Bemerkungen zu einem aktuellen Artikel in „Christi in der Gegenwart“ (Diskussion: http://bit.ly/1BmKIuc)

Lasst den Dörfern ihre Kirche, so lese ich im „Christ in der Gegenwart“: Gerhard Henke und Johannes Meier formulieren knackige Thesen – mal wieder zu den Strukturreformen der Kirche, die seit etwa 10 Jahren die bundesdeutsche Landschaft prägen. Und diesmal geht es schwerpunktmäßig um das Land, näherhin, um „die Beseitigung der dörflichen Kirchengemeinden“. Das kling altbekannt, die „Bösen“ sind sehr schnell verortet in der „Amtskirche“, näherhin in den top-down agierenden Administrationen, anscheinend bar jeder Rücksicht auf die Belange der Menschen. Ach wenn es doch so einfach wäre. Deswegen hier einige Nachdenklichkeit zu einem wichtigen Thema.

1. In der Tat: Strukturreformen sind keine Kirchenentwicklung. Zunächst einmal gilt es zu unterscheiden: das strukturelle Gefüge des Kircheseins, wie es sich in der Pfarrei zeigt, hat ja ein Ziel: zu ermöglichen, dass die Kirche – das Volk Gottes – lebt. Die Pfarrei ist also nicht Kern und Stern des Kircheseins – sondern der Raum, in dem Christus der Herr – sakramental in Leitung, Verkündigung und Eucharistie – sein Volk aufbauen aufbaut. Das fällt mir als erstes auf, wenn ich den Artikel lese: die Kirche, das sind doch eben alle Christen, sein ganzes Volk, eben auch an einem bestimmten Ort, z.B. in einem Dorf.

2. So weist also die Idee, dass Strukturmaßnahmen die Kirche vor Ort auflösen, auf ein Kirchenbild hin, das seinerseits institutionsfixiert ist. Auch die undifferenzierte Redeweise von der Amtskirche und die Fixierung auf die Zahl der Priester macht das noch einmal deutlich: der eigentliche Paradigmenwechsel, der in der deutschen Kirche ansteht, und nicht nur dort, ist in dem Artikel nicht erfasst und gesehen. Und vielleicht liegt hier auch eine tiefe Wahrheit, die zu Lasten aller geht: Strukturmaßnahmen sind – auch theologisch – notwendig, wenn man unter den gegeben Voraussetzungen die sakramentale Grundgestalt kirchlichen Lebens bewahren will – und das muss man auch. Aber man darf es nicht verwechseln mit der Seelsorge vor Ort, mit der Weiterentwicklung kirchlichen Lebens, mit dem Leben der Kirche – der Christen – vor Ort. Der große Wandel ereignet sich nicht, wenn man „zentralisiert“: da gebe ich den Autoren und ihren Thesen recht. Aber im Hintergrund steht, dass die starke Institutionalisierung unserer Kirche ein „Datum“, eine normative Gegebenheit ist – und Kirche in der Gestalt einer Versorgungskirche so bleiben muss, wie sie ist. Aber das stimmt nicht. Nur: es fehlt eine Vision.

3. Doch eine solche Vision gibt es, sie ist nicht neu: sie wurde im II. Vatikanischen Konzil vorgezeichnet: die Kirche als Geheimnis der Gnade Gottes zeigt sich im Volk Gottes. Von daher sind die Sakramente der Taufe und Eucharistie jene Geschenke Gottes an sein Volk, das dieses Volk zuallererst ins Leben bringt und wachsen läßt: das ganze Volk Gottes hat Anteil am priesterlichen, königlichen und prophetischen Amt Christi – und die Taufe verwirklicht sich in der Verantwortung für das Werden der Kirche am Ort. Örtliche Gemeinden und Gemeinschaften, Verbände und Bewegungen – sie bilden ein Netzwerk lokaler Kirchlichkeit. In ihrem Dienst steht dann das sakramentale Amt.

4. Genau diese Vision des II. Vatikanischen Konzils hat sich in der Nachkonzilszeit interessanterweise eher dort entfaltet, wo Pfarreien erheblich größer sind und Priesterzahlen geringer: in Lateinamerika zeigt sich örtliche Kirchlichkeit seither in den kleinen Dörfern und Ortschaften, wie in der Stadtteilen der Metropolen in selbstverständlicher Verantwortung lokaler Teams, in Afrika ist dies ebenso üblich wie in Asien – und in Frankreich hat das Erzbistum Poitiers in langsamen Entwicklungsschüben die Lokalität des Kircheseins und die Verantwortung der Getauften gestärkt.

