Irgendwie ein schräger Gedanke. Mir ist schon klar, was gemeint sein könnte. Natürlich weiß ich auch, dass es mannigfach Untersuchungen zur Kirchenmitgliedschaft gibt: Kirchenmitgliedschaftsstudien der evangelischen Kirche korrespondieren mit den reichen Ergebnissen und Fortschreibungen der Milieustudien. Sie alle bieten Erkenntnisse, die wichtig sind – aber nicht auf die Frage antworten, wie und wann Katholiken ihre Kirche brauchen.

Und es irritiert mich durchaus, was ich da lese. Denn die erste Frage, die mindestens grundlegend zu beantworten ist, wäre doch: gibt es gewissermaßen isolierte katholische Konsumenten, die dann ab und zu eine Kirche brauchen? Aus welchen Gründen immer? Wie muss man Kirche denken, damit ein solches Gedankengefüge funktioniert, frage ich mich. Dann ist Kirche also eine Institution mit Angeboten? Oder noch schärfer: ist Kirche eine Versorgungsinstitution, die sich dann in Kirchengemeinden als Filialen darstellt?

Ich gebe gerne zu: man kann das so sehen, aber man kommt dann leider nicht über eine Neuauflage klassischer Angebot-Nutzer-Beziehungen (früher: Klerus/Profis-Laien/Konsumenten) kaum hinaus.

Ich gebe aber auch gerne zu bedenken: es ist alles andere als voraussetzungslos und unschuldig, mit so einem Paradigma zu denken. Mir graut davor, wenn ich das durchdenke. Der lange Schatten des Vorvatikanums feiert neue Urstände.

Ein paar weitere Beispiele aus dem Interview: Die Frage nach dem religiösen Bezug von Taufe und Sakramenten setzt ein interessantes Verständnis von „Religiösität“ voraus. Völlig ungeklärt in diesem Kontext, was das hier meint! Zu bemerken ist also, dass hier mit ungeklärten oder doch nur vermeintlich klaren Grundbegriffen das Thema Kirchenaustritt und Relevanz beschrieben wird – und im letzten Kirchlichkeit reduziert wird auf Vereinsmitgliedschaft und Engagement in klassischen Gemeindesettings. Mit anderen und scharfen Worten: wer mit diesen Voraussetzungen arbeitet, kommt zu keinem Paradigmenwechsel. Es bleibt bei der Modellreihe, die weiter entwickelt und optimiert wird: Vom Iphone 6 zu Iphone 7. Das ist aber zu wenig.

Der Wandel ist tiefer. Es braucht eine Umkehr des Hinschauens. Es ist doch nicht so, dass Kirche etwas „vorgegebenes“, zu dem dann Menschen kommen sollten und sich bedienen oder versorgen. Es ist doch vielmehr, dass sich soziologisch so einfach nicht entdecken lässt, wenn man Kirche und Glauben als Teilsegmente des Lebens betrachten will (was man soziologisch mit bestimmter Theoriebildung ja kann). Ich fände es riskant, wenn wir uns pastoral unbesehen mit diesen Voraussetzungen arrangieren.

Ach ja. Das fehlte ja noch. Die Untersuchung der Gottesdienstbesucher. Unser ewiges Thema. Dass wir in einem tiefen Wandel stehen, ist bekannt. Wieso also ist verwunderlich, dass immer weniger Menschen die Eucharistie mitfeiern, wenn sie nie einen Zugang gefunden haben? Aber umgekehrt gilt ja auch: wer je adressatenorientierte und kontextsensible Liturgie gefeiert hat, wer je Segensgottesdienste gefeiert hat, der weiß: die Sensibilität und Suche nach Segen ist ungeheuer groß, und die Schätze unserer eigenen Tradition sind noch lange nicht ausgepackt.

Wie lese ich diese Situation? Meine Erfahrung mit „Kasualien“ ist eine andere. Natürlich treffe ich nicht auf ausgefeilte spirituelle Konzepte und klassische Religiosität, von der ich ohnehin mit Bonhoeffer glaube, dass sie nicht normativ für das Christentum sind. Aber ich treffe auf Menschen, die sich sehr genau überlegen, warum sie eine christliche Feier ihres Anlasses suchen. Und wer nur einmal genau zuhört, entdeckt eine tiefe oft unsprachliche Erfahrung, die enthüllbar ist in einer christlichen Mystagogie. Das postmoderne Paar, das ich neulich trauen durfte, die Beerdigung des sardischen gelataio hat mich immer staunend entdecken lassen, wie tief der Gott der Liebe diese Leben berührt und sie deswegen nach einer liturgischen Form suchen, in der dies ausdrückbar ist.

