimmte historische Epoche (die goldene Vergangenheit) sei „richtig“: volle Kirchen, christliche Werte, Einfluss auf die Politik, Weitergabe des Glaubens etc.

    Reizthema sind hier die Kirchen, die Immobilien, die in der Tat häufig – in vielen Diözesen – nicht mehr von Seiten der Bistümer erhalten werden können. Ich bin mit Flügge der Meinung, dass die charismatische Dimension kirchlichen Lebens gestärkt werden muss. Gründerinitiativen, Initiativen, die auf die Nöte der Gesellschaft hineinwirken, die Bildung ermöglichen und Gleichwürdigkeit hervorbringen, sind nachhaltiger zu fördern. Mir gefällt, dass er Kirche von der Erfahrung energiereicher sich bildender Gemeinschaften sieht. Und dann würde es ja nicht einfach darum gehen, dass die Kirche Kirchen oder Schulen schließt, sondern sich im Vertrauen auf die vielen Gaben und Kompetenzen aller Christgläubigen auf neue Wege einläßt (Man denke hier an die Hamburger Schulen… und die Initiativen, die dann aus der Leidenschaft der Betroffenen wachsen, wenn man sie einbezieht).

    Aber stimmt das wirklich? Dass wir als Kirche immer bürokratischer werden? Dass wir zu viele depressive Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben? Dass wir einfach mal Kirchen abreißen können? Da habe ich Zweifel. Worum es gehen muss: um die „Bekehrung“ zu einer Kirchenerfahrung, die aus den Energien der Getauften lebt und jede institutionelle Rolle auf einen Dienst am Werden der Erneuerung umschreibt. In diesem spannenden und schmerzhaften und unsicheren Prozess sind wir alle.

Es ist deshalb schwierig. Denn alle Beteiligten beobachten nicht diesen Wandel, sondern sind selbst in ihm. Es braucht Vertrauen, und es braucht die Bereitschaft, alte Kategorien zu lassen. Was ist schon konservativ, was ist liberal, wenn wir uns gegenseitig unterstützen auf unserem Weg, und einander unseren Glauben glauben? Innerkatholisch wie ökumenisch! In allen Thesen sind auch diese Vermutungen enthalten. Das ist schön. Aufbruch gelingt aber nur katholisch – mit allen diesen facettenreichen Überlegungen.
 

 

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