5. Mit anderen Worten: Strukturmaßnahmen und Lokalität der Kirche können sich gegenseitig fördern, wenn man ein kirchliches Paradigma jenseits von Versorgung und Dienstleistungskirche voranbringt. Das aber geht nicht ohne die radikale Vision des II. Vatikanums, die zum Verlassen althergebrachter Muster auffordert. Hier liegt der Schwachpunkt der Argumentation: die Kirche ist für unsere beiden Autoren eben doch vor allem Institution und Versorgungseinrichtung. Und in der Tat weisen beide Autoren auf eine Verantwortung hin, die noch deutlicher als bisher in den Blick gerückt werden muss: welche Maßnahmen, welches hohe Maß an Engagement braucht es eigentlich für einen Bewusstseinswandel im Volk Gottes? Welche Energien werden investiert, um gemeinsam mit allen Christinnen und Christen den Weg einer lokalen Kirchenentwicklung zu beschreiten, die eben nicht jenseits der Amtsgestalt der Kirche liegt, sondern von ihr – und das ist Leitungshandeln – gefördert und gestützt wird: Ohne Vision verkommt das Volk – ohne ein Bild, wie Kirche vor Ort auch ohne gewohnte institutionelle Sicherung lebt und wächst, wird der Wandel nicht gelingen.

6. Allerdings: wir sind schon mitten drin in einem umfassenden Paradigmenwechsel von einer gewachsenen Volkskirche hin zu einer Neu(er)findung und Neugeburt unseres Kircheseins. Können wir glauben, dass diese Wandlung unserer Kirche nicht nur etwas aufgenötigtes ist, sondern ein Handeln Gottes an seiner Kirche? Und können wir entsprechend entdecken, was in diesem Umbruch – zweifellos ein Sterben und Auferstehen – neu wird? Die vielen Erfahrungen aufbrechender Kirchlichkeit liegen allerdings oft unter dem Radar pastoraler Programmatik – auch unter dem Radar der Thesen, die hier ausprobiert werden. Und dann werden sie einfach nicht wahrgenommen und reflektiert. Klar ist dann aber auch, dass diese Neuerfindung keine Neuauflage, keine Wiederholung ist. Denn so sehr die Unterstellung gewagt ist, die Behörden wollten nur die Struktur zurechtschneiden und alles bewahren, so nahe liegt es auch, in den Thesen, die man hier lesen kann, eine tiefe Sehnsucht nach Bestandswahrung zu entdecken. Das wird nicht passieren.

7. Die eigentlichen Herausforderungen liegen auf der Hand: Wie heute Menschen den christlichen Glauben entdecken können und in ihm wachsen können, das ist weder mit Strukturmaßnahmen noch mit Bestandswahrung zu klären. Schon längst ereignet sich eine (ökumenische) Umformatierung der Glaubenswege, die eben nicht mehr einfach eine „Weitergabe des Glaubens“ an die kommende Generation bezeugen, sondern vielfache katechumenale Pilgerwege und entsprechende liquide, provisorische und – ja! – auch ökumenische Kirchengestalten zutage fördern. Hier liegt die erste Herausforderung, die eigentlich wichtige: Wie werden selbstverantwortete Glaubenswege, wie wird eine Praxis des Glaubens gefördert, wie kommt es zu Erfahrungen der Kirche, in der die Gegenwart Christi erlebt wird – und so Glaubenswachstum möglich ist

8. Auf diesem Weg zu gehen, eine Kirche des Glaubenswachstums, der Partizipation, der bunten Vielfalt und der sakramentalen Einheit aufzubauen – dazu bedarf es nicht nur der Vision und des Bildes, sondern auch der praktischen Entwicklungsarbeit vor Ort, Schritt für Schritt, in partizipativen und gabenorientierten Prozessen. Klar, dazu braucht es Vertrauen, aber vor allem auch eine Form ermöglichender und orientierender Leitung, die sich zum Ziel setzt, dass mündige Christen vor Ort das kirchliche Leben gestalten – egal, wie weitflächig die institutionelle Rahmung auch ist.

