Weihnachten 2015. Ich bin in einem Kinderheim. Wir feiern mit den Kindern, die alle schreckliche Erfahrungen in ihrer frühen Kindheit hatten. Ich feiere auch mit den Schwestern, die hier mit einem coolen Konvent voller Liebe einen Weg mit den Kindern gehen. Großartig.

Und in mir singt und klingt „mein“ Weihnachtslied: YAHWEH von U2. Warum dieses Lied? Nie wie in diesem Jahr ist mir im November und im Dezember in den Tageslesungen der Schrift die Sehnsucht nach Erlösung inmitten einer apokalyptischen Welt nahegekommen – eben weil in dieser Zeit der unglaublichen Flüchtlingsdramen, der irrationalen Kriege, des angstmachenden Terrors diese Weltwirklichkeit und die Schrifttexte sich ineinander spiegeln.

Kurz vor Weihnachten dann das Schriftwort, das mir neu die Hoffnung auf Erlösung erschlossen hat. Mitten in den Dramen der kleinen Geschichte des Bistums und der gr0ßen Geschichte dieser Welt erzählt Matthäus den Stammbaum Jesu. Und es ist die dramatische Geschichte von Berufung und Verrat, Verbrechen und schlechter Königsherrschaft. Und darin die Geschichte eines Gottes mit seinem Volk, eine Geschichte, die zum Heil führt.

Das muss man erstmal glauben, denn erkennbar wird es nicht. Und es bleibt die Hoffnung, dass dieser Gott auch mit uns heute einen Weg zum Heil finden kann, durch die Irrungen, Katastrophen und Chaos in Kirche und Welt.

Und noch mehr: Er wird Mensch – und deswegen ist Er nur da durch Menschen. Inmitten der Menschen. Das ist seine nichtreligiöse Art und Weise, mit den Menschen zu sein. Seine menschliche Art.

„Wir müssen die Stadt von einer kontemplativen Sicht her, das heißt mit einem Blick des Glaubens erkennen, der jenen Gott entdeckt, der in ihren Häusern, auf ihren Straßen und auf ihren Plätzen wohnt. Die Gegenwart Gottes begleitet die aufrichtige Suche, die Einzelne und Gruppen vollziehen, um Halt und Sinn für ihr Leben zu finden. Er lebt unter den Bürgern und fördert die Solidarität, die Brüderlichkeit und das Verlangen nach dem Guten, nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Diese Gegenwart muss nicht hergestellt, sondern entdeckt, enthüllt werden. Gott verbirgt sich nicht vor denen, die ihn mit ehrlichem Herzen suchen, auch wenn sie das tastend, auf unsichere und weitschweifige Weise, tun“.

Und genau das habe ich ja auch in diesem Jahr erlebt: In der Sehnsucht nach Frieden, in der Solidarität mit den Flüchtlingen, und an vielen anderen Orten.

Wer so schaut, der übersieht nicht die Dramatik dieser ständigen Apokalypse, aber er übersieht sie auf den Gott, der schon im Kommen ist – mitten unter den Menschen. Dann ist ER, der unter uns lebt, nicht mehr Objekt der Religiösität und macht sich verwechselbar, sondern dann ist er der, der uns persönlich und unser Miteinander prägt.

Und genau das singt der Song von U2

„Take these shoes
Click clacking down some dead end street
Take these shoes
And make them fit
Take this shirt
Polyester white trash made in nowhere
Take this shirt
And make it clean, clean
Take this soul
Stranded in some skin and bones
Take this soul
And make it sing“
Er macht, Er handelt. Keine Moral, sondern Verwandlung – eine Wandlung, die Er immer wieder vollbringt. Und das haben wir vielleicht schon erlebt. Dass wir neu anfangen können, dass unsere Schritte auf einmal „stimmen“, auch die Richtung – und dass unsere Seele singt.

Take these hands
Teach them what to carry
Take these hands
Don’t make a fist
Take this mouth
So quick to criticise
Take this mouth
Give it a kiss
Aber in dieser Verwandlung lernen wir, diese Menschlichkeit, die Göttlichkeit ist, weiter zu geben – im Tragen, im Sprechen, im Handeln. Und das führt zu einer Revolution, zu einer „mutigen kulturellen Revolution“ (Papst Franziskus in „Laudato si“). Denn nicht nur der Einzelne wir neu – die Gesellschaft, in der wir leben, wandelt sich:

Take this city
A city should be shining on a hill
Take this city
If it be your will
What no man can own, no man can take
Take this heart
Take this heart
Take this heart
And make it break

Eine solche „Zivilisation“ ist das Ziel des Kommen Gottes, eine Stadt auf dem Berg. Und wir sehnen uns nach Jahweh, und seinem Kommen in die Krippe als Menschensohn, weil das ist Möglichkeit des Friedens ist. Nach dem wir uns unablässig sehnen.

Aber jetzt, das letzte Wort, ist die eigentliche Pointe dieses Songs. „make it break“. Schon vorher war klar, dass das Geheimnis seines verwandelnden Kommens in dieser Welt wohl ein Geheimnis von Nacht und Licht ist, von Schmerz und Freude.

Yahweh, Yahweh
Always pain before a child is born
Yahweh, tell me now
Why the dark before the dawn?
Diesen Schmerz, den Schmerz der Geburt des Kindes, als Weg der Freude zu sehen, Nacht als Weg zum Licht – das ist kostbar, das kostet. Das ist allerdings der Weg der Menschwerdung. Das Kind in der Krippe, der Gott unter den Menschen geht genau diesen Weg. Und verwandelt uns – bis dahin, dass zur mutigen Kulturrevolution auch unser Herz sich brechen und verwandeln läßt

„Still I am waiting for the dawn“.  In dieser Spannung sein, diesen Weg miteinander zu gehen, sich trauen, es zu wagen – dazu führt uns dieses Fest des Friedens.