Und dann – die oberflächliche und fast blinde Rede von der Kirche als Dienstleister. Ich verstehe nicht, welche Richtung hier gemeint ist. Denn: wenn ich das Engagement in Kindertagesstätten, in den Einrichtungen der Caritas, der Familienbildungsstätten, Schulen und anderen Einrichtungen sehe – und die ungeheure Resonanz, die dies auf Menschen hat, dann frage ich mich, wie man ernsthaft auf den Gedanken kommen kann, Kirche sei an dieser Stelle nicht relevant. Im Gegenteil: gerade hier begegnet das Evangelium der heutigen Kultur, den Menschen in Freude und Leid – und gerade hier wird die Sendung der Kirche lebendig – und hier wächst sie.

Ich möchte erinnern, dass die Rede von der Dienstleistung im ekklesiologischen Kontext einen guten Ruf hat. Aber – auch Lumen Gentium 4 darf man ganz lesen. Denn da steht nicht, dass die Kirche „Communio und ministratio“, Gemeinschaft und Dienstleistung sei, sondern: „Der Geist wohnt in der Kirche und in den Herzen der Gläubigen wie in einem Tempel (vgl. 1 Kor3,16; 6,19), in ihnen betet er und bezeugt ihre Annahme an Sohnes Statt (vgl. Gal 4,6; Röm 8,15-16.26). Er führt die Kirche in alle Wahrheit ein (vgl. Joh 16,13), eint sie in Gemeinschaft und Dienstleistung, bereitet und lenkt sie durch die verschiedenen hierarchischen und charismatischen Gaben und schmückt sie mit seinen Früchten (vgl. Eph 4,11-12; 1 Kor 12,4; Gal 5,22).“ Grandios, wie das verkürzt wird. Hier ist eine charismatische Perspektive der Kirche benannt – das Handeln des Geistes, der immer Kirche aufbaut, gerade durch die tiefe Gottesberührung und den Dienst am anderen. Meine Erfahrung mit sozialdiakonischen Engagement ist genau diese. Es ist keineswegs so, dass hier viele Getaufte und Ungetaufte nur Angebote abfragen – ich erlebe unglaublich tiefes Engagement im freitätigen Bereich. Und ich frage mich, ob die soziologische Rede von soziokultureller Qualität, nach der verlangt wird, nicht das Wesen des christlichen Glaubens und der Kirchlichkeit beschreibt? War es nicht so, dass Gott Mensch geworden ist, Beziehung erlöst hat, und mitten unter den Menschen ist? Wäre es nicht denkbar, dass gerade die Sozialiät eine christliche Mystik der Gemeinschaft widerspiegelt. Wieviel mehr aber auch wie anders als die blasse Rede von Religiosität ist das?

Ganz zweifellos sind Gemeinde in ihrer klassischen Konfiguration nur ein Akzent der reichen Kirchlichkeit in unserer Kultur. Und zweifellos wird ihre Bedeutung in den nächsten Jahrzehnten abnehmen – weil eine bestimmte Kultur des Christseins stirbt zugunsten neuer Wege. Aber – so einfach ist das auch nicht. Auch in vielen Gemeinden zeigt sich ein bemerkenswerter Transformationsprozess. Das hohe Engagement in vielen Initiativen macht deutlich, dass wir es mit einem ganz normalen Phänomen zu tun – dem Phänomen von Sterben und Auferstehen. Und umgekehrt erlebe ich beglückend, wie dieser Geist immer mehr Menschen zu Ekklesiopreneuren macht.

Das Problem dabei: man braucht ein neues Mindset. Genau das fehlt mir hier. Denn Katholiken sind Kirche – und sie wird sich neu konfigurieren aus der Energie der vielen, die sich engagieren, nach innen und außen. Und wenn Kirche dann ganz anders würde? Unbekannt und kreativ, fremd und neu Heimat gewährend? Ich erlebe sie schon so an vielen Orten. Kein Mangel – nirgends.

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