Ja, wir sind im Umbruch, im Übergang, in der Krise. Und das macht die Situation unübersichtlich. Und legt die Nerven blank. Das Studium der Kirchenmitgliedschaft, in beiden Kirchen intensiv betrieben, führt zum intensiven Nachdenken: welche Dienstleistungen und Angebote müssen wie platziert werden? Wie kann Kirche verstanden werden? Erwarten die Mitglieder überhaupt mehr als anständige Dienstleistungen? Welche Formen der Communio werden wichtig? Und welche Anforderungen werden an die „Kirche“ gerichtet.

Eines wird irritierend deutlich: es kann nicht darum gehen, das bisherige, sehr stark institutionalisierte System weiter zu optimieren. Denn es gehört zu den verlorenen Illusionen einer kleruszentrierten Vergangenheit, das Gefüge der Versorgungskirche erhalten zu wollen. Dazu fehlen zuweilen die Mittel und Personen – aber auch dann, wenn sie nicht fehlen, dann – so meine ich – muss man aufpassen, dass man den derzeitigen Level der Verwandlung nicht unterschätzt. Ich bin immer dafür, die Erfahrungen und Kenntnisse etwa der Organisationsentwicklung oder einer marketingorientierten Dienstleistungslehre einzubringen. Aber es gibt ein Risiko: braucht der derzeitige Wandel nicht ein tiefgreifendes Nachdenken über das Wesen der Kirche, das nicht stehenbleibt bei einem Kirchenverständnis, das natürlich durch die Rede von Kirchensteuern und Kirchenmitgliedern geprägt ist? Und braucht es nicht einen ganz anderen Blick auf Getaufte und Ungetaufte, der sich nicht an der möglichen Angebotspalette der Kirche orientiert? Und wieso steht die Kirche überhaupt im Mittelpunkt – und wieso wird in diesem Kontext so stark auf die Gemeinden geschaut: denn sie sind nicht mehr der Kern und Stern des Kirchenverständnisses.

Eben: auf der einen Seite geht es um das Evangelium, und wie dieses Evangelium in eine fruchtbare Begegnung mit der Kultur von heute kommen kann. Das ist die zentrale Frage. Erst dann kann über die Kirche nachgedacht werden. Und dann steht in Frage, ob man mit den geläufigen institutionellen Bildern und der Gemeindefokussuierung weiter kommt. Meine Antwort: Nein.

Aber wie kommt man weiter?

Wer mutig und neugierig ist, der lässt sich auf das Wandern und Wundern ein. Alle Achtung: das Buch „Vom Wandern und Wundern“[1] hat mich begeistert, weil es einen neuen Weg aufzeigt, wie die Zukunft des Evangeliums sich ekklesial konfiguriert. Aber Achtung: wer sich darauf einläßt, der wird auch hineingezogen in einen Paradigmenwechsel, der das eigene Denken, auch die eigene Theologie auf den Kopf stellt, nicht nur die Kirche.

Denn der Stil der Theologie, der sich hier zeigt, entspricht dem tastenden oder forschen Suchen der Autorinnen und Autoren. Und er ist ein spannendes Werkstück: so wie er Ekklesiogenesis inmitten des Umbruchs beschreibt, so offenbart er auch Theologie im ursprünglichen Sinne als Erkenntnisprozess: ein Nach-denken der Erfahrungen, der verheißen ist, die Tradition der Kirchen neu zu entdecken und für heute fruchtbar zu machen. So kommt man weiter.

Denn es stimmt ja, was Maria Herrmann programmatisch beschreibt: „Wir glauben, dass diese Fremde in der Kirche, dieses Wandern und Wundern Schlüssel und Charisma sind, um Kirche von ihrer Zukunft her verstehen lernt…. Wir sind davon überzeugt, dass die Fremde in der Kirche in einer langen Tradition steht, Neues schafft, verbindet, versöhnt und heilt“.

