Für mich war es atemberaubend. In der vergangenen Woche haben wir – in verschiedenen Arbeitsgruppen haben wir zwei Schlüsseltexte gemeinsam gelesen. Und für mich waren diese beiden Texte eigentlich schon zu bekannt. Aber – vielleicht auch, weil ich in letzter Zeit intensiv über diesen „Klassiker“ von „Sammlung und Sendung“ nachdenken muss – öffneten sich die Texte noch einmal neu. Ergreifend und hilfreich für das Nachdenken einer Kirchenentwicklung, die sich von der Verkündigung des Evangeliums her versteht.

Es beginnt mit der Sendung…

Natürlich habe ich den Abschluss des Markusevangeliums schon oft gelesen. Aber heute höre ich nochmal anders hin:

In jener Zeit erschien Jesus den Elf und sprach zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung! Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden. Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16.15-18)

Beeindruckend ist vor allem der erste Aufschlag: die ganze Schöpfung soll vom Evangelium erfahren. Und die Aufgabe der Elf ist vor allem dieses Herausgehen zur Verkündigung. Damit aber wird eines deutlich: die Apostel stehen vor allem dafür, dass die Botschaft von der unbegrenzten und alles einschließenden Liebe bezeugt wird: durch sie als Personen, durch ihr Handeln, durch ihr Sein und ihr Wort. Denn in der Tat geht es nicht um einen Text, eine Lehre, sondern um die Raumbereitung: dafür, dass der Geist der Liebe alles durchdringen kann. Und dabei ist eine Zieldimension angegeben, die hier mehrfach angesprochen wird: es geht um „alle“ und alles. Im Hintergrund schwingt da natürlich der Römerbrief mit: kommt Verkündigung des Evangeliums an, dann zeigt sich das in den Söhnen und Töchtern Gottes, auf deren Offenbarwerden ja auch die Schöpfung wartet. Dieser Ausblick auf die erhoffte Zukunft des Friedens und der Gerechtigkeit, der erlösten Schöpfung, macht noch einmal deutlich, dass es bei dieser Grundaufgabe um die Erfüllung endzeitlicher Verheißungen geht. In der Tat: eine solche Verkündigung ist sakramental: wirksam dann, wenn hier Gott verwandelnd handelt… Noch tiefer: Es ist die Begegnung mit dem Auferstandenen

Taufe verleiht Flüüüüügel

Denn klar ist sofort auch. Verkündigung ist angewiesen auf die Annahme, die sich dann in der Taufe ausdrückt. Und dann beginnt etwas Neues. Etwas, auf dass es eigentlich ankommt: Gott handelt durch Menschen, die sich eingelassen haben. Zum Aufmerken: die Verkündigung zielt auf ein ungeheures Empowerment. Und darauf zielt alles. Nicht die Elf stehen im Zentrum, sondern die Getauften. Oder besser: Seine Kraft in den Getauften. Denn tatsächlich wird bei Markus im doppelten Passiv formuliert: „Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen…“ Zum Glauben kommen – das hat wenig mit dem schneidigen Glaubenergreifen zu tun, auch nicht mit mühseligen Entscheidungswegen, sondern ist wie ein Widerfahrnis, eben Gnade, die mobilisiert. Und dann geschehen Zeichen, Zeichen der Heilung. Und es werden Geschichten erzählt, in neuer Sprache. NB: nicht die Apostel reden in neuer Sprache – sondern dort, wo der Glaube ankommt, geschieht dies.

Es mutet ein wenig merkwürdig an: wie kann es sein, dass man Schlangen anfassen kann, Gift trinken kann? Hier wird nochmal deutlich, dass in den Glaubenden schon Gottes vollendete Welt anwest. Man hört Jesajas Prophetie von den Nattern und den Kindern, die mit ihnen spielen. Neue Schöpfung zeigt sich…

Dass es Gott ist, der sammelt

Klar, wenn man die Apostelgeschichte als Grunderzählung der Gemeinschaft versteht, dann kann man schnell abbügeln und sagen: alles nur eine Idealgeschichte, alles idealisiert, als Vision.

Das war die Geschichte in Apostelgeschichte 2 nie. Sie ist eher eine Grunderfahrung. Eine Grunderfahrung der Kirche.

Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden (ihrer Gemeinschaft) etwa dreitausend Menschen hinzugefügt. Sie hielten an der Lehre der Apostel fest und an der Gemeinschaft, am Brechen des Brotes und an den Gebeten.Alle wurden von Furcht ergriffen; denn durch die Apostel geschahen viele Wunder und Zeichen. Und alle, die gläubig geworden waren, bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles gemeinsam. Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen, jedem so viel, wie er nötig hatte. Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel, brachen in ihren Häusern das Brot und hielten miteinander Mahl in Freude und Einfalt des Herzens. Sie lobten Gott und waren beim ganzen Volk beliebt. Und der Herr fügte täglich ihrer Gemeinschaft die hinzu, die gerettet werden sollten.

Und das ist wichtig: Es ist die Erfahrung, dass nicht wir sammeln und Kirche bauen, sondern, dass sie schon da ist, gesammelt und zusammengeführt. Und sie wird „gefügt“. Und jetzt dreht sich die Perspektive um. Der Text beschreibt dann, auf diesem Hintergrund, Gemeinschaft nicht als etwas zu machendes, zu leistendes, sondern als das gegebene Geschenk, das Geschenk der neuen Welt Gottes. Was beschrieben wird als Lebensvollzug der Gemeinschaft, klingt spontan, einfach – ist alltägliche Praxis. Solidarität und Gotteslob, Freude und Mahlgemeinschaft sind nun aber nicht Anstrengungen, sondern Ausdruckshandlungen.

Nein, es geht nicht darum, Ansprüche an ein Gemeindeleben zu formulieren. Umgekehrt gilt es, Gemeinschaft als Geschenkte anzunehmen – zwischen allen Getauften, zwischen allen, die der Herr einfügt. Es gilt nicht, irgendwelche schrägen Kategorien aufzurichten. Bewertende Formeln von praktizierenden Christen, Kirchenfernen, Kasualienfrommen und ähnlichem – sie sind alle nur auf dem Hintergrund eines konstruktivistischen Gemeindeverständnisses und seiner implizit moralischen Verpflichtungsansagen verständlich. Aber eigentlich geht es um einen vertrauenden Glauben: wer durch die Taufe hinzugefügt ist in die Gemeinschaft, in dem ist – allen Motivlagen zum Trotz – Gottes Wort angekommen und also: hier liegt der Ausgangspunkt für den Wachstumshorizont einer Gemeinschaft, die sich überall aktualisieren und wachsen kann. Ja, es braucht Vertrauen auf das, was Gott geschenkt hat und ein neuen Blick auf alle Geschwister, die zu unserer Gemeinschaft gehören.

 

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