Für eineinhalb Stunden hat sich der Papst mit dem neuen General der Jesuiten und seinen alten und neuen jesuitischen Mitbrüdern in der Kurie getroffen. Nach einer kleinen Rede kam es zu einem einfachen, freien und herzlichen Gespräch geführt. Mit unvorbereiteten Antworten auf Fragen der Mitbrüder. Leider gibt es dieses Gespräch erst am 10. Dezember in der italienischen Herder-Korrespondenz – „La civiltà cattolica“. Auch hier ist es Antonio Spadaro, der dokumentiert. Und so weit ich hoffen kann, wird dieses Interview auch ins deutsche übertragen werden. Es wäre wichtig.

Prophetisch sein

Einen wichtigen Akzent setzt der Papst ganz am Anfang des Gesprächs. Die Frage lautet: „Sie sind ein lebendiges Beispiel prophetischer Kühnheit. Wie schaffen sie das, sie so wirksam ins Leben zu bringen? Und wie können wir das auch tun?“ Der Papst: „Der Mut besteht nicht nur darin, Lärm zu machen, sondern auch darin, dass man weiß, wie man es macht. Und vorher vor allem muss man gut unterscheiden, ob man  Lärm machen soll oder eben nicht. Mut gehört ja wesentlich zu jeder apostolischen Sendung. Und heute – mehr als je – ist es notwendig, Mut zu haben und prophetische Kühnheit. Es braucht eine Freiheit und Authentizität der Rede, die ganz im Heute ist. – die prophetische Kühnheit hat keine Angst…“ Der Papst unterstreicht dabei, dass immer gut unterschieden werden muss, was „dran “ ist. Und eine der wichtigsten Herausforderungen sieht er in der Inkulturation: „Also muss heute unsere prophetische Kühnheit, unser Bewußtsein, sich ausrichten auf die Inkulturation. Und unser Bild und unsere Vorstellung ist ja nicht die Kugel, sondern der Polyeder (eine dreidimensionale Form mit vielen verschiedenen Flächen). Mir gefällt die geometrische Figur des Polyeders, denn er hat verschiedene Flächen und Anscihten. Genau so ist es nämlich: die Einheit gelingt, indem man die Identität der Völker und Personen bewahrt. Und genau das ist der Reichtum, den wir dem Prozess der Globalisierung geben müssen, der sonst uniformierend und zerstörerisch wird.

Inkulturation

Die Hermeneutik der Inkulturation war – so der Papst – in der Kolonialzeit geprägt durch das Ziel, „die Bekehrung der Völker zu suchen, die Kirche zu erweitern – und damit wurden die indigenen Eigenheiten vernichtet. Das war eine zentralistische Hermeneutik, wo das herrschende Reich in gewisser Weise  seinen Glauben und seine Kultur auferlegte. Es ist verständlich, dass man dieser dieser Epoche so dachte, aber heute ist eine grundsätzlich andere Hermeneutil absolut notwendig. Wir müssen die Dinge in einer anderen Weise interpretieren: jedes Volk würden, sein Kultur, seine Sprache“. Der Papst erzählt auch von den Versuchen der Jesuiten der Vergangenheit, die gebremst wurden von einem römischen Hegemonismus und Zentralismus, der diese Erfahrungen stoppte.

Und das gilt ja genauso für Europa. Wenn wir also heute evangelisieren, dass geht es um Inkulturation, die ein ganz neues Bild auch der Kirche und der Liturgie hervorbringen könnte.

Priesterausbildung und Priester

Der Papst kehrt immer wieder auf die Fähigkeit zur Unterscheidung der Geister zurück, gerade auch im Bereich der Moral. Und hier wird der Papst deutlich im Blick auf die Ausbildung der Priester: „Ich stelle das Fehlen der Unterscheidungsprozesse  in der Ausbildung der Priester fest. Wir riskieren uns an ein „schwarz oder weiß“ zu gewöhnen, an das, was legal ist. Wir sind ziemlich verschlossen gegenüber den Prozessen der Unterscheidung. Eine Sache ist doch klar: heute, in einer Reihe von Seminaren, ist eine bestimmte Rigidität zurückgekehrt, die überhaupt nicht einem Prozess der Unterscheidung nahe ist. Das ist gefährlich, den das kann uns in ein Verständnis der Moral führen, das kasuistisch ist… Das macht mir viel Angst.“ Der Papst spricht hier von der „dekadenten Scholastik“, die sich von der großen Scholastik deutlich unterscheidet. „Die Moral, die Anwendung findet in Amoris Laetitia, ist die vom großen Heiligen Thomas…“