Die Schrift vom heute lesen

Theologie im Vollzug… beginnt beim Hören. Und wie dies geht, wird beim W@andern und Wundern deutlich: ein neues Hören, ein betroffenes Hören des Wortes schafft – so beschreibt es etwa Astrid Adler in diesem Buch – ein neues Nachdenken, eine neue Theologie der Nachfolge und ein neue Ekklesiologie. Und das könnte ja irritierend sein: denn es geht nicht um Exegese, es geht um die Frage, wie das Wort Gottes kreativ wirkt. Und das geschieht biographisch. Und das ist immer so. Denn das ist ja die Urdynamik des Evangeliums: dass das Wort neues schafft, neues in mir hervorbringt, neues Denken ermöglicht. Nein, es ist kein analytischer Zugang, sondern ein existenzverändernder Vorgang, kein begreifendes, sondern ein ergriffenes Denken. Und doch ist es Theologie, die hier entsteht, nicht bloss Existenzbetroffenheit. Was Astrid Adler beschreibt, und so Einblick in das Werden und die Wandlungen ihrer Theologie gibt, ist ein Einblick in jede innere Logik der Gotteserfahrung: es wächst ein neues Denken, das alle Kompetenz, alle Erfahrung in Beschlag nimmt, und nutzbar macht – aber es ist eben ein getroffenes und geführtes Denken.

Ich würde mir so immer Theologie wünschen, denn dann wäre sie möglicherweise relevanter. Es mutet auf mich merkwürdig an, wenn die Abstraktionsgrade zwar hohe Wissenschaftlichkeit bezeugen, aber einen existenzieller Zugang nicht mehr einfach zu entdecken ist. Wenn zwar alles stimmt, aber Theologie nicht mehr aus dem Leben stammt. Oder wäre das weniger Theologie, wenn sie das Leben einfängt? Vielleicht liegt hier genau die Attraktivität vieler theologischen Aufbrüche, die ich in den vergangenen Jahren kennenlernen durfte: sie gründeten in tiefen persönlichen und ekklesialen Erfahrungswegen, konnten die Tradition neu finden, waren ungewöhnlich lebensnah – und man spürte den Hauch eines Geistes. Eine neue Theologie?

Pfadfindertheologie

Wenn Hanna Buiting im Wanderbuch von ihrem christlichen Entdeckungsweg schreibt und so anfängt, Kirche neu zu buchstabieren, dann wird deutlich, in welchem Umbruch wir stehen – und wie dabei so etwas geschieht, wie ein langsames und noch zögerliches Neubedenken der Kirche. Denn der lange Schatten klassischer Kirchenprägung verhindert oft echte Freiheit. Ja, es ist immer noch so: normativ gilt ein Kirchenverständnis, das mit den klassischen Parametern ausmessbar wäre: Gemeindeintegration, Kirchbesuch (Prozentzahlen, Eintreten und Austreten), Milieupassungen und Konsumkirchlichkeit – und vom Glauben kann man nur erzählen über bestimmte vorgepasste Inhalte und Praxen.

Aber genau da liegt ja die „Begrenzung“, die gar nicht notwendig wäre und die doch so wirkmächtig das Denken und Handeln von uns Christen prägt. Darin liegt nicht nur die Milieublindheit, sondern die Paradigmenblindheit. Und wenn sich herausstellt, dass wir dieses kleine Haus verlassen können, und in das große Haus der Ökumene einziehen können? Wenn das Evangelium, wenn die Gegenwart des liebenden Gottes nicht zusammenfallen muss mit einem zu engen Schneckenhaus der vergemeindekirchlichten Interpretation des Evangeliums. Hanna Buiting beschreibt sehr schön, wie dieser Weg gelingen kann – und wie sich dabei zeigen kann, dass Konfession und eigene Tradition neu gelesen werden könnten.

Der lange Weg zur Freiheit.

