2010 mahnte Rainer Bucher bei unserem Kongress  „Die Rückkehr der Verantwortung“ (dokumentiert in einem gleichnamigen Buch 2011) zur theologischen Reflexion über das Thema der Kleinen Christlichen Gemeinschaften eindringlich: wie sich Small christian communities weiter entwickeln würden, hinge damit zusammen, ob das Risiko einer selbstreferenziellen Gemeinschaftlichkeit  überwunden würde zugunsten einer klaren Sendungsorientierung. Das gab zu denken, ebenso wie der Hinweis der philippinischen Theologin Estela Padilla, nicht einfach ein weltkirchliches Modell zu kopieren, nur weil es faszinierend sei: „Your Germans have a further step to do“, sagte sie als Einleitung zu ihrem Referat im Jahr 2008.

Wir lernten von beiden: es kann nicht darum gehen, in trauter Fortführung der Gruppengemeinde nun kleine geistlich geprägte Gruppen zu initiieren, die aus der Schrift leben. Alles gut, aber kein fundamentaler Fortschritt. Denn es geht gar nicht zuerst um diese oder jene Sozialform, sondern es geht um vielmehr: um eine Kirchenentwicklung, die ein Maximum an Partizipation aller Beteiligter ermöglicht – und bis heute nennen einige Bistümer ihren Ansatz „Kirche der Beteiligung“. Und es geht um eine Entwicklung, die ihren Ausgang nimmt von der Wirklichkeit der Menschen vor Ort, ihrer Trauer und Hoffnung, Freude und Angst, und vor allem: ihrem Schmerz und Leid. Die Wirklichkeit um uns als Ausgangspunkt und Handlungsfeld der Verkündigung des Evangeliums – das ging uns vor allem ökumenisch auf in jedem immensen Lernfeld der anglikanischen Kirche, das wir seitdem kennen und lieben lernten. Hier wurde klar: nicht die Integration in bestehende Sozialformen, oder auch die Gründung einer Substruktur der Gemeinde ist die Zukunft, sondern der Kairòs am Ort, die Leidenschaft der Christen, die zu „fresh expressions of church“ führte, zu anderen Wegen und Weisen des Kircheseins.

So prägten wir das Wort von der Lokalen Kirchenentwicklung und überließen die Rede von den Small christian communities anderen. Weil natürlich die Frucht gelebter Sendung des Evangeliums sich immer auch in Communities auszeitigt; und weil natürlich diese Sendung lebt aus der Kraft des Wortes, das geteilt und gemeinsam gelebt wird. Aber natürlich ist auch klar, dass wir bis auf weiteres auf diesem langen Weg engagierte Experimente des Gottesvolkes nicht darauf setzen, dass eine oder eine andere Form zur „Normform“ wird, sondern wir in Entwicklungsprozessen stehen, die sich überall anders zeigen: Stadt und Land sind im Fluss, gewachsene und unerkannte Formen gelebten Christseins bilden zusammen „Kirche“. Wieder mit den Worten der Anglikaner: wir leben in einer unübersichtlich bleibenden „mixed economy of churches“. Und immer dort wächst neues, wo die Leidenschaft für das Evangelium und für die Welt neue Gestalten gebiert: und ihre Gestalten entwachsen der konkreten Sendung am Ort.

Dieser Lernprozess ist für uns wichtig geworden. Es geht nicht um „small christian communities“, sondern um einen Weg, der den Getauften ermöglicht, die Fülle der Gaben und des Geistes ins Spiel zu bringen und so das Evangelium, den lebendigen Christus, zu bezeugen. Daraus wachsen auch neue soziale Formen, nicht der Standard einer Basisgemeinde, wohl aber liquide, auch provisorische Formen, die in ihrer Vielfalt doch eine unverwechselbare Identität haben: in ihnen wird die Liebe Christi ansichtig.

In Ruinen? Geistvolle Verflüssigung und Verpuppung!

Rainer Bucher hat in seinem jüngsten Beitrag in „feinschwarz“  vom Ende der (wahrscheinlich ohnehin nur fiktiven homogenen) Gemeindeidee gesprochen. Es bleiben Ruinen, und es gibt natürlich einen tiefen Schmerz und eine Sehnsucht zur Rückkehr. Auch die Idee der Small christian communities sei eher eine Idylle und damit unter hohem Ideologieverdacht. Das teile ich gerne. Auf diesem Hintergrund ist ja auch die Weiterentwicklung dieses Weges im Blick auf eine Lokale Kirchenentwicklung zu verstehen, die ja eben nicht auf eine bestimmte Sozialgestalt als Zukunftsperspektive abzielt, sondern eher – wie Bucher auch vorschlägt – mit einem Wechsel des Habitus, der pastoralen Kultur und damit mit tiefgreifenden und sicher nicht schmerzfreien Umkehrprozessen zusammenhängt.