9. Beim Zitieren von Dokumenten muss man vorsichtig sein: Im Thesenpapier von Henkel und Meyer dient Papst Franziskus zur Unterstützung ihrer Thesen. Schauen wir genauer hin. Dem Papst geht es eben nicht darum, dass eine Amtskirche das Land aufgibt, wenn er sagt: „In der Treue zum Vorbild des Meisters ist es lebenswichtig, dass die Kirche heute hinausgeht, um allen an allen Orten und bei allen Gelegenheiten ohne Zögern, ohne Widerstreben und ohne Angst das Evangelium zu verkünden…“ (23). Hier geht es nicht um die Kirche auf dem Land, sondern um einen Aufbruch zu allen Menschen. Kirche besteht nicht aus einer Summe von Gemeinden, die für ihr Wachstum Menschen sammelt, sondern sie ist gesandt, zu allen zu gehen – und dabei bereit zu sein ihre Form immer neu zu verändern. Denn sie ist evangelisierende Gemeinde, die hinausgeht – vor allem zu den Armen, und dabei auch ihre Form in Frage stellen läßt. Das nämlich ist die Pointe, die der Papst in EG 27 benennt: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung, die fähig ist, alles zu verwandeln, damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient. Die Reform der Strukturen, die für die pastorale Neuausrichtung erforderlich ist, kann nur in diesem Sinn verstanden werden: dafür zu sorgen, dass sie alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des „Aufbruchs“ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet.“ Und deswegen hat die Pfarrei dann eine Zukunft, wenn sie ihre Gestalt wandelt, und nicht, wenn sie einfach die bleibt, die sie ist: „Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine große Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern. Obwohl sie sicherlich nicht die einzige evangelisierende Einrichtung ist, wird sie, wenn sie fähig ist, sich ständig zu erneuern und anzupassen, weiterhin » die Kirche [sein], die inmitten der Häuser ihrer Söhne und Töchter lebt «.26 Das setzt voraus, dass sie wirklich in Kontakt mit den Familien und dem Leben des Volkes steht und nicht eine weitschweifige, von den Leuten getrennte Struktur oder eine Gruppe von Auserwählten wird, die sich selbst betrachten.“ (EG 28)

10. Keine Frage, volle Zustimmung: wenn die größere Selbständigkeit am Ort nicht zu mehr Partizipation und voller Mitverantwortung führt und dies auch regelt, dann wäre der Aufruf zu einer größeren Dynamik örtlicher Kirchlichkeit nicht wahrhaftig. Aber überall in deutschen Diözesen ist genau diese Perspektive zentraler Teil pastoraler Überlegungen. Es ist einfach nicht wahr, dass in den vergangenen Jahren nicht genau diese Frage im Zentrum pastoraler Nachdenklichkeit und Programmatik steht. Erfahrungen der Weltkirche, aber eben auch eigene Piloterfahrungen können das demonstrieren: dort wo es geschieht, geschieht auch der angesprochene visionäre Paradigmenwechsel. Schritt für Schritt, oft ungeübt und experimentell. Zu behaupten, das wäre nicht so, zeigt eine erschreckend populistische Unkenntnis der vielen Erfahrungen und Experimente.

11. Und dennoch gibt es einen Akzent, der hüben wie drüben zu wenig realisiert wird – wohl wird er bedacht, aber nicht hinreichend ins Leben gebracht. Alle Erfahrungen der Weltkirche belegen, dass die bewußtseinsbildenden Prozesse nicht einfach nur der Örtlichkeit der Kirche Priorität einräumen und der Partizipation und Leitung durch Christinnen und Christen. Es geht um vielmehr, um einen Weg, auf dem Christen neu Christus entdecken. Das geschieht wesentlich durch das Wort Gottes und der liturgischen Feier. Die Sehnsucht danach ist hoch. Aber viel zu wenig setzen wir in der deutschen Kirche für geistliche Wegprozesse ein, die wirklich einfach für alle einen Zugang zur lebendigen Christusbegegnung ermöglichen. Hier braucht es einen mutigen Schritt über spezifisch spirituelle Angebote hinaus Menschen den Zugang zum lebendigen Quell des Glaubens zu erschließen. Das macht den Unterschied zu jedwedem Strukturprozess.

12. Nach meinem Dafürhalten tun wir uns auch deswegen so schwer, weil in der Tat ein Paradigmenwechsel auch theologisch durchdacht werden will: Fragen stehen an: angesichts bunter Örtlichkeit wachsender Gemeinden – wie wird die sakramentale Einheit in der Eucharistie sichtbar erfahrbar und lebbar? Welche Bedeutung hat die Pfarrei als Gemeinschaft von Gemeinden? Wie wird der sakramentale Dienst und der hauptberufliche Dienst in einer Kirche konfiguriert, in der alle Christen Verantwortung wahrnehmen – und so vor Ort selbstverantwortliche Gemeinden entstehen? Einblicke in Kirchenentwicklungsprozesse in Asien und Afrika – aber auch in England und Frankreich könnten hier viel Licht bringen. Aber auch Einblicke in Prozesse Lokaler Kirchenentwicklung, wie sie zwischen Buxtehude, Duderstadt, Paderborn, Bonn, Ahlen und Limburg (um nur einige mir bekannte Beispiele zu nennen – es gibt viel mehr) schon seit einigen Jahren ausprobiert werden.

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