Aber einfach ist es nicht. Denn der lange Schatten der Prägungen wirkt nach. Auch dies läßt sich erzählen in diesem wunderbaren Buch. Mara Feßmann berichtet davon. Es ist ein erstaunlicher Weg, vom dem sie erzählen will. Wie leicht es nämlich ist, in die Fänge von kirchlichen Systemen zu geraten, in den Bann gewachsener Logiken zu geraten – obwohl die eigene Erfahrung doch weiter weist. Und wie herausfordernd es ist, davon frei zu werden. Es geht um eine uralte Frage, die schon in der Apostelgeschichte zu Erschütterungen führte: können Menschen, die nicht in der gewachsenen Tradition stehen, auch Christen werden, ohne diese Traditionen übernehmen zu müssen? Gibt es Christsein ohne Beschneidung? Ist der Heilige Geist universaler? Petrus macht seinerzeit die Erfahrung mit dem Hauptmann Cornelius (Apg 10), und das Apostelkonzil folgt dem Heiligen Geist, öffnet neue Wege, und entdeckt gerade so die Tradition neu.

Und genau das ist auch heute dran. Dann also gilt: aus der eigenen Erfahrung und aus dem tastenden Wander- und Wunderweg wächst ein neues Verstehen und Gestalten des Christseins, wächst eine neue Kirchenerfahrung, die – ja – zu dieser großen Gemeinschaft der Kirche gehört, und sie doch zutiefst erneuert. War es je anders?

Sich lösen dürfen und müssen

Dazu aber braucht es Mut, dazu braucht es die Courage der Desorientierung. Und das Wandern und Wundern. Wie und welche Konsequenzen dies hat, wird beim W@ndern und Wundern deutlich. Eine neue Theologie bricht sich Bahn, aber eben nicht einfach als „Aufsatz“ auf das, was immer schon war, sondern viel radikaler: mit einer neuen Grammatik, einem neuen Grundwortschatz wird Glauben und Kirche neu buchstabiert, neu erfunden und gefunden. Und Wunder über Wunder: so neu ist das nicht. Denn diese neuen Versuche gibt es immer wieder – und die bisherigen Versuche des Buchstabierens waren immer provisorisch und überholbar, in jeder Generation (was übrigens schon in Gaudium er Spes 4 beschrieben wird).

Diesen Mut zu entdecken und seine Konsequenzen zu entfalten, darum geht es. Und umgekehrt gilt auch für all jene, die schon aus einer gewachsenen Kirchenerfahrung schöpfen (die ja auch gelten mag): vielleicht sind die Begriffe und Fragen noch viel zu sehr „binnenorientiert“, auch wenn sie anders wirken. Denn auch die Rede nach der Kirchenmitgliedschaft, die Frage nach den passgenauen Angeboten verrät – so finde ich – immer noch ein Bild, das für viele noch nie Relevanz hatte. Und warum sollte eine Institution sich so in den Mittelpunkt rücken. Denn interessant ist das Evangelium und was aus ihm wächst. So sehr es dafür Institution und kompetente Professionalität braucht – so sehr ist doch all das nur Mittel und Dienst für die anstehende W@nderung, für das Wundern über die Wege, die Gott mit den Menschen geht.

Wir dürfen uns lösen: von der ständigen Frage, was „die Kirche“ (wer es auch sei, der damit gemeint ist), wohl darüber denkt. Wir brauchen nicht zu fragen, ob man das wohl darf. Wir müssen uns lösen von der Frage, wie das in die Institution passt, was wir als „goldenen Kern“ entdeckt haben. Denn wir sind frei durch das Evangelium und den Geist, und dürfen Kirche als das sehen, was sie ist: das heilige Experiment Gottes mit uns Menschen – ein Experiment des Vertrauens, der Liebe.

 

 

 

 

 

[1] Vgl Maria Herrmann/Sandra Bils (Hg.), Vom Wandern und Wundern. Fremdsein und prophetische Ungeduld in der Kirche, Würzburg 2017

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