Zu kurzatmige Analysen unterstellen in apokalyptischer Weise einen Untergang der Kirche in Deutschland: dass die Gemeinden „alt“ und milieubegrenzt sind, dass sie selbstreferenziell die Sendung vergessen haben. Und so weiter.

Daraus werden Folgerungen gezogen: Manifeste werden veröffentlicht (Mission Manifest), die über Mission und Evangelisierung gern gehörte und bekannte Appelle wiederholen, und es wird radikal die Rede vom Neuen geübt, dem das Alte weichen muss. Gleichzeitig werden – wie etwa in den Thesen für die Leser des „Christ in der Gegenwart“ – Thesen nach vorne gebracht, hinter und unter denen häufig alte Bilder gemeindekirchlicher Milieuchristlichkeit mitlaufen, die es tendenziell in immer wenigen Köpfen gibt.

Die Wirklichkeit aber ist anders und weiter. Und offensichtlich fällt es schwer zu sehen, wie das Volk Gottes schon lange auf dem Weg zu einer gänzlich veränderten „Konfiguration“ unterwegs ist.

Ein neuer Blick auf Evangelisierung

Ist es wirklich so, dass es keine missionarische Sendungsorientierung in der deutschen Kirche gibt? So einfach ist es nicht! Es ist einfach oberflächlich und ungerecht, das Wirken vieler caritativen Einrichtungen, das Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer, die unglaublichen Chancen der evangelisierenden Volksfrömmigkeit (man denken an Sternsinger oder etwa St. Martin) oder die liturgischen Chancen der Sakramentenvorbereitung, der Kasualien und Segensfeiern nicht im Blick zu haben. Evangelisierung geschieht, und nicht wenig.

Zugleich liegt in den immer neuen Hinweisen auf die Notwendigkeit einer missionarischen Wende eine Herausforderung. Und die ist, ja, echt. Denn worum es gehen muss in den nächsten Jahren, ist ja eine Bemühung darum, dass die innere Identität des Evangeliums und seine Frohe Botschaft Leben der Mitarbeitenden werden kann, unter postmodernen Zeichen. Das ist spannend – aber es wäre vorher deutlicher zu klären, dass auch diese Neuentdeckung christlicher Identität den Wasserzeichen postmoderner Christwerdungsprozesse entspricht. Aber – soweit ich sehen kann – wächst allüberall das Bewußtsein für die anstehenden Begleitprozesse.

Allerdings: erst ganz am Anfang sind wir, neu zu erwägen, was eigentlich Nachfolge heißt, und wie ein lebensbegleitender Weg des Glaubenswachstum gehen kann… Und da läßt sich viel lernen von geistlichen Erneuerungsbewegungen, von Verbänden und – im ökumenischen Miteinander – von Freikirchen.

Die nicht kalkulierte Überraschung

In den vergangenen Wochen ist mir – in verschiedenen Begegnungen – noch eine ganz andere Perspektive deutlich geworden: seit Jahren steigt die Zahl der Katholiken, die aus anderen Ländern gekommen sind. Inzwischen sind das bundesweit 15%, und in Diözesen wie Hamburg und Berlin, wie auch in Hildesheim und in anderen Ballungszentren deutlich mehr als 30%. Und sie sind jung (und sind inzwischen auch ein signifikanter Faktor der Kirchensteuerzahlenden). Sie sind anders geprägt, häufig mit einer intensiven traditionsgeprägten christlichen Sozialisation – und einer intensiven Katechese.

In vergangenen Jahren wurde die muttersprachliche Seelsorge unter einer anderen Brille gesehen, und damit für eine pastorale Entwicklung unsichtbar. Versäulung macht unsichtbar. Und der Grundansatz war ein anderer: es ging um Integration, um einen Übergang: die anderen Muttersprachler sollten sich in die deutschen Pfarreien integrieren… Dann wäre die Mission der Missionen erfüllt.

Aber so kam es nicht. Einerseits wünschen sich Christen der vielen Nationen, die neu Kommenden wie die, die schon seit Jahrzehnten hier sind, Heimat, die sich oft nicht so leicht in den Gemeinden deutschgeprägter Kultur wiederfinden konnten. Andererseits gibt es in Deutschland eine umfassende katholische Migration, vor allem aber nicht nur aus dem polnischen Bereich. Und wer diese katholische Gemeinden kennen lernt, der ist erstaunt über die Jugendlichkeit des katholischen Glaubens, aber auch über die Lebendigkeit und die Tiefe des Glaubens.

Umdenken!

Das fordert zum Weiterdenken heraus. Es fordert dazu heraus, die Versäulungen und Unsichtbarkeit ganzer Bereiche der katholischen Kirche zu verlassen. Es fordert dazu heraus, Katholizität, Gemeinde, Pfarrei, Sendung und alle Grundwörter der Kirchenpraxis neu zu bedenken – und sich neu zu fragen, wie Partizipation, Gleichwürdigkeit, Kirchenentwicklung, größere pastorale Räume neu zu bedenken sind. Und müßte man nicht die Rede von den deutschsprachigen Pfarreien lassen?

Und damit es auch relevant ist: auch im Kontext der Finanzplanungen ist zu bedenken, dass in den nächsten Jahrzehnten die Zahl der katholischen Migranten weiter steigen wird – und damit der Kirchensteuereinnahmen (75% der Migranten sind gemeldet).

Aber: eigentlich ist das nichts neues. Denn Katholisch sein hieß schon immer: ein Volk aus vielen Völkern. Und: in der katholischen Kirche gibt es nicht katholische Gäste, Muttersprachler oder Fremde. Wir sind Kirche.

 

 

 

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