Das Bild von der Ruine erscheint mir dennoch nicht ganz stimmig. Denn auf der einen Seite befindet sich natürlich die institutionelle Struktur unserer Pastoral in einem wirklich radikalen Umbruch, und zuweilen wirkt dies tatsächlich so, dass bisherige Bauten als Steinbruch für eine neue ermöglichende Rahmenstruktur verwendet werden. Was meint Pfarrei wohl in Zukunft anderes als den ermöglichenden (sakramentalen) Wachstumsraum vielfältiger Ekklesiogenesis?

Auf der anderen Seite ereignet sich längst auch innerhalb der klassischen Konstellationen eine Umformatierung klassischer Kirchenbilder und – erfahrungen. Ein spannender Prozess, der in der Tat erst einmal in den Blick geraten muss. Auf meinen Reisen durch die Pfarrgemeinden des Bistums erlebe ich jedenfalls diesen Umbruchsprozess radikal und sehr lokal profiliert.

Und ja, das Volk Gottes ist dabei mitten drin. Es findet wirklich eine geistvolle Verpuppung und Verflüssigung statt, neue fragile und provisorische Experimente werden gewagt. Und dieser Prozess ist mitten im Anfang, aber noch lange nicht am Ende. Davor braucht man keine Angst haben.

Weniger pianisch denn marianisch

Buchers Rede von der pianischen Epoche und ihrer hohen hierarchischen Instituionalisierung ist also zu ergänzen. Und das gilt für die Geschichte, die mit den Piuspäpsten verknüpft ist. Mindestens genauso stark war in dieser Zeit das Marianische. Und damit ist nicht nur das Jahrhundert der marianischen Dogmatisierungen gemeint, sondern vor allem das „marianische Profil“, von dem schon Hans Urs von Balthasar sprach: jenes charismatische Aufbrechen zu neuen Horizonten begannt just in jener Zeit der starken Pius-Päpste: das 19. Jahrhundert, aber auch das 20. Jahrhundert – wie auch heute, sind geprägt von ungeahnten charismatischen Aufbrüchen. Ordensgründungen, die Bildung der Vereine und Bewegungen, die kirchlichen Erneuerungsbewegungen, die zum II. Vatikanum führten – bis zu den Aufbrüchen der movimenti im 20 Jahrhundert. Sie sind Vorzeichen für jenen Kulturwandel, der sich heute in den vielfach kaum ortbaren Aufbrüchen wiederfindet, und der in den anglikanischen fresh expressions und den Bewegungen der emergent church seinen ersten Ausdruck findet. Und ja, die vielen anderen Konfigurationen des kirchlichen Lebens gehören auch dazu.

Upgrade Small christian communities

So zeigt sich, dass im Kontext der Lokalen Kirchenentwicklung die weltkirchliche Entwicklung der Kleinen Christlichen Gemeinschaften im postmodernen Europa nicht etwa zu einer Kopie führt, sondern zu einem neuen Original: sie können ein hermeneutisches Modell sein, das in sich die Merkmale jener Kultur des Kircheseins und jener neuen Haltungen trägt, die dann – wer weiß wie – zu neuen Formen des kirchlichen Miteinanders führen.

Das ist vielleicht das Spannendste in jenem Entwicklungsprozess, den ich jetzt seit fast 15 Jahren miterleben darf. Die Faszination der Kleinen Christlichen Gemeinschaften liegt heute wie damals nicht einer Kirchenvision, die auf Kleingruppen verbindlicher Art setzt, sondern viel tiefer ansetzt: auf die provisorische und existenzielle Erfahrung der Gegenwart Gottes mitten unter den Menschen, eines Gottes, der ruft, sammelt und sendet. Und die Kirchlichkeit dieser Wirklichkeit liegt genau darin: dass hier nämlich Formationen wachsen können, die das „wo zwei oder drei“ (Mt 18,20) mitten im Leben dieser Welt bezeugen, nicht geknüpft sind an eine bestimmte Sozialgestalt und Verortung, sondern an fragile Beziehungsgeschehen, in denen Gott erfahrbar wird.