Wann kommt der Christ in der Gegenwart an? – Bemerkungen zu „Freikirche kath.“ In CIG 49/14

Wieder ein Kommentar zum Priestermangel. Wieder nur Strukturen. Wie kommt es eigentlich, dass die wesentlichen Fragen auch diesmal nicht zu Wort kommen? Wie kommt es, dass im Hintergrund dieses Kommentars wieder eine vergangene Kirchengestalt unter der Hand normativ sein soll? Warum ist es so schwierig, dass der Christ in der Gegenwart ankommt?

Das Gemisch von Vergangenheitssehnsucht und Strukturfixierung macht vor allem eines deutlich: Wir haben noch nicht genügend wahrnehmen wollen, dass eine bestimmte Gestalt der Volkskirchlichkeit schon lange zu Ende ist. Wenn Sechzigjährige – was ist am Alter eigentlich bedenklich? – Eucharistie unter sich feiern , dann spiegelt das mindestens zwei Wahrheiten wieder, die niemanden verwundern dürften: die hier beschriebene Generation war in der Regel die letzte, die noch im Horizont selbstverständlicher Gläubigkeit geprägt wurde (man vergleiche nur die entsprechenden Ergebnisse der Sozialforschung) – und wahr ist auch, dass genau diese Generation – cum grano salis – eben diesen Glauben nicht hat weitergeben können, weil die Voraussetzungen zum Glauben sich fundamental geändert haben. Glaube geht nicht mehr von selbst, geht nicht mehr als einfacher Generationenprozess – Glaube wächst als Berufung und als langsamer Weg persönlicher Aneignung – ohne eine tiefe Christusbeziehung wächst der Glaube nicht. Und ehrlich: hier liegt das eigentliche Problem, das sich in unserer Schwäche für Evangelisierung und Glaubenswachstum ausdrückt. Siehe unsere Ohnmacht an vielen katechetischen Orten, die mit vergangenen Mustern zu tun hat.

Und da sind wir beim Wort. Bei der Kirche des Wortes: „Die Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des Lebens nimmt und den Gläubigen reicht“ , formuliert die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung (DV 21) – und Sacrosanctum Concilium, die Litrugiekonstitution, beschreibt die Realpräsenz Christi in Nr 7: „Gegenwärtig ist er (Christus) in seinem Wort, da er selbst spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden. Gegenwärtig ist er schließlich, wenn die Kirche betet und singt, er, der versprochen hat: „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt18,20).“

Und hier kommen die Freikirchen ins Spiel. Der Schatz der Erfahrung vieler Freikirchen liegt im Wort Gottes, seiner begeisternden Verkündigung – und dem engagierten Leben aus der Schrift. So fängt Kirche an, so fängt sie auch in unserer Zeit die Kirche wieder an. Die Erfahrungen mit dem existenziellen Teilen des Evangeliums, der neuen Erfahrungen mit dem Wort führen nämlich nicht nur zu einem tieferen Verstehen des Wortes Gottes, sondern auch zu neuen Formen des Kircheseins, die eben nicht vom Ersatzlaien ausgehen, sondern von der Fülle des gemeinsamen Priestertums. Und sie führen hin zur gelebten und gefeierten Eucharistie. Aus dieser Wirklichkeit der Taufgnade wächst dann – unabhängig vom Alter – auch die Lust und die Freiheit, Verantwortung vor Ort zu übernehmen.

Ist das katholisch? Es ist. Es ist die Erfahrung der Weltkirche, in den vielen kirchlichen Basisgemeinden Lateiamerikas, Afrikas und Asiens, auch in Frankreich. Es ist eine Erfahrung aus der Eucharistie und zur Eucharistie hin, die allerdings nicht immer gefeiert werden kann – aber immer gelebt. Dazu braucht es allerdings eine echte Vision, eine echte Umkehr unserer Bilder und konkrete Anstrengungen hierzulande, damit das ganze Volk Gottes – mit den Bischöfen und Priestern – den Weg sehen kann, den Gott mit ihm gehen will. Denn wenn man nur Strukturen ändert, Ersatzlaien beauftragt, und Gemeindeteams bildet, hat man das Pferd von hintern aufgezäumt – von einer Vergangenheit, die schon vorbei ist. Und ist noch nicht beim Christ in der Gegenwart angekommen. Schade eigentlich.