Aber der Papst kommt weiter auf die Situation der Priester zu sprechen. Im Kontext einer Frage über die Armut, finden sich weitere starke Worte: „Der Klerikalismus, der einer der schwerwiegendsten Übel in der Kirche ist, setzt sich von der Armut ab. Der Klerikalismus ist reich. Und wenn er nicht reich an Geld ist, dann ist er reich an Stolz. Aber in jedem Fall ist er reich: es gibt eine Anhänglichkeit an den Besitz…“

Berufung neu verstehen

Eine der spannendsten Fragen, die uns in unserem Kontext bewegen, ist die der Berufung. In der Tat, es ist eine Grundfrage, wie Berufung geschieht (siehe hier im Blog den Bericht über St. Petrus in Bonn) – und sie ist eben nicht zuerst die klassische Frage nach dem Priester. Und genau hier setzt auch der Papst plötzlich ein: „Mir ist es in Buenos Aires passiert, als Bischof, mehr als einmal, das man mir sagte: „In der Pfarrei habe ich einen Laien, der Gold wert ist. Und sie beschrieben ihn mir als einen Laien „erster Wahl“. Und dann fragten sie mich: ‚was meinen Sie, sollten wir den zum Diakon machen‘. Und genau hier liegt das Problem: der Laie, der wirklich wertvoll ist, den wollen wir zum Diakon machen, den wollen wir klerikalisieren. In einem Brief, den ich neulich an Kardinal Ouellet gesandt habe, schrieb ich , dass in Lateinamerika das einzige, was vor dem Klerikalismus bewahrt, die Volksfrömmigkeit ist. In der Tat, insoweit die Volksfrömmigkeit eine Sache des Volkes ist, die die Priester nicht glauben konnten, sind die Laien kreativ geworden. Vielleicht muss da manchmal was korrigiert werden, aber die Volksfrömmigkeit  hat sich gerettet, weil die Priester sich da nichts mit zu tun hatten. Der Klerikalismus läßt nicht wachsen, er lässt nicht zu, dass die Kraft der Taufe wächst. Und es ist nämlich die Kraft der Taufe, die die evangelisierende Kraft und die Gnade  der missionarischen Sendung in sich tragen. Und der Klerikalismus geht schlecht mit dieser Gnade um und führt in Abhängigkeiten, die manchmal ganze Völker in der Unreife  belassen. Ich erinnere mich, wieviele Auseinandersetzungen es ab, als ich Theologiestudent und junger Priester war, da kamen die Basisgemeinden auf. Warum? Weil gerade in diesen Gemeinden die Laien begannen eine starke Rolle als Protagonisten, und die ersten, die sich unsicher fühlten, waren einige Priester.“

Diese Hinweise sind spannend. Der Papst, der im selben Interview auch davon spricht, dass er überzeugt ist, dass es vor Ort auch Priesterberufungen gibt, ist auch klar davon überzeugt, dass die geistliche Begleitung eine Sache des ganzen Gottesvolkes ist: „wenn wir die Laien nicht zur Unterscheidung der Berufung rufen, dann ist es klar, dass wir keine Berufungen haben werden“ Aber vor allem hat er im Blick, dass man dringend darauf  achten muss, die Berufungen der Christinnen und Christen vor Ort zu stärken.

Und genaue Beachtung verdient die Rede von der Volksfrömmigkeit: normalerwiese sehen wir diese Volksfrömmigkeit nur als vergangene Formen, die Menschen heute nicht mehr ansprechen. Genau so ist es nicht. Denn hier geht es auch um postmoderne Formen der Spiritualität, des christlichen Lebens, der christlichen Gemeinschaft. Wer also E/motion in Essen, Zeitfenster in Aachen, Formen neuer Spiritualität überall anschaut, der entdeckt diese Dimension: es ist das Volk Gottes, das sich den Weg in das Neue bahnt. Und der Papst hat das neu ins Licht gerückt – und ermutigt wie immer, loszulegen.

 

 

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